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brand eins 04/2010 - Das geht
Mit Mumm und Muffe
Josef Zimmermanns Welt ist das Abflussrohr. Diese Welt hat er revolutioniert - durch zwei unscheinbare Plastikstücke.
- Eine Doppelschiebemuffe ist ein Zylinderteil aus Kunststoff, das als Verbindungsstück für Abflussrohre dient.
Josef Zimmermann ist Sanitärinstallateur und hat sein Leben lang mit Muffen gearbeitet. Voriges Jahr bewarb er sich mit einer selbst entwickelten Muffe um den Innovationspreis der Region Aachen. Das Innovative daran: zwei Anschlagstutzen, die wie kurze Ärmchen seitlich vom Zylinder abstehen.
So etwas einzureichen, während andere mit Solarzellen und Laserkanonen antreten, und damit Dritter zu werden, ist stark. Doch Josef Zimmermann, 51 Jahre alt, wehrt ab: "Ich glaube, das war denen zu einfach. An einer Muffe blinkt nichts." Juroren wissen eben nicht, was es heißt, ein Abflussrohr zu verlegen.
Zimmermann weiß es. Er ist einer von denen, die sich ohne Umstände als "Gas-Wasser-Scheiße-Installateure" bezeichnen. Er hat schon viele Muffen auf Abflussrohre schieben müssen. Die Rohre liegen in engen, schmutzigen Gräben, die Muffen sind glatt, haben kein Gewinde zum Anschrauben, keinen Ansatzpunkt für einen Hebel. Durchschnittlich verbringt ein Sanitärinstallateur 15 Minuten mit Fluchen und Hämmern - für jede Muffe. Hämmert er zu heftig, zerbricht das Teil.
Was fehlte, war ein archimedischer Punkt, nicht um die Welt aus den Angeln zu heben, sondern um die Muffe auf das Rohr zu schieben. Aus Ärger wurde Josef Zimmermann kreativ. "Man hat nur Ideen, wenn man mit etwas konfrontiert wird", sagt er.
Die Doppelschiebemuffe mit Anschlagstutzen, an denen man Hebel ansetzen konnte, fiel nicht vom Himmel. Der Installateur musste sie selbst erfinden und bauen. Er brauchte Pläne, Patente, Maschinen, eine Produktion, damit sich die Herstellung rentierte, und Kunden, die ihm diese Muffen massenhaft abkauften. Um die Kunden war ihm nicht bange. Denn er wusste, dass er nicht der einzige Sanitärinstallateur war, der sich ärgerte.
Was würden Installateure dafür geben, fragte er sich, um 15 Minuten Fluchen und Hämmern gegen eine Minute zu tauschen, die es mithilfe der Plastikärmchen nur noch brauchte, die Muffe aufzuschieben? Das wollte er wissen. Nachdem er 20 Jahre lang im Einmannbetrieb Abflussrohre verlegt, Heizungen, Duschen, Waschbecken und Toiletten installiert und repariert hatte, stieg er mit Mumm in ein neues Leben um - als Erfinder.
Seit fünf Jahren entwirft er nun Gussformen für Doppelschiebemuffen und Abwasser-Innen-Reduzierstücke, Trichtersifons, Anschraubmuffen und Baustopfenventile, die nur über den Fachgroßhandel an Installateurbetriebe verkauft werden. Binnen fünf Jahren hat er den Umsatz seines Unternehmens von 600000 auf 1,5 Millionen Euro gesteigert. Er beschäftigt nun zwölf Mitarbeiter und besitzt sechs Patente.
Die erste Maschine kaufte er noch gebraucht und stellte sie in die leere Scheune seiner Eltern, daheim in Mechernich in der Eifel. Die ersten Gussformen für die Plastikteile fräste er provisorisch aus Aluminium - gewöhnlich sind solche Formen aus Stahl. Die haushaltsübliche Stromleitung war für den Produktionsstart zu schwach. Die Gussformen zerfielen. Immer wieder ging etwas kaputt oder passte nicht. "Ich habe getüftelt, habe ausprobiert. Hat etwas nicht funktioniert, wurde es verworfen und etwas Neues probiert. Ich hatte einen sturen Kopf", sagt er rückblickend. "Ich wollte das einfach. Inzwischen zahlt es sich aus."
Was ihn von all den Kollegen unterschied, die sich immer nur über die Fummelei mit der Muffe ohne Anschlagstutzen geärgert hatten, war diese Sturheit - und Martha Zimmermann, seine Frau. Die gelernte Steuerfachangestellte ist heute kaufmännische Leiterin der Firma und kümmert sich um den Papierkram, den die Muffenmassenproduktion mit sich bringt. Das ist harte Arbeit, denn was in Immobilien verbaut werden soll, ist mit zahllosen Vorschriften normiert. Und auch die rechtliche Absicherung dessen, was Josef Zimmermanns Erfindergeist hervorbringt, kostet Geld, Zeit und Mühe. Wer neuerdings etwa das Betriebsgelände besuchen möchte, muss das auf überzeugende Art begründen können, seit einem Fall von Ideenklau.
Im vorigen Jahr brachte ein Mitbewerber auffallend ähnliche Produkte auf den Markt, nur billiger. Zimmermann ließ sich zunächst auf den Preiskampf ein, wandte sich dann aber direkt an die Großhändler und erinnerte an die Qualitätskriterien des Handwerks. Das sind keine Geschmacksfragen, sondern Stempel auf dem Plastik, die für bautechnische Zulassungen, Brandschutzverordnungen und DIN-Normen stehen und die Haftung des Herstellers garantieren. Ohne Stempel ist der Installateur verantwortlich. Martha Zimmermann sagt: "Der Großhandel wirbt damit, Fachhandel zu sein. Aber wer minderwertige Ware verkauft, ist kein Fachhändler." Damit war der Fall erledigt.
Im Notfall, das beruhigt den Erfinder, könnte er immer in sein Handwerk zurückkehren. Denn ohne Sanitärinstallateure und ihre Rohre, Muffen und Flansche läuft gar nichts.-
