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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können

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Leben lernen

Auf dem Leonardo-da-Vinci-Campus im brandenburgischen Nauen dürfen die Schüler ihren persönlichen Weg in die Welt suchen. Und müssen trotzdem viel leisten.

Porträt einer Schule, die leider nicht normal ist.

- Das Frühstücksritual sagte eigentlich schon alles. Die Oberschwester hatte als Einzige einen großen Teller vor sich stehen. Sie bekam auch die Brötchen als Erste. Danach durften Schwestern und Pfleger zulangen. "Als Letzte kamen die Zivildienstleistenden und ich dran", erinnert sich Max Wenz an die Zeremonie, die Ähnlichkeiten mit Raubtierfütterungen erkennen lässt. "Zum Essen mussten wir dann aber in einen Nebenraum gehen."

Sein Praktikum im Krankenhaus hatte sich der 18-Jährige anders vorgestellt. Dass er nach dem Abitur Medizin studie ren würde, war für ihn beschlossene Sache; nun wollte er seinen späteren Arbeitsplatz ein wenig kennenlernen. Die Erfahrung war desillusionierend. In der Hackordnung der Klinik war für den Praktikanten der letzte Platz vorgesehen. Und das hieß vor allem: vollgekotete Betten abziehen und Nachttöpfe leeren. Die Zivildienstleistenden waren froh, endlich jemanden zu haben, dem sie die unangenehmsten Arbeiten aufdrücken konnten.

Als das Hundert-Stunden-Praktikum am Leonardo-da-Vinci-Campus im brandenburgischen Nauen vor ein paar Jahren verpflichtend für alle Oberstufenschüler eingeführt wurde, rebellierten die Jugendlichen zunächst. Das Praktikum bedeutete schließlich Mehrarbeit neben dem Schulpensum mit 32, 35 oder 40 Wochenstunden. Im Lauf der Jahre hat sich allerdings herumgesprochen, dass es den meisten eine Orientierung auf dem Weg von der Schule in den Beruf ermöglicht.

So war es auch bei Max Wenz. "Es war hart, aber es hat mir trotzdem viel gebracht", sagt er über die freudlose Zeit im Hospital. "Medizin studieren will ich immer noch, aber die Arbeit in einem Krankenhaus sehe ich jetzt realistischer, vor allem die strenge Hierarchie."

Den Leonardo-da-Vinci-Campus, eingerahmt von drei Autohändlern und einem Baustoffgeschäft, findet man erst nach einigem Suchen. In dem schmucklosen Gewerbegebiets-Ambiente ist in den vergangenen zwölf Jahren eine Schule herangewachsen, die weithin in so gutem Ruf steht, dass Hunderte von Schülern aus dem 40 Kilometer entfernten Berlin dorthin pendeln. Die Schule, gegründet im November 1995 als "Freies Gymnasium Nauen", ist der Gegenentwurf zur Normschule, in der es darum geht, dass im 45-Minuten-Takt alle zur gleichen Zeit gleich schnell das Gleiche lernen. Obwohl die Arbeitswelt, auf die der Schulbetrieb vorbereiten soll, längst nicht mehr diesem industriellen Rhythmus gehorcht.

Diese Erkenntnis gehört sozusagen zum Gründungscredo der Nauener Schule. Sie stellt das Individuum und seinen ganz persönlichen Weg durch den Dschungel des Wissens ins Zentrum ihrer Arbeit. "In der Individualität schlummert die Kreativität", sagt die Schulleiterin und Mitgründerin Irene Petrovic-Wettstädt. "Und gerade auf die kommt es heute viel mehr an als auf gepauktes Wissen." Sie ist überzeugt, dass Schüler ihren eigenen Weg finden - "wenn die Schule das zulässt". An den traditionellen Lernfabriken sei das meist nicht möglich. "Da verschwindet der Schüler nach und nach. Wir wollen unsere Schüler nicht brechen, sondern stärken."

Starke Worte. Aber wie geht das? Zum Beispiel so: Mathe-Überflieger sitzen nicht mit dem Rest der Klasse im Unterricht und langweilen sich beim Lösen einfacher Gleichungen, sondern bereiten sich anderswo auf die Mathematik-Olympiade vor. Im Wirtschaftskurs der Oberstufe lässt die für das Fach verantwortliche Ruth Löwenkamp "die schwächeren Schüler anhand eines Textes den Unterschied zwischen konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit herausarbeiten, während sich die Leistungsstarken schon mit Konzepten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beschäftigen können".

Orientierung in der Wirklichkeit

Solche "Binnendifferenzierung" sollte es laut Lehrplan mittlerweile an allen Schulen geben. Im Alltag dominiert jedoch immer noch der Unterricht im Gleichschritt. Vielleicht weil Differenzierung Ressourcen erfordert, die dem Gros der Schulen fehlen. "Individualität heißt vor allem mehr Zeit für den Einzelnen", sagt die Schulleiterin. "Die Lehrer müssen die Chance haben, ihre Kinder zu kennen."

Der Da-Vinci-Campus war von Beginn an als Ganztagsschule konzipiert, im Schnitt unterrichtet ein Lehrer nicht mehr als 20 Schüler. Davon können die meisten staatlichen Schulen nur träumen. Allerdings bedeutet die Binnendifferenzierung für die Nauener Lehrer auch großen Aufwand für die Unterrichtsvorbereitung: Vor fünf Uhr nachmittags ist der Parkplatz auf dem Campus selten leer.

Das Hundert-Stunden-Praktikum ist für die Schüler das Ziel eines mehrjährigen Orientierungslaufs. Den ersten Kontakt zur Wirtschaftswelt knüpfen sie bereits im dritten Jahr der Grundschule, die zum Campus gehört. Sie besuchen beispielsweise eine Stutenmilchfarm, sehen sich bei Bosch-Siemens an, wie eine Waschmaschine gebaut wird, oder fragen die Eltern nach ihrem Beruf.

Ist das nicht viel zu früh?

"Nein", sagt die Schulleiterin. "Es kann doch nicht sein, dass ein Kind nicht weiß, was seine Eltern beruflich machen."

Im fünften Schuljahr beginnt die "systematische Laufbahnberatung", die über mehrere Zwischenstationen führt, Praktika in der neunten und zehnten Klasse beispielsweise. In Kindergärten, Krankenhäusern oder Altenheimen lernen die Jugendlichen "verschüttete" Sekundärtugenden wie Höflichkeit und Pünktlichkeit. Wenn sie vier Jahre später ihr Abitur ablegen, wissen sie schon, was sie in einem Assessment Center erwartet. So etwas haben sie im Unterricht unter realistischen Bedingungen bereits trainiert.

Die Stelle fürs Hundert-Stunden-Praktikum muss sich jeder Schüler in der 11. Klasse selbst suchen, und zwar möglichst in seinem Wunschberuf. Zwei, drei Jahre vor dem Abitur sollen die Jugendlichen ihre Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen an der Realität messen. Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins Leben.

"Sie sollen sich vor allem selbst besser kennenlernen", sagt Löwenkamp. "Wer bin ich, was will ich, was kann ich schon - das sind genau die Fragen, die ein solches Praktikum aufwirft." Wenn sie ihr Praktikum absolvieren, ist das Ende der Schullaufbahn absehbar. Da gilt es, Weichen zu stellen, Entschlüsse zu fassen: Welches Fach soll ich studieren? Welche Ausbildung machen? Bin ich ein Versager, wenn ich nicht studiere? "Wir hoffen, dass wir die Schüler so weit stärken in dem, was sie können und wollen, dass wir damit die Abbrecherquote an der Uni reduzieren", postuliert Irene Petrovic-Wettstädt. "Viele brennen schon im Studium aus, weil sie sich falsch orientiert haben."

Mitunter wird einem Schüler im Praktikum auch bewusst, was er nicht will. Max weiß nach seiner Erfahrung aus dem Krankenhaus, dass er nicht gern in hierarchischen Strukturen arbeitet. Auch für Timo Seubert, der mit Max im nächsten Jahr Abitur macht, war die Erfahrung aus dem Praktikum zunächst frustrierend. Er stand in einem metallverarbeitenden Betrieb an einer Maschine und musste im Schichtbetrieb Zylinderköpfe pressen. "Gelernt hab' ich nichts und Geld verdient auch nicht", zieht er ernüchtert Bilanz.

Aber beobachtet hat er eine Menge. "Die Maschinen werden total auf Verschleiß gefahren. Die Arbeiter werden gescheucht, die Schichten falsch eingeteilt, und die Organisation ist so mies, dass ich manchmal nicht weiterarbeiten konnte, weil keine leere Kiste für die fertigen Teile da war. In so einem Betrieb hat man keine Aufstiegschance", sagt Timo. "Vorher wollte ich eigentlich nicht studieren. Aber jetzt werd' ich's wohl trotzdem machen. Ich will auf keinen Fall in so einer Firma enden."

Die Orientierung auf den späteren Beruf ist allerdings nur eine Facette des Nauener Konzepts, Interessen und individuelle Begabungen zu fördern. Schon ab der ersten Klasse bietet die Schule "Kreativitätsmodule" an. Wer will, kann in der Grundschule Arabisch oder Chinesisch lernen. Im fünften Schuljahr werden eine zweisprachige "Sprachspezialklasse" und eine "Orchesterklasse" angeboten, ab dem siebten Schuljahr stehen drei Profile - ma-thematisch-naturwissenschaftlich, kreativkünstlerisch, bilingual - zur Auswahl.

"Die Vielfalt nimmt das Individuum auf", ist Irene Petrovic-Wettstädt überzeugt. Nicht alle gehen den gleichen Weg. Aber jeder kann seinen Weg zielgerichtet verfolgen, wenn er will. Wer sich in der Grundschule etwa für Arabisch entscheidet, kann sicher sein, dass die Sprache später auch auf dem Gymnasium angeboten wird. In Nauen denkt man nicht in Schuljahren, sondern in Schulkarrieren.

Einen Zwang zur Individualisierung gibt es allerdings nicht. Kein Schüler ist verpflichtet, auf dem Optionenkarussell, das die Schule für ihn aufgestellt hat, ständig bei vollem Tempo mitzufahren. "Nur" das gymnasiale Normalpensum mit 32 Wochenstunden zu absolvieren, ist ausdrücklich gestattet. "Wir versuchen die Schüler zu verführen, mehr zu machen", sagt die Schulleiterin. " Jeder kann, wenn er will. Aber keiner muss hier 40 oder 45 Stunden zubringen."

Nicht geschenkt: die Abschlüsse

Der Da-Vinci-Campus will kein bildungspolitischer Experimentierraum sein, wie etwa die Prinz-Höfte-Schule in Bassum bei Bremen, an der die Schüler weitgehend selbst bestimmen, welche Lernprojekte sie gerade verfolgen wollen (siehe brand eins 11/2006, Soziale Innovation, Folge 11: Schulen). Die Leitung legt - bei aller Differenzierung - Wert auf Leistung und solide Wissensgrundlagen. Niemand bekommt seinen Abschluss geschenkt.

"Ich will nicht, dass hier jemand Abitur macht, der Goethe, Schiller und Brecht nicht kennt oder nicht weiß, wie man ein Integral berechnet", stellt Irene Petrovic-Wettstädt klar. Schließlich gibt es das bundesweite Zentralabitur; da steht man im Wettbewerb mit anderen Schulen.

Manchmal fragt sich die Schulleiterin auch, ob nicht der eine oder andere Schüler unter Individualismus primär grenzenlosen Egoismus versteht. Sie beobachte an ihrer Schule "eine Menge kleiner Alphatierchen, die sich überall durchbeißen und mit unendlichem Kampfgeist ihre Mitschüler fertigmachen". Denen müsse man beibringen, dass die Welt sich nicht um sie dreht. Sie setzt dabei vor allem auf die disziplinierende Wirkung von Teamarbeit, "bei der sich die Kinder immer wieder in unterschiedlichen Gruppen orientieren und einpassen müssen".

Zum Beispiel in Schülerfirmen wie Golden Beach. Die Catering-Firma, geführt von Schülern der achten Klasse, verkauft in der Mittagspause Süßigkeiten und andere Snacks an die Mitschüler. Die Kinder aus dem Firmenteam müssen sich aufeinander verlassen können.

Der Thekenplan ist Gesetz, und wenn die von der Schulleitung zur Zeugniskonferenz georderten Brötchen nicht pünktlich fertig sind, gibt es Ärger. "Die stehen dann richtig unter Druck", sagt Ruth Löwenkamp, "und natürlich wollen sie uns auch zeigen, was sie können." Das Schmieren und Belegen der Brötchen ist streng tayloristisch organisiert: Einer schneidet das Brötchen auf, der Nächste bestreicht es mit Butter, einer legt ein Salatblatt drauf, ein anderer eine Käse- oder Salamischeibe, der Letzte klappt die Hälften wieder aufeinander.

Die Idee zur Firmengründung kam von den Schülern. Einige hatten im nahe gelegenen Supermarkt Süßigkeiten gekauft und mit sattem Preisaufschlag auf dem Schulhof verkauft. Ruth Löwenkamp gelang es, den Geschäftssinn der Schüler in die Gründung einer Firma umzuleiten. Die Achtklässler kaufen selbst ein, kalkulieren die Preise, erledigen per Excel-Tabelle die Buchhaltung, führen ein Geschäftskonto und haben eine schicke Powerpoint-Präsentation erstellt. Unter "Unsere Ziele" steht an erster Stelle "Geld verdienen", bei "Probleme" fällt den Firmenleitern vor allem "verschwundenes Geld" ein.

Auch ein Ziel: Gefühle zeigen

Profile, Projekte und Schülerfirmen sollen indes keine Parallelwelten sein, die nichts mit dem normalen Unterricht zu tun haben. Man legt Wert auf Verbindungen. So müssen neue Mitarbeiter sich bei Schülerfirmen schriftlich bewerben - wie das geht, lernen sie im Deutschunterricht. Das Rüstzeug für ihre Preiskalkulation bekommen die Firmenchefs wiederum von ihrem Mathelehrer; freiwillig würden sie sich in ihrer Freizeit vermutlich nicht mit Prozentrechnen befassen. "Aber hier tun sie es, weil sie natürlich wissen wollen, wie viel Prozent sie an einem Schokoriegel verdienen", sagt Ruth Löwenkamp, "ohne dass einer hinter ihnen steht und sagt: Jetzt rechne! "

Zu einer langen Erkundung der eigenen Persönlichkeit entwickelte sich das erste große Theaterprojekt der Schule. Fast ein Jahr probten gut zwei Dutzend Schüler für die Aufführung von Shakespeares "Sommernachtstraum". Im vergangenen Sommer spielten sie das Stück zehnmal auf dem Campus. Ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Schule, auch für die Schüler-Schauspieler - weil sie Dinge lernten, die neu für sie waren: sich unterzuordnen. Pünktlich zu den Proben zu erscheinen. Eine Autorität, den Regisseur, als denjenigen zu akzeptieren, der allein Kritik üben darf. Als ein Haufen von Individualisten ein gemeinsames Ziel zu verfolgen - und zu verwirklichen.

Andreas Oehme, der Sommernachts-traum-Projektleiter und Lehrer für darstellendes Spiel, ist Monate danach noch fasziniert, "wie diese Schüler Potenziale hervorgebracht haben, die keiner erwartet hat". Einer lernte in zwei Tagen eine große Rolle komplett auswendig, nachdem ein Schauspieler krank geworden war.

Oehme erzählt auch von Tränen, Wutanfällen und Nervenzusammenbrüchen während der Proben. Die Schüler kamen an ihre Grenzen, "weil sie sich plötzlich nicht nur mit der Figur, die sie spielten, sondern auch mit sich selbst auseinandersetzen mussten. Die Gefühle der Figuren mussten sie auf der Bühne schließlich glaubhaft rüberbringen."

Franziska Zschirmer etwa, die die Titania spielte, die Königin der Elfen, haderte lange damit, wie stark und souverän Titania ist. "Genau das Gegenteil von mir", sagt sie. "Und dann ist Titania eine Liebende. Auf der Bühne musste ich offen über Gefühle reden, über Liebe, was ich sonst nie gemacht hätte." Auch bei ihr flossen Tränen. "Das ist schon seltsam", sagt Andreas Oehme. "Sie wissen alles über Sex, aber wenn's darum geht, auf der Bühne einen anderen zu streicheln, kriegen sie die große Krise."

Vor allem Hikmet Canbolat, der den Lysander spielte, ist damit gemeint. Im Stück muss er Helena umarmen, anschmachten und zärtlich streicheln. Lysander liebt Helena. Aber Hikmet liebte die Darstellerin der Helena gar nicht. "Ich hab' lange gebraucht, um das Mädchen bei den Proben zu umarmen", sagt er. "Aber irgendwann konnte ich nicht mehr sagen, ich mach' das nicht."

Wie lange hat er sich gesträubt? "Fast ein halbes Jahr hab' ich's durchgehalten." -

Der Leonardo-da-Vinci-Campus im brandenburgischen Nauen beherbergt zwei Schulen: eine Ganztagsgrundschule mit zurzeit 264 Schülern und ein Ganztagsgymnasium mit 353 Schülern. Ein Teil der Schüler wohnt auf dem Campus-Internat in kleinen Wohngemeinschaften. www.davinci-campus.de


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