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brand eins 11/2007 - SCHWERPUNKT: Können
Der Anatom der Karte
Der Schweizer Markus Studer war viele Jahre lang ein routinierter Herzchirurg. Als er merkte, dass er seinen Zenit erreicht hatte, wollte er ein sehr guter Lkw-Fahrer werden.
- Dr. med. Markus Studer, der vor 33 Jahren über die Spätresultate operativ versorgter Beckenfrakturen promovierte und sich danach an Tausenden Herzen zu schaffen machte, zieht nur noch einmal täglich etwas an, das an den Operationssaal erinnert. Wenn er abends den Vorhang in seiner 460 PS starken Mercedes-Zugmaschine zugezogen hat und an der Decke blaue Lämpchen wie ein gemütlicher Sternenhimmel glimmen, schlüpft er in eine bequeme grüne Hose mit Bändel zum Schnüren und in ein grünes Hemdchen, wie sie den Patienten angezogen werden, bevor sie auf den OP-Tisch kommen. Dann klappt er das Bett hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz nach unten und legt sich schlafen.
Der Chirurg Markus Studer hat in 4000 geöffnete Brustkörbe hineingeschnitten, Herzen freigelegt, sie mit Klappen und Bypässen versehen, 6000 Mal hat er assistiert. Er arbeitete in den USA, war Oberarzt an der Universitätsklinik in Zürich und leitender Partner des privaten Zürcher Herzzentrums Hirslanden.
Nun pumpt ihn der Disponent wie ein Blutkörperchen durch das Straßennetz, wenn Studer, heute 61 Jahre alt, als Subunternehmer Speiseöl, Fruchtsaftkonzentrat und Kakaomasse zwischen Zürich, Hamburg, Rotterdam, Luxemburg und gelegentlich Valencia transportiert. Bis zu 40 Tonnen auf zwölf Rädern. Manchmal muss Studer mit einem gewaltigen Schraubenschlüssel an Schläuchen rütteln, damit Pumpen seinen Tanklastzug füllen und löschen. Dann klettert er wieder auf seinen hydraulisch verstellbaren Thron, auf Augenhöhe 2,80 Meter über der Straße. Als es zu regnen beginnt, ruft er: "Haben wir den verdient?" Natürlich nicht. "Nein! ", ruft Studer, strahlt und sagt noch einmal, wie herrlich das doch alles sei, die Straße, die Täler, die Höh'n, fallera.
Niemals käme Markus Studer auf die Idee, seinen Doktortitel zu seinem Namen auf die Brusttasche des blauen Fahrer-Poloshirts sticken zu lassen oder sich gar als Arzt vorzustellen. Er sagt: "Ich wäre unglücklich, wenn ich nicht fahren würde. Ich bin jetzt Lkw-Fahrer. Nichts anderes." Das sagt er manchmal fröhlich und manchmal auch ein bisschen verärgert, weil irritierte Nachfragen bisweilen so klingen, als ob sich der Lkw-Fahrer vor dem Chirurgen verstecken müsste. Als sei das etwas Unanständiges, Lkw zu fahren, und als sei es, Markus Studer streckt nun die Hände zum Himmel, etwas Übernatürliches, Herzchirurg zu sein. Das kann er nicht verstehen: "Wenn das Transportgewerbe steht, dann stockt der Wirtschaftsmotor. Heute läuft doch alles just in time", sagt er in einem Ton, der trotz des lustigen Gurrens, das in der Natur des Schwyzerdütschen Akzents liegt, stolz und bestimmt klingt. Nein, dass es Menschen gibt, die schlecht über Lkw-Fahrer denken, das kränke seine Trucker-Ehre. Dann weist er durch seine Panoramascheibe im Minutentakt auf Täler, Brücken, Weinberge, auf diese schöne Landschaft und die Sonne, die sich nur leider gerade hinter den Wolken verstecke.
Ein guter Fahrer sieht Staus voraus und gibt von seiner Schokolade ab
Nach zwei Tagen mit Markus Studer in seinem roten Mercedes Actros fängt man an, sich mit ihm gemeinsam über die Strategien mancher Fahrer zu wundern, sich zu fragen, ob der vor einem tatsächlich so weit vorausschaut, wie Markus Studer das von einem guten Lkw-Fahrer erwartet, ob er die kinetische Energie auch richtig nutzt und nicht an einer roten Ampel zum Stehen kommt. Schließlich sollte ein guter Fahrer immer die Grünphase erwischen. Studer ärgert sich, wenn er aus dem Stand anfahren, 40 Tonnen Lkw und Ladung wieder in Bewegung setzen muss. Das verheizt unnötig ein oder zwei Liter Diesel, bis das Führerhaus wieder wie ein großer roter Wackeldackel gleichmäßig über die Straße wippt.
Am Abend auf einem Rasthof bei Mannheim hat Studer in einem Fastfood-Restaurant Salat mit Putenstreifen bestellt. Er isst langsam und erklärt, warum er mit dem Operieren aufgehört hat. Er sagt: "Die Erfahrung entwickelt sich so", und zeichnet mit der Hand einen schrägen Strich in die Luft, von links unten nach rechts oben. "Die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit entwickelt sich aber so", sagt er dann und zeichnet einen Bogen von links unten nach rechts, der erst ansteigt und dann abfällt. "Wo sich die beiden Linien kreuzen, sollte man aufhören." Über seine Zeit als Chirurg spricht Studer nicht so gern wie über seine neue Berufung, über Landschaften oder den fantastisch eingebauten, weil zwischen den Sitzen versenkbaren Kühlschrank in seiner Zugmaschine - auf dem breitet er morgens für das Frühstück ein kleines rotes Deckchen aus, mit weißen Schweizer Kreuzen an der Seite. Die technischen Daten seines Lkw hat er neben einem Foto des Gefährts auf seiner Homepage in einer Tabelle eingetragen, wie eine große Quartettkarte sieht das aus.
Bei der Chirurgie sei die maximale Konzentration auf einen kleinen Ausschnitt des menschlichen Körpers maßgeblich gewesen und die entscheidende Stunde, in der er meist direkt am Herzen zu arbeiten hatte, bis es wieder anfing zu pumpen. Ein immer wieder faszinierender Moment, sagt Studer. "Da ist Konzentration neben dem Wissen entscheidend. Bei der Gallenblase ist es nicht so schlimm, wenn Sie nicht ganz perfekt sind. Beim Herz hat das Konsequenzen für das Leben, dessen Länge und Qualität."
Den guten Lkw-Fahrer indes zeichne aus, dass er nach vorne schaue, das Ganze im Blick habe und dass er auch mal an einem "Langweiler", der nur 85 statt der üblichen 89 km/h fahre, vorbeikomme. Studer hat zwei DIN-A-4-Ordner angelegt, in denen er Streckeneigenschaften und Abfertigungsmodalitäten an Grenzen und Fabriken notiert hat. "Kleine Geschenke fördern die Effizienz beim Abladen", sagt er. Studer hat immer Schokolade dabei, von der er gern abgibt. "Ich bemühe mich auch, nicht in einen Stau zu fahren. Das ist für mich eine persönliche Niederlage." Außerdem sei es wichtig, einen Blick zu haben für Überholverbote und, falls es diese gebe, für den richtigen Moment, dennoch zu überholen - dann empfiehlt sich der Blick auf Abfahrten, Brücken und in den Rückspiegel, um nicht erwischt zu werden.
Alles rein theoretisch natürlich. Studer hat in viereinhalb Jahren, die er nun als Lkw-Fahrer arbeitet, erst einmal ein Knöllchen bekommen in Deutschland. Er fuhr zu dicht auf. 70 Euro hat das gekostet. Er schrieb gleich an das entsprechende Amt. Nicht um sich zu beschweren. Er wollte lernen, was er anders machen muss, und freut sich heute noch wie ein Kind über das persönliche Antwortschreiben. Es gibt einige solcher Geschichten, die Markus Studer unterwegs erzählt und bei denen man dann Pointen erwartet, die auf eine böse Werkstatt, auf böse Ämter und böse Polizisten hinauslaufen. Doch all diese Geschichten gehen gut aus. Und jedes Mal freut es ihn, dass es so nette Menschen gibt. Offenbar ist es wichtig in diesem Beruf, mit Menschen umgehen zu können, sich Zeit für sie zu nehmen, mit französischen und italienischen Polizisten in deren Sprachen zu sprechen.
Mit Wasserflasche und Zahnbürste in die Natur
Markus Studer konnte sich nicht vorstellen, nach seinem Abschied aus der Klinik nicht mehr zu arbeiten. "Man muss doch eine Aufgabe haben", sagt er. "Für mich musste es etwas sein, das meine Leidenschaft für Reisen und Technik befriedigt."
Wichtige Dinge hat er von Kollegen gelernt. "Obwohl wir doch eigentlich Konkurrenten sind! Unter Ärzten gibt es das weniger", sagt er. Ein guter Lkw-Fahrer muss wissen, wie er Ruhe findet in diesen verqueren Rhythmen aus Einladen, Ausladen und Ruhezeiten. Er darf nur neun Stunden am Tag fahren, nie mehr als viereinhalb Stunden am Stück, und eine neunstündige Pause ist ebenfalls vorgeschrieben. Da kann schon die richtige Parkstellung wichtig sein, ob man durchschläft und ausgeruht ist oder nicht. Studer parkt seinen Schlepper an Autobahnraststätten möglichst so, dass andere Lkw zwischen ihm und der Autobahn stehen, nicht an Auffahrten, und immer so, dass er mit dem Kopf nicht nach unten liegt. "Viele Fahrer schlafen nicht, sie haben Schlafstörungen. Pathologische Schnarcher haben eine sechs- bis siebenmal höhere Unfallwahrscheinlichkeit", sagt Studer. Manchmal pausiert er auch irgendwo auf Feldwegen an schönen Orten. Hinten auf den Laster hat er ein Fahrrad montiert, über den Sattel eine Tüte gegen den Regen gezogen. In Pausen holt er es runter und erkundet die Gegend, oder er setzt sich auf einen Klappstuhl und liest. Oder er fragt sich: "Soll ich 85 km/h fahren? Oder doch 89?" Langsamer zu fahren bedeutet: zehn Prozent weniger Spritverbrauch. Fährt er schneller, schafft er mehr Touren.
Die Medizin beschäftigt Markus Studer nur noch, wenn er vor seinen neuen Kollegen Vorträge zum Sekundenschlaf hält. Manchmal sei eine halbe Stunde Schlaf schon genug, um wieder wach zu sein, sagt er. In seinem Lkw sondert ein Gerät einen schnarrenden Ton ab, wenn er die Fahrbahnmarkierungen schneidet. Ein Abstandsmesser hält ihn von vor ihm fahrenden Kollegen fern.
Während Studer das erzählt, es ist später Abend, rollt ein Lkw nach dem anderen auf den Rastplatz, viele aus Osteuropa. Die Solidarität unter den Spediteuren sei nicht so gut wie unter den Fahrern, sagt Studer, weshalb sie sich gegenseitig unterböten. Viele ließen zu Löhnen fahren, von denen kaum einer leben könne; die hohen Spritpreise machten es mit der unlauteren Konkurrenz noch schwieriger. Studer fährt jede Woche fünf Tage. Er sagt: "Wenn man das macht, muss man das auch richtig machen." Aber er sagt auch: "Es ist schon ein Privileg, neu anfangen zu können." Schließlich musste er nicht, er hat genug verdient in seinem ersten Leben. Er müsste nicht abends mit der Wasserflasche im Gebüsch hantieren, um Zähne zu putzen, wenn es so kalt ist, dass es gefriert. Studer tut es aber gerade deshalb: weil es doch so ein schönes Gefühl ist, so nah an der Natur.
Nun kann er am Wochenende mit seiner Frau, die er vor 33 Jahren geheiratet hat - die drei Kinder sind schon aus dem Haus -, spazieren gehen. Und muss nicht mehr wie früher, als es nur den Pieper und kein Handy gab, bei Ausflügen auf möglichst nahe Telefonzellen achten.
Damit er während seiner Fahrten nicht immer allein ist, hat Studer einen Lkw mit großem Führerhaus gekauft. So kann er Gäste mitnehmen, ehemalige Fernfahrer, einen Lehrer, einen Polizisten, Leute, die gern Ferien auf dem Lkw machen wollen, wie Studer das nennt. Sie bekommen das zweite Bett, und er nimmt sie mit in die Welt, in der morgens kleine Gabelstapler zwischen Lagerhallen hin- und hersausen, damit Studers Kollegen die Paletten mit den Säften abholen, die später in den Geschäften stehen. Und dann lassen sich seine Gäste mit Markus Studer, dem Anatom der Karte, durch das Straßennetz pumpen.-
