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brand eins 07/2005 - SCHWERPUNKT: Arbeit
Lohn und Verdienst
„Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast,
desto besser wird sie bezahlt.“ Mark Twain
Ein Gespäch mit Christian Opitz über die Frage, warum wir für unsere Arbeit nicht immer bekommen, was wir verdienen.
"Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt." Mark Twain brand eins: Warum verdient ein Arzt so viel mehr als eine Krankenschwester, Professor Opitz?
Opitz: Aus der ökonomischen Perspektive gibt es dafür eine Vielzahl von Erklärungsmustern: Ein Ansatz ist die so genannte Humankapitaltheorie von Gary Becker, für die er im Jahr 1992 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Seiner Ansicht nach lassen sich Einkommensunterschiede maßgeblich durch Ausbildungs- und Wissensunterschiede erklären. Denn Ausbildung, so die Annahme von Becker, erhöht die Produktivität eines Arbeitnehmers. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass es vor allem das Schaffen und die Verbreitung von Wissen ist, die in den modernen Volkswirtschaften maßgeblich zu Produktivitätssteigerungen geführt haben.
Und weil Arbeitgeber ihre Mitarbeiter aufgrund ihrer Produktivität entlohnen, erhalten Akademiker nach der Humankapitaltheorie einen höheren Lohn als Nichtakademiker.
Trotzdem sind viele Menschen trotz guter Ausbildung heute arbeitslos.
Das ist leider richtig. Aber die Arbeitslosenquoten von Akademikern und Facharbeitern liegen weit unter denen von Ungelernten. Das geht eindeutig aus entsprechenden Statistiken und empirischen Untersuchungen zum Thema hervor. Ausbildung lohnt sich also auch in dieser Hinsicht.
Beckers Theorie ist umstritten. Sein Kollege Christian Katz etwa behauptet, dass höhere Löhne erst den Anreiz für einen höheren Arbeitseinsatz schaffen.
Ja, seine Argumentation geht in die umgekehrte Richtung. Katz ist überzeugt, dass eine höhere Bezahlung Anreize für einen besseren Arbeitseinsatz schafft und damit die Arbeitsproduktivität steigert. Seiner Ansicht nach führt das bessere Gehalt auch zu mehr Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber, was wiederum die Produktivität erhöht. In der Praxis greift dieses Erklärungsmuster vor allem dann, wenn das Arbeitsergebnis des Einzelnen schlecht oder nur sehr schwer zu kontrollieren ist. Also wird versucht, die Arbeitnehmer über ein hohes Gehalt zu hoher Leistung zu motivieren. Arbeitgeber zahlen quasi freiwillig und in Vorleistung ein Mehr an Lohn in der Hoffnung, dass sie dafür ein Mehr an Arbeit erhalten.
Das würde bedeuten, der Mann am Fließband bekommt auch deswegen weniger bezahlt als ein Manager, weil er das Pech hat, dass seine Leistung ziemlich exakt gemessen werden kann?
Ganz genau - sofern man die Betrachtung auf diesen einen Aspekt, die Messbarkeit des Arbeitsergebnisses, reduziert. Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, muss man sich jedoch weitere Aspekte und neben der Höhe des Lohnes das gesamte Kompensationspaket anschauen. Das da wäre?
Bei dem, was Arbeitnehmer als Gegenleistung für ihre Arbeit erhalten, ist Geld nur ein Teil eines umfassenden Paketes. Wenn man Gehälter vergleicht, darf man Faktoren wie etwa die Sicherheit eines Beschäftigungsverhältnisses nicht außer Acht lassen. Mit dieser Argumentation wird beispielweise begründet, warum die Bezüge von Beamten im Vergleich zu ähnlichen Tätigkeiten in der privaten Wirtschaft zum Teil geringer sind. Wenn Sie so wollen, erkaufen sich Beamte ihren sicheren Job durch Lohnverzicht und zahlen damit so etwas wie eine Versicherungsprämie.
Sichere Arbeitsplätze gibt es in der freien Wirtschart nicht. Sogar einstmals als Lebensstellungen betrachtete Jobs bei Banken werden zu tausenden abgebaut.
Da hat sich in der Tat einiges verändert. Gleiches gilt im Übrigen auch für Angestellte im öffentlichen Dienst. Die Frage ist also, wie lange diese Argumentationskette aufrechtzuerhalten sein wird. Allerdings ist die Arbeitsplatzsicherheit nur ein Aspekt von vielen. Wichtig sind natürlich auch die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird. Und die sind in einer Behörde, einem Konzern oder einem kleinen Betrieb und von Branche zu Branche höchst unterschiedlich. Ob der angebotene Lohn also ausreicht, um Arbeitnehmer für ihr Arbeitsleid - so nennen Ökonomen das - zu entschädigen, hängt von sehr verschiedenen Aspekten ab und ist am Ende eine sehr individuelle Sache.
Und ist dennoch von gesellschaftlicher Relevanz. Ausgerechnet Berufe, die künftig immer wichtiger werden, sind im Moment nicht sonderlich gut bezahlt. Alten- und Krankenpfleger etwa brauchen wir in einer alternden Gesellschaft dringend - ihre Bezahlung ist jedoch eher bescheiden. Bildung wird in einer Wissensgesellschaft wichtiger - trotzdem kommen Kindergärtnerinnen finanziell kaum über die Runden. Können wir uns eine solche Diskrepanz zwischen dem, was für die Gesellschaft wichtig ist, und dem, was wir den Menschen in diesen Berufen bezahlen, noch länger leisten?
Diese Bereiche gehören zu jenen, die traditionell weitgehend vom Staat oder jedenfalls von öffentlichen Institutionen betrieben werden. Und natürlich stellt sich die Frage, ob die Kompensationspakete dort heute noch attraktiv genug sind. Sollte das nicht der Fall sein, besteht tatsächlich die Gefahr, dass nicht ausreichend viele und entsprechend qualifizierte Personen für diese Berufe gewonnen werden können.
Öffentliche Arbeitgeber - das lässt sich schon jetzt beobachten - geraten zunehmend unter Druck. Wenn private Kliniken oder private Kindergärten attraktivere Pakete anbieten, dann wird der Staat nachziehen müssen. Oder wir werden erhebliche Qualitätsunterschiede in der Versorgung sehen. Ob eine solche Entwicklung von der Gesellschaft auf Dauer akzeptiert würde, ist fraglich. Im Moment gibt es jedoch in vielen Bereichen noch eine ganze Reihe von Beschränkungen, die die staatlichen Anbieter schützen. Ohnehin hängt die Höhe der Entlohnung auch von gesetzlichen Regelungen und damit vom Zugang zu politischen Entscheidungsträgern ab. Der amerikanische Ökonom George J. Stigler geht davon aus, dass die Chance einer Berufsgruppe auf politische Einflussnahme von ihrer Größe, ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Organisationsfähigkeit abhängt. Da haben es Kindergärtnerinnen offenbar vergleichsweise schwerer.
Aber es gibt noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt: Kindergärtnerinnen - um bei diesem Beispiel zu bleiben - akzeptieren möglicherweise auch deswegen geringere Löhne, weil sie aus ihrem Beruf eine ganz besondere Befriedigung ziehen. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von individuellen Präferenzen, die im Rahmen einer beruflichen Tätigkeit mehr oder weniger stark bedient werden. Menschen, die einer Beschäftigung mit Kindern einen besonderen Wert beimessen, wählen gezielt Erziehungsberufe. Andere, die das Bedürfnis verspüren, anderen Menschen zu helfen, möglicherweise einen Pflegeberuf. Für eine Arbeit, die ihnen Freude und Erfüllung verschafft, sind Arbeitnehmer also offenbar bereit, auf Gehalt zu verzichten. Werden Präferenzen dagegen nicht bedient, müssen zum Ausgleich höhere Löhne gezahlt werden.
Mit dem Wert einer Arbeit aus gesellschaftlicher Sicht hat all das demnach nichts zu tun.
Tatsächlich spräche eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung für eine bestimmte Arbeit aus dieser Perspektive für geringere Löhne. Ein gestiegenes gesellschaftliches Ansehen würde mit einem Teil des Lohnes verrechnet.
Friedrich August von Hayek unterscheidet zwischen Einkommen und Verdienst. Und dahinter verbirgt sich auch die Frage nach der Gerechtigkeit.
Für ihn ist der Verdienst eine Kategorie der sozialen und individuellen Wertschätzung. Bei der Entlohnung handelt es sich dagegen um ein Marktresultat. Entlohnung ist das, was wir als Gegenleistung für unsere Arbeit erhalten. Nach von Hayek ist nur diese Entlohnung mit einer freien Gesellschaft vereinbar, weil eine Kopplung der Gegenleistung an den Verdienst zwangsläufig eine Bewertung von außen voraussetzt. Diese Bewertung von außen darf es seiner Ansicht nach in einer wirklich freien Gesellschaft jedoch nicht geben.
Was den Gerechtigkeitsaspekt anbelangt, so reduziert sich dieser aus ökonomischer Perspektive letztlich auf die Frage nach der Verteilung von Lohn und Gewinn. Und über diese Verteilung lässt sich natürlich trefflich streiten.
