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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können
Was kann man eigentlich, wenn man Betriebswirtschaft studiert hat?
Antworten von Kennern, Könnern und Zweiflern.
Zu wenig?
"Wenn man BWL studiert hat, kann man BWL. Ganz einfach. Aber das reicht nicht, um ein guter Manager zu sein. Man muss sich mindestens noch mit Politischer Ökonomie, Volkswirtschaftslehre oder Politik beschäftigen. Denn Manager müssen Entscheidungen im Kontext von Märkten und Politik treffen. Sie müssen einen Radar für die sich wandelnde Marktumgebung haben."
Professor Birger Priddat Präsident der Privaten Universität Witten/ Herdecke
"Man darf sich nicht ausschließlich mit BWL beschäftigen, wenn man ein erfolgreicher Manager werden will. Man wird zu allen Themen gefragt."
Professor Martin Fassnacht Prorektor der WHU - Otto Beisheim School of Management
"Viele Universitäten versuchen, durch übertriebene Interdisziplinarität ihre Alleinstellungsmerkmale herauszustellen. Dabei hat man, wenn man heute die BWL professionell beherrschen will, schon alle Hände voll zu tun."
Professor Horst Wildemann Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Technische Universität München
"Leute, die auswendig lernen können, haben einen großen Vorteil im BWL-Studium. Vor einer Prüfung lernt man 200 Seiten auswendig. Das war's. Die Ausbildung zur Bankkauffrau und das Jobben im Studium haben mir mehr gebracht."
Absolventin der Fachhochschule Kiel
"Nichts. Hihi."
Sekretärin eines BWL-Professors
Kommunizieren?
"Authentisch Ziele zu vertreten, Menschen zu motivieren, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und sich in die Denkweise des Gegenübers hineindenken zu können."
Marc Heß, Finanzvorstand der Deutschen Postbank, über die Kompetenzen, die er für seine Aufgabe vor allem braucht und nach eigenen Angaben nicht an der Universität, sondern in der Buchbinderei seiner Mutter, bei Praktika und im Beruf erlernt hat
"Der deutsche Student kann sein Studium gut abschließen, wenn er sich in sein stilles Kämmerlein zurückzieht. Das ist in anderen Ländern nicht so. Wie man in einem Team agiert oder Leute überzeugt, muss man in Deutschland in der Praxis lernen. Jetzt im Nachhinein wird mir immer stärker bewusst, dass das an unseren Universitäten fehlt."
Marc Heß, Finanzvorstand der Deutschen Postbank
"Die meisten BWLer sind in der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation besser als Techniker, weil das ein Teil ihrer Schulung ist. Im Hinblick auf amerikanische M BA-Absolventen gibt es aber noch Nachholbedarf. Die Amerikaner haben eher weniger Inhalte, aber mehr Kommunikation, Selbstdarstellung und Präsentation."
Professor Horst Wildemann Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Technische Universität München
Führen?
"Unternehmertum beruht weitgehend auf Vertrauen. Es erfordert eher die Vorstellungskraft eines Künstlers als die Rechenkünste eines Technokraten."
Professor Henry Mintzberg Management Studies, McGill University, Montreal/ Kanada
"Man sollte Unternehmen nicht nur instrumentell begreifen, wie ich es bei vielen Unternehmensberatern erlebt habe. Wenn man Menschen nur als Asset versteht, führt das zu Disfunktionalitäten und zu einer nicht nachhaltigen Wertgenerierung. Das führe ich auch auf den Einfluss der BWL zurück."
Heinz-Jürgen Schwering, Vorstand für Kapitalanlagen der Axa Konzern AG
"Betriebswirte in Deutschland sind mental auf harte Fakten getrimmt. Das führt dazu, dass viele Manager nicht darüber nachdenken, welche langfristigen Wirkungen ihre Entscheidungen auf die Motivation der Mitarbeiter und die bestehenden Kompetenzstrukturen haben. Die emotionale Ebene ist für Leistung aber entscheidend.
Im klassischen BWL-Studium lernen die Studenten nicht, in Sinnzusammenhängen zu denken, verschiedene Standpunkte einzunehmen und ihre Urteilskraft zu entwickeln. Das Ergebnis ist die soziale Inkompetenz von Managern. Sie sind zwar fachlich hervorragend, aber menschlich nicht in der Lage, erfolgreich zu sein."
Professor Birger Priddat Präsident der Privaten Universität Witten/ Herdecke
"Ein BWL-Studium sollte Erkenntnisse über das Miteinander-Füreinander-Leisten vermitteln. Wer führen will, muss andere dazu befähigen können, sich selbst zu führen. Entscheidend dafür ist nicht die Ausbildung, sondern welche Bedeutung diese für die eigene Entwicklung gehabt hat. Zukunftsorientiertes Management muss der Wahrnehmung und nicht der Vorstellung folgen. Um dies in die Ausbildung zu integrieren, ist meines Erachtens die Verbindung zu Kunst und Kultur notwendig. Kunst macht Menschen wach für ihre Umgebung."
Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, die den BWL / Kunst-Studiengang an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn unterstützt
"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Absolventen bestimmter Fächer über besonders ausgeprägte soziale Kompetenzen verfügen: Mediziner beispielsweise denken immer sofort aus Kundensicht.
Sie fragen sich, wo es beim Patienten - also dem Kunden - wehtut und wie sie ihm helfen können."
Just Schürmann, Recruiting Director der Boston Consulting Group
"Viele deutsche Universitäten haben bislang erschreckend wenig darüber nachgedacht, was Absolventen für den Arbeitsmarkt brauchen. Deutsche Professoren lehren oft nicht das, was gebraucht wird, sondern das, was sie für interessant halten, also ihre Hobbys. Inzwischen gibt es aber an den BWL-Fakultäten eine Trendwende hin zu mehr sozialen und persönlichen Kompetenzen."
Professor Birgitta Wolff, Lehrstuhl für BWL, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
"BWL eignet sich gut, um Verwaltung aufzumischen. Dafür braucht man allerdings gesellschaftlich gebildete Betriebswirte, die verstehen, warum sich die Leute gegen die Ökonomisierung der Verwaltung wehren. Sonst besteht die Gefahr, dass BWLer betriebswirtschaftliche Daten und Controlling-Instrumente für den Aktenschrank produzieren."
Thorsten Schmidt, Betriebswirt, Referent für Verwaltungsmodernisierung beim Bremer Senat
Den Überblick bewahren?
"Ein großer Teil der BWL ist eher deskriptiv. Er beschreibt, wie Wirtschaft funktioniert. Mir hilft es zu wissen, was die einzelnen Abteilungen im Unternehmen machen, zum Beispiel, was die Marketingabteilung eigentlich den ganzen Tag macht."
Peter Schmid, Geschäftsführer von Mobile.de
"Für die Beratungsbranche ist es wichtig, dass man mit den Begrifflichkeiten und Funktionsbereichen vertraut ist, die in einem Unternehmen eine Rolle spielen. Darin liegt eine klassische Stärke der Wirtschaftswissenschaftler in unserem Unternehmen. Für mich als BWLer ist es aber fast schon erschreckend, zu sehen, wie schnell sich Kollegen, die Musikwissenschaft oder Philosophie studiert haben, große Bereiche dieses Wissens aneignen."
Just Schürmann, Recruiting Director der Boston Consulting Group
Analysieren?
"BWL wird vielfach als weiche Wissenschaft angesehen. Ich würde aber eher zu einer zahlengetriebenen BWL neigen. Im Marketingbereich können viele Studenten immer noch nicht gut genug rechnen, weil sie Marketing zu sehr als eine kreative Aufgabe begreifen. Es ist aber eigentlich eine analytische Aufgabe. Zum Beispiel kann man den Werbeerfolg im Internet vielfach gut berechnen. Aber diese Erkenntnis geht unter in einer zu kreativen Betrachtungsweise."
Professor Bernd Skiera, Lehrstuhl für Electronic Commerce, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
"Die Stärke von guten Betriebswirten liegt darin, wirtschaftliche Fragestellungen anhand des sehr breiten BWL-Instrumentariums systematisch bearbeiten zu können. Zum Beispiel sind Kostenüberlegungen extrem wichtig. Methodenverständnis zum Kostenmanagement ist die Grundlage, um zu verstehen, wie ein Unternehmen tickt. Betriebswirte haben heute in Unternehmen immer häufiger die Aufgabe, bei Mitarbeitern anderer Fachrichtungen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Kosten durch unterschiedliche Entscheidungen und Gegebenheiten verursacht werden."
Professor Horst Wildemann, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Technische Universität München
"Ich habe öfter mit Geisteswissenschaftlern und anderen Nicht-BWLern Gruppenarbeiten gemacht. Die Herangehensweise ist deutlich verschieden. Der Geisteswissenschaftler verliert schneller das Ziel aus den Augen und schweift ab, während der BWLer eher stringent und rational vorgeht und zunächst Zeit und Ressourcen prüft und dann das grobe Ziel skizziert und zur Tat schreitet."
Student im BWL-Forum von www.uni-protokolle.de
"In der Praxis findet man die klar strukturierten Entscheidungsverfahren der technisch-rationalen Theorie nicht wieder. Aber das spielt keine Rolle. Man kann damit trotzdem Unternehmen auf Trab halten. Man kann zwar keine Rationalität herstellen, aber in dem Prozess passiert etwas Produktives."
Thorsten Schmidt, Betriebswirt, Referent für Verwaltungsmodernisierung beim Bremer Senat
"Das Abstraktionsvermögen, das die empirische betriebswirtschaftliche Forschung fördert, hilft mir heute bei meiner Arbeit. Jeden Tag werde ich mit neuen Problemen konfrontiert, die ich auseinandernehmen und neu zusammensetzen muss. Allerdings spielt Abstraktion in den meisten anderen BWL-Fächern eine eher geringe Rolle. Man lernt, wie die Welt sein muss, und nicht, wie man sich über die Spielregeln hinwegsetzt."
Peter Schmid, Geschäftsführer von Mobile.de
Innovativ sein?
"Zu sehr fokussiert sich die BWL auf das, was es schon gibt - während sich Unternehmer vor allem mit dem beschäftigen müssen, was es noch nicht gibt."
Professor Franz Liebl, Lehrstuhl für Strategisches Marketing, Universität der Künste Berlin
"Ich habe einmal einen Arzt beraten, der einen medizinischen Beratungsservice im Internet aufbauen wollte. Er konzentrierte sich so sehr auf sein Produkt, dass er darüber alle Abwicklungsfragen vergaß. Da habe ich gemerkt, wie schwer es einem fallen kann zu verstehen, wie die Welt tickt, wenn einem das wirtschaftliche Verständnis fehlt. Vielleicht haben Leute aber auch mehr Mut, die einfach ignorieren, wie die Welt tickt."
Peter Schmid, Geschäftsführer von Mobile.de
"Wenn man Studenten die Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Studiums und die Initiative bei der Themenwahl überlässt, fördert man die Fähigkeit, sich auf Unbekanntes einzulassen."
Professor Franz Liebl, Lehrstuhl für Strategisches Marketing, Universität der Künste Berlin
"Innovationen entstehen durch Fehler, die im betriebswirtschaftlich geplanten Prozess eigentlich nicht vorgesehen sind."
Thorsten Schmidt, Betriebswirt, Referent für Verwaltungsmodernisierung beim Bremer Senat
