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brand eins 07/2005 - WAS MENSCHEN BEWEGT

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Mr. Karaoke

Daisuke Inoue hat das Playback-Singen für alle erfunden. Das war sein großer Moment.

Dann hat er das Patent vergessen.

Mit der Kakerlakenvernichtungsmaschine war das so: Er, Daisuke Inoue, hatte erkannt, dass die Viecher Barbesitzern das Geschäft versauen und die viel Geld für eine Lösung des Problems zahlen würden. Also erfand er einen matt glänzenden Alu-Kasten im Format eines kleinen Heizkörpers, der nach Feierabend ein Insektizid in die Bar stäubt. Bis die Gäste am nächsten Tag wiederkommen, hat sich das Gift längst zersetzt. Daisuke Inoue hat mit der Erfindung gut verdient. 30 Millionen Yen im Jahr, umgerechnet etwa 220 600 Euro. Aber warum redet er dauernd von Kakerlaken? Es geht doch um Karaoke.

Karaoke, zu Deutsch leeres Orchester, ist das liebste Hobby der Asiaten und die effektivste Lockerungsübung vor Geschäftsabschlüssen zwischen den ansonsten etwas steifen Japanern, Koreanern und Chinesen. Karaoke ist überall: in Clubs der High Society, in der Dschungelbar auf Mindanao, auf den Etagen der Vergnügungstempel von Taipeh, Jakarta oder Schanghai. Selbst im Katalog von Tchibo gibt es eine Karaoke-Maschine für 69,90 Euro. Alles nur wegen Daisuke Inoue.

Denn er war es, der den Playback-Gesang für jedermann erfunden hat. Aber erst eine Sonderausgabe des "Time Magazine", das die "hundert einflussreichsten Asiaten des 20. Jahrhunderts" vorstellte, öffnete ihm die Augen. Er wird in dem Heft in einem Atem mit historischen Figuren wie Ghandi, Mao Tse-tung und Ho Chi Minh genannt. Der 64-Jährige sieht tatsächlich ein bisschen wie Ho Chi Minh aus: Er hat ein hageres Gesicht und ein spitzes Kinnbärtchen, seine Haare sind streng nach hinten gekämmt und zu einem kleinen Zopf gebunden. Sein Outfit übertrifft das von Mao und Ghandi allerdings deutlich: Daisuke Inoue trägt einen blauen Blazer zu Jeans und Wildlederschuhe von Nike, dazu eine Krawatte. Ihm geht es auch nicht um eine große Idee, sondern um Geld.

"Sechs Milliarden Euro werden in Asien pro Jahr mit Karaoke umgesetzt, weltweit fast 20 Milliarden Euro", rechnet Inoue vor. Er hat Sinn für Zahlen. Jeden zweiten Satz belegt er damit. Dennoch ist seine Rechnung nicht aufgegangen, weil er etwas Entscheidendes vergessen hat: das Patent auf seine Erfindung.

Durch eine Sperrholztür betritt man sein Büro. Graue Linoleumfliesen, ein abgewetztes grünes Sofa, ein Schreibtisch, auf dem nur wenige Akten liegen. Und eine Art Teekanne: "Agua Trio", seine neueste Erfindung. Sie mischt vier Stunden lang Wasser mit Soda zu einer Seife, die keine allergische Reaktion erzeugt (pH-Wert: 10). Seine Frau und seine Tochter litten darunter und ... Nein, mit Karaoke habe das nichts zu tun, sagt er und grinst. Immer locker bleiben, auch wenn es peinlich wird. "Von Agua Trio lebe ich heute." Sieben Angestellte beschäftigt seine Firma, die in einem Vorort von Osaka zwischen U-Bahn- und Autobahnbrücken eingekeilt ist. "Langsam läuft das Geschäft an." An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein lebensgroßes Bild seines Golden Retrievers Ricky. "Der hat mich ins Leben zurückgeholt", sagt Inoue. Als er vor zwölf Jahren endgültig aus dem Karaoke-Geschäft ausgeschieden war, wurde er so depressiv, dass er drei Monate in der Psychiatrie war. "Ich hatte zwar gut verdient", versichert er und lächelt - immer locker bleiben - "es war bloß diese Leere ohne Ziel." Aber nachdem er Ricky von einem Freund geschenkt bekam, wurde er innerhalb einer Woche wieder gesund.

Seine Visitenkarte ziert der Schäferhund Ben. Neun Hunde verpflegt er mittlerweile, vom Chihuahua bis zum Labrador. Alle aus dem Tierheim. "Als Nächstes erfinde ich ein Netzwerk, das alten Menschen Hunde vermittelt und ihnen den richtigen Umgang mit ihnen beibringt." Jetzt grinst er nicht. Er meint es ernst. Sogar eine Kreditkarte mit Hundebild gehört zu seinem Projekt.

Am Anfang stand eine kleine Bastelei: ein Mikro, ein Kassettenrekorder, ein Gitarrenverstärker Geld will er damit nicht verdienen. Seinem Geschäftsinstinkt vertraut er schon lange nicht mehr. "Immer wenn ich etwas erfinde, kommen andere und machen es besser." Aber: Wer wäre schon damals darauf gekommen, dass man ein Patent auf ein Gerät anmelden kann, das einfach nur drei bekannte Erfindungen kombiniert, so wie er es mit der Karaoke-Maschine hätte tun können und sollen?

Daisuke Inoue spielte damals, vor mehr als 30 Jahren, Schlagzeug in einer Band in Kobe, die japanische Geschäftsleute zu Folk-Songs begleitete, eine halbe Stunde für 2000 Yen. "Ich war der schlechteste der 108 Musiker in Kobe", also wurde er Schlagzeuger, "weil der am besten in der Band aussieht und am wenigsten üben muss". Sie spielten im " Baron", einer Bude, die amerikanische Soldaten nach ihrem Abzug zurückgelassen hatten. Der Chef eines Stahlwerks wollte seine Kunden auch auf Reisen unterhalten und bat die Gruppe, ihn zu begleiten. Doch die Musiker wollten ihren Job im Baron nicht vernachlässigen, und so nahmen sie Frank Nagais " Leaving Haneda Airport on a 7:50 Flight" auf Tonband auf und gaben dem Geschäftsmann einen Gitarren-Verstärker mit, an den Daisuke Inoue den Kassettenrekorder seines Autos und ein Mikrofon angeschlossen hatte.

Das Prinzip funktionierte, und Daisuke Inoue entwickelte es zur Marktreife: Er ließ von einem Gitarrenbauer ein Kassettendeck und einen Münzeinwurf (fünf Minuten, 100 Yen) in einen Gitarrenverstärker einbauen und bearbeitete die Tonbänder so, dass man die Titel einzeln anwählen konnte. Auf diese Idee ist er bis heute besonders stolz.

Daisuke Inoue springt vom grünen Sofa, um sie auf einer Tafel zu skizzieren, so wie er es schon bei einem Vortrag an der amerikanischen Elite-Universität MIT getan hat. Auf Kassetten sind Musikstücke hintereinander aufgenommen. Man muss vor- und zurückspulen, wenn einem die Reihenfolge nicht gefällt. Inoue schnitt die Tonbänder stattdessen in Streifen und klebte sie parallel zu einem breiteren Band aneinander - jeweils vier Songs von genau gleicher Länge (drei Minuten 30 Sekunden). Jetzt musste nur noch der Tonkopf per Knopfdruck versetzt werden können - fertig war die erste Karaoke-Maschine.

"Wenn man dieses Ding sieht", sagt Inoue und stellt einen kleinen roten Holzkasten auf seinen Schreibtisch, "würde man doch kein Patent darauf anmelden, oder?" Ein langer Blick ruht auf seiner Erfindung. Die Frage "Warum nicht?" würde ihn vermutlich wieder sehr traurig machen. Er drückt die Abspieltaste. "Lost in your eyes" von Debbie Gibson wummert aus der Maschine, der erste Karaoke-Song überhaupt. Daisuke Inoue hat ihn 1971 mit seiner Band in der Wohnung eines Freundes aufgenommen, die sie mit Schaumstoff ausgekleidet und zu einem Tonstudio mit Acht-Spur-Gerät und Mischpult umgerüstet hatten.

Sie spielten hunderte von Songs ein, transponiert in mittlere Tonlagen, damit sich die Stimmen der Laiensänger nicht überschlagen oder bei Basstönen verstummen. Inoue verkaufte die Geräte an Bars, die noch keine Band hatten, oder an welche, die ihre Bands rauswarfen, weil das Ding viel praktischer und billiger war: Es kostete nur 1500 Euro. "In Kobe und Umgebung ist man sehr trendbewusst", sagt der Erfinder. " Hier wurde auch die Instant-Nudelsuppe erfunden und das Sushi-Fließband." Sein Geschäft lief gut, er kassierte 20 000 Euro im Monat, zehnmal so viel wie ein Angestellter. Die Musiker in Kobe beschimpften ihn: " Du nimmst uns die Arbeit weg!" Inoue blieb locker: "Ihr seid doch Profis. Es ist unter eurer Würde, für diese Stümper zu spielen!" Der Erfinder hatte viele gute Ideen, aber einen Feind konnte er nicht besiegen: den Fortschritt Vier Jahre lang hatte der Erfinder seine Erfindung für sich allein. Dann kam Tadahiko Hoshi. Der bastelte nicht nur ein Dutzend Karaoke-Boxen, sondern ließ sie - finanziert von reichen Freunden - industriell fertigen. Sie eroberten dank Schleuderpreisen den Markt. Daisuke Inoue verlegte sich auf den Verleih der Kassetten, mindestens zweimal im Monat bot er neue Aufnahmen an. Durch den regelmäßigen Kontakt blieben ihm seine Kunden treu - er konnte sich den Markt für die Software sichern. Sein Konkurrent Tadahiko Hoshi produzierte derweil die Hardware. Karaoke breitete sich überall in Japan aus.

Dann kam das Bild. Tadahiko Hoshi entwickelte gemeinsam mit der Firma Pioneer die ersten Karaoke-Geräte mit integriertem Fernseher. Passend zur Musik schaute man nun auf Pärchen, die über den Strand schlendern, oder auf Singles, die von Einsamkeit gemartert gegen Wände schlagen. Der Text läuft als Unterzeile auf dem Bildschirm mit. Nun hatte Inoues geniale Kassette ausgedient. Tadahiko Hoshi setzte mit CDs einen neuen Standard durch. Und Daisuke Inoue konnte bei diesem Technologie-Sprung nicht mithalten. Er war draußen.

Da hatte er eine weitere rettende Idee: Wie umständlich, sagte er sich, für jedes Lied die CD zu wechseln! Man bräuchte einen automatischen CD-Wechsler, der auch in Karaoke-Bars funktioniert. Diesmal verbündete er sich mit einem Konzern. Nach einjähriger Entwicklung bekam er von Toshiba die Vertriebsrechte für Karaoke-CD-Wechsler in Japan. Aus seinem Erzfeind wurde ein Kunde. Und Daisuke Inoue vorübergehend wieder reich. Allerdings nur acht Monate lang. Dann holte ihn wieder der Fortschritt ein. Diesmal war es das Internet. Karaoke-Bars laden sich heute ihre Songs und Videos direkt aus dem Netz, CD-Wechsler sind überflüssig. Inoue wollte aber nicht überflüssig sein und schon gar nicht arm. Also kehrte er als Kammerjäger in die Bars zurück - er erfand die Kakerlakenvernichtungsmaschine.

Ins Musikgeschäft fand er nicht zurück. Aber die Szene hatte er gründlich verändert: In Kobe gibt es heute 4000 Karaoke-Bars - jede Bar in Kobe ist eine Karaoke-Bar. Das Baron fiel wie die meisten alten Kaschemmen beim Erdbeben vor zehn Jahren in Trümmer. Nur noch zwei Bands spielen live für Laiensänger. Kakerlaken gibt es so gut wie keine mehr. Und Tadahiko Hoshi macht einen Jahresumsatz von 870 Millionen Euro. Seine Kette Big Echo hat von Osaka bis ins letzte japanische Städtchen Karaoketempel eingerichtet.

Nicht nur in Japan ist Karaoke beliebt. Überall in Asien lockern sich Geschäftsleute mit selbst gesungenen Liedern auf oder singen sich Jugendliche ihren Frust von der Seele. Das hat manchmal sogar eine völkerverbindende Note: Viele Jugendliche, die in Schanghai in der " Juke-Box", der größten Karaoke-Bar der Stadt, in schallgedämpfte Separees verschwinden, hassen die Japaner -1937 bombardierten japanische Truppen Schanghai, fielen in die Stadt ein und massakrierten tausende von Menschen. Japanische Frisuren und Karaoke mögen sie aber trotzdem.

Inoue hat für seine Erfindung von der Universität Harvard im vergangenen Jahr sogar den Friedensnobelpreis bekommen. Nicht den echten, sondern die Scherzversion "Ig Nobel Prize for Peace", den die Universität für witzige und absurde Ideen ins Leben gerufen hat. "Ihre Erfindung eint die Völker", begründete die Jury die Verleihung. Im gleichen Jahr ging der Preis für Wirtschaft an den Vatikan: "Für das Outsourcen von Gebeten." Nach dem Erdbeben in Indien hatte der Vatikan die Welt zu Gebeten aufgerufen, weil im Katastrophengebiet zu wenig Zeit dafür sei.

Doch Inoue ist auf den Ig-Nobelpreis so stolz, als sei es der echte. Stehenden Beifall habe es nach seiner Rede in Harvard gegeben. Er hatte sie mit dem Satz eingeleitet: "Ich bin der letzte Samurai!" In Osaka kennen die Leute seitdem seinen Namen. Manche nennen ihn aber auch einen Pechvogel. Unternehmen wie Fujitsu und Panasonic laden ihn als Vortragsredner zum Thema " Kreatives Unternehmertum" ein. Dann spricht er darüber, dass es für einen Erfinder keine Branchengrenzen gibt. Immer locker bleiben. Wer will behaupten, dass das alles keine Absicht war?

Seine Erfindung sieht der Pechvogel heute anders als 1971. "Ich habe meine Landsleute verändert", sagt er. "Ich habe nicht nur eine Maschine erfunden, sondern eine Kultur."


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