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brand eins 03/2010 - SCHWERPUNKT: LOGISTIK

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Das Bauchgefühl des Jägers

Archive sollen die Welt säuberlich ordnen. Weil das unmöglich ist, gibt es dort Überraschendes zu entdecken. Hier ein paar Suchtipps.

- Der Mensch sucht, er kann nicht anders. Sucht ein Mensch nicht mehr, ist es so, als hätte er einen Großteil seines Lebens hinter sich oder wäre schon so gut wie tot.

Der Mensch entwickelt Suchstrategien, unbewusst, halb bewusst oder in voller Absicht. Jeder tut es. Der Student sucht sich seine Literatur zusammen, der Rechtsanwalt braucht eine Strategie für die Verteidigung eines Mandanten, der Kriminalist fahndet nach einem Motiv oder einem rechtskräftigen Beweis. Suchen heißt, die Lösung zu wollen, aber noch nicht zu haben. Der Kriminalist ist nicht unbedingt besser als die Ehefrau, die einen Beweis der Untreue ihres Mannes sucht. Er hat ihr nur seine erlernten Suchroutinen, Datenbanken und das staatlich abgesegnete Gewaltmonopol voraus. Hat er auch Intuition? Wer sie hat, findet leichter. Das ist das Bauchgefühl des Jägers.

Es kommt auf das Maß an. Wer zu viel findet, lebt gefährlich. Wer nichts findet, aber nicht aufhören kann mit dem Suchen, kann enden wie der Apfelbauer Georg Stein aus dem Alten Land, der sich in einem Waldstück in Niederbayern einige Scheren in den Bauch rammte. Der Mann hatte über Jahrzehnte nach dem Bernsteinzimmer gefahndet und darüber Angehörige, Freunde, Haus und Hof verloren. Das Ende war reiner Selbsthass.

Ab und zu etwas finden hält gesund und schärft den Suchinstinkt. Man muss die Dosis verkraften können.

Die Suche setzt Strategien voraus. Nur die richtige Frage führt zum Erfolg. Marianne Birthler, oft angegriffen wegen der überraschenden Volten ihrer Behörde, die Stasi-Unterlagen verwahrt, konnte es sich beim Fund der Kurras-Akten nicht verkneifen, einem Journalisten hämisch zu sagen, dass die Unterlagen jederzeit zugänglich gewesen seien. Man hätte nur "auf die Idee kommen" müssen, dass der Polizist, der Benno Ohnesorg erschoss, für die Stasi gearbeitet habe. Niemand habe je danach gefragt.

Wer meint, in einem Archiv alles zu finden, was er sucht, und das bitte schnell, war nie in einem. Die Suche fängt dort erst an. Der größte Teil unserer Archive, in denen sich angeblich Gefunde nes verbirgt, ist unbekannt, auch und gerade bei den angestellten Archivaren. Was aber unbekannt ist, ist in Wahrheit nie gefunden worden. Ein Archiv ist wie ein Eisberg: Das Bekannte, mit dem nicht selten geworben wird, leuchtet hell über der Wasser oberfläche, darunter ruhen neun Zehntel unerkanntes Material - und warten auf den, der sie nach oben holt.

Fallstudie 1: Am Anfang steht die Einlieferung

Vor einigen Jahren hielt am Tor zum Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München ein mittelgroßer Lastkraftwagen am Tor. Einige Männer stiegen aus und entluden den Wagen in einer Kette. Sie warfen sich die Aktenpakete zu, jedes mit einem breiten Packriemen verschnürt, und stapelten sie längs einer Mauer. Eine Akten wand wuchs hoch. Nach einigen Stunden war der Wagen leer, die Männer reif für ein Bier, und an der Mauer erstreckte sich eine Wand aus Papier, fast zwei Meter hoch, mehrere Lagen tief und an die fünf Meter lang. Eine Behörde hatte ihre Registratur ausgeräumt und Massen alter Fälle an das zuständige Hauptstaatsarchiv abgegeben. Kurz darauf begann das große Einlagern: Die verschlissenen Aktendeckel wurden entfernt, der Inhalt kam in archiv eigene, jungfräuliche Pappdeckel, obendrauf ein Kleber mit der neuen Archivsignatur, Eintrag ins Computersystem, wobei der Aktentitel des Einlieferers übernommen wurde - und fertig. Nächs te Akte. Dieser Vorgang ist die Grundlage der meis ten Archivfunde.

Fallstudie 2: Archive wissen nichts über sich

Kein Archivar, der bei dieser Behauptung nicht unruhig oder ungehalten würde. Vor Jahren suchte ich die Ermittlerakte zum Bombenattentat auf Konrad Adenauer am 27. März 1952 in München. Sie galt als verschollen. An jenem Tag hatte ein Unbekannter ein an den Bundeskanzler adressiertes Paket zwei Jungen übergeben - mit dem Auftrag, es bei der Leopoldpost in Schwabing abzugeben. Die beiden schöpften Verdacht, wandten sich an eine Amtsperson, die wiederum die Polizei einschaltete. Ein Sprengmeister meinte, das Paket öffnen zu müssen, und kam bei der Explosion ums Leben.

Anfragen bei den zuständigen Archiven blieben ergebnislos: "Der Fall wird öfters nachgefragt", hieß es im Bayerischen Staatsarchiv München, wo die Unterlagen hätten liegen müssen, "aber wir haben die Ermittlerakte nicht." Nichts zu machen, neue Suchstrategie. Nach fast acht Monaten stieß ich in einem losen Schriftstück, das weder Verfasser, Ort noch Datum nannte, auf einen der damaligen Ermittler, er hatte einen seltenen Namen. Der Mann lebte in München, am Telefon gab er ohne Zögern zu, der Leiter der damaligen Ermittlergruppe gewesen zu sein.

Der Kriminalist a. D. wusste, wo seine Sachen liegen mussten, und mit dem Habitus des wahren Eigentümers ging er schnurstracks ins Staatsarchiv und verlangte "seine" Akte. Sie wurde ihm umgehend ausgehändigt. Wie hatte er sie nur finden können?

Ganz einfach: Der Nachweis im Archiv lautete nicht "Bomben attentat auf Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27.3.1952 in München", wie jeder Laie vermutet hätte, sondern "Kronstein, Josef, wegen Sprengstoffverbrechen", ausgestattet mit einer nichtssagenden Signatur. Da die Ermittlungen geheim gewesen waren, konnte nur einer der beteiligten Kriminalisten über den Namen des ihm bekannten Verdächtigen die Akte finden. Das Schöne daran: Es herrscht Ordnung in deutschen Archiven. Das Abgrün dige: Archivare wissen nicht immer, was sie haben. Es gehört aber zur Geschäftsgrundlage, so zu tun, als ob.

Fallstudie 3: Vom Archivar zum Archäologen

Vor einigen Jahren machte die Nachricht die Runde, dass die neu ernannte Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa El-Saddik, in ihrem Archiv gründlich aufräume. Die couragierte Dame hatte feststellen müssen, dass bekannte, ja berühmte Stücke der renommierten Sammlungen ihres Hauses nicht aufzufinden waren. Sie ging in die weitläufigen, labyrinthartigen Keller des Museums und betrat ein unbekanntes Reich: Auf klobigen Holzregalen lagen Ausgrabungsfunde zu Hunderten, achtlos abgelegt, nicht erforscht, viele noch nicht einmal katalogisiert und beschrieben. Es war, als hätte es diese Ausgrabungsstücke - Särge, Töpfe, Inschriften, Totenschädel, Amulette und anderes mehr - nie gegeben.

Auf den Stücken lag eine zentimeterdicke Dreckschicht, angesammelt in etwa hundert Jahren. "Wir machen hier unsere eigene Ausgrabung", kommentierte die Direktorin ihre Arbeit. Sie bildete zwei Teams, bestehend aus je drei Archäologen und einem Archivar, die nun, nach hundert Jahren, die Basisarbeit eines jeden Archivs vornahmen: den Fund begutachten, ihn beschreiben, seinen Zustand erfassen, eine erste Einschätzung seiner historischen und wissenschaftlichen Bedeutung vornehmen und alles sachgemäß katalogisieren und dokumentieren. Archäologen und Archivare waren mehrere Jahre beschäftigt. "Der Kellers des Museums gleicht einem Labyrinth", sagte die Direktorin, "täglich entdecken wir neue Schätze."

Wenn ein Museum, ein Archiv oder eine Bibliothek mehr als hundert Jahre nach dem allerersten Fund den betreffenden Fund noch einmal findet, dann sind Finden und Finden zweierlei. Dann ist der Fund beim ersten Mal zwar gefunden, aber nicht erkannt worden. Wie oft kann ein Fund neu gefunden werden?

Vom Finden, Vergessen und Wiederfinden

Das Schicksal der Särge und Töpfe im Ägyptischen Museum in Kairo ist außergewöhnlich. Und lässt doch ein Phänomen erkennen, dem alle Funde unterworfen sind: Sie werden nur für eine Weile gefunden und in ihrem Wert erkannt. Sie haben eine Halbwertszeit, deren Dauer niemand kennt. Wie der Strahl eines Scheinwerfers eine düstere Landschaft nur punktuell erhellt, so erfasst das menschliche Bewusstsein Gegenstände und Zusammenhänge ausschnittartig. Im hellen Licht der Erkenntnis treten Sachverhalte klar hervor, als könnte es nie anders sein.

Welch ein Irrtum. Um im Bild zu bleiben: Der Strahl des Scheinwerfers wandert weiter, zu interessanteren Dingen. Das Leben ändert sich, die Wahrnehmung, die Interessen ändern sich, die Schwerpunkte verschieben sich fast unmerklich. Das Gefun dene wird allmählich uninteressant, es wirkt verstaubt, ist von ges tern. Es sinkt zurück in das Dämmern der Archive, bis es schließlich umhüllt ist von Dunkelheit. Vergessen, unbekannt, verschollen. War es je da? Nur der Eintrag in einem alten, gedruckten Findbuch zeugt von seiner Existenz. 20, 30 Jahre vergehen, die nächste Generation von Archivaren tritt an, ein neues, mächti ges Archivierungs system wird eingeführt, die Bestände werden umgeräumt, Außendepots eingerichtet, die Akten erhalten neue Signaturen, Konkordanzen werden erstellt. Eines Tages fragt ein Besucher nach einer dieser verstaubten Sachen, neugierig geworden durch einen Hinweis in einem alten, analogen, vom Säurefraß fast zerkrümelten Findbuch.

Ja, die Sache gab es mal, doch jetzt habe sie eine neue Signatur, sei gesperrt, werde verfilmt, digitalisiert. "Kommen Sie in einem Jahr wieder, dann haben wir da aufgeräumt, jetzt liegt da zentimeterdick der Staub drauf", wird der Fra gende beschieden.

Der geduldige Besucher erscheint nach einem Jahr erneut und bekommt das Verlangte, löst die Schnur um eine vergilbte Schachtel, öffnet den Deckel - und es haut ihn um. Er hat eine Sache vor sich, die anscheinend völlig unbekannt ist, nie dagewesen. Keiner wusste davon, nur das alte Findbuch. Ein echter Archivfund! Der Besucher schluckt den Archivstaub und macht sich mit heißem Herzen an die Arbeit. In der Tiefe des Archivkartons stößt er auf einen alten, vergilbten Benutzerzettel, der angibt, dass ein Herr fast auf den Tag genau vor 35 Jahren den gesamten Bestand in mehrwöchiger Arbeit schon einmal durchgeackert hat und auf der Höhe der Erkenntnis war.

Fälle über Fälle

Ein Archiv kann vielerlei Gestalt haben. Es kann ein Museum sein, eine Bibliothek, ein Herbarium. Selbst ein zoologischer Garten ist nichts anderes als ein Raum für Gefundenes und Gesammeltes. Und manchmal findet man dort Dinge und Wesen, die, streng genommen, nie gesammelt wurden. So entdeckten zwei Wissenschaftler im Jahr 2002 im Stuttgarter Zoo einen unbekannten Schwamm, dem sie den Namen Tethya wilhelma gaben. Er war nie eingeliefert worden, sondern auf fremdem Material inkognito in den Tiergarten gelangt. Mit zwei Millimetern pro Stunde der schnellste Schwamm der Welt, hatte er bisher dem Erkenntnisinteresse der Forschung entkommen können. Ebenfalls im Jahr 2002 warf ein Wissenschaftler mal eben einen Blick ins Korallenbecken von Hagenbecks Tierpark in Hamburg - und fand eine bisher nicht beschriebene Quallenart, die er flugs nach dem Fundort Nausithoe hagenbecki nannte. Ein Forscher muss nicht immer nach Ozeanien reisen, um eine neue Art zu finden. Man suche in den heimischen Archiven.

Es gibt geradezu klassische Konstellationen, warum gefundene Dinge wieder verschwinden. Kriege sind eine davon. Entweder werden ganze Sammlungen und Bib liotheken geplündert und in alle Winde verstreut. Oder die Archive und Bibliotheken bereiten überstürzt Notauslagerungen vor, bei denen alles Wertvolle hastig verpackt und an einen vermeintlich sicheren Ort gebracht wird. Unterwegs verschwinden ganze Sendungen, es gehen Packlisten und Verzeichnisse verloren, Notdepots müssen abermals geräumt werden. Was im Zweiten Weltkrieg an Ausgelagertem verloren ging, beschäftigt die Archivare und Bibliothekare, die ehemaligen Eigentümer und die Gerichte bis heute. Selbst was durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde, ist manchmal noch ein Rätsel. So kennt die Berliner Staatsbibliothek bis heute ihre Kriegsverluste nicht, wie die Benutzer immer wieder feststellen müssen.

Im Keller des Berliner Pergamonmuseums fand sich um das Jahr 2000 ein vier mal vier Meter großes Spiegelkabinett aus der Zeit um 1715, verpackt in unbeschrifteten Kisten. Die Trouvaille hatte bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Museum gestanden und war 1946/47 eilig aus dem halb zerstörten Gebäude gerettet und in Kisten verpackt worden, für bessere Zeiten. Die ließen aber auf sich warten. Die Kisten kamen in den Keller des Pergamonmuseums, der irgendwann voll Wasser lief. Dort lagerten sie, und niemand wollte sich darum kümmern. Es suchte auch niemand, denn "Das Deutsche Möbel", das Standardwerk der Experten, verzeichnete das seltene Stück als Kriegsverlust. Irgendwann nahm einer den Kuhfuß und stemmte die Kisten auf.

Auch im tiefsten Frieden ist Gefundenes nicht sicher, wie der Einsturz des Kölner Stadtarchivs in die Baugrube der U-Bahn zeigt. Die Archivare wurden zu Archäologen, die Notgrabungen vornehmen mussten. Die abermals gefundenen (geretteten) Sachen wurden in großer Eile über das ganze Land verstreut. Noch in 50 Jahren werden Kölner Archivare mithilfe ihrer hastig getippten Verzeichnisse damit beschäftigt sein, ihr Eigentum zurückzuholen.

Archivfunde brauchen ihre Zeit. Mehr als 50 Jahre brauchte das erwähnte Spiegelkabinett, um wieder aufzutauchen, mehrere 100 Jahre die 1507 gedruckte Waldseemüllerkarte, die seit den Tagen Alexander von Humboldts gesucht und erst 1901 entdeckt wurde. Ein Manuskript von Albert Einstein steckte 21 Jahre unerkannt in einem fremden Nachlass der Universität Leiden.

Auch die Geisteswissenschaften können sich über einen Mangel an prägnanten Archivfunden nicht beklagen. Über Heinrich Mann existieren eine Reihe von Biografien, doch erst vor wenigen Jahren wurden in einem Prager Archiv Manuskripte, Fotos und Briefe zu Manns erster, unglücklicher Ehe entdeckt. Ein zwiespältiger Fund: Die Prager Archivare wussten davon, doch nie hatte jemand nachgefragt, bis eine Mitarbeiterin des Berliner Archivs der Akademie der Künste sich bei ihnen erkundigte. Im Umfeld der Familie Bach häufen sich die Funde geradezu. Eine Legende ist - nach 20 Jahren Suche - der Fund des Berliner Bacharchivs 1999 in Kiew. Erstaunen vor Ort über die vermeintliche Sensation: Seit Jahrzehnten wurden nach den Kompositionen aus dem Kiewer Archiv Konzerte aufgeführt.

Fallstudie 4: Eichmann oder Vom Spannungsfeld zwischen Archivaren und Rechercheuren

Ein Archivfund lässt manch einen gelegentlich wie einen Trottel dastehen. Keiner kennt die Zahl derer, die sich über den Kurras-Fund geärgert haben. Im Jahr 2003 war eine Historikerin, die die Erkenntnisse der Stasi über die Westberliner Polizei erforschte, nah dran. Das Problem war die schiere Menge von rund 180 Bestandsakten. Ein Archivar hatte sogar die 17 Kurras-Bände samt den zwei Bänden seiner Personalakte in Händen und paginierte die Seiten, sah dabei jede an, wie man vermuten muss - und erkannte nichts. Angesichts der Masse der Akten brach die Forscherin die Suche ab, ohne die Kurras-Akten in die Hand genommen zu haben. Sie hätte berühmt werden können.

Ein anderer, der sich durch Aktenberge nicht abschrecken ließ, hatte mehr Glück. Im Jahr 2000 stieß der professionelle Rechercheur Jörg Rudolph im Stasi-Archiv Dahlwitz-Hoppegarten, das dem Bundesarchiv zugeschlagen wurde, auf Eichmanns Akten aus dessen Wiener Zeit, und das bei fünf laufenden Kilometern Akten. Die historische Forschung wusste bis dato ausgesprochen wenig über das Wirken jenes Mannes, der die Vernich tung der Juden organisierte, in Wien kurz nach dem sogenannten Anschluss. Im Frühjahr und Sommer 1938, unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht, hatte Eichmann dort die Niederlassung der Sicherheitspolizei aufgebaut und ein Bündel bürokratischer Maßnahmen ersonnen, wie die jüdische Bevölkerung auszubeuten und zu schikanieren sei.

In diesem eher chaotischen Archiv war Jörg Rudolph der Platzhirsch: Für seine geplante Doktorarbeit hatte er Unmengen an Aktenbeständen durchforstet. Daraufhin unternahm er professionelle Aktenrecherchen im Auftrag Dritter und gründete mit einigen Partnern die Firma Facts & Files. Irgendwann stieß er auf die Eichmann-Akten. Die Folge war keineswegs Interesse und Anerkennung unter den Forschern: Die Wiener Historiker reagierten gereizt, weil Rudolph die Aktensignaturen nur gegen 15600 D-Mark rausrücken wollte, und im Bundesarchiv rümpfte man die Nase. Worte wie "Spinner", "Dünnbrettbohrer" und "Besserwisser" machten die Runde. Rudolph galt als sensationslüsterner Rechercheur. Es war ihm egal, wie er sagte.

Googeln?

Die Suchmaschine Google ist nicht die Lösung. Eher das Chaos, wenn nicht der Untergang. Man braucht gute Suchstrategien, um von jenen Trefferlisten wegzukommen, die dem Unerfahrenen vorgaukeln, er hätte etwas gefunden. Wer Google dumm fragt, bekommt nicht eine dumme Antwort, sondern wird mit fünf Millionen Hits abgestraft. Die echten Funde bei Google haben 20, 30 Treffer. Für solch eine exquisite Trefferrate muss man manchmal hart arbeiten, und auf dem Weg dorthin greift der Suchende gern auf Johnny Longs berühmte Google Hacks zurück - raffinierte Kombinationen von Suchoperatoren, mit deren Hilfe man Abertausende Passwörter, Lücken in der Software von Web-Seiten, Lebensläufe, Indizes und Fotosammlungen findet oder sich ins Intranet irgendwelcher Firmen einschleichen kann, von denen man noch nie etwas gehört hat.

"This is not the stuff, you are really looking for", würde Paul Myers, die Online-Recherchelegende der BBC, zu dieser Spielerei sagen. Wie recht er hat. Man macht mit Google per definitionem keine Archivfunde: Grundlage der Suchmaschine Google ist die Kopiermaschine Google. Sie arbeitet nicht mit Originalen, sie kennt nur Kopien von Kopien von Kopien. Die wirklich heißen Sachen stehen meist nicht im Netz. Sie liegen irgendwo und warten auf den, der sie erkennt.

Sucht

Es wird keinen Mangel an Archivfunden geben. So wie Archive funktionieren und wie die menschliche Erkenntnis arbeitet, wird es immer Überraschungen geben. Schon morgen könnte ein Student einen uninteressant erscheinenden Bestand eines abseitigen Nachlasses durchstöbern, auf eine Schachtel stoßen, ein vergilbtes Manuskript hervorholen, es ansehen, wenig verstehen, es weglegen, wieder hervorholen, bis ein Freund, der mal Germanistik studiert hat, Verdacht schöpft und einen Fachmann fragt. Und der würde auf den zweiten Blick erkennen, dass es sich nur um den "Urfaust" handeln kann, jenes "höchst konfuse Manuskript", das Goethe zwischen 1773 und 1775 schrieb und vielleicht selbst vernichtete. Die Fachwelt würde ihm zu Füßen liegen.

Man könnte süchtig nach dem Suchen werden.-


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