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brand eins 06/2004 - WAS MENSCHEN BEWEGT
Der Durchblicker
Uwe Gill lebt von seinen seherischen Fähigkeiten: Er spürt Zukunftstechnologien auf. Sein Horizont ist sehr weit. Was vielleicht auch daran liegt, dass er blind ist.
Er nennt sich Technologie-Scout, sieht aber eher aus wie ein Sparkassendirektor: Uwe Gill ist rundlich, glatt rasiert und trägt einen konservativen Anzug. Sein Büro an der ehrwürdigen Wiesbadener Wilhelmstraße hat er im französischen Art-déco-Stil einrichten lassen; an der Wand neben seinem Schreibtisch hängt ein Bild von Wilhelm II. Alle Möbel seien original, sagt er, bis auf den Lack, weil der Putzfrau nicht beizubringen sei, pfleglich damit umzugehen. Und man fragt sich als Erstes, warum Gill das so wichtig ist, denn er kann die Sachen nicht sehen. Der 49-Jährige ist blind. Allerdings fällt das erst auf den zweiten Blick auf, die große Sicherheit, mit der er sich in dem Raum bewegt, und die Präsenz, mit der er ihn füllt, täuschen über die toten Augen hinweg.
Dieser Mann ist also ein moderner Pfadfinder, der innovative Firmen und Geld zusammenbringt. Uns lädt er ein zu einer Reise in seine Welt der Technik. Als wir ins Auto steigen, entschuldigt sich Gill erst einmal dafür, dass es sich nicht um den Jaguar handelt, sondern um die Familienkutsche mit Kindersitz, die seine Frau, die am Steuer sitzt, wohl lieber fährt. Es geht ins schwäbische Reutlingen zu Retina Implant. Bei dem im vergangenen Jahr gegründeten Start-up begrüßt man ihn sehr freundlich; die attraktive Frau Gill verabschiedet sich und geht shoppen. Hugo Hämmerle, Cheftechnologe und Mitbegründer des Unternehmens, hat eine kleine Präsentation vorbereitet. Unter anderem führt er einen Film vor, der etwas blutig ist, aber gut zeigt, womit sich die junge Firma beschäftigt.
Es ist nur ein kleiner Schnitt für den Operateur, aber vielleicht ein großer für die Menschheit. Er schneidet mit dem Skalpell in die Netzhaut des Kaninchens, hebt sie vorsichtig ab und schiebt ein Siliziumscheibchen darunter. Dieser Chip, drei mal drei Millimeter groß und mit 1500 Pixeln versehen, soll Wunder wirken: Er soll Blinden zum Sehen verhelfen. Inwieweit das gelingt, werden Ende des Jahres acht Menschen, die wegen Erkrankungen der Netzhaut ihr Augenlicht verloren haben, beim ersten klinischen Test erfahren.
Falls sie mit Hilfe des winzigen Plättchens wieder etwas wahrnehmen, sich selbstständig orientieren, vielleicht sogar lesen könnten, wäre das eine Sensation.
Uwe Gill lächelt.
Acht Jahre lang haben ein gutes Dutzend Mediziner, Physiker, Biologen und Mikroelektroniker aus verschiedenen Forschungseinrichtungen in Baden-Württemberg an der Sehprothese gearbeitet. Ihre Idee: Durch Krankheiten ausgefallene Fotorezeptoren der Netzhaut werden durch winzige Solarzellen ersetzt. Sie verwandeln Licht in sehr kleine Strommengen, die elektronisch verstärkt und dann an intakte Nervenzellen der inneren Netzhaut weitergeleitet werden. Von dort wandern die Signale durch den Sehnerv bis ins Gehirn, wo sie zu Bildern zusammengesetzt werden. Dass das Verfahren grundsätzlich funktioniert, wurde in mehreren Studien ebenso belegt wie die Verträglichkeit des mit einem speziellen Überzug versehenen Siliziumchips. Auch die Operation, eine Sache von einer knappen Stunde, wurde mehrfach an Tieren erprobt. 6,5 Millionen Euro öffentliche Mittel flossen in die Erfindung, die durch etliche Patente geschützt ist. Den ersten Versuchen an Menschen steht nichts mehr im Wege, Freiwillige gibt es genug. Die Zeit allerdings drängt, denn an ähnlichen Projekten wird weltweit fieberhaft gearbeitet. Die Schwaben zieren sich ein wenig, den Vorsprung, den sie vor der Konkurrenz haben - zwei Jahre - herauszustellen. An dieser Stelle greift Gill ein: "Wir sind in Deutschland viel zu bescheiden." Die Amerikaner hätten da weitaus weniger Bedenken.
Der Netzhaut-Chip made in Germany ist nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus kommerzieller Sicht viel versprechend. In Europa, Japan und den USA gibt es etwa 500 000 Menschen, die für die rund 30 000 Euro teure Operation in Frage kämen. Allein hier zu Lande erblinden Jahr für Jahr rund 8500 Menschen wegen degenerativer Erkrankungen in Lichtsinneszellen der Netzhaut. Bislang gibt es für sie keine Therapie.
Nach den erfolgreichen Vorarbeiten waren die Gründer, die 2003 beim internationalen Businessplan-Wettbewerb "Gene-Start Biotech Award" des Landes Baden-Württemberg den ersten Preis gewonnen haben, optimistisch, Geldgeber zu finden. "Ich bin davon ausgegangen, dass man uns förmlich überrennt", sagt Reinhard Rubow, bei Retina Implant fürs Kaufmännische zuständig. Doch die Manager der Risikokapital-Fonds, die noch vor wenigen Jahren, ohne mit der Wimper zu zucken, Millionen auf die absurdesten Businesspläne setzten, sind mittlerweile übervorsichtig. "Zeigt erst mal, dass es funktioniert", habe man zu hören bekommen, so Rubow. "Aber wenn das erst mal erwiesen ist, können wir auch zur Kreissparkasse gehen." Schließlich erklärte sich das Bundesforschungsministerium bereit, auch noch die erste klinische Studie zum Teil zu finanzieren. Danach kann die junge Firma nicht mehr mit öffentlichen Mitteln rechnen, dann muss und will sie auf eigenen Beinen stehen.
Schon als kleiner blinder Junge nimmt er seine Spielzeug-Lok auseinander, "um zu gucken, was drin ist" Dabei soll Gill helfen. Er will den Reutlingern gegen Erfolgsprovision einen " strategischen Partner" beschaffen, ein großes Unternehmen, das für den Durchbruch der Sehprothese und ihren weltweiten Vertrieb sorgen soll. Und er lässt keinen Zweifel, dass ihm das gelingen wird. Er redet von einer "long list" potenzieller Interessenten, die er schon bald zu einer "short list" machen will, und von Konzernen, zu denen er exzellente Kontakte habe. Gill schwärmt von den Perspektiven des Retina-Implantats, die weit über die Medizin hinausreichten. Zum Beispiel in die Automobilindustrie, wo mit Hilfe der Sehprothese irgendwann selbststeuernde Fahrzeuge konstruiert werden könnten.
Der Mann nimmt den Mund ziemlich voll, so wie viele Berater, die Firmengründern die Zeit stehlen. Der entscheidende Unterschied: Gill weiß, wovon er redet, wie Hugo Hämmerle später anerkennend sagen wird. Der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge gleich zweifach promovierte Mathematiker und Informatiker Gill gilt hier zu Lande als Pionier der künstlichen Intelligenz. Die Versuche, eine Sehprothese zu konstruieren, verfolgt er seit Jahren, er kennt die unterschiedlichen Ansätze und die Wissenschaftler, die in den USA und Europa daran arbeiten. Für sein Engagement gibt es eine nahe liegende Erklärung. Dass er sich aus persönlichen Gründen für das Start-up interessiert, bestreitet der Blinde allerdings vehement. Es sei Neugier, die ihn treibe, kein Defizit, das er zu kompensieren hätte: "Ich habe kein Defizit!" Das ist ihm wichtig, und für einen Moment wird sein Ton schärfer.
Tatsächlich käme die Reutlinger Erfindung für ihn nicht in Frage, weil seine Augen durch einen frühkindlichen Tumor völlig zerstört sind. In seinem Fall müsste eine Prothese direkt ins Sehzentrum implantiert werden, also ins Gehirn, was hier zu Lande nicht erlaubt ist. An der University of Utah, wo solche Eingriffe legal sind und wo Gill eine Honorarprofessur für Neurocomputing hat, wird an der Technik gearbeitet - bisher allerdings ohne nennenswerten Erfolg.
Über sein Handicap redet Gill nicht gern, und wenn, dann in der distanzierten Art des Wissenschaftlers. Zum Beispiel führt er seinen guten Orientierungssinn, den er auf dem Weg zur nächsten Firma beiläufig demonstriert, darauf zurück, dass er noch bis zum Alter von drei Jahren sehen konnte. Erinnerungen an die Welt der Formen und Farben habe er aber nicht: "Ich weiß nicht, was Schwarz oder Weiß ist. Ich habe keine Vorstellung davon." Viel lieber redet er über Technik. Über die nächste Computergeneration, mit der wir uns unterhalten werden wie mit Menschen. Über die faszinierenden Eigenschaften hochreiner Metalle. Über ein neues Schmieröl aus Flüssigkristallen, das allen synthetischen Ölen weit überlegen ist. Und über sein neues PDA mit Blindenschriftein- und ausgabe, das er virtuos handhabt. Von dem Gerät lässt er sich unterwegs in atemberaubender Geschwindigkeit E-Mails und andere Unterlagen vorlesen. Gill saugt diese Informationen auf wie ein Schwamm und hat sie bei passender Gelegenheit parat. Alle, mit denen man über ihn redet, sind beeindruckt von seinem Gedächtnis und seiner Geistesgegenwart. Hans Steckling, ein Unternehmensberater und Bekannter Gills, attestiert ihm gar "seherische Fähigkeiten".
In jedem Fall ist Gill ein guter Erzähler, er plaudert gern über sein bewegtes Leben. Zum Beispiel über die Zeit, als er als einer der wenigen Europäer in einer Kommission von Ronald Reagans gigantischem Raketenabwehrschirm-Projekt SDI saß, bei dem künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle spielen sollte. "Die Rüstungsindustrie hat damals das Blaue vom Himmel versprochen", erinnert sich Gill, "aber wir Techniker haben alle gelacht: Das war ein gigantisches Luftschloss." Skrupel, beim Bau des Luftschlosses mitzumachen, hatte er nicht: "Wo es technisch interessant war, habe ich meine Nase reingesteckt." Es ist diese Faszination für Technik, die ihm zu einem beeindruckenden Aufstieg verhalf. Gill stammt aus dem Ruhrgebiet. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter Hausfrau, die sich mit dem Verkauf von Textilien in der Nachbarschaft etwas dazuverdiente. Bescheidene Verhältnisse, bescheidene Träume. " Ihre Hauptsorge war, dass ich versorgt bin", sagt Gill über seine Eltern. Was er beruflich macht, hätten sie nie verstanden: "Sie konnten das Wort Computer noch nicht einmal richtig aussprechen." Und als ihr hochbegabter blinder Sohn mit 25 seine Lebensstellung bei IBM aufgab, um sich selbstständig zu machen, sei das "eine Katastrophe" für sie gewesen. Der neun Jahre ältere Bruder blieb dagegen im Rahmen: Er hat Starkstromelektriker gelernt und bei den VEW eine " durchaus ansehnliche" Karriere gemacht, wie Uwe Gill etwas gönnerhaft bemerkt.
Er wollte mehr, er war neugierig auf die weite Welt und hat sie sich erobert. Zuerst mit den Fingern: Schon als kleiner blinder Junge nahm er seine Spielzeug-Lokomotive auseinander, "um zu gucken, was drin ist". Mit acht bastelte er sein erstes Radio und verbrannte sich beim Löten die Finger; mit 16 war er lizenzierter Funkamateur, wozu eine besondere Prüfung vor der Oberpostdirektion in Münster nötig war. 1970 machte er das beste Abitur seines Jahrgangs in Nordrhein-Westfalen. Die allgemeine Schulpflicht für Blinde gab es damals erst ein Jahr - zuvor war man wohl der Ansicht, dass blind gleich blöd ist.
Gills heller Kopf strahlte umso heller, und er nutzte die Chancen, die sich ihm boten. Nach dem Abitur studierte er am MIT und spezialisierte sich dort auf künstliche Intelligenz, eine damals exotische Disziplin, die versuchte, Rechnern Fähigkeiten wie Raumvorstellung, Sprachbeherrschung und schlussfolgerndes Denken beizubringen. Diese Idee hatte Gill schon mit zwölf fasziniert, als er gebannt einem Science-Fiction-Hörspiel über eine Roboter-Psychologin lauschte, bei der andere Roboter auf der Couch lagen. Maschinen mit Herz hält Gill für technisch machbar. Denn "Emotionen wie Liebe" - seine Frau hört glücklicherweise nicht zu - seien letztlich " biochemische Vorgänge", die man in Computern abbilden könne.
Gills Lieblingsrolle ist die des großen Zampanos. Gern führt er vor, wie man aus einem Handicap einen Trumpf macht Nach dem Studium arbeitete Gill in verschiedenen wissenschaftlichen Zentren der IBM. Das geregelte Leben in dem damals behäbigen Großkonzern wurde ihm allerdings irgendwann zu langweilig. "Mich hat gestört, dass das Unternehmen eher wie eine Bank gerührt wurde und Forschung und Entwicklung in der Regel für die Schublade arbeiteten - ich wollte aber etwas Nützliches machen." Gill sah sich nach einem nützlichen Job um und entdeckte Anfang der achtziger Jahre einen beim Autohersteller BMW. Er hatte erfahren, dass die Auslieferung des damaligen 3er-Modells gefährdet war, weil Entwicklung und Fertigung des Automobilunternehmens nicht kooperierten. Man habe versucht, sich mit "Verbindungsingenieuren" zu behelfen, die zwischen beiden Lagern vermitteln sollten. "Ich trat dort sehr selbstbewusst als großer Zampano auf und versprach, das Problem mit Hilfe der künstlichen Intelligenz in den Griff zu kriegen." Bei BMW sei man interessiert gewesen, aber man habe ihn nicht einstellen wollen - aus Angst, den Schwerbehinderten nie wieder loszuwerden. "So habe ich mich selbstständig gemacht." Das nächste Abenteuer: Aus dem Forscher wurde der Unternehmer Gill. Mit 25 gründete er die Firma Insiders, Gesellschaft für angewandte Künstliche Intelligenz in Mainz, und BMW war der erste wichtige Kunde. Gills Softwarefirma entwickelte unter anderem Programme, die selbstständig erkannten, welche Folgen bestimmte Modifikationen an Neuteilen in der Fertigung nach sich ziehen - und Verbindungsingenieure überflüssig machten.
Die Geschichte seiner Selbstständigkeit, die Gill abends auf dem Balkon seiner Wohnung in einem Wiesbadener Villenviertel bei einem Glas Chianti erzählt, ist typisch für ihn. Uwe Gill, der große Zampano, der Durchblicker, der alle Welt beeindruckt. Ein ehemaliger Mitarbeiter von ihm sagt, dass Gill seine Blindheit durchaus auch "akquisitorisch" eingesetzt, also aus dem Handicap einen Trumpf gemacht habe. Es sei für ihn nie ein Problem gewesen, Termine bei Vorständen zu bekommen, weil die satten Manager neugierig gewesen seien zu sehen, wie einer wie Gill das Leben meistert.
Der wiederum genoss es, in den Chefetagen ein- und auszugehen, er suchte die Nähe der großen Namen und machte sich selbst einen. Anfang der Neunziger wurde er als erster und bislang einziger Deutscher beim Weltkongress der Wirtschaftsjunioren zu einem der herausragendsten Jungunternehmer der Welt gewählt. Im Jahr 1995 folgte die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Gill war oben angekommen.
Und legte sich den dazu passenden Lebensstil zu: teure Weine, Zigarren, Autos und Antiquitäten. In Gills Wintergarten steht beispielsweise der Tisch des ehemaligen britischen Gouverneurs in Indien. Solche Statussymbole sind ihm wichtig, und er hat sie sich, wie alles in seinem Leben, hart erarbeitet.
Gill ruft seine Frau, lässt sich Feuer geben und sagt, dass manches natürlich mühseliger sei, wenn man aus einer Arbeiterfamilie komme. Sein erster Mitarbeiter bei Insiders sei der Sohn eines Diplomaten gewesen. "Der wusste schon mit sechs, welches der beste Kaviar ist. Von ihm habe ich viel über das gute Leben gelernt, über Dinge, die ich von zu Hause nicht kannte. Heute weiß ich mehr über Zigarren und gute Weine als er. Ich bin in allen Dingen furchtbar perfektionistisch." Vor allem ist Gill mit enormem Selbstbewusstsein gesegnet. Über sich selbst sagt er beispielsweise: "Ich war die Schlüsselfigur, die künstliche Intelligenz in Deutschland in der Industrie hoffähig gemacht hat." Heute sei sie in Form von Expertensystemen oder neuronalen Netzen allgegenwärtig.
Den ruhelosen Mann treibt vor allem eines an: Er will sich und anderen beweisen, dass er's kann 1996 verkaufte er sein Unternehmen an einen Versicherungskonzern, der zuvor bereits mit 49 Prozent eingestiegen war. Die Sache sei ihm langweilig geworden, weil die Firma durch die Aufträge der Versicherung voll ausgelastet gewesen sei und für andere Kunden keine Kapazitäten mehr gehabt habe, sagt er. Gill habe dringend Geld gebraucht, sagen andere.
Kurz darauf brach er zum nächsten Abenteuer auf. Er heuerte bei einem japanischen Mischkonzern an, wo er sich als Vorstandsmitglied mit strategischen Technologien und Akquisitionen befasste. Japan hat es ihm angetan: Gill schwärmt vom Forschergeist, von der Weitsichtigkeit und der Verlässlichkeit der Japaner. Die zudem angenehm im Umgang seien, was ihm als Blinden, der darauf angewiesen ist, sich auch an Zwischentönen und alltäglichen Berührungen zu orientieren, gut gefallen hat.
Vor zwei Jahren kehrte er in die Heimat zurück, obwohl die Japaner seinen Vertrag gern verlängert hätten. "Meine Frau hat die Vertrauensfrage gestellt", sagt Gill. Auch wegen der gemeinsamen Tochter, die zu der Zeit schwer krank war; sie ist wegen des gleichen Tumors, an dem auch er als Kind litt, auf einem Auge erblindet.
Zurück in Deutschland fing Gill noch einmal neu an. Als Partner der Consulting-Firma Conexus in Wiesbaden sucht er nun Techniktrüffel und nutzt dabei seine Erfahrungen und seine Kontakte. Conexus fädelt Fusionen und Übernahmen von mittelständischen Firmen ein und ist mittlerweile auch in Japan, Singapur und den USA vertreten; Hongkong soll folgen. "Es gibt keinen Mangel an interessanten jungen Firmen", sagt er. Und auch keinen Mangel an Geld - besonders in Japan, wo die Zinsen so niedrig sind, dass Kredite praktisch nichts kosten und Unternehmen Zukäufe zum Schnäppchenpreis ermöglichen. Gill ist ihr Scout und sieht seine Hauptaufgabe darin, "Fantasie in den Investor einzupflanzen". Das kann er gut, er ist nicht nur fachlich versiert, sondern auch überaus charmant - eine Kombination, die nicht allzu häufig vorkommt.
Eine weitere Perle, die Gill präsentiert, ist die Fuzzy Informatik AG in Ludwigsburg. Das 45-Mann-Unternehmen hält er für "eine der wenigen deutschen Vorzeigefirmen, die eine innovative Technik nicht nur entwickelt, sondern auch auf den Markt gebracht und zum Erfolg gerührt hat". Den Mitbegründer und CEO Detlev Karl Siech kennt er seit 1997. Damals war der Tausendsassa Gill Berater der Schufa, die ein Problem hatte: Bei Bonitätsanfragen konnte ein kleiner Schreibfehler dazu rühren, dass ein womöglich schlechter Schuldner in der Datenbank nicht gefunden wurde. Siech und seine Partner entwickelten eine Software, die mit unscharfer Logik (Fuzzy-Logik) automatisch auch falsch geschriebene Namen und Adressen erkennt, zuordnet und korrigiert. Dank der Software können beispielsweise Call-Center-Mitarbeiter Kundendaten einfach nach Gehör aufnehmen, Buchstabieren ist nicht mehr nötig.
Siech, ein jovialer Typ, der seine Berliner Herkunft nicht verleugnet, demonstriert das Prinzip an einer kleinen Datenbank mit Popsongs: Wenn man "Wisch ju wär hier" eingibt, spuckt das Programm den Pink-Floyd-Song "Wish you were here" aus. Mittlerweile läuft die Software aus Ludwigsburg in 30 Ländern, auch in Japan, worauf man besonders stolz ist, weil es die erste westliche Software ist, die Japanisch versteht. Das Unternehmen wuchs in den vergangenen Jahren beständig und geriet nie in ernste Schwierigkeiten - auch weil die Gründer im Boom nicht den Fehler machten, an die Börse zu gehen. Gill meint, dass Fuzzy nun einen potenten Partner brauche, mit dem sich der Weltmarkt erobern ließe. Siech will noch abwarten und andere Optionen prüfen. Doch er lobt Gill als fairen Partner, dessen Rat er außerordentlich schätze und auf den man sich verlassen könne.
Vertrauen ist Gills Geschäftsgrundlage. Nimmt man ihm, der ohne blindes Vertrauen nicht durchs Leben käme, die Rolle des ehrlichen Maklers eher ab? Unbewusst spiele das bei seinen Gesprächspartnern bestimmt eine Rolle, sagt er. Zum Abschied bekommt er von Siech eine Kiste französischen Bioweins mit Etikett in Blindenschrift geschenkt. Dann geht die Trüffelsuche weiter. Eigentlich, sagt Gill, habe er nach seiner Rückkehr aus Japan kürzer treten wollen, de facto arbeite er mehr denn je.
Was treibt ihn? "Ich habe den Ehrgeiz, mir und anderen zu beweisen, dass ich's kann." Und dann erzählt er die Geschichte eines Bekannten, eines Rechtsanwalts, der nach einem Unfall erblindete und dessen Leben aus den Fugen geriet. Eines, was der Mann von ihm habe wissen wollen, war, wie man als Blinder eine Frau kennen lernt. "Das war für mich eine überraschende Frage", sagt Gill. "Ich bin weiß Gott kein Frauenheld gewesen, aber die Mädels mochten mich immer, die fanden mich irgendwie interessant." Pause. Er greift zum Zigarrenetui. "Es ist nicht so, dass man integriert werden muss, sondern man muss sich selbst integrieren. Man muss auf Menschen zugehen. Und das ist leichter, wenn man etwas erreicht hat im Leben."
www.fazi.de www.retina-implant.de
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siehe auch:
Was wurde aus ... dem Durchblicker?
(vom 27.8.2004)
