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brand eins 11/2007 - KULTUR-KOLUMNE

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Die Erleuchtung ist überschätzt

Denn Spiritualität ist vor allem Arbeit.

Ein kurzer Bericht vom Waldzell-Meeting 2007.

- Gott ist überall, in den Bäumen, den Räumen, den Menschen, der Luft - und so wird er meist übersehen. Deshalb ist es gut, wenn er von einem seltenen Superstar wie dem Dalai Lama vertreten wird. Dem hört man zumindest zu, wenn er auf einer Bühne auf die Frage, wie man mit den Schwierigkeiten des Lebens umgehen soll, kichernd antwortet: "Ich denke, wenn es eine Lösung gibt, muss man etwas tun, um die Lösung zu finden. Und wenn es keine Lösung gibt, muss man sich mit dem Problem abfinden."

Neben dem fidelen Mönch sitzen Rabbi David Rosen, Präsident des Internationalen jüdischen Komitees für interreligiöse Beratung, der orthodoxe Erzbischof Philip von Poltava aus der Ukraine und der Islamgelehrte Ahmed Mohammad El-Tayyib, Rektor der Al-Azhar-Universität in Kairo, der ältesten Universität der Welt. Die vier Herren unterhalten sich außerordentlich harmonisch über "Religionen, persönliche Werte und Spiritualität", sie sprechen von Glaube, Liebe und Mitgefühl. Und es wäre einfach, ihre Aussagen als eine gelungene Aufführung der Greatest Hits der Weltreligionen zu sehen - doch es wäre vollkommen falsch.

So wie es auch falsch wäre, das Wald-zell-Meeting, das Mitte September 2007 zum vierten Mal in einem wunderschönen Benedektiner-Stift im österreichischen Melk stattfand, als eine flotte Dienstleistung zwischen esoterischem New Age und Wirtschaft zu betrachten - auch wenn es das einerseits ist: Das Treffen religiöser Führer, von Künstlern wie dem Architekten Frank Gehry und der Schriftstellerin Isabel Allende, Wissenschaftlern wie dem britischen Nobelpreisträger für Medizin Paul Nurse und führenden Managern der globalen Wirtschaft ist eine dieser kleinen Sinnstiftungen to go, wie sie die verwirrte Business Class zurzeit liebt. Aber diese Sichtweise funktioniert nur, solange man die dreitägige Veranstaltung von Weitem betrachtet. Von Nahem stellt man fest: Hier treffen sich rund 150 Menschen, die fast alle tun, was sie erfreut, belebt, beseelt. Und damit ist Waldzell ein Fokus echter Spiritualität.

Spiritualität gilt meist als Synonym von Vergeistigung und wird in der Regel mit esoterischen Praktiken in Verbindung gebracht, wenn nicht gar der Erleuchtung, einem Zustand, von dem es heißt, dass es ihn gibt. Wer spirituell sagt, meint häufig: nicht von dieser Welt. In den fortschrittlichen Teilen der Wirtschaft wird inzwischen allerdings vermutet, Spiritualität sei gut fürs Geschäft, und so versuchen sich Jungmanager zwischen Meetings auch mal an einer Fünf-Minuten-Meditation oder lesen in der Lounge Hermann Hesse. Nur steht dahinter leider ein fatales Missverständnis: Spiritualität und die ihr zugesprochenen Attribute wie Einsicht, Gelassenheit oder die Kraft der Ruhe sind keine zu erlernenden Fähigkeiten, die das Leben verändern und die Quartalsberichte polieren können - sondern die Folge einer sinnvollen Lebensführung.

Am deutlichsten sieht man das in Melk an William Strickland, der am Schluss der drei Tage sagt: "Ich habe hier verstanden, dass ich für meine Aufgabe auserwählt worden bin." Der Amerikaner ist von klassischer Esoterik allerdings weit entfernt: In seinem Anzug sieht er eher aus wie ein Busfahrer auf der Hochzeit seiner Tochter. Strickland wuchs in einem Slum von Pittsburgh auf, wo er in einem Keramikkurs an seiner Schule eine simple Einsicht hatte: Hier ist es besser als auf der Straße.

Später gab er selbst solche Kurse für Kids aus der Nachbarschaft, bis er schließlich 1987 vier Blocks von seiner ehemaligen Schule entfernt das Manchester Craftsmen's Guild gründete, ein Zentrum zur kreativen Ausbildung von Jugendlichen aus dem Slum. Das Zentrum war enorm erfolgreich, und so gibt es inzwischen drei weitere Zentren in Cincinnati, Grand Rapids und San Francisco - das Ziel sind 200 Zentren weltweit. Bill Strickland sagt: "Im nächsten Leben können wir uns ausruhen, aber in diesem Leben müssen wir arbeiten."

Nicht der Dalai Lama, sondern dieser wuchtige Macher ist der spirituelle Koloss von Waldzell. Strickland sagt, dass Menschen, die mit ihren Händen kreativ sind, auch ihre Zukunft kreativ gestalten können, und erzählt, wie man einen dunklen Ort in einen hellen Ort verwandelt: mit Licht, Jazz, Blumen und Essen. Eines Tages, sagt er, kam Dizzy Gillespie zu ihm, den er um Geld für sein Zentrum anhaute. Doch der legendäre Jazzer schenkte ihm lieber Musik, und so startete Strickland ein erfolgreiches Jazz-Label. Zwischendurch arbeitete der 50-Jährige auch als Pilot für eine Fluglinie, weil "ich wissen wollte, dass ich in einem normalen Rahmen funktionieren kann. Ich wollte das Gefühl haben, dass ich den Armen nicht helfe, weil ich nichts anderes kann, also weil ich muss, sondern weil ich es will."

Aber selbst dieser Amerikaner ist beeindruckt von den Architects of the Future, jungen Leuten aus aller Welt, die auf dem Kongress ihre Initiativen in 90-Sekunden-Präsentationen vorstellen: Ridwan Gustiana kümmert sich in Indonesien um Waisenkinder, Ruth DeGolia leitet eine Fair-Trade-Organisation in den USA und Guatemala, die Israelin Sari Bashi kämpft für die Reisefreiheit von Palästinensern. Elf junge Gründer stehen an den drei Tagen auf der Bühne und sind nervös, auch wenn vor allem bei den Amerikanern der Auftritt etwas zu professionell wirkt, als hätten sie zu viel CNN geguckt. Aber alle strahlen, wenn es um ihre Arbeit geht, und wenn man mit ihnen redet, sieht man in gute Gesichter. Praxis macht schön.

Das ist Waldzell, doch das ist nur die Oberfläche. Darunter sprechen 150 Menschen über Gott und die Welt, und zwar im Wortsinn, ohne Zynismus oder Ironie, stattdessen fröhlich und entspannt. Sie lassen einander ausreden und interessieren sich für die Ansichten der anderen, sie reden ebenso selbstverständlich über ihre Gefühle wie über ihre Budgets, und Hilfe ist für sie kein Almosen, sondern Alltag. Vielleicht funktioniert das alles so gut, weil hier jeder mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet ist, das keine Bestätigung braucht und nicht Recht behalten muss, weil es auf etwas sehr Stabilem basiert: einer sinnvollen Tätigkeit.

Auf der Schlussveranstaltung sprechen die Vortragenden von ihren Wünschen für die Zukunft. Frank Gehry spricht vom "Widerspruch mit Mitgefühl", Erzbischof Philip sieht das "Licht und Gott in den Augen des anderen". Den größten Applaus bekommt der Islamgelehrte Ahmed Mohammad El-Tayyib, als er die Kriege auflistet, die er in seiner Heimat Ägypten seit seiner Geburt 1946 erlebt hat, und danach dem Westen "inneren Frieden" wünscht. Man kann all das für Klischees halten, so wie man Spiritualität als abgehoben übersetzen mag. Nur bedeuten diese Worte hier tatsächlich etwas, weil sie der Lebensrealität der Anwesenden entsprechen. Und während sich draußen die Bäume der Sonne entgegenrecken, wie sie es immer tun, ist für einen Moment alles gut, denn überall ist Wahrheit. -


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