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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können

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Kontrollierte Energie

Längst im Rentenalter und 15 Jahre nach ihrem letzten Bühnenauftritt als umjubelte Violetta in Verdis "La Traviata" an der Breslauer Oper hat die amerikanische Sopranistin Julie Griffeth noch einmal gezeigt, was sie kann.

- Die Ankündigung ist bescheiden. Auf einem blassrosa Zettel hinter Schaufensterscheiben annonciert Julie Griffeth einen "etwas anderen Liederabend", begleitet von der russischen Pianistin Irina Matjakin. Tatort: der Rathaussaal des mecklenburgischen Städtchens Wittenburg, einst letzte DDR-Ausfahrt an der A24 Richtung Hamburg.

Aufregung und eine leise Beklommenheit unter den etwa 60 musikinteressierten Kleinstädtern, die sich im hohen, hellen Saal fast flüsternd unterhalten. Das Programm: Mozart und Mahler, Schubert und Strauß, Berlioz und Brahms - nichts, was einfach wäre. Kann das gut gehen?

Wie oft waren andere alternde Operndiven zu hören, deren eindrucksvolles Scheppern nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass die menschliche Stimme, wenn Kraft und Konzentration nachlassen, ein Instrument auf Zeit ist.

Die ersten Takte wischen alle Zweifel beiseite. Klar, kraftvoll und jung klingt diese Stimme, geschmeidig auch und offenbar ohne jedes Problem, selbst Schwierigstes zu meistern. Es ist, als ob ein langjähriges Verstummen die Stimme konserviert hätte. Hier klingt nichts forciert oder gar ältlich. Das ist berührend, und Rührung kommt auf: Diese Frau singt auch gegen die Zeit und gegen das Vergessen an.

Zum Abschluss leistet sich Julie Griffeth noch ein Bravourstück: Sie singt aus Verdis "Don Carlos" die Arie der Eboli, Mezzosopran, hochdramatisch, mit lyrischem Zwischenteil. Energie wird fühlbar, die Gewalt der Stimme lässt die Wände vibrieren. Große Oper im kleinen Rathaussaal. "Bravo! ", rufen die Wittenburger. Wie kann die das können?

Üben, sagt Julie Griffeth lakonisch. "Können ist das Produkt von Talent und Fleiß."

Das Leben, sagt sie, habe sie "in die mecklenburgische Steppe" zwischen Hagenow und Ludwigslust gespült. Sie hat die Hälfte eines schönen alten Backsteinhauses gemietet und lebt dort mit dem Labrador Spirit und ihrem Flügel, an dem sie "größere Teile des Tages" verbringt. Vor allem in diesem Jahr.

Die Umzugskisten waren noch nicht ganz ausgepackt, als die Sängerin im Frühjahr beschloss, nach gut zehn Jahren des Verstummens einen Liederabend zu erarbeiten und im Herbst - wenn sie denn ihren eigenen Ansprüchen genüge - damit aufzutreten.

Vier Monate lang hat sie täglich trainiert, "um Körper und Seele" für diesen Auftritt vorzubereiten. "Man muss wie ein Sportler sein", sagt Julie Griffeth. "Wenn Boris Becker wieder öffentlich auftritt, selbst im Schaukampf, dann muss er bei allem Talent vorher richtig trainieren, damit sein Muskelgedächtnis wieder funktioniert und das früher Gelernte wirksam werden kann."

Täglich üben und sich schinden, das hat sie früh gelernt. Als Kind einer "Upper middle-class-family" in Atlanta (Georgia) geboren, startete Julie sechsjährig mit Ballettunterricht, wurde mit 13 Mitglied des Corps de Ballet der Atlanta Ballet Company und tanzte dort zehn Jahre lang. Gern, wie sie beteuert: "Es war manchmal hart, aber ich habe es immer mit Lust gemacht. Ich habe dort alles über Disziplin gelernt."

Das war nützlich, als sie - schon 25 Jahre alt - mit dem Gesangsstudium begann. Ihre Mutter war Sängerin gewesen, "mit einer wunderschönen Stimme", wie die Tochter sich gern erinnert. "Sie starb, als ich 26 war. Vielleicht hatte ich das Gefühl, ein Erbe zu verwalten."

Das machte sie auffällig gut. Nach drei Jahren Unterricht erhielt die hoffnungsvolle Sopranistin ein Stipendium der Mozart Society aus Atlanta für weitergehende Studien am Salzburger Mozarteum. Aus der Südstaatlerin wurde eine Mitteleuropäerin mit Wohnort Deutschland. Das Abschlusskonzert am Mozarteum brachte ihr den ersten Vertrag am renommierten Musiktheater im Revier von Gelsenkirchen.

Dort gab sie ihren Einstand mit ihrer wohl erfolgreichsten Opernrolle, der Violetta in "La Traviata", die sie danach in ganz Europa gesungen hat. An diese Premiere erinnert sich Julie Griffeth besonders gern. "Es war ein guter Start. Ich trug den Bühnenschmuck, den schon meine Mutter als Violetta getragen hatte." Ihr Alfredo war "ein wunderschöner Tenor, der auch noch singen konnte - es war ein Abend von höchster Intensität. Das Publikum hat getobt, und wir waren wie betrunken glücklich. Das passiert nicht oft. Aber wenn es passiert, ist es göttlich."

Wenn die Sängerin über ihr Metier spricht, tut sie das gleichermaßen sachlich wie pathetisch. Das Handwerkliche, klar, ist die Voraussetzung aller Kunstbemühung. "Man braucht Technik, um über die nicht so guten Tage zu kommen. Durch Technik kannst du mit vollem Bewusstsein ein bestimmtes Risiko eingehen."

Dass Perfektion nicht alles, nur die unbedingte Voraussetzung beim Singen ist, macht sie an der Primadonna assoluta Maria Callas deutlich, deren "kontrollierte Explosionen" sie einst in Dallas bei einer "Medea"-Aufführung erleben durfte. "Wenn du nicht brutal mit deiner Stimme umgehst, kannst du auch nicht schön singen." Das hat sie am eigenen Leib erfahren.

Und dann kommt ein Satz, der zweimal gelesen sein will, weil so viel Erfahrung in ihm steckt. "Eine gute Technik ist die Veredelung eines Urschreis, der aus der Mitte des Körpers und des Wesens kommt. Und wenn du richtig singst, sagt dein Körper Ja."

Weshalb eigentlich hat diese Sängerin sich schon so früh von der Opernbühne verabschiedet?

"Als ich 50 war, starb mein Agent. Von da an war ich ein Auslaufmodell. In dieser Branche investiert kein Mensch in einen Sänger, der vielleicht noch ein paar gute Jahre hat. Ich war sehr gut, aber ich war kein Weltstar. Heute kriegst du sogar nach 30 nicht mal mehr ein Vorsingen. Ich hab' mit 32 das erste Engagement gehabt, das wäre in dieser hastigen Zeit kaum noch möglich." Das gilt für den gesamten Musikbetrieb?

" Ja, leider, man bekommt heute keine Zeit mehr zu reifen. Es gibt natürlich auch heute sehr gute Sänger, aber der Weg zum Star-Status ist zu kurz. Man braucht Lebenserfahrung auf diesem Weg. Man muss Fehler machen dürfen. Es ist nicht gut, zu schnell am Ziel zu sein. Wenn du zu schnell groß geworden bist, fehlt dir die innere Entwicklung. Du musst doch erst verarbeiten, was du siehst und erfährst."

Das Wunderbare an der Kunst, findet Julie Griffeth, ist die Möglichkeit, sich immer weiter zu entwickeln. Bis ins hohe Alter. Sie erinnert an den Pianisten Arthur Rubinstein, der noch in seinen neunziger Jahren nicht müde wurde, neue Fingertechniken zu probieren. "Bei heutigen Klavierspielern, die früh Welterfolge feiern", findet sie, "bleibt das Können oft eingefroren auf dem Wunderkind-Status."

Nur Spott hat sie übrig für das, was sie "Arena-Kultur" nennt. "Man kann nicht die Masse befriedigen und gleichzeitig sehr gut sein." Dann lieber der Rathaussaal von Wittenburg?

"Unbedingt", sagt Julie Griffeth, "auch an diesem bescheidenen Ort musst du in wahrer Münze zahlen. Ich verwalte eine gottgegebene Stimme. Wenn du auf die Bühne trittst und ein Ereignis sein musst, weil dein Name der Name der Oper ist, musst du ein weißes Licht in dir haben. Ich kann das nicht beschreiben, aber es ist so. Du darfst dich nicht so wichtig nehmen. Durch dein Ego (sie sagt Egoisierung) wird Energie gekappt, die du brauchst, damit etwas gelingt." -


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