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brand eins 03/2001 - SCHWERPUNKT: Einzelhandel

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Der Krumensammler

Heiner Kamps – das ist doch der Großbäcker, der all die kleinen Bäckereien mit seinem Filialnetz einfängt, der traditionelle Vielfalt durch industrielle Einfalt ersetzt und der damit auch noch an der Börse Millionen macht. Oder?

(Info) Kamps AG Prinzenallee 13 40549 Düsseldorf Telefon: 02 11/53 06 34-0 Telefax: 0211/530634-34 eMail: info@kamps.de www.kamps.de Umsatz 2000: 3264,8 Millionen Mark (1999: 820,8) Ebit (Earnings before interest and taxes): 202,2 Millionen Mark (1999: 48,7) Jahresüberschuss: 92,5 Millionen Mark (1999: -29,3) Anleihen und Verbindlichkeiten: 1586,2 Millionen Mark 16188 Mitarbeiter Die Marken der Kamps AG: Golden Toast Lieken Urkorn Quality Bakers Harry's Kamps Bakerstreet Bakker-Bart (Niederlande) 't Stoepje (Niederlande) Wenn man Kamps heißt und Bäcker ist, schmeckt einem der Alltag manchmal dröge wie altes Graubrot. Leben heißt dann: aufstehen, wenn andere schlafen gehen, Teig ansetzen, Brötchen backen. Danach müssen Grau- und Weißbrote in Form gebracht, Butterkuchen und Bienenstiche ausgerollt werden, und dann ist es auch schon Nachmittag. Weil nebenbei noch ein kleiner Bauernhof zu versorgen ist, heißt Leben für den bienenfleißigen Bocholter Bäckermeister vor allem eines: arbeiten.

So wie Bäcker Kamps aus dem Münsterland mühen sich Ende der fünfziger Jahre noch gut 50 000 Handwerksbäcker in Deutschland. Es ist die Zeit, aus der der "Bäckermythos" stammt: das Bild des Bäckers als das eines hart arbeitenden, grundehrlichen Handwerksmeisters, der alles selbst macht und außer Mehl, Hefe und Wasser nichts in seinen Teig lässt; dessen Frau vom am Tresen und dessen Sohn hinten in der Backstube hilft, damit am Monatsende ein paar Mark in der Kasse bleiben. So wie bei Kamps.

Es ist aber auch die Zeit, in der sich dieser Mythos langsam von der Realität zu verabschieden beginnt. Steigende Personal- und Rohstoffkosten, Billig-Angebote in den Supermärkten und die Ansprüche der Verbraucher, denen drei Sorten Brot und fünf Sorten Brötchen nicht mehr ausreichen, machen den Handwerksbäckern das Leben schwer. Viele Traditionsbetriebe sind zu unrentabel, um die für eine Modernisierung nötigen Kredite zu erhalten. Ihr größtes Problem aber ist hausgemacht: Nachwuchsmangel. Immer weniger Bäckerzöglinge verspüren Lust, wie ihre Väter sechs Tage pro Woche, 52 Wochen pro Jahr für wenig Knete zu kneten. Es ist die Zeit, in der das große Bäckersterben beginnt.

Bäckerssohn Heiner Kamps will kein Bäcker werden - und wird es über Umwege dann doch.

Auch Heiner, Sohn von Bäcker Kamps, macht in Bocholt baldmöglichst die Biege. "Ich habe gesehen, wie mein Vater schuftete, und wusste: So will ich nicht leben." Kamps junior flüchtet Anfang der siebziger Jahre nach Berlin, lernt Bäcker und studiert Betriebswirtschaft, macht seinen Meister und sich 1982 mit einer Bäckerei in Düsseldorf-Meerwisch selbstständig. Der talentierte Hobby-Wasserballer ist dabei offenbar cleverer als viele seiner Kollegen, jedenfalls gehören ihm schon bald 20 florierende Backfilialen, die er 1992 für 20 Millionen Mark an den US-amerikanischen Borden-Konzern überträgt. Sich selbst verkauft er gleich mit - als Manager. "Ich wollte mal was Neues machen, und in den USA konnte ich eine ganze Menge über Venture Capital, Management Buy-Out, Quarterly Review, die Gesetze der Börse lernen", sagt Heiner Kamps, der mit Feinrandbrille und grauem Dreitagebart, bulligem Körper und kräftiger Sonnenbräune aussieht wie eine Mischung aus Literaturprofessor und Schwimmtrainer.

Tatsächlich eignet sich Kamps in den vier Jahren bei Borden mehr an, als seinem Arbeitgeber recht sein kann. "Ich wollte schon immer Unternehmer sein", erklärt er, und seit seiner USA-Zeit hat er dazu nicht nur den Willen, sondern auch das Wissen. Als Borden 1996 von einer Investorengruppe übernommen wird, sammelt der agile Bäckermeister kurzerhand in den USA Venture Capital ein ("Bei der Deutschen Bank haben die nur müde abgewinkt, da habe ich mir das Geld eben selbst besorgt") und kauft den deutschen Konzernableger zurück.

Das deutsche Backhandwerk steckt in der Krise -und Heiner Kamps hat in den USA viel gelernt.

Dann beginnt er, die Knack-&-Back-Branche aufzurollen wie einen schlappen Teigfladen. Deren Zustand hat sich seit den Tagen von Kamps senior (dessen Kleinbetrieb längst geschlossen wurde) weiter verschlechtert. Nur jeder zweite Betrieb bringt es auf mehr als eine Million Mark Jahresumsatz, die Durchschnittsrendite liegt bei 0,8 Prozent. Ohnehin haben es von den 56000 westdeutschen Bäckereibetrieben des Jahres 1958 nur 20000 (mit 47000 Verkaufsstellen) ins vereinigte Deutschland geschafft, und Jahr für Jahr lassen 800 weitere die Rollläden herunter. Andere versuchen es, indem sie die Läden gescheiterter Kollegen aufkaufen und zu Filialketten aneinander reihen - und scheitern daran. "Bei der Filialisierung überheben sich viele", weiß Anja Weber, Referentin für das Bäckerhandwerk bei der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten. "Für das Management von 20 Läden braucht man ein anderes Know-how als für eine Kleinbäckerei." Viele, die das Filialgeschäft nicht gebacken kriegen, gehen jetzt im Imperium des Heiner Kamps auf. Er saugt jene Krumen ein, die vom Handwerk seines Vaters übrig geblieben sind, nachdem es durch die Mühle des Strukturwandels gedreht wurde - und spuckt sie als Teil seiner florierenden Kette wieder aus. "Konsolidierung" nennt Kamps das. Er kauft Stefansbäck in Stuttgart, Lecker Bäcker in Kassel, Ostrowski in Berlin, eröffnet neue eigene Filialen - bis heute insgesamt 1200 in ganz Deutschland. Er ist der erste Bäcker mit einer landesweiten Corporate Identity (Logo: die goldene Brezel), einem eigenen TV-Spot (Claim: "Tschüss, bis morgen") und einer eigenen Aktiengesellschaft, die an der Börse das Geld für seine Expansion eintreibt.

Alle Übernahmekandidaten unterzieht er der gleichen Rosskur; Ihre Produktionsstätten werden geschlossen oder integriert, das Sortiment verschlankt und fortan von einer der 16 hochmodernen Großbäckereien beliefert, die Kamps über das ganze Land verteilt betreibt. Dadurch senkt Kamps nicht nur Rohstoff- und Produktionskosten, er kann auch ein relativ breites Sortiment kostengünstig (weil massenhaft) vorproduzieren. Selbst Kamps-Kritiker bescheinigen dem Düsseldorfer Brötchenkönig dabei einen beneidenswerten Einfallsreichtum. 40 Prozent aller Kampsprodukte sind jünger als zwei Jahre, einige - wie das dreieckige Korneck oder der Süßklumpen " Schoko-Wuppi" (der seinen Namen dem Ort seiner Erfindung - Wuppertal - verdankt) sind bereits echte Klassiker. "Wir müssen uns deutlich vom Standardsortiment der Supermärkte absetzen, das ist unsere Chance", erklärt der Großbäcker.

Das Kuriose: Diese Konkurrenz ist Kamps zum guten Teil selbst, seit er auch noch den französischen Croissant- und Brioche-Konzern Harry's (nicht zu verwechseln mit der deutschen Toastmarke "Harry") und Wendeln, den größten deutschen Industriebäcker, geschluckt hat. Damit ist Kamps nicht nur der bei weitem mächtigste Bäcker Europas, sondern auch vom Tiefkühlbrötchen übers Graubrot fürs SB-Regal bis zu den Aufbackteiglingen seiner Filialen in allen Segmenten des Back-Business vertreten. Und das ist überlebenswichtig in einer Branche, deren Segmente sich zunehmend kannibalisieren.

Obwohl das Filialgeschäft heute nur noch 25 Prozent zum Umsatz der explosionsartig gewachsenen Kamps AG beisteuert, hängt das Herz des Vorstandsvorsitzenden erkennbar an seinen Läden. "Da kommen wir her, damit werden wir identifiziert", sagt der 46-Jährige. Den Erfolg dieser Backshops erklärt Kamps mit Qualitäten, die gemeinhin seinen Konkurrenten zugerechnet werden, nämlich "Freundlichkeit und Frische".

Für die Freundlichkeit sind seine Pächter verantwortlich, von denen die allerwenigsten gelernte Bäcker sind. "Wir brauchen keinen sturen Bäckermeister in der Filiale, sondern jemanden, der kommunikativ ist", sagt Kamps. Seine besten Pächter seien daher meist Friseusen - die hätten schließlich gelernt, freundlich zu sein. Für das Aufbacken tiefgefrorener Teiglinge braucht ohnehin niemand eine Bäckerausbildung. Dieses "bake on demand" -System sorgt wiederum für die Frische, die Kamps für eine seiner wichtigsten Stärken hält. Anders als beim Traditionsbäcker, der nur einmal (frühmorgens) backt, wird in den Kamps-Läden rund um die Uhr geschmurgelt.

Selbst die natürlichen Feinde eines Großfilialisten - Gewerkschaften, Gourmets und Handwerksfunktionäre - akzeptieren ihn deshalb wie eine Art Naturereignis: etwas, mit dem man sich am besten arrangiert, weil a) sich gegen ihn ohnehin nichts ausrichten lässt und b) es hätte schlimmer kommen können. "Ein guter Wettbewerber mit hervorragender Qualität und angemessenem Preisniveau", urteilt Peter Becker, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Bäckerhandwerks. "Kamps hat vernünftige Preise durchgesetzt", meint auch Gewerkschafterin Weber, "und die Verträge mit seinen Pächtern zählen zu den fairsten, die ich kenne." Allerdings sei noch zu klären, ob es sich beim System Kamps nicht um einen besonders cleveren Fall von Scheinselbstständigkeit handle.

Kamps nützt solches Fachlob wenig, solange er immer noch als der (Bäcker-)Killer mit der Kette gilt. "Der Bäckermythos", seufzt Kamps, "ist einfach nicht totzukriegen." Seine Produktentwickler hätten mal Hausfrauen eingeladen, die schwörten, Brötchen ihres Lieblingsbäckers mit verbundenen Augen erkennen zu können. Genauso selbstverständlich wie die Test-Esserinnen beim Blindtest scheiterten, seien sie danach wieder zu ihrem Lieblingsbäcker gestapft.

Der Verbraucher will alles - und dem Bäcker bleibt nur der Zusatzstoff.

Dabei hat das Treiben der kleingewerblichen Konkurrenz mit handwerklicher Backkunst heute so wenig zu tun wie ein Dr. Oetker-Tiramisu mit dem italienischen Original - auch wenn Bäcker-Boss Peter Becker dies vehement bestreitet. "Es gibt sehr viele Bäcker, die wie ich Zusatzstoffe konsequent ablehnen und immer noch traditionell backen", behauptet er.

Branchenkenner gehen indes davon aus, dass "sehr viele" in Wirklichkeit sehr wenige sind. "Kaum ein Bäckermeister steht heute noch am Ofen und backt nach eigenen Rezepten, was vom im Laden verkauft wird", bedauert Dr. Burchard Bösche, Hamburger Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Nahrungsmittelbranche und nebenbei Funktionär im Gourmetclub "Slow Food". Die Gleichung "Klein ist gut, groß ist schlecht" stimme deshalb einfach nicht mehr. Im Gegenteil, je kleiner der Bäcker, desto größer seine Abhängigkeit von den so genannten "kleinen Helfern".

Schuld sind die Verbraucher, die auch vom bescheidensten Landbäcker ein breites Sortiment an Brötchen, Broten und Kuchen erwarten. Und das kann kein Bäcker mehr ohne vorgefertigte Backmischungen, tiefgefrorene Teiglinge und Zusatzstoffe wie Emulgatoren an die Theke schaffen. " Backmittel sind die Mätresse des deutschen Bäckerhandwerks. Jeder hat sie, aber niemand bekennt sich dazu", spottet ein Branchenkenner. Hergestellt werden diese Convenience-Produkte von Großkonzernen wie Dr. Oetker, Nestlé oder der niederländischen CSM-Gmppe, ausgeliefert werden sie über die Bäckergenossenschaft Bäko und privatwirtschaftliche Großhändler. Bösche: "Ein Bäcker vollführt heute im Prinzip nur noch den letzten Schritt in einem industriellen Fertigungsprozess." Kamps hat diesen Fertigungsprozess modernisiert, rationalisiert und - wohl das Wichtigste - alle Teilschritte in eine, die eigene Hand genommen. Ergebnis: eine Steigerung seiner Margen von 6,1 auf 10,6 Prozent (Kamps-Region Südwest, 1997-2000).

Die nächsten, die mit diesem System Bekanntschaft machen werden, sind die italienischen Bäcker. Gerade hat Kamps ein Joint Venture mit dem italienischen Backwarenhersteller Roncadin unterzeichnet, die zehn ersten gemeinsamen Filialen. "Die sollen, äh, ,punto sowieso' oder so ähnlich heißen" und werden noch im Frühjahr eröffnen, bis 2004 sollen es 300 sein. Nach Kamps' Überzeugung steckt das italienische Bäckerhandwerk in einer ähnlichen Sackgasse wie das deutsche vor zehn Jahren. "Die Probleme sind im Prinzip dieselben, und wir haben die erprobte Lösung." Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was danach als Nächstes kommt: Frankreich, Spanien, Großbritannien...

Werden also eines Tages Kinder "Kamps" sagen, wenn sie Bäcker meinen - so wie sie heute " Tempo" und "Nivea" sagen, wenn sie Taschentücher und Hautcremes meinen?

Heiner Kamps ist der Größte und dennoch klein -und macht sich in der eigenen Firma Konkurrenz.

Wohl kaum. Das System Kamps benötigt zum Überleben ganz spezifische Bedingungen: Ballungsräume, in denen sich 100 bis 150 Filialen um eine Großbäckerei gruppieren lassen wie Satelliten um eine Versorgungsstation. Selbst wenn Kamps also eines Tages - wie geplant - seine 2000. deutsche Filiale eröffnen sollte, ginge er in den 47 000 Verkaufsstellen unter wie ein Kürbiskern in einem Weltmeisterbrötchen. Außerdem: "Kamps hat so viele Schwächen. Wenn die ein kleiner Bäcker sorgfältig analysiert, ist er fein raus", meint Günther Wohlers, Herausgeber des Branchendienstes " BackBusiness". "Das begrenzte Sortiment, der hohe Preis, Kamps ließe sich an vielen Fronten angreifen. Da braucht sich kein kleiner Bäcker Sorgen zu machen." Die größte Gefahr, so Fachmann Wohlers, drohe den Handwerksbäckern ohnehin nicht von Ketten wie Kamps, sondern aus den Backshops der Supermärkte. Dort würden vorgefertigte Teiglinge aufgebacken und zum Schleuderpreis verjubelt - als billige Werbung für den Supermarkt. "Zehn Brötchen für 1,95 Mark, da kann kein Bäcker mithalten", schimpft auch Bäcker-Präsident Becker. Vorreiter dieser Dumping-Shops sind der deutsche Harry-Konzern - und Wendelns, die Industriemarke von Kamps.

"Wenn ich's nicht täte, würden es andere tun", sagt Kamps fast entschuldigend. Bei seinem paneuropäischen Backfeldzug möchte der Bocholter Bäckersohn ungern etwas dem Zufall überlassen. Und schon gar nicht der Konkurrenz.


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