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brand eins 11/2007 - KOLUMNE
Was Manager treiben: Entenjagd in Finnland
Mit der Korruption ist das so eine Sache. Einerseits ist sie natürlich verwerflich.
Doch andererseits: Wären wir nicht froh, auch mal bestochen zu werden oder zu bestechen?
Nicht sehr. Aber ein bisschen wenigstens.
- Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie nachts abrupt aufwachen, etwa weil Vollmond ist, Sie keinen Verkaufsauftrag für Ihre Aktien erteilt haben oder im Traum plötzlich das Gesicht von Günther Beckstein vor Ihnen auftaucht. Für mich sind dies die Minuten, in denen ich mich der Globalisierung widme. Nachts hat man viel mehr Zeit für umfassende globale Erkenntnisse, weil der Tag durch eher simple Fragen geprägt ist, welchen Joghurt man nimmt oder ob das Auto schon wieder zum TÜV muss.
Ich schalte dann nachts das Raumschiff auf Bayern 3 ein, das die Erde Tag für Tag und stundenlang aus 36 000 Kilometern Höhe so zeigt, wie sie eben ist: bewölkt, unscharf, voll mit Wasser. Ich fühle mich dann wie der kleine Häwelmann, der mit seinem Bettchen weit über der Erde schwebt. Der Blick ist stets atemberaubend: Bilanzskandale türmen sich wie Gewitterwolken über fast allen Kontinenten, Leerformeln aus Vorstandsreden zucken im Sekundentakt durch die Atmosphäre, und die Reste geplatzter Megafusionen wabern als Dunstschleier quer über dem 50. Breitengrad. Tief unten rudern, seit Tagen schon, etliche Daimler-Manager in selbst gezimmerten Insider-Kanus eilends auf und davon, werden aber durch die gewaltigen Korruptionswellen, die Nacht für Nacht gegen Europas Küsten schlagen, immer wieder zurückgeworfen. Ein gewaltiges Schauspiel.
Dann bricht der Morgen an.
Diese globalen Beobachtungen, Ihnen ist das natürlich sofort aufgefallen, auch wenn Sie nachts nicht das Raumschiff gucken, sind fast immer negativ, wohin man auch schaut: Klima, Ernährung, Bildung, Finanzen, Korruption - überall schlechte Werte, überall Krise. Nirgendwo entwickelt sich mal was in die richtige Richtung, nirgendwo gibt es mal was Schönes.
In diesen ganzen globalen Untersuchungen schneiden auch wir Deutschen nie so gut ab. Ich glaube, deshalb mögen wir solche Studien nicht, wo immer die Finnen gewinnen und wir im Mittelfeld herumdümpeln. Pisa zum Beispiel: Methodisch schief wie der Turm selbst, war das doch ein Schock für uns. Und wer ist vorn? Die Finnen. Oder die jüngste weltweite Untersuchung von Transparency International über Korruption. Wieder dasselbe: Die Finnen vorn und wir sogar hinter den Österreichern. Vielleicht kennen die Finnen das alles noch nicht: Hubschrauberfreiflüge, Insider-Handel, Bordellbesuche, Opernkarten, teurer Wein, Dienstwagen zum Friseur, Yachturlaube, Freikarten für Golfturniere, Bestechung, Wahlbetrug, Aktienoptionen und Selbstbereicherung. Wenn wenigstens Jean Sibelius korrupt gewesen wäre!
Und die Finnen können nicht mal von uns Deutschen lernen: Unser Wachstum von 7,5 Prozent bei der Wirtschaftskriminalität, jetzt schlappe 4,3 Milliarden Euro Schaden im Jahr 2006, erreicht die Camorra an einem einzigen Tag. Die Finnen sind da auf der Korruptionslandkarte, das muss man mal offen aussprechen, dritte Liga. Was schade ist, denn bei Korruption und Bestechung handelt es sich um riesige Wachstumsbranchen. Die Fin nen müssen aufpassen, dass sie nicht bald hoffnungslos hinterherhinken.
Das Problem bei dieser globalen Korruption ist, dass man oft gar nicht weiß, was womit zusammenhängt. Es fehlt einfach an Transparenz. Ist Gerhard Schröder jetzt Bundeskanzler geworden, weil er bereits vorher Kunde bei Gazprom war? Oder wurde er Kunde, weil er als Kanzler Putin kennenlernte? Oder hat Frau Putin die beiden mit nacktem Oberkörper bei der Entenjagd beobachtet und Schröder den Aufsichtsratsposten besorgt?
Das wäre nicht nur peinlich, sondern widerspräche auch dem neuen Siemens-Handbüchlein, das für die Transparenz bei Bestechung zuständig ist und wo jetzt endlich mal steht, dass Frauen in der Regel nicht dabei sein sollen, wenn Männer was aushandeln. Siemens hat jetzt auch den Wein festgelegt, der weltweit für Korruption geeignet ist: nicht zu billig, aber auch nicht zu teuer. Obwohl ich das klarer formuliert hätte: genau 80 Oechsle. Darunter ist Fusel, darüber ist Bestechung. So eine Regelung soll schließlich weltweit funktionieren. Deshalb würde ich das auf jeden Fall noch mit den Leuten in Neapel und Sizilien abstimmen, damit die Siemens-Crew nicht doch im Hinterhof neben den Hühnern abgemurkst wird, nur weil das mit dem Wein missverständlich formuliert war.
Wie groß muss ein Koffer sein, in den fünf Millionen Euro passen?
Aber das Siemens-Büchlein hat noch andere Lücken: Wie viel etwa muss ich für einen Despoten in Ruanda auf den Tisch legen, damit ich das Brückenprojekt kriege? Wie viele Bordellbesuche ergeben ein Klärwerk in Österreich? Da hätte ich mir zumindest einen Vorschlag erwartet. Es kann doch nicht sein, dass die Japaner das Brückenprojekt gewinnen, nur weil der Yen aufgewertet hat oder irgendein Towarisch aus Moskau mit altem zaristischen Kunst-Klimper kommt, auf den der Despot reinfällt? Und dann fehlt ein richtiges Fortbildungsprogramm, damit wir nicht alle wie dumme Jungs dastehen, wenn mal jemand bestochen werden muss. Wenn ich selbst fünf Millionen Euro in bar nach Nigeria bringen soll, wüsste ich gar nicht, wie groß der Koffer sein muss, damit das genau reinpasst. Das kann man auch nicht im Laden ausprobieren. Sie sehen, was ich meine.
Korruption hat in vielen Teilen der Welt, abgesehen von Finnland, gewaltige Fortschritte gemacht und ist technisch verfeinert worden. Das kommt, zumindest in Europa, inzwischen mit Stil und Niveau daher und nicht mehr so plump mit protzigen Palästen, Yachten und Mätressen, wenn einem von irgendwoher unvermutet Geld zugeflossen ist, für das man nichts kann. Das nennt sich hierzulande Networking, Marketing, Kundenbindung, Pensionsregelung, Parteispende, Aktienoption, Vertriebsprovision, alles feinstes Vokabular aus dem Management-Lexikon, weit weg von tumber Geldkofferschieberei südlich der Äquatorsonne. Und die Selbstbedienung von Vorständen am Unternehmensvermögen, die wird nicht mehr hintenrum, sondern inzwischen ganz offen besprochen, auf Büttenpapier unterschrieben und auf ein ganz offizielles Konto mit genügend Speicherplatz überwiesen. Das ist auch gut so, weil niemandem diese ganze Aufregung wirklich genutzt hat, wenn mal wieder einer mit zu viel Bargeld von seinem Liechtenstein-Sonderkonto an der Grenze erwischt worden ist.
Gesetze helfen nicht.
Aber vielleicht gibt es doch ein Gegenmittel?
Ein bisschen neidisch bin ich, ich räume es ein, schon. Denn leider sind gerade die, bei denen man es sich mal wünschte, nicht korrupt, sondern integer wie Klosterbrüder. Wie gerne würden wir alle selbst dem Finanzbeamten sechs Flaschen Spätlese ins Auto stellen, damit er unser Gewerbe nicht als Liebhaberei wertet; wie gerne der regionalen Zeitung eine Anzeige bezahlen, damit sie etwas über unser Unternehmen schreibt; wie froh wären wir, wenn der Plan des Bürgermeisters für die neue Umgehungsstraße vor unserem Haus gegen einige kostenfreie Golfrunden einfach stürbe. Wir sind ja meistens nur gegen die große Korruption. Gegen die kleine Bestechung des Alltags haben wir weniger was.
Da aber auch die kleine Korruption ein Anfang ist und Ethikrichtlinien, Siemens-Büchlein und Strafgesetze vielleicht für die amerikanische Börsenaufsicht, nicht aber für die Realität produziert werden, würde ich, um mit einem konstruktiven Vorschlag zu schließen, festlegen, dass für Bestechung nur Dinge erlaubt sind, die dem Bestochenen nicht nur nicht nutzen, sondern ihm nachweislich schaden, physisch und psychisch.
Etwa Glykolwein, Jahrgang 1982, wenn Sie zufällig mit einem Vertreter des Berliner Senats zusammen sind. Oder zwei Karten für die Wildecker Herzbuben an einen Londoner Investmentbanker ohne Frau. Oder man setzt beim Geschäftsessen die Gattin des österreichischen Klärwerk-Direktors neben die attraktive, alleinstehende Dame aus Brasilien, die der Gatte schon kennt. Alles von bestechender Wirksamkeit, wenn Sie möchten, dass jemand Sie stets auf der Schattenseite seines Herzens in Erinnerung behält und Ihnen garantiert nie mehr einen Wunsch erfüllt. Wenn Sie dann noch bei sich selbst anfangen und auf Trinkgelder in der Eisdiele und Freirunden mit Obstler im Winterurlaub verzichten, die Zeitung in der Straßenbahn nicht mehr kostenlos an einen Beamten weitergeben und sich bei Anhaltern aus dem Staatsdienst beeiden lassen, dass diese die Freifahrt als geldwerten Vorteil versteuern, dann sind wir alle zusammen auf dem richtigen Weg.
Und überholen in der nächsten globalen Umfrage endlich mal die Finnen. -
