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brand eins 04/2010 - WAS MENSCHEN BEWEGT
Die Exorzistin
Verdruckt, verschrieben, vermasselt? Kein Problem: Helena Kapp treibt in ihrem kleinen Betrieb allem Papier den Druckfehlerteufel wieder aus.
- Den Erotik-Bildband machte sie mit einer Massage flott. In diffiziler, monotoner Handarbeit. "So sah es vorher aus", sagt Helena Kapp und klappt den Ausstellungskatalog auf. Kleine Fussel liegen wie Pickel über einigen Seiten und Bildern. "Und so danach", zeigt sie und lächelt zufrieden. Danach, das waren 384000 Seiten und zwei Monate später. So lange rubbelten sie und ihre Mitarbeiterinnen mit einem Massagehandschuh. Band für Band. Tag für Tag. Dann gingen die 8000 Bücher sauber geputzt zurück an den glücklichen Auftraggeber. Das Ende einer Kehrwoche à la Kapp.
Die Frau hat Flausen im Kopf. Die braucht sie auch, um die Probleme ihrer meist verzweifelten Kunden zu lösen. Es geht immer um Papier, aber das ist schon die einzige Gemeinsamkeit. Mal stimmt die Paginierung nicht, mal ist beim Umschlag eines Buches die Titel- mit der Rückseite verwechselt worden. Mal hat sich auf dem Buchrücken ein Rechtschreibfehler eingeschlichen, mal müssen ganze Passagen geschwärzt werden. Man mag kaum glauben, was alles falsch laufen kann beim Drucken und Binden von Büchern, Geschäftsberichten oder Prospekten. "Solange Menschen leben", sagt die Chefin von 15 Mitarbeitern zuversichtlich, "gibt es für uns was zu kleben."
Fehler passieren immer, und Kapp weiß, wie man sie korrigiert. Beim Einkauf im Drogeriemarkt kam ihr die Idee mit dem Massagehandschuh - wenn der trockene Hautfetzen abrubbelt, warum dann nicht auch lästige Fussel auf dem Papier? Sie hat drei Stärken gekauft und sofort ausprobiert. Die mittlere war die richtige für die Erotik-Kunst. Kapp ist eine handfeste Tüftlerin. Eine Erfinderin mit Bodenhaftung. Eine Problemlöserin aus Leidenschaft.
Angefangen hat es mit Letraset und Alkohol. Ein Bekannter hatte ein Buch über die Biere dieser Welt gedruckt. Bei der Abschnittsüberschrift "Von Großbritannien bis Irland" hatte ausgerechnet das Guinness liebende Irland schlappgemacht. "Irla" stand da nur noch. Die Buchstaben "nd" fehlten. Das ist jetzt 34 Jahre her, und Helena Kapp war gerade Mutter eines Kindes im Krabbelalter. Sie fühlte sich nicht wirklich ausgelastet. Warum also nicht helfen?
Entschlossen organisierte sie alle Mütter ihrer Krabbelgruppe, kaufte Packen von Letraset, und Abend für Abend rieben sie und ihre schnelle Eingreiftruppe die fehlenden Buchstaben auf Seite 145. Wobei sie - wir befinden uns in Schwaben - auch das "u" und das "p" brauchen konnten, seitenverkehrt eben. Die Auflage war gerettet, der Verlagschef begeistert und die Idee zur Geschäftsgründung geboren.
Inzwischen ist Kapp 59 Jahre alt. "Schwabenalter plus Mehrwertsteuer", scherzt die Geschäftsfrau. Ihre drei Kinder sind längst erwachsen, und sie ist um viele Geschichten und Geschäfte mit dem Druckfehlerteufel reicher. Die Sonne durchflutet das Zimmer mit dem vollgepackten Konferenztisch, beleuchtet Autobroschüren, Kataloge, Prospekte. Der Tulpenstrauß auf dem Tisch verschwindet hinter Verdrucktem und Verbessertem, und Kapp schleppt immer noch mehr Patienten aus ihrem Krankenhaus der Bücher an. Die Butterbrezeln in der Küche hat sie ebenso vergessen wie den Vorsatz, etwas zu trinken anzubieten.
Die Schwäbin liebt Fehler. Sie repariert im Falle eines Falles einfach alles
Wer mit ihr am Tisch sitzt, den erfasst eine gewisse Nervosität vor so viel knisternder Energie. Die ringlosen Hände fliegen durch die Luft, schneiden imaginäre Seiten aus Büchern, schreiben auf, welche Informationen sie noch mailen will. Bei dieser Frau ist alles in Bewegung. Sie kann sich aufregen über die Politik, amüsieren über manche ihrer Kunden und freuen über gelungene Reparaturen. "Ich habe mich mit Haut und Haar diesem Beruf verschrieben." Sie liebt Fehler.
Und sie ist nicht zu bremsen. Bei einem Besuch im Stuttgarter Finanzministerium zieht sie mit einem kurzen Telefonat so nebenbei einen neuen Auftrag an Land. Auch wenn mal unangemeldet ein Lastwagen voller verdruckter Bücher vor der Tür steht, bringt sie auch diesen Posten noch irgendwie unter. "Ich schick' doch keinen weg!"
Erstaunlicherweise heißt die Firma nach ihrem Mann: Franz Kapp GmbH. Weil der schon bei der Gründung ein freier Handelsvertreter, also Unternehmer gewesen sei, sagt sie ganz pragmatisch. "Und weil immer wieder nach dem technischen Leiter gefragt wird, wenn ich am Telefon bin." Das ärgert die selbstbewusste Geschäftsfrau heute nur noch ein bisschen.
Die Kapps sind ein eingespieltes Team. Er ist der Künstler mit wildwirren grauen Locken und inzwischen kaum noch im Betrieb. Sie ist die Managerin mit glattem Bubikopf und immer auf Sendung. Er hat Buchbinder gelernt und ist ruhig und gelassen. Sie ist gelernte Laborantin mit kaufmännischer Ausbildung und der Wirbelwind im täglichen Chaos. Er sagt schon mal: "Lass die Finger von diesem Auftrag!" Sie sagt: "Das kriegen wir hin." Bisher hat es geklappt.
Ihr Geschäft ist absolut krisensicher. Denn irgendetwas geht immer schief
Chaos scheint Kapp zu inspirieren. Auf dem Schreibtisch balgt sich das Holzpferd des Enkels mit Druckaufträgen und Rechnungen. Dringend zu Erledigendes packen die Mitarbeiter sowieso direkt auf ihren Stuhl, damit die Chefin es nicht übersehen kann, wenn sie sich an ihren überfüllten Schreibtisch setzt. In der hellen Firmenhalle gleich dahinter lehnen Kochbücher, juristische Fachbücher, renommierte Lexika und Romane einträchtig an den Säulen. Werbebroschüren, Geschäftsberichte und Remittenden wuchern über die Regale und machen sich auf dem Boden breit. Dazwischen arbeiten vier Frauen am Prospekt eines schwäbischen Autobauers. Reißen, kleben, fertig. Natürlich muss es wieder schnell gehen.
Termindruck ist für Kapp Alltag. Besonders fix mussten sie und ihre 15 Frauen im Fall eines Stuttgarter Musical-Betreibers arbeiten. Der hatte sich mit seinem Hauptdarsteller erst medienöffentlich überworfen und dann wieder versöhnt. Im Prospekt allerdings war bereits die zweite Besetzung angekündigt. Mit einer beigelegten Korrektur wollte sich der Musical-Star nicht zufriedengeben ("Ich bin keine Beilage, sondern die Hauptbesetzung"). So musste die Broschüre vor einer Pressekonferenz, bei der Harmonie demonstriert werden sollte, korrigiert werden.
Der Anruf kam Mittwochabend. Donnerstagmorgen wurde die frisch gedruckte Korrekturseite geliefert. Ab 15 Uhr wartete der Kurier mit laufendem Motor. Um 16 Uhr gab er mit den reparierten Prospekten Gas. Genau um 18 Uhr war er zur Pressekonferenz in Stuttgart. Punktlandung. "Manchmal hab' ich schon Herzrasen", sagt Helena Kapp und zeigt ein Zahnlückenlächeln zwischen Koketterie und Geschäftstüchtigkeit.
Namen von Kunden werden in Dettingen nicht genannt, Diskretion ist Ehrensache. Wer gibt denn schon offen Fehler zu? Niemand, weiß Helena Kapp, und besonders merkt sie das auf der Frankfurter Buchmesse. Dort rühren sie und ihre Mitarbeiterinnen Jahr für Jahr die Werbetrommel: "Unsere Hände reparieren Ihre verdruckten Bücher" steht auf ihrem gelben T-Shirt. Doch angesprochen werden die gelben Engel kaum. "Manche kennen mich nicht", sagt sie, "viele wollen mich nicht kennen. Und die meisten sind glücklich, dass es mich gibt." Diese Frau erinnert an den eigenen Sündenfall.
Vielleicht notieren sich manche im Vorübergehen die Mail-Adresse auf den gelben Werbe-Shirts. Dann finden sie im Internet den Auftritt der Dettinger Firma, der auf dem Kopf steht. "So wie die meisten unserer Kunden, wenn sie hier anrufen", sagt Kapp und ist schon wieder mitten im Erzählen. Manche sind dem Herzinfarkt nahe, andere kurz vor dem Weinen. Dann ändert sich ihre Rolle schnell. Dann wird aus der peinlich gemiedenen Frau ganz schnell der rettende Engel. Die Heilige aller Drucker, Buchbinder und Verleger.
Sie testet Klebstoff im Backofen oder in der Gefriertruhe, je nachdem, ob die Bücher in Norwegen oder in Portugal verkauft werden. Sie reist nach Chicago, Venedig oder Oslo, wenn's nach Druck-Unfällen mal turboschnell gehen muss. Sie hat die drei Bände von Tolkiens "Herr der Ringe" geschubert und das dicke Jubiläumsbuch eines renommierten Regalherstellers aus Skandinavien 18000-fach in ihre heilenden Hände genommen. Jedes einzelne.
Kann sich das lohnen? Kann bei so viel Handarbeit wirklich die Reparatur billiger sein als ein kompletter Neudruck?
"Natürlich", sagt Helena Kapp und zieht eine drei Kilo schwere Preisliste aus dem Stapel, einen Katalog, bei dem die ersten 148 Seiten falsche Preise enthalten. Beim Einstampfen wäre ein Schaden von einer halben Million Euro entstanden. Kapp & Co haben die Schwarte für 30000 Euro repariert. Falsches raustrennen, Korrigiertes reinkleben, fertig. Das geht wie am Fließband und mithilfe einer kleinen Maschine, die die Kapps erfunden haben. Deren Geheimnis wird streng gehütet. Und als einmal eine polnische Delegation in Dettingen einen Blick in die Firmenhalle werfen wollte, hat Kapp sie charmant am Konferenztisch mit Kaffee und Geplauder festgehalten. "Ich lass' mich doch nicht ausspionieren."
Im Geschäft mit Pleiten, Pech und Pannen passiert manch Kurioses. Einmal wurde ein von Kapp repariertes Buch mit dem Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Einmal lieferte der Auftraggeber zur Korrektur noch einmal die falschen Seiten an. Ausgerechnet beim eigenen Firmenjubiläum hat es die Fehleraustreiberin aus Dettingen selbst erwischt.
Da hatten sie noch auf Blättern aus reparierten Büchern ("Bei uns verkommt nix") eine Einladung auf edlem Papier gedruckt. Die Mitarbeiterinnen haben sie aufwendig von Hand geheftet. Und dann schlug der Druckfehlerteufel auch bei den Teufelsaustreiberinnen zu. Beim Firmen-Quiz steht da dick und fett in Druckerschwärze: Bungee-Jamping.
Vielleicht war es aber auch ein Werbe-Gag.-
