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brand eins 11/2007 - Editorial
Der zweite Blick
- Es gibt Fragen, auf die einem so viele Antworten einfallen, dass man erst einmal hilflos verstummt. "Was ist Können?" ist so eine Frage.
Natürlich weiß man das. Vor dem geistigen Auge erscheinen ganze Galerien von Menschen, die als Könner einzustufen sind. Doch bis zur griffigen Formel hat es in der Redaktionskonferenz eine Zeit gedauert: "Können ist Wissen plus Training plus Individualität." Womit auch klar war, dass der gern gebrauchte Begriff der Wissensgesellschaft eigentlich am Ziel vorbeischießt: Wissen ist nur der Humus, auf dem Können gedeihen kann. Aber nicht muss.
Dass die Könner nicht gerade eine Massenbewegung sind, hat viele Gründe. Mal fehlt es am Wissen, mal am Training, oft an der Ausprägung der Individualität. Vor allem aber sind Könner diejenigen, die den Unterschied machen. Und das wird in einer auf Gleichheit und einem kruden Begriff von Gerechtigkeit bauenden Gesellschaft nicht gern gesehen (S. 52).
Einen schönen Beleg dafür liefert ausgerechnet das Arbeitsrecht, das die Kündigung wegen Fehlverhaltens erlaubt - schlechte Leistungen allerdings gehören nicht dazu. Wer nichts kann, sitzt sicherer im Sattel als einer, der raucht, kränkelt oder den Arbeitsbeginn verpasst. Umgekehrt darf der Könner nicht hoffen, dass die Arbeitschancen mit zunehmender Verfeinerung seiner Fähigkeiten steigen: So ist zu erklären, dass zwar einerseits alle über den Fachkräftemangel klagen - und andererseits die langen Schlangen aus älteren arbeitsuchenden Spezialisten übersehen (S. 84, 104).
Aber ist es nicht auch schwer, Können zu messen? Personalchefs jedenfalls haben damit ihre liebe Not. Immer noch verlassen sie sich lieber auf die Papierform und auf Auswahlverfahren, deren Systematik von jedem Mittelbegabten leicht auszumachen ist. Die Alternative ist, zugegeben, einigermaßen mühsam. Sie hat mit eigenem Können zu tun, mit langfristiger Beobachtung und Mut (S. 76). Und auch damit, Können zu erkennen. Was ein wenig aus dem Blickfeld geraten zu sein scheint.
Wer Könner sucht, denkt vielleicht an Nobelpreisträger, vielleicht auch an die seltsamen Kunstfertigkeiten bei "Wetten, dass ...?" (S. 149). Aber denkt er an OP-Schwestern, Bäcker, Metzger, Fahrlehrer oder gar Brummi-Fahrer (S. 122, 66, 90, 150, 126)? Dabei ist in all diesen Berufen Wissen gefragt, Training notwendig. Und auch in diesen Berufen entscheidet der Einzelne, was er daraus macht. Wer erst einmal seinen Blick geschärft hat, entdeckt die Könner schnell. Der Blick auf Gehaltslisten führt übrigens nicht sehr weit (S. 116).
Eher schon der Blick in Gesichter. Denn ein Könner wird nur, wer liebt, was er tut - und das kann man sehen und hören. Bei Julie Griffeth zum Beispiel, jener Sopranistin, die 15 Jahre nach ihrem letzten Bühnenauftritt noch einmal die Stimme erhob (S. 112). Bei den Instrumentenbauern von Markneukirchen, deren Stolz auf die jahrhundertealte Tradition auch von DDR-Funktionären nicht zu brechen war (S. 96). Oder bei jenen Amateuren, die sich neben einem fordernden Beruf ein Hobby leisten, das ihnen Ausgleich und Energiequelle ist, aber ebenso eine Chance, die Individualität zu stärken, was sie in ihrem eigentlichen Beruf besser macht (S. 142).
Vermutlich brauchen wahre Könner die Anerkennung durch Geld und Ruhm gar nicht so sehr. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, sie ihnen zu versagen. -
Gabriele Fischer, Chefredakteurin
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