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brand eins 07/2005 - SCHWERPUNKT: Arbeit

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Die Putzerfische

Früher galten sie als Lückenbüßer und Lohndrücker. Heute haben Zeitarbeiter Tarifvertrag, Kündigungsschutz und die gleichen Löhne wie ihre fest angestellten Kollegen. Langsam, aber stetig steigt auch das Renommee – nicht zuletzt, weil Unternehmen wie die DIS AG Zeitarbeit auch für hoch Qualifizierte attraktiv machen.

"Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind." Henry Ford

Aribert Schneider hatte alles versucht. Er hatte sich von Hamburg bis an den Bodensee beworben, hatte einen Personalberater eingeschaltet und sich auf jede halbwegs passende Job-Beschreibung gemeldet - doch der einzige Platz, der ihm angeboten wurde, war der vor dem Schreibtisch seines Beraters im Arbeitsamt. Mit 44 Jahren musste der Buchhalter aus Köln lernen: "In meinem Alter gilt man bereits als quasi unvermittelbar." Schließlich, nach monatelanger Arbeitslosigkeit und unzähligen erfolglosen Bewerbungsschreiben, griff Schneider zum allerletzten Mittel und wandte sich an ein Zeitarbeitsunternehmen. Eine Woche später hatte er wieder einen Job.

Die Firma, die Schneider in Rekordzeit unterbrachte, heißt DIS AG und ist eine Art Ausnahmeerscheinung in einer Branche, deren Ansehen irgendwo zwischen gewerblicher Prostitution und Bestattungsgewerbe rangiert. Seit 1947 in Milwaukee der erste so genannte Temporary Help Service eröffnete und hier zu Lande 15 Jahre später die Adia Interim (ein Vorläufer des heutigen Weltmarktführers Adecco) die ersten Bürohilfskräfte an die Firma brachte, hat sich das Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung, wie es offiziell heißt, stetig erweitert. Etwa 400 000 Menschen bieten sich in Deutschland als Interimslösung an. Vermittelt werden sie von schätzungsweise 4000 Anbietern, unter denen derart viele schwarze Schafe sind, dass sie jederzeit problemlos eine eigene Herde bilden könnten. Lohn-Dumping, Leuteverleih per Auktion, Ausbeutung von Abhängigen - "alles andere als seriös" sei die Branche früher gewesen, sagt Reinhard Dombre, Zeitarbeits-Experte beim traditionell Jobhopper-kritischen Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Aber: Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Zeitarbeit. Je globaler und atemloser der Wettbewerb, desto wertvoller die Fälligkeit, die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben - und, mindestens genauso wichtig: sie nicht mehr auf der Lohnliste zu haben, wenn man sie eines Tages nicht mehr braucht. Bereits jedes fünfte deutsche Unternehmen nutzt den Leuteverleih, um Engpässe zu bewältigen.

Aribert Schneiders neuer Arbeitgeber beispielsweise, die Inficon Holding AG, hatte vor fünf Jahren zwar einen genauen Termin für ihren Börsengang, aber keinen Buchhalter, der professionell genug war, um sie dabei zu begleiten. "Wir hatten null Erfahrung und null Ressourcen, aber einen enormen Zeitdruck", erinnert sich Udo Beeck, ein Experimentalphysiker, der den Messgerätehersteller seit einigen Jahren leitet. Aus der Bredouille half ihm schließlich Aribert Schneider, den die Kölner Niederlassungsleiterin der DIS AG dem zunehmend verzweifelten Inficon-Deutschland-Chef schickte. Der Buchhalter baute binnen weniger Wochen aus DIS-AG-Leuten eine funktionierende Finanzabteilung auf, der Börsengang glückte, und Beeck konnte aufatmen. Wenig später wurden Schneider und seine Kollegen von der Inficon in Festanstellung übernommen.

Aribert Schneider ist damit ein typisches Beispiel für die "neue Zeitarbeit", von der Dieter Scheiff gern spricht. Scheiff ist Vorstandsvorsitzender der DIS AG (DIS für Deutscher Industrie Service), mit rund 7000 Mitarbeitern der fünftgrößte Personaldienstleister des Landes und zugleich einer der eifrigsten Lobbyisten für ein besseres Image seines Berufsstandes. Während die Branche nach wie vor 75 Prozent ihres Umsatzes mit ungelernten Helfertätigkeiten wie Wache stehen, Packen oder Bandarbeit macht, hat Scheiff sich auf die Vermittlung von gut bezahlten Spezialisten wie Ingenieuren, Controllern, Software-Entwicklern oder Büroleitern konzentriert.

Mitarbeiter der DIS fertigen heute Chips bei Infineon in Dresden, planen den Bau des neuen Airbusses in Hamburg und sichten im Auftrag von Dell gerade 15 000 Bewerber für ein neues Werk in Halle - weil Spezialisten rar sind, brummt das Geschäft. "Viele Unternehmen unterschätzen zunächst den Aufwand, der notwendig ist, um einen Menschen mit der richtigen Qualifikation zu linden, der auch noch in diese ganz bestimmte Firma passt", sagt Scheiff. "Wir nehmen ihnen das ab." Das Erfolgsgeheimnis: Branchenkompetenz und die richtigen Ansprechpartner Der Trick der DIS AG besteht darin, Personalbedarf von Unternehmen möglichst zu erkennen, bevor sie ihn selbst so richtig realisiert haben. "Man darf nicht mit einem Warenkorb zum Kunden kommen und ihm alle möglichen Qualifikationen anbieten", sagt Scheiff und hat sein Geschäft daher fein säuberlich in die Sparten Engineering, Finance, Industrie, Information Technology sowie Office & Management aufgesplittet. Jeder Bereich wird vor Ort jeweils von einem eigenen Niederlassungsleiter vertreten, der aus der Branche kommt und ziemlich genau weiß, wovon er redet. Er spricht möglichst direkt mit der jeweiligen Fachabteilung, in der Bedarf besteht oder bestehen könnte. Das Personal wiederum, das er anbietet, kennt er gut, weil er besonders viel Zeit mit seiner Betreuung und Vermittlung verbringt: Mit einem Betreuer auf rechnerisch 9,9 Zeitarbeiter liegt die DIS AG weit über dem Branchenschnitt von 1:15 und Lichtjahre vor den Arbeitsämtern mit einem einsamen Berater für schätzungsweise 300 Arbeitsuchende.

Andrea Schmidt, Leiterin der Düsseldorfer Finance-Niederlassung, ist selbst ausgebildete Kauffrau. Jeden Tag besucht sie im Schnitt drei bis vier Firmen. Alle acht Wochen lädt sie ihre Kunden zum Get together Finance ein und lernt so peu à peu deren Geschäft und Probleme kennen. "Das ist gut für uns, aber auch für unsere Kunden. Denn für die Besetzung eines Bilanzierungsexperten muss ich das Unternehmen, den Job und die Aufgabe genau kennen. Niemandem ist geholfen mit einem Mitarbeiter, der sich nach drei Tagen als unpassend entpuppt", sagt die 43-Jährige. Nebenbei ist das auch gut für Schmidt und ihre Kollegen: Jede der 160 Niederlassungen wird als Profit Center mit Erfolgsbeteiligung geführt. Je besser die Betreuer im Zusammenführen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sind, desto mehr verdienen sie.

Übertariflich ist auch die Bezahlung der Zeitarbeiter selbst - schließlich, so Scheiff, "verlangen wir von ihnen auch ein überdurchschnittliches Maß an Flexibilität und Einsatz". Etwa das 2,5- bis 3-Fache des normalen Stundensatzes muss ein Arbeitgeber für den Einsatz eines DIS-AG-Arbeitnehmers einkalkulieren, zählt man Vermittlungsgebühr und sonstige Kosten hinzu. Glaubt man Scheiff, zahlt sich der Aufpreis aus. "Berücksichtigt man den Aufwand für Rekrutierung und Probezeit, das Risiko, den Falschen eingestellt zu haben, und die Kosten, die ein Mitarbeiter auch dann verursacht, wenn das Unternehmen ihn gerade nicht braucht, sind wir auf jeden Fall billiger als konventionelle Arbeitskräfte." Für die Zeitarbeitnehmer funktioniert das Jobmodell oft auch wie eine Art hoch bezahltes, qualifiziertes Praktikum. Wer bei einem guten Personalmakler anheuert, wird immer wieder in neue Firmen vermittelt und auf diese Weise mit wertvollen Kenntnissen, Kontakten und damit Karrierechancen versorgt. Nadine Prehn beispielsweise, Wirtschaftsjuristin aus Düsseldorf, hat wenige Tage, nachdem sie in einem "Brigitte Woman"-Artikel von der DIS AG las, ihre Stelle bei einer renommierten Wirtschaftskanzlei gekündigt. "Als Finanzbuchhalterin hatte ich dort zwar einen sicheren Arbeitsplatz", sagt die 32-Jährige, "aber keine Perspektive. Ich bin aber gern bereit, morgen in Berlin oder Hamburg zu arbeiten - Hauptsache, der Job ist interessant." So flexibel ist natürlich nicht jeder Arbeitnehmer. "Zeitarbeitnehmer unterscheiden sich von anderen dadurch, dass sie überdurchschnittlich anpassungsfähig und geübt im Öffnen fremder Türen sind", so Scheiff. Zwar kommen nach Schätzungen des DIS-Chefs 95 Prozent seiner Mitarbeiter im Umkreis von 30 Kilometern um ihren Heimatort zum Einsatz, doch allein das Wissen um die Möglichkeit der Versetzung schreckt Familienväter und -mütter, Eigenheimbesitzer und andere Festverwurzelte ab. Knapp die Hälfte der deutschen Zeitarbeitnehmer ist denn auch jünger als 30 Jahre, nur rund ein Viertel älter als 40.

Dass Zeitarbeit überhaupt salonfähig wird, liegt vor allem am Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) der Bundesregierung, das am 1. Januar 2004 in Kraft trat und gleiche Bezahlung und Rechte für fest Angestellte und temporäre Mitarbeiter vorschreibt. Zeitgleich handelten Personaldienstleister und Gewerkschaften den ersten Tarifvertrag für Zeitarbeitnehmer in der Geschichte der Bundesrepublik aus. "Wir waren immer gegen Zeitarbeit, wenn sie zum Lohn-Dumping eingesetzt wurde", sagt Reinhard Dombre, Abteilungsleiter Tarifpolitik beim D G B und Verhandlungsführer der Gewerkschaften. "Mit dem Tarifvertrag aber haben wir die Chance genutzt, sie aus ihrer Schmuddelecke herauszuholen. Der Mindestlohn von 7,02 Euro beispielsweise liegt deutlich über dem, was mancher fest angestellte Wachmann verdient." Mit Tarifvertrag und AÜG stehen Zeitarbeitern die gleichen Konditionen zu wie ihren fest angestellten Kollegen.

Vor allem aber hat sich das Einsatzgebiet der Zeitarbeiter dadurch potenziell vervielfacht. Durften Jobnomaden zuvor maximal zwei Jahre an ein Unternehmen ausgeliehen werden, ist ihr Einsatz heute unbegrenzt möglich. Das heißt: Jobhopper können heute beispielsweise eine komplette Mutterschutzvertretung übernehmen. Sie können Projekte wie die Implementierung eines SAP-Systems oder die Umstellung einer Buchführung auf US-Standards vom Anfang bis ans Projektende bringen. Sie können überall dort eingesetzt werden, wo Unternehmen sich Arbeitskraft kaufen wollen, ohne mit Flexibilität dafür bezahlen zu müssen. Sie werden ein Teil des ganz normalen Arbeitsalltags.

Damit haben sich die Personaldienstleister endgültig als eine Art Putzerfisch der Wirtschaft etabliert, der mit dem Rhythmus der Unternehmen lebt. Jedes Prozent Veränderung des Bruttoinlandsproduktes bewirkt etwa das Siebenfache an Veränderung bei Umsatz und Beschäftigung der Zeitarbeitsbranche. Während einer Rezession müssen die Leuteverleiher teilweise zweistellige Umsatzrückgänge verdauen. Bei einem Wirtschaftswachstum von mehr als drei Prozent wiederum wird der Arbeitsmarkt so eng, dass ihnen die Rekrutierung schwer fällt.

Die Überlebenschancen des Putzerfisches hängen deshalb stark davon ab, wie gut er mit den Gesetzen konjunktureller Ebbe und Flut leben kann. Die DIS AG zum Beispiel hat während des New-Economy-Booms zunächst binnen zwei Jahren 20 Niederlassungen für Information Technology gegründet, um dann 2002 sechs von ihnen wieder zu schließen und Personal abzubauen. Um Kündigungen möglichst zu vermeiden, verfügt jeder DIS-AGler über ein Zeitarbeitskonto, das er bis zu 150 Stunden im Jahr aufbauen oder überziehen kann. Dazu kommt, dass jeder dritte Zeitarbeiter von seinem Interimsarbeitgeber übernommen wird. Die Zeitkonten und die im System angelegte Fluktuation sorgen dafür, dass die DIS AG in Krisenzeiten atmen kann. Ihr Personalauslastungsgrad (also die Zeit, die DIS-AGler im Einsatz sind und dem Unternehmen Geld bringen) liegt bei weit mehr als 90 Prozent.

Die Archillesferse der Branche: ein Image, das sogar die Mama erschreckt "Wir befreien uns zunehmend aus der Konjunkturabhängigkeit", freut sich Dominik de Daniel, der DIS-Finanzvorstand. "Immer mehr Unternehmen entscheiden sich, einen Grad an Flexibilität aufzubauen, den sie vorher nicht hatten. DaimlerChrysler beispielsweise hat in seinem Standortsicherungsvertrag gerade einen Anteil von 1,5 Prozent Leiharbeit festgeschrieben. Das bedeutet: Die strukturellen Faktoren gewinnen für uns an Bedeutung." Und weil das so ist, hat die DIS AG in 2004 trotz schwacher Konjunktur das beste Jahr in ihrer 38-jährigen Geschichte erlebt.

Das Ergebnis vor Steuern explodierte um fast 90 Prozent, der Umsatz wuchs auf 265 Millionen Euro. In diesem Jahr wollen die Personalmakler bereits 300 Millionen Euro umsetzen. Und binnen zehn Jahren, prophezeit Scheiff, werde sich der Anteil an Zeitarbeit Her zu Lande auf 2,5 Prozent verdreifachen. "Mit diesem Wert wären wir überhaupt erst auf europäischem Durchschnittsniveau", rechnet er vor.

Allerdings gibt es Faktoren, die dieses Turbo-Wachstum in Zukunft bremsen dürften. Gering qualifizierte Jobs, von denen immer noch drei Viertel der Vermittler leben, werden zunehmend von Maschinen oder Billigarbeitern im Ausland erledigt. Und: "Die tariflich vereinbarten Mindestgehälter in der Zeitarbeit und die mit dem Tarifvertrag erzeugte Preistransparenz, insbesondere für gering qualifizierte Tätigkeiten, führen dazu, dass der Preisdruck in diesem Segment trotz der konjunkturellen Belebung bestehen bleibt", schreiben Experten der Unternehmensberatung Ernst & Young in einer Studie und prophezeien daher eine kräftige Konsolidierung der Branche.

Bei den hoch qualifizierten Spezialisten, wie sie die DIS AG vermittelt, bremst die Angst: Sie werden schnell zu unverzichtbaren Wissensträgem der Firmen - und welches Unternehmen kann es sich schon leisten, sein Wissen alle paar Monate abwandern zu sehen? "In Kernteams von Entwicklern", sagt denn auch Inficon-Chef Beeck, "wäre ich mit dem Einsatz von Zeitarbeitnehmern jedenfalls sehr, sehr vorsichtig." Und schließlich ist da immer noch das schlechte Image, das den Zeitarbeitern anhaftet und das für die Vermittler nicht nur ärgerlich, sondern auch ein handfestes wirtschaftliches Problem ist: Qualifizierte Arbeitsuchende erwägen Zeitarbeit nämlich meist erst dann, wenn es für sie wirklich keine Alternative gibt. "Viele trauen uns schlicht und einfach nicht zu, dass wir sie in qualifizierte Jobs bringen", bedauert Sylvia Knecht, Pressesprecherin der DIS AG. Momentan sucht die Interimsfirma unter anderem nach Mechatronikern, Ingenieuren für Verfahrenstechnik, aber auch nach Vertriebsmanagern und Systementwicklern - insgesamt 850 Stellen kann das Unternehmen derzeit nicht besetzen.

Umgekehrt bezweifeln Arbeitgeber, dass ihnen ein Zeitarbeitsunternehmen hoch qualifizierte Professionals vermitteln kann. "Wir müssen die Unternehmen erst mühsam überzeugen, dass sie von uns durchaus auch einen ausgezeichneten Senior Software Developer mit einem Jahreseinkommen von 80 000 bis 90 000 Euro bekommen können", sagt Christina Mankus, Geschäftsbereichsleiterin Information Technology bei der DIS AG.

Mitunter spüren die Zeitarbeitsvermittler das Stigma sogar am eigenen Leib. "Im Freundeskreis, in der Familie - vielfach sorgt der Begriff ,Zeitarbeit' immer noch für hochgezogene Augenbrauen", so DIS-Vorstand Scheiff. Als er seiner Mutter vor ein paar Jahren stolz von seinem bevorstehenden Wechsel zu einem Zeitarbeitsunternehmen berichtete, sei deren Reaktion jedenfalls ziemlich eindeutig gewesen: blankes Entsetzen.


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