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brand eins 03/2010 - MARKENKOLUMNE
Was Marken nützt: Die Rolle ihres Lebens
Erst bescheiden im Hintergrund bleiben. Dann ins Rampenlicht treten und die Welt erobern. So läuft das mit der Traumkarriere - wenn man sich an den Raufasertapeten von Erfurt orientiert.
- Martin Erfurt sitzt entspannt in Jeans und Sakko am Konferenztisch und lässt sich von seinen mehr oder weniger streng blickenden Vorgängern nicht irritieren, deren Porträts in Öl hinter ihm an der Wand hängen. Der 50-Jährige führt die am Rande Wuppertals gelegene Familienfirma gemeinsam mit seinem Cousin mittlerweile in siebter Generation. Und erzählt auf gut Westfälisch - der Sound erinnert an den des Altkanzlers Schröder - ihre Geschichte, die auf ein entscheidendes, magisches Jahr zuläuft: 1969.
Damals waren nicht nur die Studenten aufsässig, sondern auch die Papiermacher von der Wupper; sie wollten raus aus der Rolle des ungeliebten Zulieferers für Tapetenhersteller. Diese verwendeten Erfurt-Raufaser als Ausgangsmaterial für eigene Produkte und gaben die Rollen auch pur weiter an den Großhandel. "Allerdings ungern und unter Preis, weil sie mehr daran interessiert waren, ihre Tapeten an den Mann zu bringen", wie Martin Erfurt noch heute ehrlich empört berichtet.
Daher entschied man bei Erfurt im reifen Alter - die Firma hatte bereits mehr als 150 Jahre auf dem Buckel -, ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Und belieferte fortan unter eigenem Namen Großhändler, was die Tapetenhersteller gar nicht lustig fanden. Mit einer konzertierten Kampagne ("Jeder hat das Recht auf seine Tapete") versuchten sie, Stimmung gegen Raufaser zu machen. Vergeblich, denn das Produkt - billig, neutral, leicht an die Wand zu bringen - passte in die Zeit, und die Erfurts machten die bessere Werbung. Mit einer aufwendigen "Tapeziermeisterschaft" schaffte es die Marke sogar bis in die "Tagesschau" - und wurde später zum Synonym für Raufaser.
Heute ist Erfurt nicht nur Weltmarktführer für "überstreichbare Wandbekleidungen", sondern der letzte verbliebene Raufaserproduzent überhaupt. Während in der Gegend zahlreiche Industrieruinen an bessere Zeiten erinnern, wird auf dem Fabrikgelände der Familie fleißig gearbeitet. Ein neues Blockheizkraftwerk steht kurz vor der Fertigstellung, ein eigenes Logistikzentrum wurde jüngst in Betrieb genommen. Besuchern zeigt man gern, wie aus Altpapier, Wasser und Holzspänen aus heimischer Fichte Raufaser in großem Stil hergestellt wird: Mit einer Zwei-Wochen-Produktion könnte man den gesamten Erdball umwickeln. Und selbstverständlich geht es bei den Erfurts höchst ökologisch zu: Das verbrauchte Wasser fließt so sauber in die Wupper zurück, dass sich dort Lachse wohlfühlen.
Die Familie hat seit jeher ein Gespür für den Zeitgeist und ist der Zukunft zugewandt. So setzt man seit den achtziger Jahren auf Recyclingpapier als Rohstoff und durfte sich als erster Tapetenhersteller mit dem Umweltengel schmücken. Heute sind unter anderem energiesparende und - für besonders empfindsame Gemüter - Feng-Shui-Wandbelege im Programm. Und mit ihrer neuesten Entwicklung, einer digital bedruckbaren Vliestapete, auf der die Leute beispielsweise ihre eigenen Urlausfotos verewigen können, hat Erfurt sogar die Forderung seiner Gegner von einst erfüllt: jedem seine eigene unverwechselbare Tapete!
Die Erfurts stammen tatsächlich aus Erfurt, ziehen allerdings früh gen Westen. 1827 gründet der Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater von Martin Erfurt an der Wupper eine Papierfabrik. Die entscheidende Erfindung macht 1864 der gelernte Apotheker Hugo Erfurt: Er entwickelt ein billiges Dekorationspapier zur Schaufenstergestaltung und arbeitet dazu Holzfasern in die Papierbahn ein. Diese Raufaser passt später ideal, als in der modernen Bau- und Einrichtungskultur die neue Sachlichkeit ausbricht. Deutschland entwickelt sich zum Raufaserland schlechthin. Einen zusätzlichen Schub verdankt Erfurt der Wiedervereinigung - und einem Missverständnis: Viele Ostdeutsche meinen, es handle sich um ein Ostprodukt, das man nun endlich in rauen Mengen kaufen könne. Heute setzt die Firma verstärkt auf das Auslandsgeschäft und neue Ideen. Als Innovationsmanager wirkt seit Kurzem mit dem Innenarchitekten Jan Muschick ein echter Querdenker, der Martin Erfurt mit seiner stark biografisch geprägten Diplomarbeit über die Raufaser auf sich aufmerksam gemacht hat. Darin heißt es: "Zunächst war sie für mich fester Bestandteil der Wand, der sich hervorragend dafür eignete, Wachsmalergemälde in Angriff zu nehmen - oder auch kleinflächige Popelkolonien in Bettnähe anzulegen."
Erfurt & Sohn KG
Mitarbeiter: 400
Umsatz: k. A.
Anteil der Wohnungen in Deutschland, in denen Erfurt klebt: rund 80 Prozent
