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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können
Mann mit Eigenschaften
Vom Metzgermeister zum IT-Unternehmer:
Was nach Umwegen klingt, ist für Peter Schimitzek eine ganz gerade Strecke. Denn alles, was er gelernt hat, kann er heute brauchen.
Wurst
Für Peter Schimitzek ging es schon oft um die Wurst. Fleischwurst etwa. Fein zerkleinertes Schweine- und Rindfleisch, Speck, eine Handvoll Gewürze, je nach Hersteller Stabilisatoren, Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker dazu, das Ganze umhüllt von einem Tier- oder Kunstdarm. Kein besonders komplexes Problem, kaum der Rede wert, so ein Würstchen, denkt man. Falsch gedacht.
Für eine auf Profit getrimmte Industrie, die tonnenweise Fleisch, Gewürze und Hilfsstoffe verwendet und die zig verschiedene Würste herstellt, kann die optimale Rezeptur zur Herausforderung werden. Die Lösung? "Alles eine Frage der Logik! ", sagt Peter Schimitzek eindringlich und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Er liebt die Logik, und er hat eine Doktorarbeit über die richtige Wurstmischung geschrieben. Zudem ist er gelernter Metzgermeister, studierter Betriebs- und Volkswirt, eigenwilliger Wirtschaftstheoretiker und Chef des erfolgreichen IT-Mittelständlers CSB-System. Die ungewöhnliche Variante des Tellerwäschers, der Millionär wurde.
Wurzeln
Geilenkirchen zählt nicht ganz 30 000 Einwohner. Hier, unweit von Aachen an der deutsch-niederländischen Grenze, ist das Gravitationszentrum von Peter Schimitzek. Hier wurde er geboren, hier ist der Stammsitz seines Unternehmens, hier ist er in jeder Beziehung zu Hause. Sein Büro ist licht und - riesig ist wohl der treffende Ausdruck, mit Palmen darin und einigen Kakteen. Das Holzparkett und die kleinen Ledersofas in der Sitzecke duften angenehm. Der 58-Jährige hat einen wachen Blick. Lachfalten um die Augen. Hellbraunes Jackett, braun-weiß gestreifte Krawatte, weißes Hemd mit kleinen goldenen Manschettenknöpfen.
Schimitzek wird 1949 geboren. "Auf 'm Bauernhof", sagt er und deutet vage in Richtung Fensterfront, als würden die Felder und Wiesen, auf denen er als Junge herumtollte, direkt hinter der Glasscheibe beginnen. In Wirklichkeit sind da ein Autohändler und ein Wohngebiet. Er lächelt. "Als Kind habe ich eine einklassige Volksschule mit acht Klassen in einem Raum besucht." Er sagt das im rheinischen Singsang, halb kopfschüttelnd, halb stolz, als wollte er eigentlich sagen: "Ein Wahnsinn, dass ich das geschafft habe! " Der Unterricht langweilt ihn, er beteiligt sich kaum. Unter der Schulbank liest er heimlich Bücher über die Steinzeit. Sein Vater interpretiert es auf seine Weise: Gymnasium kommt für den Jungen nicht infrage. Eine Lehre ist das Richtige, beim Vater. Der ist Metzger.
"Er hatte ja nicht unrecht", sagt sein Sohn heute und verfällt dann ein wenig ins Predigen: "Ordnung, Hygiene, Disziplin, Arbeit: Das lernen Sie nirgendwo besser als bei einer Ausbildung in der Lebensmittelbranche." Die Lehre schließt er als Bester seiner Innung und in ganz Nordrhein-Westfalen ab. An der Abendschule macht er das Abitur nach. Er studiert Betriebswirtschaftslehre in Siegen und Volkswirtschaftslehre in München und rast immer wieder über die Autobahn nach Geilenkirchen: Freitags arbeitet er im elterlichen Betrieb, um das Studium zu finanzieren.
Schimitzek ist getrieben. Er will etwas erreichen, und er will unbedingt besser als die anderen sein. Inzwischen ist es 1975. Das Thema EDV kommt auf, und Schimitzek tut etwas, das er später als Unternehmer immer wieder tun wird: Er nimmt seine Interessen und sein Wissen verbindet sie miteinander und verknüpft sie zu etwas Neuem. Er promoviert in angewandter Informatik über das Thema "Rezepturoptimierung für Fleischerzeugnisse". 1977 gründet er CSB-System.
Wissen
CSB bedeutet: Computer - Software - Beratung. Die Firma bietet mittelständischen Betrieben eine passgenaue, komplexe IT-Lösung. Alle Bereiche der Unternehmensführung und -steuerung werden in der Soft- und Hardware abgebildet - in einem System. Im Fachchinesisch nennt man so etwas ein ERP-System: Enterprise Resource Planning. Das reicht von der Materialwirtschaft und Produktio n über Finanz- und Rechnungswesen bis hin zu Forschung, Entwicklung, Verkauf und Marketing. Im optimalen Fall spiegelt ein ERP-System exakt die Strukturen eines Unternehmens wider und ermöglicht es, alle Ressourcen optimal einzusetzen.
CSB trägt Schimitzeks Handschrift, in jeder Beziehung. Zum Beispiel das eigenwillige Firmengebäude mit dem hübschen Park drum herum. Er hat es selbst entworfen, sein privates Domizil obendrein.
Das Gebäude ist eine Mischung aus Mondbasis und Bienenstock. Es besteht aus fast 40 miteinander verbundenen, achteckigen und zwei- bis dreigeschossigen Häuschen aus rötlichen Backsteinen. Die Fensterrahmen sind blau und achteckig. Ebenfalls die Idee von Peter Schimitzek. Irgendwann stellte sich heraus, dass die Fenster undicht wurden. In die Erweiterungsbauten kamen wieder bewährte rechteckige zum Einsatz. Der Baumeister zuckt mit den Schultern: "Wenn etwas schiefgeht, muss man es ändern."
Im Zentrum des Komplexes gibt es ein luftiges, überdachtes Atrium mit Palmen und zwei Wasserkanälen, über die kleine Holzbrücken führen. Es ist ruhig und geschäftig. Mitarbeiter gehen vorbei, grüßen freundlich. Rund 250 Menschen arbeiten hier.
CSB genießt einen guten Ruf, denn es versteht viel vom IT-Geschäft, und es versteht viel vom Geschäft seiner Kunden. Seit 1988 arbeitet die Firma konsequent daran, von den Moden der unsteten Branche unabhängig zu werden. Mal ist das eine System en vogue, mal das andere, mal heißt es "Windows! ", dann tönt es "Linux! ". Bisweilen geraten dann Anbieter in Schwierigkeiten und verschwinden vollständig vom Markt.
Unabhängigkeit ist eine eiserne Maxime Peter Schimitzeks. Er und CSB gleichen einem "lonesome cowboy". Einem, der seinen Weg geht, sich nicht auf andere verlässt. Alles wird selbst programmiert. Ein aufwendiger Kurs - aber weil sich CSB nicht festlegt, nicht auf Betriebssysteme, Plattformen, Datenbanklösungen oder spezialisierte Partner, muss es die Zugänge und Schnittstellen zu diesen Systemen selbst kreieren. Das kostet Zeit und Geld, aber Schimitzek zweifelt keine Sekunde daran: "Wir sind kompatibel zu allen Lösungen. Das macht uns frei! "
CSB ist nicht das einzige Unternehmen, das den Mittelstand mit IT-Maßanzügen umwirbt. Der Markt ist umkämpft und unübersichtlich: Während jeder die Firmennamen SAP und Microsoft kennt, dürfte das Wissen um Sage, Infor Global Solutions, Command oder SoftM schon deutlich geringer ausfallen. Gleichwohl haben gerade die Großen ihre liebe Not mit dem Mittelstand, zumindest mit dem kleineren Mittelstand.
Die Leidenschaften von Peter Schimitzek sind Fleisch, Komplexität und Effizienz, und die hat er auch seinem Unternehmen eingeimpft. "Die kennen ihre Kunden perfekt, insbesondere aus der Fleischwirtschaft", sagt Christian Glas, Berater bei den IT-Markt-Spezialisten Pierre Audoin Consultants. "Bei Unternehmen aus dem Nahrungsmittelbereich mit bis zu 500 Mitarbeitern ist CSB außerordentlich stark." Das IT-Know-how sei groß, aber das Branchenwissen sei noch höher zu bewerten. Innerhalb von drei Jahrzehnten hat sich die Firma langsam, aber stetig weiterentwickelt. Was in der Fleischindustrie funktionierte, hat sie auf andere Branchen übertragen: Fast 50 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet CSB in der Nahrungsmittelindustrie - Erzeuger und Verarbeiter von Fleisch, aber auch Gurken, Käse, Marmelade, Backwaren oder Schokolade. 15 Prozent verdient sie in den Branchen Pharma, Chemie und Handel. Ein Drittel des Umsatzes wird mit Dienstleistungen, etwa Support, Service und Ser-ver-Hosting, gemacht.
Wirken
Ein typischer CSB-Kunde ist die GS Schmitz GmbH aus Köln. Das 1955 gegründete Familienunternehmen hat 200 Mitarbeiter und stellt in der dritten Generation Wurst her: von der klassischen Bockwurst über "Omas Zwiebelwurst" bis hin zur "Original Kölscher Kaviar Blutwurst im Ring". Seit vielen Jahren ist Schmitz Kunde von CSB. "Wir fahren das komplette Programm, und wir fahren gut damit", sagt die Geschäftsführerin Astrid Schmitz. Das komplette Programm heißt: Mit der IT-Lösung von CSB organisiert Schmitz die Finanzbuchhaltung, den Wareneingang, die Produktion, die Personalbuchhaltung, Management-Auswertungen, Kalkulation und Qualitätssicherung.
"Wir produzieren jeden Tag verschiedenste frische Würste, die in unterschiedlichen Formen an verschiedene Kunden verschickt werden", sagt Astrid Schmitz. So wird die Schinkenfleischwurst einmal geschnitten vertrieben, in dieser oder jener Menge, ein anderes Mal am Stück. Das macht den Produktionsprozess komplex. Auch ergeben sich unterschiedliche Mindesthaltbarkeitsdaten. Frische und Qualität sind für Schmitz überlebensnotwendig. Ein IT-System muss dem Rechnung tragen. "Früher nutzten unsere 16 Mitarbeiter in der Verwaltung Excel. Jeder hatte einen anderen Ordner. Bewahren Sie da mal den Durchblick", sagt die Geschäftsführerin. Heute bildet das CSB-System alle Bereiche des Unternehmens ab. Daten werden nur einmal eingegeben und lassen sich zentral verwalten. Die Bedienung ist einfach, der Support kommt aus einer Hand.
Wenn CSB IT-Probleme löst, taucht es zwangsläufig tief in die Struktur eines Unternehmens ein - und lernt so gleichzeitig für den nächsten Kunden: je mehr Kunden, umso mehr Know-how, umso ausgefeilter die Lösungen. "Wissen ist unsere Goldader", sagt Peter Schimitzek, und das predigt er auch seinen Mitarbeitern: exakte Beschreibung der Arbeit am Kunden und eine genaue Dokumentation, wie bestimmte Probleme gelöst wurden. In der Beratung und im Vertrieb beschäftigt CSB überdies liebend gern ehemalige Metzger, Bäcker oder Chemiker. Denn die kennen ihre Branche am besten.
Andere, wie Björn Skupin, müssen sich das Wissen erwerben. Skupin ist ein alerter 32-jähriger Vertriebsmitarbeiter: weißes Hemd, braune Schuhe, braune Cordhose, Dreitagebart, eine Portion Gel im Haar. Er hat durchlaufen, was sie hier die Mühle nennen: Er kennt fast alle Abteilungen der Firma. 1996 beginnt er seine Ausbildung zum Industriekaufmann bei CSB. Startet im elektronischen Support, wechselt in die Beratung vor Ort, dann zur Projektleitung, schließlich in den Vertrieb.
Er erinnert sich an seine Zeit in der Beratung: "Im Bereich Schlachthof-Produktion und Zerlegung wurde eine Stelle frei." Eine Chance. Skupin will Karriere machen. Er ist kein Metzger, aber er setzt alles daran, möglichst schnell und genau wie einer zu denken.
Denn das erwartet CSB: Björn Skupin muss den Kunden auf Augenhöhe begegnen können. Einen entrückten Computerfreak würden die gar nicht akzeptieren. Er besichtigt Schlachthöfe, abends studiert er Fachbücher für Metzger und schaut sich Schlachtvideos an. Seine Kollegen teilen ihm ihre Erfahrungen mit. Und vor allem gibt es sehr detaillierte, umfangreiche Projektdokumentationen im internen CSB-Netzwerk: Was hat CSB für welchen Schlachthof erfolgreich umgesetzt, was hat sich bewährt? All diese Informationen sind abrufbar: "Es wäre ein großer Fehler, sein Wissen für sich behalten zu wollen", sagt Skupin. Wer das versuche, sei nicht lange CSB-Mitarbeiter.
Wandel
Peter Schimitzek sitzt am Besprechungstisch seines Büros und hat lässig die Beine übereinandergeschlagen. Mit dem Ellbogen stützt sich der Firmenchef auf der Stuhllehne nebenan ab. "Das Hin- und Herspringen zwischen Themen und Schwerpunkten gibt es bei uns nicht! Konzentration und Logik sind das A und O", sagt er ernst und betont die drei letzten Silben sehr deutlich. "Wenn ich eine Idee habe, verfolge ich sie bis zum Ende! "
Einer, der ihn lange kennt, drückt es so aus: "Den Schimitzek können Sie vorn aus der Tür rauswerfen, der spaziert hinten wieder rein! " Dann fügt er leise hinzu: "Das ist ein ganz cleverer, fähiger Geschäftsmann." Ein anderer Kunde lobt ihn als bodenständig und intelligent: "Ein Stratege, dem der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen ist."
Gleichwohl hat Schimitzek Ambitionen, und die fallen nie klein aus. In seinem Buch "Das effektive Unternehmen" entwickelt er auf 550 Seiten nicht weniger als eine eigene kombinierte VWL- und BWL-Theorie. "Wirtschaftswissenschaftler sollten denselben Anspruch haben wie Physiker, nämlich die Weltformel für das Wirtschaften zu finden", sagt der Autor. "Um die Formel zu finden, brauchen sie eine Modellvorstellung unserer Welt und der Wirtschaft. Dieses Modell habe ich in meinem Buch niedergelegt."
Und: Ist es ausreichend gewürdigt worden? "Ehrlich gesagt, nein", gibt er zu und wirkt dabei fast ein wenig ratlos. "Ich habe gar nicht verstanden, dass man das nicht sofort aufgegriffen hat."
Aber wie vermittelt man Wissen, wenn es mit Büchern nicht funktioniert? "Indem man es vorlebt", sagt Peter Schimitzek wie aus der Pistole geschossen. Heute Morgen etwa habe er in einem Meeting ein neunseitiges Positionspapier diskutiert, das er in den vergangenen Tagen entworfen hat. Das Thema: die Mittelstandsoffensive eines Konkurrenten. "Wir haben diskutiert, ob das Papier alle Eventualitäten für CSB abdeckt. Dann erstellten wir eine To-do-Liste, und die müssen wir jetzt einfach ab-ar-bei-ten! " Wieder betont er die letzten Silben. "Verstehen Sie: Man muss die Dinge machen. Solch ein Papier überlasse ich doch nicht einem Abteilungsleiter. Ich mache es selbst und gebe damit ein Beispiel! "
Ein Beispiel will er für seine Nachfolgerinnen sein. Rechts und links neben seinem Schreibtisch steht jeweils ein weiterer Schreibtisch - für seine beiden Töchter. Pia ist im Mutterschaftsurlaub, Vanessa, die zuletzt bei UBS in Zürich und New York arbeitete, stößt im Januar zu CSB. Ob die beiden sein Buch gelesen haben? Er zuckt belustigt mit den Schultern: "Die werden einfach dadurch lernen, dass sie mit mir arbeiten. Ein Unternehmen führen Sie nicht mit dem Bleistift." Dann macht er eine kurze Pause und zieht die Augenbrauen nach oben: "Und die Nachfolge regeln Sie nicht, indem Sie ein Handbuch übergeben." -
2007 will CSB-System einen Umsatz von rund 55 Millionen Euro erwirtschaften. Weltweit arbeiten 450 Mitarbeiter in 34 Vertretungen. 1995 setzten 200 Mitarbeiter in 15 Ländern 23 Millionen Euro um. Als Wachstumsbranchen sieht das Unternehmen vor allem Pharma und Chemie, als Wachstumsregionen Osteuropa und die USA. Große Kunden sind Edeka, Rewe, Akzo Nobel und Burger King. Die Projektsummen der IT-Projekte schwanken zwischen 50 000 und vier Millionen Euro.
