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brand eins 03/2010 - SCHWERPUNKT: LOGISTIK

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Nie wieder Tüten schleppen

Logistik ist mehr als Transport. Logistik ist Organisation, Kooperation und das Verständnis anderer Kulturen. Wie sie in Zukunft aussehen wird, erklärt Professor Frank Straube von der Technischen Universität Berlin.

brandeins: Herr Straube, einmal angenommen, ein Investor sagte Ihnen: Hier haben Sie fünf Millionen Euro, bauen Sie mir bitte ein Logistikunternehmen auf. Wie sähe es aus?

Frank Straube: Ich würde vor allem in kluge Köpfe und Informationstechnik investieren. Beides brauche ich, um die immer komplexeren Netzwerke effizient zu steuern. Heraus käme ein Unternehmen für informationsbasierte Logistikdienstleistungen. Da wird in Zukunft die Musik spielen. Dabei würde ich besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und Kooperation legen.

Nachhaltigkeit und Kooperation sind zwei Begriffe, die in jeder Debatte fallen. Sie klingen aber auch ein wenig nach dem Satire-Politiker Dr. Udo Brömme aus der Harald-Schmidt-Show, der sagt: "Zukunft ist gut für alle!"

Mag sein. Aber für die Logistik sind sie entscheidend. Der Transport ist für rund 15 Prozent der globalen CO 2 -Emissionen verantwortlich. Das liegt unter anderem daran, dass wir nach wie vor in vielen Bereichen überraschend ineffizient transportieren und lagern. Über alle Warengruppen hinweg gibt es heute zwischen 20 und 25 Prozent zu viel Bestand. In der EU sind die Lkw im Schnitt nur zu 50 Prozent beladen. Ein Logistikunternehmen, das seiner Zeit voraus sein will, kann hier ansetzen.

Eine höhere Auslastung durch besseres Management der Waren bedeutet nicht nur geringere Energiekosten, zum Beispiel beim Schiffsdiesel. Früher oder später werden politische Vorgaben umweltfeindlichen Transport verteuern, etwa durch CO 2-Zertifikate. Wenn ich heute ein nachhaltiges Logistikunternehmen aufbaue, bin ich auch diesbezüglich meiner Konkurrenz voraus. Zudem zahlen schon heute einige Großkunden einen Aufschlag, wenn eine Logistikdienstleistung nachhaltig erbracht wird. Vorreiter sind hier die Unternehmen der Chemieindustrie. Die sind bereit, 0,5 bis ein Prozent höhere Logistikkosten zu tragen, wenn sie dadurch den Kohlendioxid-Ausstoß um 20 bis 30 Prozent reduzieren können. Dieser Trend wird sich mit Sicherheit fortsetzen.

Ist grüne Logistik immer auch effiziente Logistik?

So ist es. Und hier kommt der Begriff Kooperation ins Spiel. Natürlich brauchen wir verbrauchsarme Frachtschiffe, Lastwagen oder Cargoflugzeuge. Aber einfach und schnell können wir sparen, wenn wir Transporte besser auslasten. Das wird in Zukunft durch kooperative Logistiksysteme möglich sein, in denen verschiedene Unternehmen gemeinsam Waren verschicken. Procter & Gamble und Duracell packen zum Beispiel zu leichten Windeln schwere Batterien. Und beide sparen. Es gibt auch die ersten Kooperationen von konkurrierenden Unternehmen. Mars und Ferrero beliefern seit wenigen Wochen bestimmte Handelsunternehmen gemeinsam. Oder gar Daimler und BMW, die bei der Zulieferung ihrer amerikanischen Fabriken zusammenarbeiten und dabei erhebliche Sparpotenziale finden.

Was heißt das für unser fiktives Unternehmen?

Diese Kooperation zu organisieren ist keine leichte Aufgabe. Sie müssen mehr verstehen als nur den Teil des Transportes: Sie müssen eine hohe Prozesskompetenz haben, also Kundenauf träge sauber managen können, über Vorhersagesysteme verfügen, Bestandsmanagement beherrschen und, und, und. Das können nur wenige, aber der Bedarf ist heute schon da und wird weiter steigen. Langfristig werden Sie mit diesem Geschäftsmodell deutlich höhere Margen erzielen können, als wenn Sie wie viele andere versuchen, Container von A nach B zu transportieren. Hinzu kommt: Wenn Sie heute in die intelligente Prozesssteuerung in der Logistik investieren, werden Sie überproportional von der weiter zunehmenden Komplexität in der Logistik profitieren.

Moderne Logistiksysteme erscheinen doch schon heute unendlich komplex. Ein Computer entsteht mithilfe von 400 bis 500 Zulieferern. Ein Auto, je nach Fahrzeugklasse, mithilfe von 3000 bis 5000. Jede Schraube muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, sonst stockt die Produktion.

Keine Sorge. Es geht noch viel komplexer. Und zwar quantitativ wie qualitativ. Bleiben wir aber erst mal bei der Masse. Wir wissen, dass weltweit jedes Jahr 80 Millionen Menschen eine Konsumstärke erreichen, wie wir sie heute in Deutschland haben. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf ungefähr neun Milliarden Menschen angewachsen sein. Allein dieses Volumen vervielfacht die Komplexität.

Und völlig unabhängig von Alter, Religion oder Kultur wollen diese Konsumenten auch immer individuellere Produkte. Wir kennen das vom Konfigurator für Autos, mit dem man sich einen Wagen zusammenstellen kann. Dieser Trend wird auf viele Produktgruppen übergreifen. Hinter dem Produktionsprozess wird eine enorme Logistikmaschine entstehen müssen, die diese Individualisierung der Warenwelt erst möglich macht. Das alles muss auch noch höchst effizient geschehen.

Wie kann das gelingen?

Die IT schafft uns heute Möglichkeiten, von denen wir vor Jahren noch nicht zu träumen wagten. Einen echten Durchbruch stellen die sogenannten Auto-Identifikations-Techniken dar: Durch intelligente RFID-Chips weiß das System immer ganz genau, wo sich eine Ware befindet. Es gibt keinen Bruch mehr zwischen der Welt der Daten und der Welt der Waren. Das ermöglicht uns, die Logistikprozesse viel intelligenter zu steuern. Das IT-System des Bekleidungsherstellers Gerry Weber meldet zum Beispiel: Von orangefarbenen Blusen haben wir noch genug, aber die blauen werden knapp. Dann kann es den Container mit den blauen Blusen im Hafen von Schanghai vorziehen, sodass er schneller verladen wird. Oder das System sieht: Die blauen Blusen kommen auf keinen Fall noch rechtzeitig im Verteilzentrum in Hamburg an. Dann kann das Marketing die geplante Werbekampagne stoppen, und zwar noch bevor der Prospekt gedruckt wird.

Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch gern von der dezentralen Intelligenz des Systems. Die können wir noch einen Schritt weiter denken: Mittelfristig wird die Ware über ihre Chips selbst mitteilen, wo sie wann sein muss. Und wenn dann eine Verspätung droht, wird sie von selbst Alarm schlagen. Auf der Ebene von Produktionshallen gibt es das bereits, zum Beispiel bei BMW. Aber die dezentrale Intelligenz in der Logistik könnte sich globalisieren.

Dann hätten wir das sogenannte Internet der Dinge. Was bedeutet das für die Welt der Waren?

Die Logistik wird durch die Digitalisierung, durch die Effizienzsteigerung, weiter an strategischer Bedeutung gewinnen. Zwei Beispiele: Bei Rohstoffen, also bei Produkten, die sich kaum von denen der Konkurrenz unterscheiden, ist zuverlässige und günstige Logistik oft der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Oder Produkte mit kurzen Innovationszyklen. Nehmen wir das Diktiergerät, mit dem Sie dieses Gespräch aufzeichnen. Das hat einen Innovationszyklus von vielleicht drei bis sechs Monaten. Wenn die Logistik nicht schnell genug ist, können die Hersteller mit diesem Produkt in Zukunft kein Geld verdienen. Für gesichert halte ich: Informationstechnik ist der entscheidende Hebel für Innovation. Wir sehen hier einen ähnlichen Prozess wie im Maschinenbau. Bei einer Werkzeugmaschine macht heute die digitale Steuerung im Schnitt 60 Prozent ihres Wertes aus. In der Logistik wird es irgendwann ähnlich sein.

Ist das alles, was die Logistik an Visionen zu bieten hat? Mit Software Warenströme optimieren?

Wenn man sich die Realität anschaut, ist es vielleicht bereits visionär, dass ein Lkw in einer Einkaufsstraße 20 Geschäfte beliefert und nicht 20 Laster jeweils ein einziges Geschäft. Logistikvisionen entstehen zurzeit vor allem bei der Planung neuer Megacitys. Dabei spielen unterirdische Versorgungssysteme eine wichtige Rolle. In Dubai und Abu Dhabi ist angedacht, dass die Versorgung der Haushalte mit Lebensmitteln und Getränken automatisiert über Versorgungsschächte erfolgt, die bis in die Wohnungen reichen.

Das heißt: Nie wieder Tüten schleppen!

Geschäfte könnten über gigantische Rohrpostsysteme beliefert werden, in denen kleine Container mit allen möglichen Waren unterwegs sind. Eine andere visionäre Idee wird gerade in Brasilien entwickelt. Vom Seehafen in Santos soll eine Seilbahn für Großcontainer nach São Paulo gebaut werden, die die Strecke viel schneller zurücklegt, als Lastwagen das schaffen. Die Waren werden dann vom Seilbahn-Terminal aus nachts, wenn die Straßen frei sind, mit kleinen Elektrofahrzeugen im Stadtgebiet verteilt.

Wo sehen Sie dringend Nachholbedarf?

Vielleicht mag sich das wieder nicht so visionär anhören: Aber interkulturelle Zusammenarbeit ist im globalen Geschäft der Logistik der Schlüssel zum Erfolg. Chinesen lösen Probleme anders als Argentinier. Rund zehn Prozent aller internationalen Logistikprojekte scheitern. In 80 Prozent der Fälle liegt das daran, dass Menschen verschiedener Kulturen nicht aufeinander eingehen können. Deutsche planen gerne und suchen bei Problemen die Lösung im Gesamtsystem. Italiener bemühen sich lieber um spezifische Lösungen für den Einzelfall und versuchen die dann in das große Ganze zu integrieren. Wenn beide Seiten kein Verständnis für die Herangehensweise des anderen entwickeln, scheitert das Projekt. Wenn sie dieses Verständnis haben, finden sie gemeinsam unter Umständen die optimale Lösung. Insofern steckt in interkulturellen Ansätzen in der Logistik sehr wohl Visionäres.

Welche Anforderungen werden die Kunden in Zukunft an Logistik stellen? Mich ärgert es immer maßlos, wenn ein Paket nicht wie angekündigt an einem bestimmten Tag ankommt, sondern ich irgendwann später zur Post radeln und dort auch noch lange anstehen muss, um es abzuholen.

Da sind Sie nicht der Einzige. Und immer mehr Kunden sind ja auch bereit, für zeitgenaue Lieferung mehr zu bezahlen. Vor 20 Jahren wurde Logistikdienstleistung knallhart über den Preis verkauft, vorausgesetzt, die Ware kam zuverlässig an. Auch hier liegen für Unternehmen große Entwicklungschancen. Meine Töchter muss ich heute mitunter daran hindern, dass sie bei Amazon nicht mal schnell die Overnight-Express-Option anklicken. Nur weil sie meinen, auf ein Buch nicht mal drei Tage warten zu können. Diese Express-Lieferung kostet bei Amazon 13 Euro. Das Angebot hat seit Jahren einen Zuwachs von 15 Prozent jährlich. Die internen Kosten für diesen Service dürften unter drei Euro liegen. Aus Sicht des Lieferanten ist das ein schönes Geschäft. Clevere Anbieter werden sich in den kommenden Jahren in dieser Richtung noch einiges einfallen lassen.

Apropos Amazon. Es wurde im Zuge der neuen E-Book-Reader viel darüber diskutiert, dass immer mehr Waren gar nicht mehr physisch verschickt werden, sondern digital. Ist das eine Gefahr für die Branche?

Ach, was für ein Quatsch. Was sollen das denn für Waren sein? Musik, okay, da ist das so. Bei Filmen wird das in ein paar Jahren vermutlich auch so sein, dass man keine DVD-Boxen mehr bestellt, sondern Kunden die digitale Ware direkt auf den Rechner herunterladen. Aber schon bei Büchern dürfte die Digitalisierung beim Fachbuch haltmachen. Die meisten Romane kommen weiter per Post. Und alles andere sowieso. Je stärker der Internethandel wird, desto mehr gibt es für unsere Branche zu tun.

Einmal angenommen, Sie könnten den Investor unseres fiktiven Logistik-Unternehmens nicht leiden. Ihr Ziel wäre es, sein Kapital möglichst schnell zu verbrennen. Wie sähe die Firma dann aus?

Ich würde ein großvolumiges Transportgeschäft aufbauen. Da sind die Gewinnmargen klein. Die Kunden sollten zudem keine Möglichkeit haben, ihre Aufträge zu individualisieren. Das heißt konkret: Ich würde viel in eigene Transport- und Terminal-Kapazitäten investieren und wenig in IT. Wenn die Weltwirtschaft ein paar Prozent nach unten geht, habe ich keine Möglichkeit mehr zu reagieren. Dann wäre die Firma ganz schnell weg vom Fenster.-


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