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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können

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Sie dürfen auch anders

Zum Autofahren gehört mehr als Gas geben, bremsen, lenken. Nein, es geht hier nicht ums Hupen ...

1. Selbstbeherrschung

Wir sprechen vom Autofahren, also sprechen wir nicht nur vom Autofahren, denn keine Fähigkeit beruht bloß auf sich selbst. "Es geht nicht um Fahrzeugbeherrschung, sondern um Selbstbeherrschung", sagt Michael Walk, einer der Betreiber der Fahrschule Verkehr Human in Berlin-Kreuzberg. Und sein Geschäftspartner Lothar Taubert ergänzt: "Die Fahrausbildung muss mehr tun, als Menschen beizubringen, wie man drei Pedale und ein Lenkrad bedient. Das Handwerk kann man auch an einem Fahrtrainer üben."

Angesichts des allseits bekannten Alltags auf den Straßen, des Drängelns, Hupens, Geschnittenwerdens, ganz zu schweigen von Unfällen und Kollateralschäden (Fußgänger), würde wohl keiner, Drängler wie Bedrängter, Schneider wie Geschnittener, den beiden ehemaligen Sozialwissenschaftlern widersprechen. Die Deutschen können nicht Auto fahren! Gas geben? Bremsen? Lenken? Das geht schon. Aber mehr nicht! Und dann geht es los mit den üblichen Tiraden. Bereits hier: Von Selbstbeherrschung keine Spur.

Doch wie bringt man die jemandem bei? Lothar Taubert, der in den siebziger Jahren Pädagogik studiert und in der Behinderten- und Erwachsenenbildung gearbeitet hat, bevor er vor 25 Jahren Fahrlehrer wurde ("weil ich eine Familie zu ernähren hatte"), hat im Fahrschulalltag schon einiges ausprobiert: Er fuhr zum Beispiel auf eine belebte Kreuzung, würgte den Motor ab, sah sich nach Hilfe um -und ließ sich von anderen Fahrern beschimpfen. Seine Schüler sahen vom Straßenrand aus zu und lernten: Wer stehen bleibt, ist nicht zwangsläufig ein Idiot, an dem man seine Wut auslassen kann.

Taubert fuhr auch mit Schülern extra langsam durch Wohnstraßen, bis hinter ihm genervt gehupt wurde. In dieser Situation geben unsichere Fahrer oft Gas und verlieren dann manchmal die Kontrolle über das Auto. Doch so haben die Schüler das schon mal erlebt und wissen: Die Situation ist unangenehm, aber kein Grund für einen Panikunfall. Das Motto der Fahrschule lautet dazu passend: "Sie dürfen auch anders."

Taubert sagt: "Es geht nicht um die Vermittlung von Vorschriften, sondern um die Schaffung sozialer Kompetenzen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, zu erkennen, welche Möglichkeiten der Fortbewegung ich überhaupt habe." Sie arbeiten in ihrer Fahrschule oft, ergänzt Walk, "mit weichen Zugängen, die bei harten Männern nur ein mildes Lächeln hervorrufen. Aber mit denen erfährt man mehr über sich selbst und kann sich besser steuern."

Deshalb dürfen Schüler in Fahrstunden manchmal 20 Minuten selbst bestimmen, wohin sie fahren - das soll die Entscheidungskompetenz erhöhen. Lehrreich können auch Blindfahrten sein, die auf einem Übungsgelände stattfinden: Ein Schüler fährt mit verbundenen Augen, während ihm ein anderer sagt, wie er lenken soll. Taubert: "Der Schüler erlebt, was es heißt, jemandem blind zu vertrauen. Man muss sich da junge Männer vorstellen, die später mit ihrer Freundin im Auto sitzen und zeigen wollen, wie toll sie fahren. Wenn die Freundin dann ängstlich ist und sagt 'fahr doch nicht so schnell', erinnern sie sich vielleicht an diesen Moment."

2. Selbstständigkeit

Die Lust am Experiment, aber auch das Bewusstsein für seine Notwendigkeit haben die beiden Unternehmer aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit mitgebracht: Michael Walk war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle für verkehrspädagogische Forschung und Lehre an der Technischen Universität (TU) Berlin, wo er mit dem Professor für Pädagogik Adolf-Eugen Bongard eine Forschungsfahrschule betrieb. Taubert arbeitete dort als Fahrlehrer. Bongard hatte die kommerzielle Einrichtung gegen allerlei Widerstände an der TU gegründet und über einen Förderverein sogar ihren Weiterbetrieb gesichert, als ein Gericht feststellte, dass die Uni das Unternehmen nicht betreiben durfte. Erst als der Verkehrsexperte in Pension ging, wurde die einzige Forschungsfahrschule Europas geschlossen.

Michael Walk und sein Geschäftspartner hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits in die Privatwirtschaft abgesetzt: "Jeder meint, an der Uni kann man vieles machen, aber das habe nichts mit der Realität zu tun. Also haben wir gesagt: Wir eröffnen eine Fahrschule und versuchen innerhalb eines Wirtschaftsbetriebes inhaltlich zu arbeiten." Seitdem finanzieren sich die letzten deutschen Experten für Fahrschulforschung selbst. Seine Erfahrungen aus rund 15 Jahren Forschungsarbeit nahm das Duo mit, auch wenn viele seiner Ideen im Alltag nicht praktikabel sind. Etwa Alleinfahrten, die Walk bis heute für eine vernünftige Idee hält: "Wer einen Führerschein bekommt, muss allein fahren können. Deshalb sollte die Ausbildung damit abgeschlossen werden, dass der Lehrer den Schüler per Funk anleitet. Beim Motorradführerschein ist das normal, und gesetzlich spricht nichts dagegen: Dort heißt es, der Fahrlehrer soll den Schüler beaufsichtigen - nicht, dass er neben ihm sitzen muss."

In der Forschungsfahrschule funktionierte das Modell gut - zumindest für die Schüler. Der Aufwand war allerdings hoch: Vor Alleinfahrten mussten die Ängste der Lernenden besprochen und potenzielle Gefahrensituationen detailliert analysiert werden. Zudem war es schwierig, Fahrlehrer zu finden, die das Experiment mitmachten - niemand wollte für die Situation die Verantwortung übernehmen.

Das Thema Verantwortung in der Fahrausbildung ist ohnehin eine heikle Sache. Michael Walk: "Keiner übernimmt Verantwortung für die Fahrerlaubnis. Der Fahrlehrer sagt, ich vergebe nicht den Führerschein, sondern der Prüfer. Und der Prüfer sagt, ich kann nur begrenzt beurteilen, ob einer für den Führerschein reif ist. Der Fahrlehrer meldet den Schüler an, also gehe ich davon aus, dass er fahren kann."

Ist der Führerschein erst bestanden, hat sich das Thema Verantwortung ohnehin erledigt: Die Fahrschule hat fortan nichts mit dem Verhalten ihres Ex-Schülers zu tun. Und wie wäre es, wenn Lehrer im ersten Jahr nach der Führerscheinprüfung eine Teilverantwortung für das Fahrverhalten ihrer Schüler übernehmen müssten? Michael Walk lacht. "Das wäre super. Aber dann bekäme niemand mehr einen Führerschein, weil sich keiner damit belasten würde."

3. Selbstbewusstsein

Lothar Taubert und Michael Walk wollen in ihrer 1997 gegründeten Fahrschule vieles anders machen. Sie lehren auf Gasautos und einen Sprit sparenden Stil. Vor allem aber versuchen sie, neben praktischen Fähigkeiten auch Erfahrungen zu vermitteln. Taubert hält das für dringend notwendig: "Wir haben im deutschen Straßenverkehr rund 70 000 Schwerverletzte, 350 000 Leichtverletzte und 5000 Tote pro Jahr. Und weil wir das sprachlich gar nicht fassen können, leihen wir uns Worte aus der Religion: Wir reden von Verkehrsopfern und -sündern."

Ein Großteil der Unfälle gehe auf das Konto junger Fahranfänger, und so liege der Verdacht nahe, dass die Ausbildung zum Führerschein nicht optimal sei. "Wir arbeiten an einem EU-Projekt mit, in dessen Vorfeld vier Ebenen der Fahrausbildung definiert wurden: Stufe eins ist das Erlernen der Vorschriften, Stufe zwei die Fahrzeugbeherrschung. Stufe drei heißt Motivation, und in Stufe vier geht es um Persönlichkeit. Stufe drei und vier werden im normalen Fahrunterricht aber nur selten berücksichtigt." An den Schülern liegt das kaum. "Die Fahrschule besucht jeder freiwillig. Wer zu uns kommt, ist motiviert, interessiert und will etwas tun. Doch das wird selten genutzt. Und das liegt nicht daran, dass die Kollegen das nicht wollen sondern dass sie es nicht können."

Die Ausbildungszeit von Fahrlehrern beträgt fünf Monate. Selbst die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände BVF, die überregionale Branchenvertretung, sieht da inzwischen ein Problem. Doch die BVF vertritt zuerst mal die Interessen ihrer Mitglieder, und die haben andere Sorgen: Die rund 17 000 Fahrschulen in Deutschland sind fast alle Kleinstunternehmen, die sich um die geburtenschwachen Jahrgänge einen Konkurrenzkampf liefern, der fast ausschließlich über den Preis geführt wird die Schüler wollen Auto fahren, keine tolle Ausbildung. Bei Verkehr Human ist es nicht anders: Die meisten Kunden kommen nicht wegen des speziellen Angebots, sondern aus der Nachbarschaft.

Lothar Taubert kennt die alltäglichen Probleme der Fahrschulen gut, denn er ist auch in der Fortbildung von Fahrlehrern aktiv. Viele haben ein eingeschränktes Bild von ihrem Job und wenig Selbstbewusstsein. "Wenn man Fahrlehrer in der Fortbildung nach benutzten Medien fragt, zählen sie alles auf, außer sich selbst. Erziehung erfolgt aber vor allem über Vorbilder. Man muss sich als Mensch einbringen, um mit den Schülern kommunizieren zu können." Den Kollegen sei eine grundsätzliche Tatsache nicht bewusst: "Eine Fahrschule ist eine Bildungseinrichtung." Interesse an Neuem ist jedoch vorhanden. Wenn Taubert von seinen Experimenten erzählt, übernehmen viele die Ideen gern.

4. Selbstzweifel

Es gibt jedoch auch ein reales Hindernis für die Verbesserung des Unterrichts: die gesetzlichen Vorschriften. Theoretische Fahrstunden dürfen ausschließlich in geschlossenen Räumen abgehalten werden. Das macht die Ausbildung überschaubar. Nur: "Wenn ein Fahrschüler mit einem Kind spricht, ist das etwas anderes, als wenn ich eine Folie auflege und sage: Das ist ein Kind." Taubert und Walk kooperieren daher mit der Kita an der nächsten Ecke: Ab und zu kommen Kinder zum Theorieunterricht, um etwa auf selbst gemalten Bilder zu zeigen, was sie im Straßenverkehr erleben. So lernen die Fahrschüler, wie die Kleinen denken - im Führerscheinalter haben die meisten keinen Kontakt mehr zu dieser Altersgruppe. Die Fahrschüler haben auch schon gemeinsam mit Kindern Blumen an Autofahrer verteilt, die sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten ein Spaß für alle Beteiligten.

Der leider illegal ist. "Wenn ich mit den Schülern auf die Straße gehe, verstoße ich gegen die Vorschriften, weil ich den Schulungsbereich verlasse", so Lothar Taubert. "Auch ein Besuch in einer Werkstatt, um Autos anzusehen, ist verboten und kann mit Bußgeld belegt werden. Alle paar Jahre kommt jemand, um das zu kontrollieren. Ich warte immer darauf, dass ich eine Strafe bekomme, damit man mal rechtlich prüfen lassen kann, was ein sachgerechter Unterricht ist." Der 55-Jährige grinst. "Aber an der Überprüfung scheint außer uns niemand Interesse zu haben."

Das ist kein Wunder: Der Branchenverband ist nicht gerade die Speerspitze des pädagogischen Fortschritts - er will seine Unternehmen nicht mit noch mehr Problemen belasten. Und die Behörden haben ohne Druck von außen keinen Grund, Reformen einzuleiten. Das könnte sich demnächst ändern: Die EU will die jährliche Zahl der Verkehrstoten in Europa bis 2010 halbieren. Da gibt es noch viel zu tun.

Im Rahmen dieses Plans entstand auch das Modellprojekt "Close To - Risikoprävention für Fahranfänger", an dem Walk und Taubert mitarbeiten. Dabei werden junge Verkehrsstraftäter in Fahrschulen geschickt, um dort von ihren Unfällen zu erzählen. Was nach einer Möglichkeit klingt, mit schlechtem Fahren auch noch anzugeben, ist in der Praxis für alle lehrreich. Zwei Tage werden die jungen Leute vorbereitet. Man spricht mit ihnen über ihre Vergehen und Motive. Danach besuchen sie andere Fahrschulen. "Die machen sich natürlich vorher Gedanken, was man sie fragen wird. Das ist oft unangenehmer als diese Besuche selbst", erzählt Taubert. Ein Erfolg sei es schon, wenn Zweifel am eigenen Verhalten geweckt würden.

Der Fahrlehrer ist von dem Projekt überzeugt. "Wir brauchen junge Leute, damit sie mit anderen jungen Leuten sprechen. Natürlich kann ich auch über Drogen reden, aber wenn einer aus seinem Leben erzählt, klingt das anders. Da hat einer zum Beispiel keinen Führerschein, hat das Auto seiner Mutter geklaut und einen Unfall gebaut, an dem er nicht mal schuld ist: Dem wurde die Vorfahrt genommen. Aber er haut trotzdem ab. Vier Polizeiwagen hinterher, Festnahme, dann stellt sich raus: Er war bekifft. Normalerweise heißt das: eine Standpauke, Regeln werden verlesen, betroffene Eltern. Bei Close To muss sich der Junge mit der Sache beschäftigen und erhöht gleichzeitig das Bewusstsein für Risikoverhalten bei anderen."

An Auftritte von Verkehrsopfern an Fahrschulen glaubt Taubert dagegen nicht. "Was bringt das? In meiner Fahrschule sitzen nur Opfer. Die sind Opfer der Schule, der Gesellschaft, von allem und jedem. Aber ich muss den Leuten beibringen, dass man auch ein Täter sein kann, ohne gleich ein schlechter Mensch zu sein. Und das kann nur ein Täter transportieren." -


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