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brand eins 04/2010 - SCHWERPUNKT: Lebensplanung

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Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Wie weiter nach dem Abitur? Akademiker haben beste Perspektiven und so viele Möglichkeiten wie nie.

- Auf www.gutefrage.net stellt "Trainyourbrain" die gute Frage, die 2010 etwa 450000 studienberechtigte Schulabgänger bewegt: "Welcher Studienberuf hat in einigen Jahren eine Perspektive?"

"psychobodo" antwortet: "Ingenieur für Umwelttechnik und erneuerbare Energien."

"Das weiß niemand!", schreibt "Mismid". "Lehrermangel gibt es aber jetzt schon und wird sich noch verschärfen."

"FreeEagle" ätzt: "Wenn ich mich so umschaue: Psychologie!"

"rotius" sarkastisch: "Moment, ich frag' mal die Glaskugel."

"Hasenpub" meldet: "Kam doch gestern in den Medien: Lehramt, Mathematik, Chemie, Physik."

"bubululu" stimmt zu: "Irgendwas Technisches, dann kommst du immer irgendwo unter. Technik hat immer Zukunft."

Pessimistisch wendet "kikkerl" ein: "Das kann man nicht so im Voraus sagen. Vor Jahren sagte man auch, dass Informatiker der beste Beruf ist, und nun sind Zigtausende arbeitslos. Mittlerweile gibt's auch arbeitslose Ärzte, Anwälte."

Den absolut krisensicheren Tipp kennt "Lynx77": "Irgendwas mit Recht oder Steuern. Die Leute kloppen sich auch noch in 100 Jahren ums Geld."

Alle Antworten sind richtig und falsch zugleich. Weil es keine allgemeingültigen und individuell zutreffenden Antworten bei der Berufswahl gibt. Wichtig ist allerdings, sich der Frage überhaupt zu stellen - auch wenn es später oft ganz anders kommt.

Einer, der sich die Frage professionell stellen muss, ist Gerd Zika, 45, Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Thinktank der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Zika arbeitet im Forschungsbereich "Prognosen und Strukturanalysen" und veröffentlicht in den nächsten Wochen mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) eine "Modellrechnung" über Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften bis zum Jahr 2025. Er stellt klar, dies seien keine kurzfristigen Prognosen über den Arbeitsmarkt in ganz bestimmten Berufen, sondern langfristige "Projektionen" für 54 Berufsfelder und Qualifikationsstufen.

Für die konkrete Berufsfrage von "Trainyourbrain" und die 450000 Schulabgänger gibt das Kompendium nichts her. Auch Überraschungen sollte man von dem Befund nicht erwarten. Er wird bestätigen, was in den Veröffentlichungen des IAB schon länger nachzulesen ist. Und das besagt, stark verkürzt: Akademiker gehen sehr guten Zeiten entgegen; ein Studienberuf ist immer besser als ein Ausbildungsberuf.

Harte Fakten belegen das. Etwa dass die Zahl der Akademiker in Lohn und Brot zwischen 1991 und 2005 um 40 Prozent gestiegen ist - als einzige aller Qualifikationsgruppen und fast unabhängig von der jeweiligen Konjunktur. Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss waren in diesem Zeitraum seltener arbeitslos (die Quote lag nie über fünf Prozent), verdienten deutlich mehr als der Durchschnitt (bis zu 51 Prozent), übten ihren Beruf länger aus (das verbessert die Rentenansprüche) und saßen in vier von fünf Fällen auf Stellen, die ihrer Qualifikation entsprachen.

All das, räumt Gerd Zika ein, sei im Grunde "banal" in einer Wissens- und Informationsgesellschaft mit steigendem Bedarf an Hochqualifizierten. Beruhigend könnten die Zahlen dennoch auf solche Schulabgänger wirken, die von Medienberichten irritiert sind: Weder gab es Mitte der neunziger Jahre ein dramatisches Überangebot an Studierten ("Dr. Arbeitslos", "Akademikerschwemme") noch einen Riesenmangel an IT-Fachkräften um das Jahr 2000, als die Regierung Schröder die fast schon legendäre "Green Card" einführte. "Der Arbeitsmarkt für Akademiker war durchweg relativ stabil und ausgeglichen", sagt Zika. Auch jetzt teilen die IAB-Forscher nicht die Sorge wegen eines angeblich dramatischen Ingenieurmangels, der einigen Wirtschaftsverbänden zufolge bevorsteht. "Wäre der Mangel so stark wie behauptet, hätten die Löhne in diesen Bereichen entsprechend stark ansteigen müssen - was nicht der Fall war."

Gegen die These vom akuten Ingenieurmangel spreche auch, dass ein großer Teil der Berufsanfänger nach wie vor nur befristete Arbeitsverträge erhält - ein Zeichen, dass die Not der Unternehmen, sich die knappen Ingenieure zu sichern, nicht allzu groß sein könne. Vielleicht schlagen sie auch nur Alarm, weil sich auf eine freie Stelle nur noch 50 und nicht mehr wie früher 100 Anwärter bewerben. Selbst der für 2009 gemeldete und von der Krise befeuerte Anstieg der arbeitslosen Akademiker um 11,3 Prozent war alles andere als ein Alarmzeichen: In absoluten Zahlen waren das 17000 neue Arbeitslose mit Hochschulabschluss - bei fast 3,3 Millionen Arbeitslosen insgesamt Ende 2009.

Und die Situation wird immer noch besser für Hochschulabsolventen. Auch das ist längst bekannt: In den nächsten Jahren werden viele Akademiker der geburtenstarken Jahrgänge ihre Stellen altershalber räumen. So hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet, dass bis zum Jahr 2020 deutschlandweit 460000 Lehrer aus dem Schuldienst ausscheiden werden, zwischen 2007 und 2015 mehr als 300000. "Selbst bei sehr hohen Übergangsquoten vom Gymnasium zur Universität können solche Lücken nicht mehr geschlossen werden", sagt Gerd Zika.

Auch wenn man den Produktivitätszuwachs berücksichtigt, der dafür sorgt, dass nicht jede frei werdende Stelle automatisch neu besetzt wird, hält das IAB innerhalb der kommenden fünf Jahre einen "breiten Akademikermangel für immer wahrscheinlicher". Innerhalb dieses Zeitraums sei auch tatsächlich mit einem "erheblichen Ingenieurmangel" zu rechnen, falls nicht massiv gegengesteuert werde. Je größer der allgemeine Akademikermangel, umso höher übrigens auch die Chancen für Absolventen weniger "marktgängiger" Studiengänge aus den Geisteswissenschaften, zum Beispiel in Personal- oder Marketingabteilungen einen Job zu bekommen. Etwa ab 2020 ist mit einer so dramatischen Entwicklung zu rechnen, dass selbst bei hoher Zuwanderung und stark zunehmender Erwerbstätigkeit von Akademikerinnen der Mangel nicht mehr zu kompensieren sein wird.

Das war die gute Nachricht.

Überall auf dem Arbeitsmarkt stehen Trampoline

Die schlechte könnte man so zusammenfassen: Es gibt zu viele Ausbildungsberufe, Studiengänge, Abschlüsse, Sonderwege, zu viele Informationen, zu viele Möglichkeiten; in Neuseeland Kommunikationswissenschaften zu studieren, muss heute kein Kraftakt mehr sein. Susanne Heiser, Berufsberaterin für Abiturienten in der Arbeitsagentur Stuttgart, erlebt dieses "zu viel" bei Jugendlichen, die "verunsichert" und "desorientiert" erscheinen, die sich "erschlagen" fühlen von der Informationsflut. "Der Markt der Berufsorientierung ist explodiert", sagt Heiser, seit 23 Jahren bei der Agentur, davon 13 Jahre in der Abiturientenberatung.

Sie setzt sich an ihren Computer, öffnet die Seite der Arbeitsagentur und klickt Berufenet an. Dort stehen alle der inzwischen rund 8000 Berufe und Tätigkeiten. Man kann sich zur angestrebten Qualifikationsstufe "filtern", Steckbriefe ausdrucken, stößt auf weitere Links, auf Zahlen, Daten, Fakten.

"Wussten Sie", fragt Heiser rhetorisch, "dass nach dem 11. September Studiengänge für Rescue Engineering, Hazard Control oder Security and Safety Engineering entstanden sind?" Es ist ein kleines, schlichtes Zimmer mit begrenztem Ausblick, in dem sie arbeitet - aber sie eröffnet ein wahres Berufspanorama, das interessant sein kann für Beobachter, jedoch zunächst zu groß und widersprüchlich für 17-jährige unentschlossene Berufssucher.

Auf Heisers Tisch liegt ein Blatt, auf dem ein Kollege den "Karrierestart" von Maschinenbau- und Elektrotechnik-Ingenieuren in den Jahren 1996 und 1998 nachgezeichnet und es mit "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" überschrieben hat. "1996 kamen die Absolventen von der Uni oder Fachhochschule erst mal zu uns. Wenn es gut ging, fanden sie ein Praktikum oder eine Zeitarbeitsfirma. Eine befristete Anstellung bei Bosch, Daimler-Benz oder Porsche war wie ein Sechser im Lotto."

Nur zwei Jahre später verlief der Weg umgekehrt: "Da wurden die von der Uni weg von Daimler-Benz und Porsche aufgesaugt. Selbst mit durchschnittlichem Abschluss fand sich noch eine Stelle bei einem Ingenieurbüro oder einer Zeitarbeitsfirma. Nur wenn es ganz schlecht lief, kamen sie zu uns."

Solche Wellenbewegungen hat die Beraterin schon öfter erlebt und belegt es mit typischen Schlagzeilen: "Top-Chancen für Ingenieure" schrieben die "VDI Nachrichten" Ende 1989, zwei Jahre später titelte das "Handelsblatt" "Ingenieure und Techniker gehen harten Zeiten entgegen." Anfang der neunziger Jahre, erinnert sich Heiser, "stand in Baden-Württemberg ein kompletter Jahrgang Maschinenbau-Absolventen auf der Straße. Und noch Jahre später saßen hier junge Männer, die eigentlich Maschinenbau studieren wollten, es aber sein ließen."

Oder der Fall Klaus von Klitzing. Als der Physiker am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart 1985 den Nobelpreis erhielt, stellte Heiser ein Semester später einen Run auf Physik fest, der zwei Jahre danach schon wieder abflaute. Ähnliches geschah, wenn Fakultäten in Rankings besonders gut abschnitten.

Dringen Wirtschaftsverbände, Politik, Bildungseinrichtungen und Medien mit ihren Botschaften durch, ist der berüchtigte Schweinezyklus die Folge: Richten nämlich zu viele ihr Verhalten an Prognosen aus, können Trends mit Verzögerung in die entgegengesetzte Richtung umschlagen. "Ob am IAB oder anderswo, das ist wissenschaftlich nicht in den Griff zu kriegen", sagt Heiser. Von anderen Faktoren gar nicht weiter zu reden: "Bei den Lehrerstellen weiß man nie, ob sich die Kultusministerin oder der Finanzminister durchsetzt."

Weil die Berufsberaterin ihrer Klientel Mut machen will, rät sie den jungen Leuten, sich nicht in erster Linie von Prognosen leiten zu lassen. Und erzählt zum Beispiel von einem Kommilitonen, mit dem sie vor 30 Jahren Germanistik studiert hat und der es auf dem Umweg über die Computerlinguistik zum Informatik-Professor brachte. Von Soziologen, die als Mediatoren arbeiten, und von Förstern auf Pressesprecher-Stellen. Oder von den vielen Architekten, die jedes Jahr von den vier Fakultäten in Stuttgart auf einen engen Arbeitsmarkt drängen, aber in Großbritannien sehr gefragt sind, ebenso in der Schweiz, von wo junge Architekten nach Dubai gingen und so Platz schafften für andere.

"Der Arbeitsmarkt ist geografisch kaum mehr zu fassen", sagt Heiser, "aber dafür voller Trampoline in viele Richtungen. Akademiker sind seltener arbeitslos, weil sie auf die Wechselfälle des Arbeitsmarktes so unterschiedlich reagieren können."

Zum Traumjob? Auf Umwegen, mit Zufällen

Die verlässliche Konstante auf dem wechselhaften Arbeitsmarkt, erklärt die Berufsberaterin ihren Kunden, liege in ihnen selbst. Dann sagt sie etwa: "Ich muss Sie vor allen klugen Ratgebern warnen, sogar vor mir. Lassen Sie auch Ihren Solarplexus sprechen: Was sind Ihre Wünsche, Träume, Interessen, Fähigkeiten? Stellen Sie sich die Frage: Wer bin ich?"

Darüber redet sie mit jedem Einzelnen ausführlich. Erwarten die Schüler trotzdem eine konkrete berufliche Empfehlung von ihr, antwortet sie: "Ich suche Ihnen ja auch nicht Ihren Lebenspartner aus. Wir können gern darüber sprechen, worauf es Ihnen bei dem ankommt. Ob dieser oder jener - das müssen Sie dann aber selber entscheiden." Heiser deutet auf die Tür ihres Büros: "Wenn die hier rausgehen, wissen sie mindestens, was sie bei ihrer Berufswahl als Nächstes selber tun können."

Mannheim, Maimarkthalle, Ende Februar 2010. Die Veranstaltung heißt "Jobs for Future", der Eintritt ist frei. Solche Berufsmessen gibt es an jedem Wochenende irgendwo in Deutschland. "Astronaut oder Lokomotivführer, Popstar oder Model: Wenn der Schulabschluss naht, sollte man seine Berufswünsche unter die Lupe nehmen", wirbt der Veranstalter. "Junge Menschen (...) haben aufgrund der demografischen Entwicklung sehr gute Chancen." Es sind alle da, die um den Nachwuchs konkurrieren: Bundeswehr und Polizei, BASF und Alstom, Rundfunk, Kliniken, Universitäten, das Konfuzius-Institut, die Apotheker, die Deutsche Bahn und Fielmann, auch Aldi und McDonald ' s.

Gemessen daran, wie verschwenderisch etwa die Automobilindustrie auf Messen potenzielle Käufer umgarnt, fällt die Werbung um das bald so knappe Gut Personal allerdings bescheiden aus. Es geht eng zu auf den schmalen Gängen zwischen den Ständen. Mehr als 40000 Menschen drängeln an drei Tagen durch die Halle. Eine unfreiwillige Allegorie auf den künftigen Kampf um Mitarbeiter führt der Zentralverband des Deutschen Handwerks vor. Dessen Spot zeigt apokalyptische Zustände: einstürzende Hochhäuser, wegbrechende Straßen, Menschen, denen zuerst das Brötchen in der Hand zerbröselt und zuletzt die Kleider vom Leib fallen, bis sie nackt und hilflos am Boden kauern - und als Finale der Spruch "Was wäre das Leben ohne das Handwerk?".

Und was wäre das Handwerk ohne Handwerker?

An Stand 472, umlagert von jungen Menschen, stehen Christine und Michael Klein. Sie führen das Institut für Berufswahl & Karrierestrategie mit dem Namen Traumjobscout. "Die Berufswahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben", sagt er und rechnet vor, dass Studienabbrecher - die Quote liegt in Deutschland aktuell bei 21 Prozent - teilweise mehr als 100000 Euro falsch investieren, wenn man entgangene Jahresgehälter berücksichtigt. Was sind dagegen 199 Euro für ein Schülerseminar oder 390 bis 799 Euro für die persönliche "Topberatung" bei Traumjobscout? Zu den Methoden gehören "biografische Analyse", "Gruppen- und Einzelarbeit", "Tests", "Austausch in Gruppen" sowie "Gespräche mit der Kursleitung". Bevor beim sogenannten "Outerscouting" die Berufswelt mit ihren Realzuständen und Prognosen abgeklopft wird, werden beim "Innerscouting" drei mögliche Berufsfelder für den Suchenden abgesteckt.

Und dennoch kommt es häufig ganz anders als gedacht. "Alles Zufall", sagt etwa Gerd Zika, wenn er schildert, wie er schließlich zum Institut der Bundesagentur nach Nürnberg kam: "Nach der Schule wusste ich nicht, was ich studieren sollte, begann mit Mathe, brach ab und nutzte die Zeit bei der Bundeswehr, meine beruflichen Absichten zu sortieren. So landete ich bei der BWL, Statistik und Ökonometrie, wurde Assistent an der Universität, später Doktorand, dann kam der Anruf vom IAB."

Susanne Heiser ging nach 14 Semestern Lehramtsstudium an eine Universität in England, "weil der Kultusminister uns geschrieben hatte, dass Gymnasiallehrer nicht gebraucht würden"; viel später bekam sie den Job bei der Arbeitsagentur nur, weil eine Beraterin zufällig die Bäckerei ihres Vaters kannte, in der Susanne Heiser gelegentlich aushalf, und sagte: "Eine Bäckerei ist doch nichts für eine Germanistin. Kommen Sie doch zu uns."

Und Michael Klein ließ sich jahrelang ins Familienunternehmen einbinden, studierte auf Wunsch der Familie Elektrotechnik, obwohl es ihn als Schüler zu Sozialkunde, Geschichte und Medizin zog. Erst nach einem weiteren Umweg über einen Industrieverband "reifte in mir der Gedanke, dass ich in der systematischen Personalberatung arbeiten will. Ja", sagt Klein, "ich bin jetzt in meinem Traumjob angekommen."-


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