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brand eins 06/2004 - SCHWERPUNKT: Leitbilder

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Die Preußen Asiens

Vietnamesen lieben deutsche Wurst, deutsche Wertarbeit und deutsche Tugenden. Mit ihnen ließen sich prima Geschäfte machen. Man müsste sich nur trauen.

 

Dämmerung kriecht über Hanois Altstadt, wie düstere Skulpturen stehen die Bäume am Hoan-Kiem-See. Paul Hoffmann sitzt im ersten Stock des Legend's Beergarden. Hinter ihm spiegeln sich Neonreklamen im feuchten Asphalt. Hoffmann erzählt von Konfuzius, Handelsabkommen und Devisenkursen. Geschichten, Anekdoten, endlos, verwirrend wie der Verkehr unten auf der Straße. 1973 kam er erstmals nach Hanoi, als Angestellter der Interflug von Berlin-Schönefeld, 20 Stunden in einer Iljuschin IL-18, vier Propellerturbinen, zwölf Tonnen Nutzlast, Zwischenlandungen in Moskau, Taschkent, Karatschi, Dacca. Damals wurden noch Listen geführt über abgeschossene US-Starfighter, "es gab keine Restaurants, Telefone funktionierten nicht, und wer ein Fahrrad besaß, war privilegiert".

Da sitzt er, ein kleiner, energischer Mann, und schaut besorgt auf seine Armbanduhr. Hoffmann ist auf dem Sprung zum Flughafen. Er hat Termine in Ho Chi Minh Stadt als General Manager der Firma Müller + Partner GmbH, Fulda, für die er unter anderem Schiffskräne an vietnamesische Staatsbetriebe vermittelt hat, Straßenbaumaschinen und zuletzt optische Linsen für medizinische Geräte. " Ein kleinerer Auftrag, eine schlappe Million Euro." Über Geld spricht er nicht gern, man kann nur ahnen, was er verdient hat nach der Wende mit dem Verkauf von 22 000 Lastwagen der Marke IFA aus DDR-Produktion. Nur so viel: "Bei den Vietnamesen haben sich viele Dinge, die mit Deutschland verbunden sind, tief eingeprägt, denen bleiben sie treu." Die DDR war einer der wenigen Staaten, die die Demokratische Republik Vietnam bereits im Februar 1950 diplomatisch anerkannte. Damals, das Land stand noch unter französischer Verwaltung, leistete man unermüdlich sozialistische Bruderhilfe beim Bau von Industrieanlagen, der Einrichtung von Ausbildungswerkstätten und der Lieferung von Maschinen und Fahrzeugen. Etwa 50 000 Vietnamesen studierten in der DDR, wo 1990 noch 60 000 Vertragsarbeiter lebten. Auch die Bundesrepublik gewährte stets humanitäre Hilfe. "In Vietnam wurde Deutschland meist als alter Freund gesehen", so eine Studie der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), "bei dem man mit mehr Entgegenkommen, Hilfe und Unterstützung rechnen kann als bei anderen Ländern. Häufig werden auch deutsche Firmen unter diesem Blickwinkel betrachtet." Keine schlechte Ausgangsposition. 1986 beschloss die Kommunistische Partei Vietnams ein Programm namens Doi Moi (Erneuerung), das 80 Millionen Menschen von der Plan- in die Marktwirtschaft führen soll, vom Leid eines halben Jahrhunderts Krieg gegen Franzosen, Japaner, Amerikaner, Kambodschaner und Chinesen in die Hightech-Gesellschaft. Inzwischen erreicht Vietnam jährlich etwa sieben Prozent Wirtschaftswachstum, hinter China das zweitgrößte in Asien, in manchen Gegenden, wie in der um Hanoi und der Hafenstadt Haiphong im Norden liegen die Zuwachsraten sogar bei 20 Prozent. Der " Spiegel" sprach schon 2002 vom "Tiger auf dem Sprung" und kapitalistischen " Musterschüler". Hoffmann: "Manchmal erschrecke ich, wenn ich durch die Industrieparks fahre, da erkennt man keinen Unterschied mehr zu Europa." Man isst Hunde, trinkt Schlangenschnaps der Gesundheit wegen und geht vor Geschäftsabschlüssen in den Tempel Hoffmanns halbes Leben ist verbunden mit Vietnam. Er hat den " amerikanischen Krieg", so die offizielle Bezeichnung, miterlebt, die Hungersnot danach und den jüngsten Wirtschafts-Boom. Er verkörpert eine wohl einmalige Liaison zweier Nationen, "die tief verbunden sind, obwohl doch kulturell so verschieden", wie May Huy Tan ein paar Tage später feststellen wird. Hoffmann: "Die Vietnamesen schätzen unsere Wertarbeit, unseren Charakter, unsere Zuverlässigkeit." Die "New York Times" schrieb kürzlich: "Made in Germany hat wie der Mercedes-Stern in den vergangenen Jahren seinen Reiz verloren." In Vietnam sieht man das anders. "Made in Germany", sagt Oliver Massmann, Leiter der Rechtsanwaltskanzlei Baker & McKenzie in Hanoi, "ist weiterhin ein Prädikat, die Vietnamesen machen immer noch einen Kotau vor deutscher Qualität." Dennoch rangiert Deutschland mit 50 Projekten im Umfang von 245 Millionen Dollar unter ausländischen Investoren nur an Position 20, knapp hinter Bermuda, weit hinter Frankreich, den Niederlanden, sogar der Schweiz und Schweden. Zum Vergleich: Taiwan liegt bei 6,2 Milliarden, Südkorea bei 4,3 Milliarden Dollar. "Beredt wird in Hanoi darüber Klage geführt, dass deutsche Firmen mit ihrem Engagement zu zögerlich seien", heißt es in der SWP-Studie, "und die Sympathien nicht angemessen honorieren würden." Überall im Land gibt es deutsch-vietnamesische Vereine und Organisationen; die Behörden und Ministerien sind bestückt mit Abgängern von DDR-Universitäten; der Verkehrsminister, der Direktor für Eisenbahnsysteme, der stellvertretende Minister für Telekommunikation, alle haben in Dresden studiert, der zweite Bürgermeister von Ho Chi Minh Stadt in Magdeburg.

Nirgendwo in Asien wird mehr Deutsch gesprochen. Das Goethe Institut in Hanoi, wo eine ehemalige Vertragsarbeiterin aus Leipzig an der Rezeption sitzt, kann einem dutzende Gesprächspartner vermitteln, die spontan zu einem Treffen bereit sind wie Ngo Quang Phuc. Er schwärmt von seinen Erlebnissen in Deutschland, von Bier und Bratwurst, deutschen Weihnachtsliedern; seine Frau kaufe immer noch deutsche Strumpfhosen und Nivea, auch wenn sie dafür mehr Geld bezahlen müsse. Phuc, der mit 13 in die DDR kam, hat Goethes Faust, Böll und Erich Fried ins Vietnamesische übersetzte und auch Tuyiu tho Haino, der bei uns Heinrich Heine heißt. "Wir mögen die Deutschen", sagt Phuc, "wir verstehen einander im Herzen." Er sagt das mit Bedacht, weil es selbstverständlich auch große Unterschiede gibt zwischen den Völkern. "Unsere Geschichte, unsere Leben", meint Phuc und macht dabei kurvige Bewegungen mit seinen Armen, "verlief nie so gradlinig und nachvollziehbar wie bei den Deutschen." Es ist Frühling in Hanoi, seit fast 1000 Jahren politisches, kulturelles und intellektuelles Zentrum Vietnams und die wohl schönste Metropole Asiens. Hanoi ist eine Stadt der Gegensätze und so gesehen auch eine Parabel für die vietnamesische Seele. Ho Chi Minhs Vermächtnisse entlang breiter Boulevards paaren sich mit modernen Hotels und Bürokomplexen, die Schatten werfen auf Garküchen und fliegende Händler. Monströse Stahlkolosse über dem trüben, trägen Roten Fluss führen zu verwinkelten Gassen und verwitterten Kolonialvillen im Zentrum. Zwischen buddhistischen Tempeln, Parks und Seen kann die Stimmung mitunter übergangslos von Chaos und hektischer Betriebsamkeit zu Melancholie und sanfter Wehmut übergehen. "Violett blühende Blumen, Wände bedeckt von Moder und Moos", schreibt der Dichter Nguyen Due Mau, "in zehn Jahren Hanoi finde ich/Meine eigenen Gattungen von Freude und Kummer." Vietnam ist voller Poesie und Rätsel. Vietnamesen essen Hunde der Potenz wegen und trinken Schlangenschnaps bei Rückenleiden, sie machen vor Geschäftsabschlüssen Wallfahrten zu Tempeln, um das Schicksal milde zu stimmen. Und die Bürokratie ist zwar straff kommunistisch durchorganisiert, doch selbst einer wie Honmann muss stets neu herausfinden, mit wem, wie und wann zu verhandeln ist, wobei Vietnamesen sich gern in Metaphern und Sinnsprüchen ausdrücken, weil es sich nicht schickt, Probleme konkret anzusprechen. Direkter Augenkontakt und fester Händedruck gelten als arrogant, wer Emotionen zeigt, verliert sein Gesicht. Hoffmann: "Mit einem unterschriftsreifen Vertrag erreicht man noch lange nichts." Bei Müller + Partner kriegen alle Mitarbeiter das Buch "Kulturschock Vietnam" zu lesen.

Die DDR nahm nach den Wirren des Krieges Kinder aus Vietnam auf. Dieser Akt der Solidarität ist nicht vergessen.

13. Stock des Vietcombank Towers, zwischen Rotem Fluss und Altstadt, Deutsche Außenhandelskammer Hanoi: Le Trang ist einer ihrer Repräsentanten, und auf die Frage, warum die deutsche Wirtschaft in Vietnam keine größere Rolle spiele, windet sich der vornehme, zurückhaltende Herr, als würde ihm ein Weisheitszahn gezogen. Zuerst die guten Nachrichten. Das von Siemens gebaute hochmoderne Gas- und Dampfkraftwerk Phu My 3 ist ans Netz gegangen und hat mit 720 Megawatt Leistung Vietnams Stromversorgung um ein Zehntel erhöht. Nun hofft Siemens auf Aufträge beim Bau der U-Bahn in Ho Chi Minh Stadt, der im nächsten Jahr beginnen soll. Trang erwähnt DaimlerChrysler und BMW, die Montagebänder betreiben im Süden, und die Supermarktkette Metro, die bereits drei Einkaufszentren eröffnet hat und sieben weitere plant. Bekleidungshersteller hätten großen Erfolg, "und wer einmal kommt, der bleibt auch".

Trang wuchs wie Phuc in einem Kinderheim in Moritzburg bei Dresden auf. 1954, nach der siegreichen Schlacht gegen die französischen Truppen bei Dien Bien Phu, bot der Frauenbund der DDR an, vietnamesische Kinder aufzunehmen. Ein Akt der Solidarität, der bis heute nicht vergessen ist; insgesamt 299 Kinder von Parteifunktionären, Widerstandskämpfern und Intellektuellen kamen. "Man behandelte uns wie Familienmitglieder", sagt Trang. Und erinnert sich an Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, straffe Organisation. "Deutsche sind sehr, sehr vorsichtig, sie arbeiten nach dem Lehrbuch." Es ist seine Art, die Zurückhaltung deutscher Investoren zu erklären. Es könnte aber auch daran liegen, dass Vietnam durch komplizierte Gesetzgebung, gescheiterte Projekte und wuchernde Korruption in der Anfangsphase von Doi Moi Kredit verspielt hat. Trang: "Wenn man das Lehrbuch heranzieht, stimmt bei uns noch nicht viel." Vom Dach des Vietcombank Towers blickt man hinunter auf die Tran-Quang-Khai-Straße, eine der pulsierenden Nord-Süd-Trassen Hanois, an der Organen gleich Labyrinthe von Stadtteilen hängen wie an einer pulsierenden Arterie. Von hier oben sieht der Verkehr geordnet aus, obwohl Ampeln missachtet werden und die Kreuzungen anmuten wie Ameisenhaufen. Horden von Mopeds, umzingeln Pkws und Lastwagen, die die Vorfahrt mit sanfter Gewalt erzwingen. Fahrräder sieht man kaum noch. Vielleicht kann man Vietnam nur verstehen, wenn man seinen Verkehr begreift, der nie still steht, aber auch nie kollabiert. Man muss sich treiben lassen in dieser Anarchie mit System, instinktiv und entschlossen handeln, so führen die Wege zum Ziel, so finden sich Schlupfwinkel und freie Fahrt.

Oliver Massmann wirft einen Blick aus dem Fenster, zwei Türen neben Trangs Büro, und sagt: "Stimmt, so in etwa sieht Vietnams Wirtschaft aus." Er ist der erste deutsche Rechtsanwalt, der im Justizministerium internationales Recht in vietnamesischer Sprache lehrt. Massmann hat mitgewirkt am Zustandekommen des Bilateralen Handelsabkommen (BTA) zwischen Vietnam und den USA, nun berät er die Regierung bei den WTO-Beitrittsverhandlungen. Massmann schwärmt von Vietnams Potenzial: der einzige Nettoproduzent von Rohstoffen, Energie und Lebensmitteln in Asien; weltgrößter Pfeffer-Exporteur ist das Land bereits, Nummer zwei bei Reis und Kaffee. Dazu kommen niedrige Löhne, günstige Bodenpreise, die zentrale Lage im asiatischen Markt. Er fragt: "Warum baut die Ruhrkohle AG hier nicht Koks ab im Joint Venture mit einem Staatsbetrieb? Warum liefern deutsche Brauereien nur die Anlagen, das Bier aber brauen die Dänen? Warum suchen nicht mehr kleine und mittelständische Betriebe hier nach Chancen?" Andererseits kann Massmann schon verstehen, wenn deutsche Investoren klagen. China, der Gigant im Norden, lockt ausländisches Kapital systematisch an. Die vietnamesische Regierung betreibt stattdessen einen mysteriösen Spagat, sie versucht durch Joint Ventures, komplizierte Beteiligungsmodelle und stufenweise Privatisierung der verschuldeten Staatsbetriebe, möglichst viel Kontrolle zu behalten. Transparenz ist nicht die Stärke der vietnamesischen Politik. Der Internationale Währungsfond stornierte kürzlich 200 Millionen Dollar Fördergelder, weil die Staatsbank ihre Finanzen nicht offen legen will. Vietnam hat lange und unter gewaltigen Opfern um seine Unabhängigkeit gekämpft, die sie nun auch ökonomisch nicht gleich wieder preisgeben will. Der stellvertretender Ministerpräsident Vu Khoan sagte unlängst: "Wir müssen uns erst mal in einen globalen Kontext bringen, um herauszufinden, was wir verbessern können." "Das Investitionsklima ist schwierig, die Regelungen sind kompliziert", sagt Monika Midel, Direktorin der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Hanoi, "in jeder Provinz wird anders verfahren." Überdies räumen Handelsabkommen mit den USA und Japan Firmen aus diesen Ländern Vorteile ein, vor allem im Bank- und Versicherungssektor. Die EU hat zwar ein so genanntes Textile and Market Access Agreement mit Vietnam geschlossen, doch Massmann sagt: "Es ist nicht mehr als ein Abkommen mit ein paar Quotenregelungen und einigen Einzelinteressen. Solange die EU über kein bilaterales Handelsabkommen mit Vietnam verfügt, bleiben Europäer benachteiligt." Midel hält dagegen: " Wir könnten längst mehr tun. Komplizierte Gesetze, Korruption, fremde Kultur, das gibt es auch in China, Indien oder Indonesien. Wir Deutsche sind Bedenkenträger. Wenn die Wirtschaft hier erst richtig floriert, dann heißt es wieder: Vietnam wäre die Mühe wert gewesen." Bao Son Hotel, Ba Dinh-Distrikt, später Vormittag: In einem mit opulenten Blumengestecken und Parolen auf rotem Samt dekorierten Ballsaal treffen sich die etwa 300 Mitglieder der Vietnam German Small and Medium Enterprises Association (VIGEA). Nguyen Trung Thuc, der Vorsitzende, verliest die Präambel des Verbandes, er wünscht sich, dass alle Vietnamesen irgendwann Mercedes fahren und Mobiltelefone von Siemens benutzen. Vietnamesische Geschäftsleute verteilen Prospekte, auch ein Eierlikörfabrikant ist gekommen, der unermüdlich lächelnd sein Produkt verteilt. "Die Möglichkeiten wären groß für deutsche Firmen", so Thuc, " sie werden jedoch behindert durch einen Mangel an Informationen und Kontakten. Unser Verband will das verbessern." Vier Stunden dauert die Veranstaltung inklusive Diavorträgen, langatmigen Reden und kaltem Büfett, man fühlt sich wie bei einer Mischung aus sozialistischem Parteitag und Hochzeitsfest.

Auf dem Podium mit den Vorstandsmitgliedern der VIGEA ein kleiner, fröhlicher Mann: Mai Huy Tan. Cong ty Due Viet/DV Co., Ltd. heißt die Firma, die er im Herbst 2000 gegründet hat, zusammen mit der CBV Michael Campioni GmbH in Erfurt. Das Unternehmen wird in diesem Jahr rund 700 Tonnen Wurst produzieren, neben Xuc Xich Duc (Bratwurst), dem Verkaufsschlager des Sortiments, auch Wiener Würstchen, Bockwurst, Bierschinken und sogar Leberkäse. Geliefert wird an Supermärkte, Restaurants und Schulen überall im Land. Und natürlich an Hanois zahlreiche Gartenlokale, für die eigens eine " Biergartenwurst" entwickelt wurde (Tan: "Mit viel Chili, damit die Leute mehr trinken."). Für Xuc Xich Duc hat Tan eigens Rezepte kreiert (Wurstsuppe, Wurstschaschlik, Nudeln mit Wurst), um zu demonstrieren, was sich mit der exotischen Ware alles anstellen lässt.

Tan hat in Halle an der Saale Wirtschaftsmathematik studiert, auf seinen Partner Campioni traf er, als dieser Hausmeister der DDR-Botschaft war. Die Mauer fiel, Doi Moi kam in Gang und irgendwann den beiden Freunden eine nahe liegende Idee. Tan: "Mir war aufgefallen, dass bei Botschaftsempfängen immer zuerst die Bratwurst weg war." Campioni: "Wenn ein Thüringer eine Menschenmenge sieht, denkt er: ,Hier müsste ein Bratwurstrost stehen'." An Menschenmengen jedenfalls herrscht kein Mangel in Vietnam. Campionis Nachbar in Erfurt war Metzger, das Rezept ein Kinderspiel, die Investition überschaubar., Jeder liebt Bratwurst", so Tan, und dann erzählt er, wie er vor mehr als 20 Jahren mit dem Zug in Berlin ankam. "Ich sah diesen Stand mit Thüringer Bratwurst, Bär-Hunger hab' ich gehabt - heiße Wurst in kalte Winter, Brötchen und Senf dazu, das schmeckt überall." Tan schmunzelnd: "Globalisierung geht auch durch den Magen." Hoc an, hoc noi, sagt der Vietnamese. Der Mensch lernt zu essen, bevor er spricht. Aber es gibt neben Herz und Magen noch mehr, das Deutsche und Vietnamesen verbindet, die man gern die Preußen Asiens nennt. Sie haben mit 30 Prozent eine erstaunlich hohe Sparquote und erinnern in ihrem ehrgeizigen Streben nach Wachstum und Wohlstand an die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Kinder sollen es einmal besser haben, dafür arbeiten sie, oft in zwei Jobs; junge Leute beginnen ein zweites Studium, während das erste noch nicht abgeschlossen ist, und lernen mehrere Fremdsprachen. Juan Ricardo Rothe, President und CEO von Siemens in Vietnam und Vorstand der German Business Association in Hanoi, hat bei seinen Angestellten festgestellt: " Die sind da, wenn man sie braucht, die verstehen, dass wir dem Land helfen, Arbeitsplätze schaffen und erhalten." Diese Einsicht scheint sich auch im Staatsapparat einzustellen. Es ist noch nicht lange her, als man für die Bewilligung einer Pension in Ho Chi Minh Stadt 83 Anträge bei 26 Behörden benötigte. Heute können sich Investoren online registrieren; Lizenzen für Industrieanlagen werden teilweise innerhalb einer Woche vergeben, und bei einem Investment von weniger als zehn Millionen Dollar entscheiden die Provinz-Gouverneure, die auch eigenmächtig über Steuernachlässe verhandeln können. Ihre Profite dürfen ausländische Investoren ohnehin schon in Drittländer transferieren. " Vietnamesen", sagt Massmann, "passen sich an, lernen schnell, korrigieren ihre Fehler, die sind superpragmatisch." Sie würden das Sportstadion in Hanoi auch nicht mehr von einem chinesischen Unternehmen bauen lassen; die Anlage droht ein Jahr nach Fertigstellung einzustürzen. Mit der Philipp Holzmann AG, der inzwischen insolventen deutschen Baufirma, wäre das nicht passiert, heißt es nun. Doch deren Angebot lag 20 Prozent über dem der Chinesen. Hoffmann: "Deutsche Technik ist oft noch zu teuer für Vietnam." Nicht so bei Gong ty Duc Viet/DV Co., Ltd. Die Maschinen und Kühlanlagen kommen ebenso aus Deutschland wie die Fußwaschanlage und die Seifenspender in den Toiletten. Unermüdlich wird gewurstelt in Tans Fabrik im Industriepark des Bezirks Yen My, von Hanoi aus zu erreichen über die Nationalstraße 5 Richtung Haiphong. Wie ein kleiner Palast wächst die Fabrik aus den Reisfeldern, in denen Wasserbüffel stehen und Bauern mit konischen Basthüten. 7000 Quadratmeter voller blank polierter Arbeitsbänke und flinker Menschen, die in den umliegenden Dörfern zu Hause sind, wo Reisbauern kaum mehr verdienen als 20 Dollar im Monat. Tans Angestellte bekommen viermal so viel, tragen weißen Mundschutz, Plastikhäubchen und -mäntel, die aus Deutschland importiert werden wie die Gewürzmischungen und Schweinedärme für die Wurst. Tan sagt: "Wir halten uns an deutsche Standards von Hygiene- bis Lebensmittelvorschriften." Tan ist überzeugt, dass ihm dieses Gütesiegel nutzen wird, um sich auf dem asiatischen Markt zu etablieren. Der kleine Mann hat große Pläne. 120 000 Schweine sollen bald jährlich verarbeitet, 18 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet werden. Fleisch- und Wursttheken will er populär machen in Vietnam und seine Bratwurst bis nach Japan liefern. Inspiriert hat ihn nicht nur deutsches Kulturgut: In seinem Büro hängt ein Porträt von Napoleon, sein Haus in Hanoi ist dem Invalidendom nachempfunden.

"Vietnamesen haben stets das Beste anderer Kulturen übernommen", sagt Tan und verweist auf Ess-Stäbchen aus China, Baguette und Mopeds der Marke Honda. Dass ihnen Chinesen, Franzosen und Japaner nicht immer wohl gesonnen waren, ficht sie nicht an. "Die schauen nicht zurück", sagt Massmann, "die wollen keine Zeit mehr verlieren, deshalb haben sie sich auch mit den Amerikanern arrangiert trotz der tiefen Wunden, die der Krieg hinterlassen hat." Als Hoffmann den Legend's Beergarden verließ, war es fast dunkel, das Leben auf den Straßen zerfloss zu Schemen. "Sicher", sagt Phan Van Thanh, Repräsentant der HSH Nordbank in Hanoi, "vieles ist noch nicht greifbar hier, es ist wie bei einem Schuldner, bei dem man nicht weiß, wann und wie viel er zurückzahlen kann, aber bei dem man instinktiv weiß, er wird zurückzahlen." Hoffmann sagt: "Hier wird die Post abgehen, notfalls auch ohne uns, bei jedem Produkt ist doch längst die Welt auf dem Markt." Rothe sieht das genauso: "Deshalb müssen wir flexibler werden, schneller agieren, nicht auf Details rumreiten." Massmann meint jedoch lapidar: "Wir sind einfach zu phlegmatisch." Er erinnert sich noch an sein Studium an der Ruhruniversität Bochum. "Wir waren 40 Referendare, einer ging nach Polen, ich ging nach Hanoi und wurde belacht." Was aus den anderen geworden ist, weiß er nicht. "Ich weiß nur, dass man in Deutschland über die Anwalt-Schwemme jammert."


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