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brand eins 03/2010 - SCHWERPUNKT: LOGISTIK

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Afghanische Glücksspirale

Wer Geldströme organisiert, hat es weniger mit Distanzen als mit Hindernissen zu tun. Sie zu überwinden erfordert besonderes Geschick.

Ein Beispiel aus Afghanistan.

- Mahboob Frotan zieht drei Visitenkarten der Commerzbank aus der Schublade und platziert sie gut sichtbar auf seinem Schreibtisch. "Vergangene Woche war ich in Frankfurt", sagt der Bankangestellte stolz. Er klingt, als wolle er beweisen, dass die größte Bank Afghanistans ein vollwertiges Mitglied im internationalen Finanzsystem ist.

Frotan ist Chief Compliance Officer bei der Kabul Bank und somit verantwortlich dafür, dass weder Drogen- noch Terrorgelder auf ihre Konten gelangen. Die wenigen Haare hat er sorgsam über der Glatze verteilt, Anzug, Hemd und Krawatte sind perfekt aufeinander abgestimmt. Frotan wirkt wie ein strenger Buch halter, der die afghanischen Kräfte der Improvisation im Zaum halten soll. Wenn er seine Arbeit beschreibt, spricht er von Internet-Banking und der Einführung der Mastercard, von Corporate Identity und "der lächelnden Bank", die ihren Kunden in allen Regionen Afghanistans den gleichen Service anbiete.

Die Kunden wollen ihr Geld bei der Bank vor Räubern schützen. Die Bedingung: keine Zinsen

Doch nicht die Annäherung an westliche Standards hat die Kabul Bank groß gemacht, sondern die Fähigkeit, sich den Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Kabul ist nicht Frankfurt. Um das zu erkennen, reicht ein Blick in Frotans Büro, das in einer düsteren Ecke in einer wuseligen Kabuler Innenstadtfiliale untergebracht ist. Am Eingang heben die Kunden die Arme, während Wachleute sie auf Waffen und Sprengstoff abtasten. In der Schalterhalle stehen Turbanträger neben Männern mit Plastikschlappen und traditionellen Pluderhosen, die dem Kassierer kleine, zusammengerollte Scheine über den Tresen reichen. Über allem hängt ein Werbeplakat mit dem Slogan: "Bakht -der leichteste Weg, eine Million zu verdienen." Während im Westen derzeit viel vom Maßhalten die Rede ist, wird in einem der ärmsten Länder der Welt noch immer das schnelle Geld beschworen.

Die Kabul Bank ist Afghanistans unangefochtener Marktführer. Sie hat das größte Geschäftsvolumen, die meisten Kunden und das dichteste Filialnetz. Der Grund dafür ist einfach: Ihr Bakht ist das erfolgreichste Finanzprodukt am Hindukusch.

Bakht ist das persische Wort für Glück und der Name eines Sparkontos, dessen Inhaber zwar auf Zinsen verzichtet, dafür aber an einer Verlosung teilnimmt, bei der Geldgewinne winken. "Das ist ein spezielles Konzept, das auf den traditionellen islamischen Werten der afghanischen Gesellschaft basiert", sagt Frotan. Kritiker sehen darin jedoch ein Glücksspiel, das der Koran verbietet.

Fakt ist: Der Traum vom Glück verkauft sich gut. Etwa zehn Prozent der rund 2,5 Milliarden Dollar Spareinlagen liegen in Afghanistan auf Bakht-Konten. Weitere Millionen lagern auf den Glückskonten einer anderen Bank, die das Konzept erfolgreich kopiert hat.

Im Zentrum von Kabul steht ein kleiner Eiffelturm, ganz in der Nähe davon liegt der Hotelkomplex Sham-e-Paris. Einmal im Quartal mietet die Kabul Bank dort einen Saal für ihre Verlosung. Sie stellt dann große Lostrommeln auf, die mit rund zwei Millionen Zetteln gefüllt sind, auf denen Kontonummern stehen. Pro eingezahlten 100 Dollar gibt es ein Los. Minister, Geschäftleute und indische Filmstars ziehen bei dem Event vor laufenden Kameras die 15 Hauptgewinner. Eine Million Afghani Preissumme erhält jeder von ihnen. Wohlgemerkt: Eine Million Afghani entsprechen rund 15000 Euro -das 17-fache des Jahresgehalts eines Lehrers. 4000 weitere Kunden tragen kleinere Geldbeträge davon, neun Sparer freuen sich über ein neues Apartment.

In der Bilanz der Kabul Bank schlägt sich Bakht nach Frotans Angaben wie ein gewöhnliches Sparkonto nieder: Die Preisgelder würden auf der Basis eines Zinssatzes von fünf Prozent errechnet, abzüglich der Kosten für die Party. Als Bakht im April 2006 eingeführt wurde, verdreifachte sich die Kundenzahl innerhalb von vier Monaten. Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine Bank betreten hatten, eröffneten gleich zwei oder drei Konten, als könnten sie das Glück in Portionen kaufen.

Warum dieser Erfolg? Für Mahboob Frotan ist die Antwort klar: "Das Produkt entspricht den religiösen Überzeugungen unserer Kunden." Die Ablehnung von Zinsen ist gerade in den ländlichen Gebieten Afghanistans weitverbreitet, wo die Mullahs das im Koran verankerte Zinsverbot durchsetzen. Täglich kämen Sparer in die Bank, sagt Frotan, die ihr Bares vor Dieben und Räubern schützen wollten, aber nur unter einer Bedingung: keine Zinsen. "Das sind Leute, die ihr Geld sonst lieber im Garten vergraben würden", sagt Frotan. Das Bakht-Konzept sei entwickelt worden, um die Ersparnisse der Gläubigen in den Wirtschaftskreislauf einzubringen. Die Kabul Bank rechnet es sich als Verdienst an, dass sie dringend benötigtes Kapital für den Firmenkreditmarkt eingeworben hat. Von ihren 650 Millionen Dollar Spareinlagen habe sie 500 Millionen Dollar als Darlehen an afghanische Unternehmen weitergereicht.

Der Zins wird als Sünde betrachtet -also braucht man kreative Ideen, um ihn zu umgehen

Solche Zahlen klingen im Vergleich zu Deutschland mickrig, wo sich die Spareinlagen auf 600 Milliarden Euro belaufen. Dazu muss man wissen, dass bis 2004 kaum jemand in Afghanistan ein Konto hatte. Marodierende Milizen hatten bereits Anfang der neunziger Jahre die Tresore der Kreditinstitute geplündert. Dann kamen die Taliban, ersetzten das Personal der Zentralbank mit ahnungslosen Glaubensbrüdern und erklärten Zinsen zur Sünde.

Als das radikal-islamische Regime Ende 2001 gestürzt wurde, waren die Afghanen eine Nation von Matratzensparern. Drei Jahre später ging die Kabul Bank an den Start.

Vielleicht kein Zufall, dass die Gründer des erfolgreichsten afghanischen Geldinstituts keine klassischen Banker sind. Sie waren traditionelle Geldhändler, sogenannte Hawaladar, mit jahr zehntelanger Erfahrung in der informellen Kriegswirtschaft. Um ihre mangelnden Kenntnisse im regulären Finanzgeschäft wettzumachen, haben sie zahlreiche Vorstandsposten mit Bankern aus Indien und Pakistan besetzt. So kam auch 2004 der erste Chef von einer kleinen Bank aus dem indischen Kerala. Dieser Mann, übrigens ein Christ, hat das Glückskonto erfunden.

Ist Bakht ein islamisches Konzept? "Die Kunden sind vor allem arme Schlucker, die davon träumen, über Nacht zu Millionären zu werden", sagt der Manager einer Konkurrenzbank, der seinen Namen nicht nennen will. Mit dem Glauben der Kontoinhaber könne es so weit nicht her sein, spottet er. Schließlich gelte Lotto im Islam als Glücksspiel, und das sei verboten. Er versäumt nicht zu erwähnen, dass Sherkhan Farnood der größte Anteilseigner der Kabul Bank ist, ein international erfolgreicher Pokerspieler. Zuletzt gewann er 2008 das Horse-Turnier der World Series of Poker Europe. Frotan will das so nicht stehen lassen: "Bakht ist kein Glücksspiel, weil man dabei kein Geld verlieren kann." Als Beweis führt er zahl reiche Mullahs an, die zu seinen Kunden zählten.

Dennoch gibt es Afghanen, denen die Bakht-Konten nicht geheuer sind. Abdullah Rasuly und Qiam Mubasir zum Beispiel. Zwei willkürlich ausgewählte Gesprächspartner. Die beiden Männer sitzen in einem Kulturzentrum im nordafghanischen Kunduz, und es ist ihnen unangenehm, dass auch sie 2006 der allgemeinen Bakht-Euphorie nachgegeben haben. Das sei damals eine andere Zeit gewesen. Die Wirtschaft boomte, und man glaubte, dass alles immer besser würde. Moralische Fragen wurden nicht gestellt. "Bei der Verlosung gewinnen doch nur die Angehörigen der Bankmitarbeiter", behauptet Rasuly. Dabei muss der Buchhalter zugeben, dass er zwei Bakht-Millionäre kennt, auf die das nicht zutrifft: einen Übersetzer der Bundeswehr und einen Geschirrverkäufer. Doch auch das scheint Rasuly verdächtig. Wahrscheinlich sei das auch so ein Schachzug der Bank, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Derlei Verschwörungstheorien sind in Afghanistan weitverbreitet. Künftig, sagt Abdullah Rasuly, wolle er sein Geld jedenfalls ordent lich verzinsen. Der Englischlehrer Qiam Mubasir hat ganz andere Sorgen. Er hat bei der Lotterie 200 Dollar gewonnen und von einem Mullah erfahren, dass das verboten sei. Nun will er, so sagt er, mit dem Geld einen Film drehen, um andere vor Bakht zu warnen.

"Bakht hat nicht das Geringste mit dem Islam zu tun", sagt Mohammad Ayaz Niazi. Der junge Imam der Hauptmoschee im Kabuler Wohlhabendenviertel Wazir Akbar Khan gilt als einer der gelehrtesten Geistlichen der Hauptstadt. Er hat in Ägypten studiert, spricht fließend Englisch und reist regelmäßig in die Türkei. Die Kabul Bank nutze die Spareinlagen ihrer Kunden, um konventionelle Kredite an Unternehmen zu vergeben, von denen sie Zinsen verlange. Damit werde das Geld verunreinigt. Auch die Verlosung sei mit islamischen Vorstellungen nicht zu vereinbaren. "Preise sollten nicht nach dem Glücksprinzip vergeben werden, sondern als Anreiz für gute Leistung." Etwa an einen Schüler oder einen verdienten Mitarbeiter. "Die Kabul Bank missbraucht unseren Glauben", wettert der Mullah. "Sie sind genauso wie die Leute, die töten oder stehlen und behaupten, sie hätten es im Namen des Islam getan."

Harte Worte, wie sie die Afghanen täglich von den Mullahs zu hören bekommen. Doch warum geht keiner der einflussreichen Geistlichen gegen die Bank vor? "Ich gebe Ihnen ein Beispiel", sagt Hamidullah Noor Ebad, der an der Kabuler Universität Wirtschaftswissenschaften unterrichtet und in Köln vor 20 Jahren seine Doktorarbeit über islamische Banken geschrieben hat. "Zum Amtsantritt von Zentralbank-Chef Firat vor gut zwei Jahren forderten viele Parlamentarier, einen Kredit der Weltbank nicht anzunehmen." Wegen der Zinsen. Aber natürlich, sagt der Wissenschaftler, hätten die Abgeordneten gewusst, dass das nicht möglich sei. Deshalb hätten sie die Entscheidung dem Obersten Gericht überlassen. Die Sache sei in Vergessenheit geraten und der Kredit angenommen worden.

Die Zentralbank hat auf den Druck reagiert und in Windeseile ein Gesetz für islamisches Banking formuliert, das in den kommenden Monaten verabschiedet werden soll. Bis dahin allerdings gibt es nur ein Geldinstitut, das zertifizierte islamische Konten anbieten kann: die pakistanische Alfalah-Bank, die sich die Reinheit ihrer Produkte von der eigenen Zentralbank in Islamabad bescheinigen lässt. Andere Banken warten auf den Startschuss und schwärmen schon jetzt von rosigen Geschäftsaussichten.

Alfalah-Landesdirektor Raza Shah Kakakhail ist eher skeptisch. "In Afghanistan fehlt das nötige Personal für islamisches Banking", sagt er. Anfangs stieß die Bank zudem auf unerwartete Probleme: "Wir wollten das Geld in islamische Wertpapiere in London und im Nahen Osten investieren", sagt Kakakhail. Doch die Banken weigerten sich, es anzunehmen. Der Grund: "Afghanistan und islamisches Geld -das weckt leider Misstrauen in der Branche." So lagen 45 Millionen Dollar 18 Monate nutzlos im Safe, und die Bank konnte nicht einmal ihre Verwaltungskosten decken. Seit 2008 ist der islamische Zweig aber profitabel. Gelohnt habe sich die Pionierarbeit in jedem Fall, so Kakakhail. Sie bescherte der Bank ein Monopol und einen guten Ruf. Damit wurde Alfalah nach eigenen Angaben das drittgrößte Geldinstitut am Hindu kusch, hinter den beiden Glücks-Banken.

Doch auch die Pakistaner vergeben höchst selten islamkonforme Kredite an afghanische Unternehmen. Aus gutem Grund: Die Mehrzahl der Firmen verfügt nur über eine rudimentäre Buchhaltung, die Bilanzen werden äußerst selten geprüft. Und nach dem isla mischen Mudarabah-Prinzip richtet sich die Rendite eines Kapital-Gebers nach dem Gewinn oder Verlust, den der Kapital-Nehmer mithilfe des Geldes erzielen konnte. Wenn das Unternehmen also behauptet, schwere Einbußen erlitten zu haben, müsste die Bank am Ende sogar noch draufzahlen. Kein wirklich verlockendes Geschäft. Wer also als Afghane sein Geld nach den Regeln des Islam anlegen will, muss dies im Ausland tun -oder sich mit halbislamischen Lösungen zufriedengeben.

Und so hat auch die Kritik von Mullahs und Wettbewerbern der Kabul Bank bislang nichts anhaben können. Gefahr droht von einer ganz anderen Seite: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat der afghanischen Zentralbank bereits vor einem Jahr nahegelegt, Bakht zu verbieten. "Das System ist intransparent und untergräbt die Stabilität der Einlagen, weil Sparer zu häufigen Kontowechseln animiert werden", sagt der IWF-Sprecher in Kabul, Wabel Abdallah. Seine IWF-Berater fürchteten zudem, dass ein plötzlicher Vertrauensverlust dazu führen könne, dass viele Bakht-Kunden ihre Konten gleichzeitig kündigen, wodurch das ganze System in Turbulenzen geraten würde.

Das wirft die Frage auf, warum die Kunden ihr Geld eigentlich der Kabul Bank anvertrauen. Immerhin besteht die Gefahr, dass der Bürgerkrieg weiter eskaliert. "Das ist eine gute Frage", sagt Mahboob Frotan, der Mann mit den drei Visitenkarten aus Frankfurt. Die Anteilseigner der Bank seien nicht die Geschäftemacher der Nach-Taliban-Ära. "Sie sind die Geschäftsleute der vergangenen 30 Jahre." Haupteigner Sherkhan Farnood eilt nicht nur der Ruf voraus, ein guter Pokerspieler zu sein. Er soll auch in den schlimmsten Kriegswirren immer seine Rechnungen beglichen haben. Das ist im Zweifel wohl wichtiger als die Reinheit des Geldes.-

Afghanistan

Einwohner: rund 28 Millionen
Bruttoinlandsprodukt: 12 Milliarden Dollar
BIP pro Kopf: 429 Dollar
Wachstum: 12 Prozent
Exporte: 454 Millionen Dollar
Davon nach Deutschland: 7 Millionen Dollar


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