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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können
Mit Pauken und Trompeten
Wer wissen will, was ein Klasse- von einem Masse-Instrument unterscheidet, der muss nach Markneukirchen im Vogtland fahren.
Dort findet er an jeder Straßenecke Meister ihres Fachs.
- Im Siedlerweg 21 geht es nicht um Äußerlichkeiten. Eine Sonnenblume wächst am Lattenzaun, Buchstaben aus dem Baumarkt kleben an der alten Haustür: H. VOIGT. Eine steile Treppe führt in den Keller. Dort steht eine alte Drehbank auf dem nackten Estrich, in der Ecke lehnen Messingrohre, der Holzhammer auf der Werkbank hat Riefen vom jahrzehntelangen Gebrauch. Ein Modelleisenbahner, der sein Hobby ernst nimmt, würde zögern, in diesem Verschlag an seinen Schienen zu schrauben.
Der Mann mit den Flanellpuschen und der blauen Arbeitsschürze ist nicht nur Handwerker, sondern auch Protestant. Bei ihm treffen Sparsamkeit und Bescheidenheit zusammen. So deutet nichts darauf hin, dass Berufsmusiker aus der ganzen Welt bei Helmut Voigt ihre Instrumente bauen lassen. Wenn in der Dresdner Semperoper eine Posaune erklingt, stammt sie aus dieser Werkstatt. Und die beiden noch halb fertigen Altposaunen, die an einem Holzgestell unter der niedrigen Decke hängen, sind Bestellungen aus Japan.
"Man muss schon a wenig auf Qualität achten", sagt der Meister im Dialekt der Vogtländer. Er ist 70 Jahre alt. In Markneukirchen nennt man ihn zur Unterscheidung "Posaunen-Voigt": Am Ort gibt es auch noch Kerstin und Jürgen Voigt. Die bauen Trompeten, Flügelhörner und exotische Blechblasinstrumente wie den Cimbasso. Und Kurt Voigt versorgte bis ins hohe Alter die Zitherspieler. Kurz und gut: Diese sächsische Gemeinde weist eine weltweit einmalige Dichte von Instrumentenmachern auf.
Die Stadt hat rund 7300 Einwohner. In 120 Betrieben stellen 1000 Menschen alles her, was ein Sinfonieorchester so braucht, vom Taktstock bis zur Tuba. Hier werden Violinen und Kontrabässe gebaut, Flöten und Klarinetten, Pauken und Trompeten. Mögen auch tiefe Täler des Musikgeschmacks die Zither von der E-Gitarre trennen - beide werden ebenso in Markneukirchen gefertigt wie Zubehör, von der Saite bis zum Etui. "Mein Vorfahr hat 1699 die Meisterprüfung als Musikinstrumentenmacher abgelegt", sagt Helmut Voigt. "Ich führe diese Tradition ohne Unterbrechung in der neunten Generation weiter." Da schwingt Stolz mit, aber nur piano. Man muss schon genau hinhören.
Voigts Häuschen steht am Stadtrand. Der Hügel, auf den er aus seinem Wohnzimmer blickt, liegt bereits in Tschechien. Die nahe Grenze hat in der Geschichte des Ortes eine entscheidende Rolle gespielt: Im Dreißigjährigen Krieg floh ein protestantischer Geigenbauer aus Böhmen und ließ sich 1631 hier im evangelischen Vogtland nieder. 1677 waren es schon so viele, dass sie in Markneukirchen eine Innung gründeten. Eine Tafel an der Nicolaikirche im Ortszentrum erinnert daran.
Als dieser kleine, hoch spezialisierte Wirtschaftszweig um 1920 seine Blüte erreichte, beschäftigte er in der Region 20 000 Menschen. Ein Tüftler aus dem Vogtland hat der Musikwelt neue Töne gegeben: 1905 erfand er hier die Schalmei, die zum Lieblingsinstrument der Arbeiterbewegung wurde. Und das von Einsatzfahrzeugen der Polizei und Feuerwehr bekannte Martinshorn heißt so, weil Max B. Martin es entwickelt hat, 1932 in Markneukirchen.
Helmut Voigt ging 1953 bei seinem älteren Bruder in die Lehre. Selbstredend legte er die Meisterprüfung ab. Doch er weigerte sich, im großen VEB Blechblas-und Signalinstrumente zu arbeiten. 1973 beantragte er die Gründung eines eigenen Betriebs. Weshalb er zunächst nur Instrumente reparieren durfte und die Planwirtschaft den privaten Handwerker an der kurzen Leine führte. Der Stundenlohn war auf 1,73 DDR-Mark festgesetzt, seine Instrumente musste er zum Festpreis abgeben. Später wurde eine Sonderregelung erlassen: Wenn die Prüfstelle eine Posaune als Meisterinstrument einstufte, konnte er den Preis individuell mit dem Kunden vereinbaren. "Erst in den achtziger Jahren hat die DDR erkannt, dass sie das Handwerk braucht", sagt Voigt. Ausschlaggebend war der Export: Instrumente wurden über die staatliche Handelsorganisation Demusa (Deutscher Musikinstrumentenhandel) in Klingenthal für Devisen verkauft.
Not macht erfinderisch.
Nur ein Meister kann improvisieren
"Es war das Häuflein der sieben Aufrechten", poltert Karl-Heinrich Hoyer, das den Karren nach der Wende aus dem Dreck gezogen habe. Hoyer, untersetzte Statur, rundes Gesicht und Goldrandbrille, Bürgermeister von Markneukirchen seit 1990, meint damit Handwerksmeister wie Helmut Voigt. "Ihr Kapital steckt in dem Wissen um das Instrument, das sie sich in Jahrzehnten erworben haben." Darin sieht er den entscheidenden Vorsprung vor chinesischen Herstellern, die Geigen und Bögen zu Dumping-Preisen verkaufen: "Ein Meisterinstrument", sagt Hoyer, "können Sie nicht im Urwald bauen."
Seit 1989 gingen im Instrumentenbau in Markneukirchen 1000 Arbeitsplätze verloren, rund 1000 Einwohner wanderten ab. Trotzdem steht die Stadt mit einer Arbeitslosenquote zwischen sechs und acht Prozent gut da. "Diese Branche ist sehr von den Rahmenbedingungen abhängig, die von der Politik geschaffen werden", sagt der Bürgermeister. "Haben die Menschen zu essen? Haben sie Freizeit? Nur dann kaufen sie ein Musikinstrument."
"Nu ja", sagt Helmut Voigt, "in den ersten Jahren nach der Wende musste ich den Gürtel schon enger schnallen." Da hätten auch die ostdeutschen Musiker erst mal nach Westen geschaut und sich ein neues Auto gekauft. Er ist in dieser Zeit von Trabant auf Wartburg umgestiegen, und Sparsamkeit hat ihm über die Flaute geholfen. In neue Maschinen musste er nicht investieren, und sein handwerkliches Können macht es ihm möglich, auch mit wenig Materialeinsatz auszukommen. Das zeigt sich an den Altposaunen für Japan: Deren Rohre haben einen besonders kleinen Durchmesser. Deshalb spannt Voigt einen Rohling auf einen Dorn und quetscht das Rohr an der Drückbank auf den gewünschten Querschnitt. "Wenn ich das nicht könnte, müsste ich mir ja Material in allen möglichen Stärken besorgen - das wäre nicht wirtschaftlich."
Sein Arbeitstag beginnt früh um sieben. "Am Anfang", sagt er, "habe ich manchmal bis Mitternacht gearbeitet." Dem Musiker Voigt war das nicht förderlich. In Markneukirchen gibt es überdurchschnittlich viele Laienorchester; er spielte in mehreren die Posaune. "Aber das Verständnis war nicht da, wenn ich nicht zur Probe kommen konnte", sagt er. "Da hab' ich aufgehört."
Markneukirchen liegt eingebettet in die Hügel des Vogtlandes. Manche Straßen am Ortsrand sind so steil wie in einem Schweizer Bergdorf, und die abgeschiedene Lage in einem engen Tal kommt dem Typus des Handwerkers entgegen, der ausdauernd und gründlich seiner immer gleichen Arbeit nachgeht. Nur einige Villen ragen aus dem geduckten Ortsbild, Klassizismus und Jugendstil. Sie gehörten den Händlern, die den weltweiten Vertrieb der Instrumente organisierten. Bei den Instrumentenbauern nannte man sie abschätzig nur die "Fortschicker", doch die machten das Geld. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Markneukirchen 21 Millionäre. Um den Export in die Vereinigten Staaten zu vereinfachen, unterhielten die USA hier sogar eine Konsular-Agentur. Vor allem Geigen waren gefragt, nicht zuletzt dank eines Etikettenschwindels: Sie wurden unter dem Fantasienamen "Andreas Morelli" vermarktet, was nach Stradivari und den legendären italienischen Meistern klang; nichts verriet die deutsche Herkunft.
1943 taten sich 16 Meister gegen die Fortschicker zusammen und gründeten eine Einkaufs- und Vertriebsgenossenschaft. Die Migma (Musikinstrumenten-Handwerker-Genossenschaft Markneukirchen) überdauerte auch die DDR und half nach der Wende manchem Meister zu überleben. Im Frühjahr 1990 organisierte sie eine Busfahrt nach Frankfurt am Main zur Musikmesse. Helmut Voigt hatte Ostmark in der Tasche und sah zum ersten Mal mit eigenen Augen, was die internationale Konkurrenz zu bieten hatte. Zwei Jahre später stellte er seine Instrumente auf dem Gemeinschaftsstand der Migma aus. Er war unsicher, welche Preise er verlangen konnte, "da hab ich jongliert".
Kein Grund für Helmut Voigt, mit Werbern und Marketingexperten ins Geschäft zu kommen. Er hat einen dünnen Prospekt selbst entworfen und im Ort drucken lassen. Auf einer Web-Seite sind seine Posaunen zu sehen. Wozu sollte er sich den Aufwand leisten, mit einem Schild am Haus auf seine Werkstatt hinzuweisen? Viel wichtiger für den Erfolg, sagt er, sind die Referenzen der Berufsmusiker in den Spitzenorchestern. Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielt auf Tourneen mit seinen Instrumenten. So kam er auch zu den beiden Aufträgen aus Japan. Bei der Migma besorgt er mittlerweile nur noch das Verpackungsmaterial, mit dem er die Posaunen nach Fernost verschickt.
Am Ortsende steht die Musikhalle, 1995 gebaut, 900 Plätze, leicht überdimensioniert, wie auch der Dirigent des städtischen Blasorchesters einräumt. Und am Hang ragt der Stolz des Bürgermeisters über die Stadt, das nach der Wende angelegte Gewerbegebiet. Hier hat sich der Mittelstand niedergelassen. Neben anderen steht hier die Fabrik des bayerischen Unternehmers Gerhard Meinl.
Markneukirchen schwärmt von ihm: Er hat von der Treuhand den VEB erworben, danach die Abteilung für Holzblasinstrumente abgegeben und sich ganz auf das Blech konzentriert. Die Firma heißt Ja Musik, 200 Mitarbeiter bauen in Handarbeit von der hohen Trompete bis zur Tuba alles, bei Letzteren ist man Weltmarktführer. Die Qualität reicht von der Schülertrompete bis zur Spitzenklasse.
Ein Spezialist dankt Gott für die Willkür der Behörden
Die Fabrik gehört zu den modernsten weltweit. Hier werden Waldhörner in ein galvanisches Bad getaucht, und den Tenorhörnern wird im großen Ofen bei 120 Grad der Lack eingebrannt, der die Instrumente dauerhaft glänzen lässt. Hier lässt auch Helmut Voigt seine beiden Altposaunen für Japan lackieren.
Der Instrumentenbau als Verband selbstständiger Firmen: Im Vogtland finden Einzelkämpfer wie Voigt die Zulieferer und Spezialisten, die für eine sinnvolle Arbeitsteilung unentbehrlich sind, in der Nachbarschaft. Vater und Sohn Dreier bauen ein paar Straßen weiter Ventile. Die Teile zum Hartverchromen bringt Voigt in die Kreisstadt Plauen. Und der Schallstückmacher sitzt im Nachbardorf Erlbach: Bernd Sandner, 43 Jahre alt und 1,90 Meter groß, seine blaue Schürze spannt über einem vertrauenerweckend kräftigen Körper.
Sandner hat bei einem legendären Trompetenbauer gelernt und wollte eine eigene Werkstatt eröffnen, aber die DDR-Behörden genehmigten ihm kurz vor der Wende nur die Schallstückmacherei. "Ich bin dem lieben Gott dankbar. Mir hätte nichts Besseres passieren können", sagt Sandner. "Ich musste nur die Gunst der Stunde nutzen. Und gut sein."
Mit vier Gesellen und drei Lehrlingen fertigt er das auffälligste Teil eines jeden Blechblasinstruments. Über einer eisernen Form wird das Messingblech so lange abwechselnd geglüht und getrieben, bis es den weit ausladenden Schwung des Schallbechers angenommen hat. Musiker wissen den Aufwand zu schätzen: Das gehämmerte Metall ist an jeder Stelle gleich dick. Bei billigen Fließband-Instrumenten wird das Schallstück hydraulisch geformt, das Metall am Rand immer dünner, und das Instrument klingt leicht plärrig.
"Man muss ein Gefühl für das Metall entwickeln: Wie weit kann ich gehen?", sagt Sandner. "Dieses Gefühl hat nicht jeder in den Fingern." Seine Hände riechen nach Sidol, und die schwarzgrüne Schmiere kriegt er auch am Feierabend nicht weg. "Ich werde manchmal darauf angesprochen, aber meine Arbeit darf man sehen", sagt er selbstbewusst. In seinem Lager stapeln sich fertige Schallstücke aller Kaliber, vom Kornett bis zur Bassposaune. Für ein halbes Jahr ist er ausgebucht, Aufträge kommen aus Schweden und den USA. In Deutschland gibt es nur noch zwei kleinere Konkurrenten in Bayern. Seit 1990 hat Sandner mehr als eine halbe Million Euro investiert, jetzt ist er schuldenfrei.
"Heute ginge das gar nicht mehr, einen solchen Betrieb aufzubauen", sagt er. Von den Wirren der Wende hat er profitiert: Die beiden großen Richthämmer und anderes Werkzeug konnte er spottbillig kaufen. Die Messingbleche, verschiedene Legierungen und Wandstärken von 0,3 bis 0,7 Millimeter, bekam er in Mengen von 50 Kilo. "Aber heute ist die Materialbeschaffung schlimmer als zu DDR-Zeiten", sagt er. Im fortgeschrittenen Kapitalismus müsse er dem Walzwerk im Westen von jeder Blechsorte mindestens drei Tonnen abnehmen. "Ich habe denen einen Brief geschrieben und meine Lage erklärt. Aber die sind so groß wie ein Automobilkonzern. Da kam nicht mal eine Antwort."
So hat er sich mit ortsansässigen Kollegen verbündet und teilt sich das Blech mit der Ja Musik. Die baut zwar eigene Schallstücke, aber die gemeinsame Materialbeschaffung funktioniert reibungslos. Nur: Die Fabrik arbeitet nicht mit dem dünnwandigen Material, das Sandner auch braucht. Deshalb hat er bei seinen beiden Mitbewerbern angefragt, ob man nicht gemeinsam einkaufen wolle. Die bayerische Konkurrenz lehnte ab. Notgedrungen hat Sandner nun ein Lager, das ökonomisch jeden Rahmen sprengt: "Drei Tonnen von einer Sorte kosten 30 000 Euro - das Material reicht mir bis zum Ruhestand."
Die Schallstücke in den Altposaunen für Japan stammen aus Sandners Werkstatt. Nur bei ausgefallenen Barockmodellen baut Helmut Voigt sie selbst. So kann er flexibel auf Kundenwünsche eingehen. Ob ein Musiker lieber einen konischen oder zylindrischen Zug möchte, ein Schallstück mit Neusilberrand oder ein Thayer-Ventil, das bespricht er mit dem Meister und muss für viele Varianten nicht einmal einen Aufpreis bezahlen. Eine Altposaune kostet 1800 Euro. Helmut Voigt arbeitet etwa eine Woche daran.
Der Handwerksmeister hat alle Krisen überstanden. Und er ist froh, dass die Familientradition auch in zehnter Generation weiterlebt: Sein Sohn Stephan ist in den Betrieb eingestiegen.
Letzte Frage an den Meister: Warum ist er in der DDR nicht den einfachen Weg in den VEB gegangen, wo er mehr verdient und weniger Ärger gehabt hätte? Nicht laut, aber klar wie der Klang einer Bassposaune kommt Helmut Voigts Antwort: "Ich wollte Instrumente bauen, auf denen mein Name steht." -
Links
www.markneukirchen.de
www.helmut-voigt.de
www.schallstueck.de
www.ja-musik.com
