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brand eins 03/2010 - WAS MENSCHEN BEWEGT
Weißer Rabe an der Wolga
Zahlen oder nicht zahlen, das war die Frage. Die Steuern: längst pünktlich überwiesen. Aber nun auch noch Schmiergeld? Ein russischer Textilfabrikant weigert sich.
Die Geschichte eines tollkühnen Mannes.
- Die Vertreterin der Anklage erhebt sich. Und alle können es sehen: Ihr schwarzer Rock endet eine Handbreit über den Knien. Eine Sonnenbrille thront auf ihrem Schopf, die Wimpern sind lang, der Blick sanft. Nichts lässt ahnen, dass ihre nächsten Worte über 180 Arbeitsplätze entscheiden werden.
Der Gerichtssaal in Twer an der Wolga ist so groß wie ein Klassenzimmer. Die Richterin blickt zwischen halb geschlossenen Lidern auf den neuen Linoleumboden voll staubiger Schuhspuren, wie eine Lehrkraft, die Nachsitzer beaufsichtigen muss.
Auch der Angeklagte Nikolaj Gorschkow, der ihr gegenübersitzt, blickt zu Boden. Sein Anwalt Alexej Michaljuk, ein Hüne mit jungenhaftem Ausdruck, schaut so angespannt wie der Trainer einer Basketballmannschaft, wenn der Gegner in Ballbesitz ist.
"In diesem Land ist jeder schuldig", hatte Gorschkow kurz vor der Verhandlung auf dem Flur gesagt. Es scheint, als sei er kleiner geworden seit unserer Begegnung vor einem Jahr. Im rötlichen Haar zeigt sich das erste Grau, auch im Oberlippenbärtchen, das an den einstigen britischen Premier Neville Chamberlain erinnert.
Die Anklagevertreterin liest die wenigen Zeilen des Plädoyers vom Blatt ab. Vor russischen Gerichten gilt das letzte Wort des Staatsanwaltes meist als Vorlage für das Urteil. In den ersten neun Monaten des vorigen Jahres, so offizielle Zahlen, endeten 76,4 Prozent der Strafprozesse in Russland mit einer Verurteilung. 22,9 Prozent der Verfahren wurden eingestellt, nur 0,7 Prozent der Angeklagten freigesprochen.
Die Staatsanwaltschaft der Stadt Twer an der Wolga will Gorschkow hinter Gitter bringen. Er soll Steuern hinterzogen haben, mit großer krimineller Energie. Gorschkow aber sagt, er stehe nicht vor Gericht, weil er zu wenig Steuern gezahlt habe. Sondern weil er kein Schmiergeld zahlen wolle.
Einer wie Gorschkow ist eine Ausnahme in Russland. Ein Chemieingenieur, der 1995 seine eigene Fabrik aufmachte, mit Maschinen vom Schrottplatz und der Idee, aus Polyesterkord Stützgewebe für Autoreifen zu produzieren. Zehn Jahre später ist seine Firma Kamit Marktführer, liefert mehr als 50 Prozent der Kord-Innenhäute für die russische Reifenindustrie. Eine Erfolgsgeschichte, die Moskauer Sonntagsredner gern beschwören, die aber die vaterländische Wirtschaft höchst selten zustande bringt. Gorschkow hat wirklich bei null angefangen. Er ist kein "roter" Direktor, der sein Werk in die eigene Tasche privatisiert hat, sondern ein Selfmademan, der von Anfang an auf Qualität setzte. "Mein Traum ist, in Twer eine Spitzenfabrik für Reifenstützgewebe mit modernen Technologien aufzubauen." Ein Mittelstandstraum.
Die Maschinenhallen sind aufgeräumt. Die wenigen Arbeiterinnen, die man sieht, kümmern sich nur um ihre Textilwalzen. Im Fabriklabor hantieren Leute in weißen Kitteln an deutschen Messgeräten. Auf dem Hof steht der betagte Mitsubishi des Chefs. Die Sekretärin im Vorzimmer ist keine Sexbombe. Genau das, sagt ein deutscher Banker in Moskau, seien Kriterien für lohnende Investments in kleine russische Aktiengesellschaften.
Aber sehr viele Russen träumen ganz andere Träume: solche vom großen Geld, vom schnellen Geld, vom Geld, das andere schon verdient haben. "Im April 2008 kamen zu uns Vertreter der juristischen Firma AKNI, die ehemalige Mitarbeiter der Steuerfahndung beschäftigt. Sie erklärten, uns stünden vermutlich Steuerprüfungen ins Haus, und boten juristische Hilfe an", schrieb Gorschkow später in einem Brief an Wladimir Putin. "Dabei machten die Leute von AKNI kein Geheimnis daraus, dass sie ihre Information von den Finanzbehörden selbst hatten." Mit anderen Worten: Sie rieten Gorschkow, vorsorglich Schmiergeld zu zahlen.
"Warum interessiert sich ein deutsches Wirtschaftsjournal für Twer?", will der Direktor von AKNI, Igor Smolin, am Telefon wissen. Die Firma Kamit? "Kann sein, dass ich den Namen mal gehört habe." Persönlich kenne er dort niemanden. Er oder seine Kollegen hätten Kamit nie Dienste angeboten. Bevor er auflegt, wird er spöttisch: "Zahl deine Steuern und schlaf ruhig!"
Gorschkows Anwalt Michaljuk aber sagt, Smolin und seine Kollegen seien bekannt dafür, dass sie aus ihren Kontakten zur Steuerfahndung ein Geschäft gemacht hätten. "Die bieten dir an, Probleme mit dem Finanzamt zu lösen, die du erst bekommst, wenn du ihr Angebot abgelehnt hast." Er wisse, wovon er rede. "Ich war selbst fünf Jahre bei der Steuerfahndung."
Alle möglichen Behörden verstehen sich inzwischen darauf, Schmiergeld privat einsammeln zu lassen. Feuerwehrinspekteure, die Hausbesitzern neue Brandschutztechnik verordnen, nötigen die Kundschaft gern, bei ganz bestimmten Firmen zu sehr teuren Preisen zu bestellen. Oder schicken sie zu Agenturen, die statt Brandschutztechnik nur Papier verkaufen: Dokumente der Feuerwehr, die bescheinigen, diese Technik sei installiert worden. Moskaus U-Bahn-Waggons sind mit Reklamezetteln von Firmen gespickt, die neue TÜV-Plaketten, Führerscheine, Arbeitserlaubnisse und polizeiliche Anmeldungen beschaffen können, gegen Honorar. Korruption, ausgelagert.
Andere lassen sich einschüchtern und zahlen. Einer vertraut auf Russlands Justiz - als Patriot
Das Angebot an Gorschkow war eindeutig: Zahle -oder unsere Freunde vom Finanzamt nehmen dich in die Mangel! Wie in den neunziger Jahren, als Banditen Unternehmern mit Rollkommandos drohten, um ihnen Schutzgeld abzupressen. Gorschkow lehnte das Angebot ab: "Ich brauche solche Dienste nicht. Ich zahle meine Steuern." Trotzdem ließ er für alle Fälle seine Buchhalter prüfen, ob der Firma eine planmäßige Steuerprüfung bevorstehe. Antwort: negativ.
Doch wenig später sind die Finanzbeamten da. Sie wühlen sich durch die Buchhaltung von Kamit, monatelang. Steuerfahnder gesellen sich hinzu. Die Ermittler reden auf Gorschkow ein: "Du hast ein Verbrechen begangen. Und jetzt gehst du nicht konstruktiv an die Lösung deiner Probleme heran." Anwalt Michaljuk sagt, der Chef der Twerer Abteilung zur Bekämpfung von Steuerverbrechen habe sogar in seiner Anwesenheit versucht, Geld aus Gorschkow herauszupressen. Der blieb standhaft: "Ich habe meine Grundsätze. Ich lasse mich nicht erpressen." Die leicht aufgeraute Stimme lässt erahnen, dass er es schon hundertmal gesagt hat -sich selbst und anderen. "Wenn du einmal gezahlt hast, wirst du immer weiter zahlen. Und die wollen immer mehr."
Nach fast einem Jahr Steuerprüfung erhält Gorschkow einen Nachzahlungsbescheid: 17 Millionen Rubel, etwa 400000 Euro. Außerdem wird ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung eröffnet. Gorschkow legt gegen den Steuerbescheid Einspruch vor dem Twerer Zivilgericht ein und verliert. Er geht in die nächste Instanz, nach Wologda. "Ich bin Patriot", sagt er. "Ich glaube an das russische Rechtswesen." Er verliert erneut.
Nikolaj Gorschkow gibt nicht auf. Er war früher Leichtathlet, der die 5000 Meter unter 15 Minuten lief; der kämpfen und sich überwinden gelernt hat, auch wenn es schmerzt. Er schreibt offene Briefe an den regionalen Unternehmerverband, an den Gouverneur, an die Staatsduma. Er gibt Interviews. "1937 gab es ein Plansoll für Erschießungen", äußert er sich etwa in einer Lokalzeitung. "Heute gibt es ein Plansoll für die Aufklärung von Steuerverbrechen." Gerade einmal 0,7 Prozent Freisprüche seien ein Hinweis darauf, dass Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte möglichst viele Schuldige produzieren müssten.
Hätte Gorschkow an AKNI gezahlt, wäre er wohl mit einer überschaubaren Summe davongekommen. Glaubt man der russischen Presse, hätte er die Leute vom Finanzamt schon mit 5000 Euro gnädig stimmen können. Die billigsten Steuerfahnder verlangen etwa 10000 Euro. Summen, die sprunghaft steigen, sobald ein Strafverfahren eröffnet ist.
Je näher der Prozess rückt, desto teurer wird es nach der Logik des "Zählers", den die Gangster der neunziger Jahre einzuschalten pflegten, wenn sie jemanden zu ihrem Schuldner erklärten: Zahlst du heute, kostet es 100000. In einer Woche werden es 200000 sein, in zwei Wochen 500000.
"Sie wollen mich ruinieren", davon ist Gorschkow überzeugt. Irgendwann sei ein Gerichtsvollzieher bei ihm aufgetaucht. Sein Fall sei entschieden, habe der mitgeteilt, Gorschkow werde im Gefängnis landen, seine Firma liquidiert, für sein Fabrikgelände interessierten sich private Investoren. Dort sei ein Einkaufszentrum geplant.
"Rejderstwo", sagt der Unternehmer und benutzt das aus dem Englischen abgeleitete neurussische Wort für feindliche Übernahme. Es ist die aggressivste Branche der russischen Wirtschaft, mit 60000 meist erfolgreichen Attacken im Jahr. Meist gehören korrupte Beamte zum Team der Raider. Gut gehende Restaurants ebenso wie Rüstungsfabriken werden gekapert, und um die früheren Inhaber kümmert sich die Strafjustiz, mal wegen einer angeblichen Vergewaltigung, mal sind es Steuersachen.
Gorschkow beschwert sich beim regionalen Unternehmerverband, bei der Gebietsverwaltung, beim Inlandsgeheimdienst FSB: "Die Ermittler fahren von einem meiner Abnehmer zum anderen, erklären, Kamit werde von einem Kriminellen geführt und sei so gut wie bankrott." Ein weißrussischer Kunde, der ihn auf einer Messe in Moskau trifft, wundert sich: "Was -Sie laufen noch frei herum?" Gorschkows Beschwerden werden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.
Die Gegenseite, nach Feierabend, im Café des Jugendtheaters von Twer. Zwei schlanke junge Männer, glatt rasiert, dunkle Anzüge offenbar vaterländischer, also billiger Produktion. Ohne Schlips. Einer der beiden hat bei der Staatsanwaltschaft die Beschwerde Gorschkows geprüft. Ergebnis: alles rechtmäßig. "Es stimmt, dass er Steuern hinterzogen hat", stellt er sachlich fest. Wir trinken Bier. Die beiden von der Justiz sind misstrauisch. "Dass da Raider am Werk sein sollen, das ist die Linie seiner Verteidigung." Ermittler hätten Dokumente bei seinen Kunden beschlagnahmt und seien natürlich gefragt worden, warum.
Doch wieso haben sie verbreitet, die Firma stecke bis zum Hals in Schulden? "Da hat jemand etwas falsch verstanden." Wir trinken weiter Bier, reden übers Leben, über Staatsanwaltsgehälter, die umgerechnet bei gut 500 Euro liegen. Und wenn sie 20 Jahre gearbeitet hätten, bekämen sie bis zu 600 Euro Rente.
Irgendwann nach dem vierten oder fünften Bier lächelt einer der Staatsanwälte vorsichtig und sagt: "Ja, das ist eine Firma mit einer sehr seriösen Produktpalette. Es kann gut sein, dass der Inhaber die Steuern, die er hinterzogen hat, wieder in die Entwicklung des Unternehmens gesteckt hat."
Die Staatsanwaltschaft behauptet, Gorschkow habe sein Reifenkordgewebe jahrelang angeblich von vier Scheinfirmen imprägnieren und sich dafür Rechnungen ausstellen lassen, um seine Gewinne zu senken und so die Steuern zu verkürzen. Gorschkow selbst räumt nur ein, dass die vier Dienstleister, die sein Kord imprägniert hätten, steuerlich wohl alles andere als solide gewesen seien. "Jetzt dreht man mir einen Strick daraus, dass meine Geschäftspartner nicht gewissenhaft waren."
Ein Forschungsinstitut in Moskau habe die Imprägnierung seines Kords organisiert. Gorschkow sei mehrfach in der Halle der Moskauer Reifenfabrik gewesen, wo die Imprägniermaschine gestanden habe. Aber mindestens einmal im Jahr hätten seine Moskauer Partner ihre Firma liquidiert und unter anderem Namen neu eröffnet. "Sogenannte Eintagsfliegen", sagt Gorschkow. "So haben das in Russland jahrelang fast alle gemacht, um keine Steuern zu zahlen. Ich bin oft gefragt worden, warum mein Unternehmen noch immer Kamit heißt."
Er zeigt Briefe seiner Kunden, die vor den Schiedsgerichten belegen sollen, dass sein Reifenkord tatsächlich imprägniert worden ist. Briefe aus Jaroslawl oder Minsk, mit Phrasen wie: "Wir können eine vorbereitende Imprägnierung der genannten Kordstoffe weder bestätigen noch widerlegen." Oder: "Entsprachen den technischen Anforderungen, die zwischen unseren Firmen vereinbart worden sind." Wenig überzeugend. Gorschkow verliert den Zivilprozess gegen das Finanzamt auch vor der nächsten Instanz in St. Petersburg.
Auf meine technischen Fragen antwortet Gorschkow jetzt mit einer gewissen Ungeduld, vielleicht der Ungeduld des Fachmanns. Oder weil er aufhört, meinem Vertrauen zu vertrauen. "Schreiben Sie, was Sie für richtig halten."
Ende 2008 verliert Gorschkow auch vor dem Obersten Zivilgericht in Moskau und hat 17 Millionen Rubel Steuerschulden am Hals. Wenn das Urteil in dem Strafprozess, der ihm bevorsteht, genauso ausfällt, drohen ihm sechs Jahre Gefängnis. Inzwischen zweifle ich nicht mehr, dass er verurteilt wird. Ich frage mich, ob ich dann von einem Justizirrtum erzählen werde. Oder von der Tragödie eines Unternehmers, der seine Qualitätsträume mit Steuermogeleien finanzieren wollte.
Geplatzte Beweise, untaugliche Zeugen? Die Justiz gibt sich längst nicht geschlagen
"Gorschkow ist ein Gauner", behaupten Bekannte in Twer. "Vielleicht ist er ja nicht einmal ein Gauner. Aber wer in Russland zahlt schon ehrlich Steuern?" Auch Gorschkows Mitarbeiter zweifeln. "Warum hat er nicht einfach gezahlt?" Seine Betriebsjuristin überlegt, nach Israel auszuwandern. Seine einstige Chefbuchhalterin ist jetzt Hauptzeugin der Anklage. "Man kann sie deshalb nicht verurteilen", sagt Gorschkow. "Sie ist schwer krebskrank. Und ihr Mann ist Gerichtsvollzieher. Die werden sie so unter Druck gesetzt haben, dass sie jedes Protokoll unterschrieben hätte."
Die Verhandlung beginnt im Januar vergangenen Jahres. 49 Aktenordner hat die Staatsanwaltschaft zusammengetragen, 68 Belastungszeugen geladen, aus Weißrussland, Kursk oder Omsk. Die Anklageschrift ist 141 Seiten dick.
Russische Strafprozesse erinnern an lateinische Liturgie. Staatsanwälte murmeln endlose Monologe, irgendwann hört keiner mehr zu, selbst die Angeklagten scheinen nur noch um ein schnelles Ende zu beten, den Schuldspruch.
Daran ändern auch die Debatten kaum etwas, in die sich die Anklage in Twer mit den eigenen Zeugen verheddert, Fachleuten jener Reifenfirmen, die Gorschkow beliefert.
Staatsanwalt: "Wodurch unterscheidet sich aufgearbeiteter Stoff von imprägniertem oder wärmebehandeltem Stoff?"
Zeuge: "Was haben Sie für eine Ausbildung?"
Staatsanwalt: "Eine juristische."
Zeuge: "Sie verstehen diese chemischen Prozesse und meine Erklärungen nicht."
Es stellt sich heraus, dass die in den Protokollen zitierten Aussagen der Zeugen, wonach Gorschkow seinen Kunden keine imprägnierten Stoffe geliefert habe, verkürzt und zugespitzt worden sind. Dieselben Kunden erklären nun vor Gericht, Kamit habe ihnen Stoffe geliefert, die vorbereitend imprägniert worden waren, mit sogenannten Polyisocyanaten, welche die Haftfähigkeit des Kords erhöhen. Das sei wie bei einem Auto, erklärt ein Zeuge dem immer schlechter gelaunten Staatsanwalt. "Bevor Sie es lackieren, müssen Sie grundieren."
Die Anklage gerät ins Schwimmen. Die Richterin reagiert mit Wutanfällen, schreit Zeugen an, stampft mit den Füßen auf. Sie wird erst ruhiger, als Gorschkow zu Beginn jeder Verhandlung demonstrativ ein Aufnahmegerät zückt.
Die Beweise gegen Gorschkow platzen. Laut Aussage seiner ehemaligen Chefbuchhalterin, der Hauptbelastungszeugin, habe der Angeklagte zu Täuschungszwecken einen Kassenapparat besorgt, um Belege für seine fiktiven Zahlungen zu drucken. Verteidiger Michaljuk aber fällt auf, dass ein Teil der Kassenzettel acht, ein anderer nur sechs Zentimeter breit ist und verschiedene Schrifttypen aufweist. Sachverständige bestätigen: Die Belege können unmöglich aus einer einzigen Kasse stammen.
Der Anwalt findet in den Akten der Anklage Bankauszüge von Konten der vier angeblichen Phantomfirmen Gorschkows, auf denen täglich Millionensummen verbucht worden waren, auch von soliden Kunden wie der Nachrichtenagentur ITAR Tass oder der Stadtdruckerei Welikoluksk, als bester Steuerzahler der Region Pskow preisgekrönt. Es stellt sich heraus, dass das Finanzamt selbst diverse Reifenverkäufe von Kamit an die vier mutmaßlichen "Eintagsfliegen" als Gewinne bei Kamit verbucht und versteuert hat. Die Anklage ist blamiert.
Justitia aber beginnt zu feilschen. "Im Winter hat die Richterin mir noch vorgeschlagen: Dein Mandant bekennt sich schuldig, und ich gebe ihm sechs Monate", sagt Michaljuk. "Es wurde Frühling, und das Angebot lautete: Er bekennt sich schuldig und erhält drei Jahre auf Bewährung. Wenn nicht, drei Jahre ohne Bewährung."
Im Sommer 2009 bekommt Michaljuk einen Anruf von einem Kollegen: Er könne die Einstellung des Verfahrens erreichen, für eine Million Rubel, etwa 24000 Euro. "In dem Moment habe ich gespürt, dass wir gewinnen", sagt Michaljuk. Der Prozess kippt: Man will nun nicht mehr an Gorschkows Ruin verdienen, sondern ihm verkaufen, was ihm zusteht: sein Recht. Nur dass der auch weiterhin stur bleibt: "Ich habe meine Grundsätze."
Noch am Morgen hatte ein Abgesandter der Gegenseite Michaljuk ein Stück Papier hingehalten: "500000 Rubel" stand darauf. Michaljuk verdächtigt ihn als Trittbrettfahrer. Gorschkows Antwort lautet sowieso Nein.
Und jetzt sitzt auf dem Platz des Staatsanwalts nur noch dessen hübsche Assistentin. Mit heller Stimme verliest sie den Antrag der Anklage, das Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung einzustellen. Zum einen Teil mangele es an Beweisen, zum anderen seien Gorschkows Taten verjährt. Das System gibt auf, und das ohne Schmiergeld.
"Ich bin erst dabei, mir darüber klar zu werden, was gerade geschehen ist", sagt Gorschkow anschließend. "Aber eine gewisse Freude fühle ich doch in meiner Seele." Die Angst, die Nächte ohne Schlaf, die Tage unter Beruhigungsmittel, sie sind vorbei. Gorschkow hat seine Firma, seine Freiheit, seine Ehre gerettet. Die Einstellung des Verfahrens eröffnet ihm beste Chancen, die Steuerforderungen des Finanzamtes zivilgerichtlich abzuwehren. Er hat sich gegen ein korruptes System behauptet, wie es kaum je in Russland bestanden hat. "Wo täglich aufs Neue Firmenchefs verhaftet und verurteilt werden, die oft weder dem Staat noch seinen Bürgern Verluste oder Schaden zugefügt haben." So heißt es in einem Aufruf der Moskauer Unternehmerinitiative Business-Solidarnost, die Unterschriften für eine Amnestie der vermeintlichen Wirtschaftskriminellen des Landes sammelt.
Hinterher überlegen Gorschkow und Michaljuk, warum sie gesiegt haben. Gorschkow glaubt, sein lauter und kompromissloser Widerstand habe ihn gerettet. Und vielleicht sei höheren Ortes doch aufgefallen, dass die "Organe" drauf und dran waren, eine Fabrik zu ruinieren, die 90 Prozent des Kordmaterials der russischen Flugzeugbereifung herstellt, einen Betrieb mit durchaus strategischer Bedeutung. Vielleicht hat auch die Modernisierungskampagne von Präsident Dimitrij Medwedew geholfen, die der Korruption gerade in der Justiz den Kampf angesagt hat. Vielleicht sogar die Wirtschaftskrise -mangels flüssiger Investoren hat Gorschkows Fabrikgelände als Beute bestimmt an Attraktivität verloren. Und sicher kann er sich bei seinem Verteidiger bedanken, der im Jahr überhaupt nur zwei oder drei Prozesse führt, diese aber zu gewinnen pflegt. "Ich weiß genau, welche Fehler die machen", sagt Michaljuk über die Steuerfahnder. "Bin ja selbst einer von ihnen gewesen."
Aber den Reformen der Liberalen mag der Anwalt nicht trauen. "Das ist ein sehr lokaler Sieg gewesen. Das System bleibt, wie es ist." Tatsächlich wird niemand etwas gegen die Fahnder unternehmen, die Gorschkows krebskranke Exbuchhalterin zu ihren Lügen genötigt haben. Antrag auf Freispruch stellt die Staatsanwaltschaft nicht, nur die Einstellung des Verfahrens, erklärt dabei den Unternehmer aber teilweise schuldig, und diese Schuld verjährt nie. Eine Kapitulation mit Tücken.
Ein Angeklagter kommt ungeschoren davon? Das wird ihm die Justiz nicht vergessen
"Sind Sie einverstanden?", will die Richterin von Gorschkow wissen. Statt einer Robe trägt sie inzwischen einen pastellgrünen Hosenanzug. Das gefärbte Blondhaar reicht ihr bis zur Schulter, die Fingernägel sind liebevoll weiß lackiert, aber ihr Blick ist hart: "Entweder Sie sind einverstanden. Oder ich fälle ein Urteil."
Gorschkow berät sich kurz mit seinem Anwalt, der verkündet: "Mein Mandant erklärt sich einverstanden." Anschließend, schon auf der Straße, raunt die Assistentin der Staatsanwaltschaft Michaljuk zu: "Unsere Seite wird nichts anfechten." Beruhigend zu wissen, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihren eigenen Antrag keine Rechtsmittel einlegen will.
Ende gut, alles gut? Wochen später beantragt Gorschkow vor dem Zivilgericht in Twer die Wiederaufnahme des Verfahrens um seine Steuerschulden. Das Gericht lehnt ab. Gorschkow geht in die nächste Instanz, nach Wologda. Sein Antrag wird wieder abgelehnt. Und wieder lauert der Bankrott. Unternehmer, die in Russland nur Steuern statt Schmiergeld zahlen, sollten sich nicht auf ihr Recht verlassen. Und nicht auf Gnade hoffen.-
