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brand eins 04/2010 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT

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Der Mini-Multi

Kartell produziert Möbel aus Plastik, beschäftigt Designer von Rang - und gilt Wirtschaftswissenschaftlern als Vorbild für eine moderne Form der Industrieproduktion.

- "Das kann man nicht erklären, das muss man sehen", sagt Claudio Luti und flitzt zur Tür hinaus. Nach 30 Sekunden ist er wieder da, mit leicht gerötetem Gesicht und einem mehrseitigen farbigen Computerausdruck in der Hand. "So sieht es aus, wenn das erste Stück eines neuen Projekts aus der Maschine kommt", erklärt der Mann, der seit mehr als 20 Jahren die italienische Designfirma Kartell führt. Er vertieft sich einen Moment in das Papier, auf dem lange Tabellen, bunte Grafiken, zackige Kurven zu sehen sind -die Materialanalysen einer neuen Kommode. "Das ist das Stück Plastik, das mich gerade am meisten aufreibt."

15 Kilogramm Kunststoff sollen zu einem neuen Möbel werden. Aber vorher müssen die Techniker die richtige Temperatur finden, damit das gehärtete Polycarbonat nicht bricht. Sie müssen testen, welchen Druck die Platten aushalten. Und sie müssen vor allem dafür sorgen, dass das Material keine Blasen mehr wirft. Erst wenn all das perfekt und stabil funktioniert, ist an die Herstellung der Kommode zu denken.

Denn Produktion, das heißt bei Kartell: 50000 Stück oder mehr. Darunter macht es Firmenchef Luti nicht. Der 63-Jährige ist ein besonderer Fall unter den italienischen Möbelfabrikanten. Mr. Plastic, wie ihn die Amerikaner nennen, setzt nicht wie so viele seiner Branche auf Manufakturmöbel, sondern auf den schnellen Rhythmus der Fließbandproduktion. Mit Erfolg: Von dem transparenten Sessel Louis Ghost, erdacht vom französischen Topdesigner Philippe Starck, wurden bis heute eine Million Exemplare verkauft. Damit ist er, kommerziell gesehen, der erfolgreichste Stuhl in der Möbelgeschichte. "Und wenn man alle verkauften Bookworms, das flexible Wandregal von Ron Arad, aneinanderlegte, ergäbe das eine Strecke von 15000 Kilometern", freut sich Claudio Luti.

Solche Verkaufszahlen machen den Produzenten so glücklich wie den Designer, dessen Lizenz-Einkommen stetig steigt. So kann es sich Kartell leisten, die Stars der internationalen Szene anzuheuern. Zum exklusiven Klub gehören neben Ron Arad Fer ruccio Laviani, Piero Lissoni, Patricia Urquiola, Patrick Jouin, Marcel Wanders und natürlich Philippe Starck.

Mit seinen Designern trifft sich Luti einmal im Monat. Bei schönem Wetter sitzen sie unter einem Kastanienbaum im begrünten Innenhof des Firmensitzes - neben den Gartenzwergen, die der Chef und sein Star Philippe Starck in einer vergnügten Laune hinaus in die Welt geschickt haben und die sich dafür bis heute mit einem unerwarteten Geldsegen bedanken. Diese intensiv gepflegte Beziehung zwischen Gestalter und Hersteller ist nach Lutis Überzeugung die Voraussetzung für den großen Wurf. Dass daraus dann aber tatsächlich ein Möbel wird, verdankt Kartell einem System, das auf der strikten Trennung von Kreativität und Technik beruht. Die Maschinen sind ausgelagert, allerdings nicht nach Schanghai, nur ein paar Autobahnkilometer weiter.

Im Mailänder Industriegebiet, wo auch der Firmensitz liegt, produzieren zwölf mittelständische Firmen Möbel der Marke Kartell. Jede von ihnen verfügt über ein spezielles Fachwissen und die zugehörigen Maschinen. Diese bestückt Kartell dann mit eigenen Guss- oder Druckformen. Die Formen sind - neben der Entwicklung - die teuerste Investition: Eine kleine bis mittlere Form kostet zwischen 200000 und 300000 Euro, bei großen Formen reicht oft eine Million nicht aus.

Jeder macht, was er am besten kann: die einen entwerfen, die anderen produzieren

Um dem Plastik immer neue Formen und Oberflächen zu geben, nutzen Luti und seine Ingenieure alles, was Industrietechnik zu leisten vermag. Für die Stühle, Tische, Sofas und Lampen wird der flüssige Kunststoff mithilfe aller möglichen Verfahren verarbeitet, vom Einspritzen über Druck, Pressen, Blasen bis zum Rotationsguss. Dabei nutzt Kartell die jeweiligen Spezialitäten der kleinen Betriebe, die neue Verfahren bereits für andere Industriekunden erprobt haben. Das Unternehmen, das derzeit die neue Kommode durch Einspritztechnik in Form bringt, produziert normalerweise große Plastikteile für Autos und Motorräder.

So setzt sich das Kartell-System zusammen aus einem Zentrum, in dem geforscht, entworfen, gestaltet und verkauft wird, und aus einem Zulieferernetz kleiner Unternehmen, die flexibel nach Auftragslage produzieren. "Ich will mich auf die Kreativität konzentrieren und nicht Maschinen am Laufen halten", sagt Claudio Luti, der zudem überzeugt davon ist, "dass unsere Art von Unter nehmen der DNA unserer Gesellschaft entspricht, die eine Industriegesellschaft ist".

Vor allem entspricht sein System der italienischen Industriegesellschaft, die einen sehr eigenen Weg gegangen ist. Die Volkswirtschaft ist fragmentiert und unübersichtlich. Nur noch die ehemaligen Staatsmonopolisten wie Telecom Italia und der Energiegigant Enel sind wirkliche Großkonzerne. Im Privatsektor sind wenige Namen wie Fiat, Ferrero und Barilla übrig geblieben. Andere große Unternehmen wie Olivetti und Montedison wurden in Einzelteilen verkauft und sind inzwischen Symbole für den ruhmlosen Untergang der Großkonzerne im italienischen Familienkapitalismus.

Heute arbeiten in 97 Prozent der Unternehmen weniger als zehn und in 99,3 Prozent weniger als 50 Menschen. Doch zwischen den Kleinen und den Großen hat sich eine dritte Kategorie von Industrieunternehmen herausgebildet, die nach Meinung vieler Wirtschaftswissenschaftler in der Lage sind, gemeinsam mit den vitalen Kleinbetrieben die strukturelle Krise der exportorientierten italienischen Wirtschaft zu meistern. "Flexible Multis", nennt sie Marco Fortis, der an der Università Cattolica in Mailand Industriewirtschaft lehrt. "Mittelgroße Unternehmen, die Marktführer in ihren Marktnischen sind und dank der Einzigartigkeit ihres Produktes mitunter sogar Monopo listen sein können." Diese flexiblen Multis übernehmen, wie im Fall Kartell, die Rolle als zentraler Auftraggeber für Kleinunternehmen, die dank ihrer Anpassungsfähigkeit immer noch die starke Seite der Wirtschaft darstellen. Was den Kleinen fehlt, sind Kapital, um in Innovationen investieren zu können, und ein funktionierendes Vertriebsnetz für Auslandsmärkte.

Kartell hat beides. Bei dem Mini-Multi sind nur 90 Personen fest angestellt. Was Luti an Personalkosten und Wartung eines Maschinenparks spart, steckt er in Kreativität, Forschung und Innovation. Einer der Ersten, der mit dieser Form des Zulieferernetzes Erfolg hatte, war der Bekleidungsfabrikant Luciano Benetton. Und es ist kein Zufall, das sich Luti an der Textilindustrie orientiert. Bevor er 1988 das Unternehmen vom Firmengründer Giulio Castelli übernahm, war er Finanzchef und Sozius des Modemachers Gianni Versace. Von der Modewelt, aus der er kam, hat er auch das Marketing- und Vertriebsmodell übernommen.

Kartell ist heute die international stärkste Marke der italienischen Möbelindustrie und die erste, die - analog zur Modebranche - Monomarken-Geschäfte im Franchise-System eröffnet hat. Mit seinen weltweit 280 Läden in 96 Ländern steht Kartell besser da als der Rest der Branche. Selbst im Krisenjahr 2008 blieb der Umsatz von 125 Millionen Euro stabil. Die gesamte Einrichtungsindustrie hingegen - die zur Dreifaltigkeit Food, Fashion und Furniture des Markenzeichens "made in Italy" und somit zu den Grundpfeilern der italienischen Wirtschaft gehört - hat 2008 mit 23 Milliarden Euro 5,4 Prozent weniger als im Vorjahr umgesetzt. Besonders das Exportgeschäft mit Ländern wie Großbritannien, Deutschland, Spanien und vor allem den USA ging stark zurück.

Als Claudio Luti bei Kartell antrat, wo er bis heute Präsident und Eigentümer ist, steckte die 1949 gegründete Firma nicht nur in einer Verkaufs-, sondern auch in einer Identitätskrise. In der Pop-Art-Epoche der sechziger und siebziger Jahre gehörte das Unternehmen zur Avantgarde des Plastikdesigns. 1964 produzierte Kartell den ersten Plastikstuhl der Möbelgeschichte: einen Kindersitz nach dem Design von Richard Sapper und Marco Zanuso. Ende der Sechziger entwarf Anna Castelli Ferrieri, die Frau des Firmengründers, das erste kombinierbare Einrichtungssystem aus Kunststoff: Kommoden mit Schiebetür, die noch heute im Katalog stehen.

Diese schöne Erfolgsgeschichte endete abrupt in den achtziger Jahren. Die aufkommende Ökobewegung lehnte Industrieplaste als Ressourcen vertilgendes und nicht recycelbares Billigmaterial ab. Die jungen Designer experimentierten mit Holz, Stein und Metall. Montageband war out, Töpferscheibe in. Der Trend ging zum handwerklich gefertigten Objekt, das mehr war als Funktion und Form, und neue Designergruppen wie Memphis oder Alchimia verkündeten das Ende des Fließbandprodukts. Viele industrielle Hersteller gerieten ins Schleudern, darunter auch Kartell.

Die Frage, die Kartell gerettet hat: Was ist die besondere Qualität des Billigmaterials Plastik?

Heute steht das Unternehmen wieder an der Spitze. Es ist weltweit Marktführer bei der Herstellung von Plastikmobiliar, und das ist vor allem zweierlei zu verdanken: einem zweiten industriellen Standbein, das der Krise trotzte. Und der Hellsichtigkeit von Luti, der dafür sorgte, dass die Firma ihr Spezialwissen in Sachen Plastikproduktion erhielt - und das Produkt dennoch komplett neu erfand.

In den Krisenjahren hielt die Industriesparte des Unternehmens - die unter dem Namen Labware Division bis heute Reagenzgläser, Trichter und andere Laborutensilien aus unzerbrechlichem Kunststoff fertigt - die angeschlagene Möbelproduktion über Wasser. Doch als Luti kam, erkannte er schnell, dass das nicht ewig so weitergehen konnte. "Ich musste den trendigen Manufakturprodukten etwas entgegensetzen. Sie haben einen Mehrwert, der sich aus Zeit und Arbeit zusammensetzt. Also musste das vermeintliche Billigmaterial Plastik eine Qualität erhalten, die das handwerkliche Produkt nicht haben kann."

Um diese Qualität zu finden, holte er die Stardesigner Philippe Starck, Antonio Citterio und Vico Magistretti zum Brainstorming nach Noviglio. Starck begeisterte sich sofort für die Idee, ein Fließbandobjekt zu fertigen. Und Citterio sagte, was alle dachten: "Wenn wir in die bürgerlichen Wohnungen hineinkommen wollen, sollten wir nicht den billigsten, sondern den schönsten Servierwagen der Welt anbieten."

Das ist ihm gelungen: Sein Servierwagen Battista gehört heute zu den meistverkauften der Welt. Er hat wie die anderen Stücke aus dem Hause Kartell alles, was ein gutes Industrieprodukt ausmachen sollte: eine lange Lebenszeit, viel Charme und dank hoher Stückzahlen einen erschwinglichen Preis. "Von dieser Idee war ich damals überzeugt, und ich bin es heute noch viel mehr", sagt Luti.

Damals wie heute schwimmt er gegen den Strom. Denn eine wirkliche Industrialisierung hat sich in der italienischen Möbelbranche nie durchgesetzt. Außer Kartell, Magis und Alessi fertigen die meisten Unternehmen mit einem großen Anteil an Handwerk; die Werkstätten sind bis heute das Rückgrat der italienischen Möbelindustrie. "Ohne diese Unternehmen und ihre Handwerkskünstler, die immer neue Techniken austüftelten, um komplizierte Prototypen zu produzieren, wäre der Erfolg des italienischen Designs nie möglich gewesen", sagt Massimo Morozzi.

Morozzi ist Einrichtungsdesigner seit etwa 40 Jahren und eine Art Gegenmodell zu Kartell. Zu seinen Auftraggebern gehören Alessi, Driade, Cassina, Fiam und die toskanische Firma Edra, wo er sich seit 1987 als Art Director um die Realisierung komplexer Entwürfe kümmert. Die kleine Designfirma ist auf Objekte spezialisiert, deren Flächen in Draht- oder Seilgeflechte aufgelöst beziehungsweise dekonstruiert werden, wie Morozzi sagt. Für Edra hat er 1995 die "Italienische Landschaft" entworfen, ein Schrankwandsystem aus einfachen Modulen, das sich jeder selbst zu seinem eigenen Unikat zusammensetzen kann.

Morozzi sitzt im Herzen der Designstadt Mailand. Sein Büro liegt im Viertel der Navigli-Kanäle, seit jeher der Künstlertreff der Stadt. In den siebziger Jahren war hier auch der inzwischen verstorbene Designphilosoph und Memphis-Gründer Ettore Sottsass anzutreffen, den Morozzi seinen spirituellen Vater nennt. Sottsass verteidigte die "mediterrane Sinnlichkeit" gegen den "protestantischen Rationalismus", der glatte Flächen und gerade Linien hervorbringe, dazu gemacht, industriell produziert zu werden. Die Stärke Italiens aber seien die vielen Werkstätten und Kunsthandwerker, die sägen und löten, bis sie ein Problem gelöst haben. Diese Fertigkeit zieht internationale Designer wie Arad und Starck an. "In Japan bin ich ein Architekt, in Frankreich ein Bühnenbildner, aber ein Möbeldesigner kann ich nur in Italien sein", sagte Starck einmal in einem Interview. Auch Morozzi hätte nie die kapriziöse Vermelha, entworfen von den brasilianischen Brüdern Fernando und Humberto Campana, ins Haus Edra holen können, hätte er nicht den Polsterer Giuseppe gefunden. Der knüpft und knotet 500 Meter Kordel, bis am Ende ein Sessel dabei heraus kommt. Er schafft 200 Stück im Jahr. Mehr gibt es nicht.

Das ist nicht Claudio Lutis Welt. Aber was Giuseppe für Morozzi bedeutet, sind für Luti seine Fabriken vor der Haustür. Wie Morozzi ist auch er überzeugt, dass die italienischen Einrichtungsfirmen nur erfolgreich sind, solange sie vor Ort jemanden haben, der produziert. Das Umland von Mailand soll die Fabrik, die Stadt das Schaufenster bleiben. "Dieses System ist unsere Identität", sagt Luti. Und Tradition ist die Voraussetzung für stetige Innovation.

Einmal im Jahr treffen sich alle im Salone Internazionale del Mobile, der wichtigsten Möbelmesse der Welt: bekannte Unternehmer, kleine Hersteller und die internationale Designerszene. "Der Salone ist Ausdruck von allem, was hier geschieht", sagt der Kartell-Chef. Deshalb hat er sich breitschlagen lassen, dem Aufsichtsgremium der Messeorganisation beizutreten. Er will ein Auge darauf haben, was dort in dieser für die Branche kritischen Zeit geschieht: "Wir müssen eine gemeinsame Position vertreten und aufpassen, dass die Qualität gehalten wird. Wenn wir unsere Spitzenposition auf dem internationalen Möbelmarkt einbüßen, verlieren alle Unternehmen des Distriktes an Wert."

In der Modebranche ist das geschehen. Der Zusammenschluss großer Marken wie Armani, Versace und Prada, deren jährliches Highlight die Mailänder Modewoche war, hat nicht funktioniert. Eine gemeinsame Strategie ist gescheitert, weil jeder sein eigenes Süppchen kochte und Mode "made in Italy" größtenteils in chinesischen Nähfabriken produziert wurde.

Dazu will es Luti nicht kommen lassen. "Wenn ich woanders produziere, verändert sich mein Produkt und damit die Identität der Marke. Das gebe ich nicht auf", sagt er. Deshalb will er auch vorerst den Chefsessel nicht räumen. Seine beiden Kinder, die sich im Unternehmen schon einarbeiten, sollen erst beweisen, dass ihr Interesse von langer Dauer ist. Den Ausgang des Experiments sieht Luti gelassen: "Wenn es nicht klappt, wird mir schon was einfallen." Damit hat er noch nie ein Problem gehabt.-


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