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brand eins 06/2004 - Das geht - Der Bahnhofsversteher

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Das geht - Der Bahnhofsversteher

Die Deutsche Bahn AG schließt in der Provinz einen Ticket-Schalter nach dem anderen, weil dort kein Geschäft zu machen sei. Der Jungunternehmer Bastian Königsmann beweist seinem ehemaligen Arbeitgeber das Gegenteil.

Wer schon mal eine Reise von einem ländlichen Bahnhof aus antreten musste, kennt die Probleme. Fahrkartenschalter und Warteraum sind schon längst geschlossen. Bei Wind und Regen findet man im besten Fall Schutz in einem Unterstand. Und der Ticket-Automat spuckt hartnäckig den Geldschein wieder aus.

Service in der Provinz steht ganz oben auf der Streichliste der Deutschen Bahn (DB): Zu wenige Kunden, zu wenig Umsatz - das Geschäft lohne sich nicht. Von den ehemals 1000 Reisezentren, die es 2001 noch gab, sollen Ende 2005 rund 440 übrig bleiben. Freuen kann sich darüber eigentlich niemand, außer Bastian Königsmann, denn dort, wo der Staatskonzern aufhört, fängt für ihn die Arbeit an. Vor zwei Jahren, da war er 19, übernahm er den Fahrkartenverkauf in Bremen-Burg, ein von der Bahn für hoffnungslos erklärter Fall. Mittlerweile erwirtschaftet er dort Umsätze, von denen die DB in ihren besten Zeiten nur träumen konnte. Bremen-Burg ist die erste von bald elf Filialen seines Unternehmens Rail-Service-Bremen. Er beweist, was sich aus deutschen Provinzbahnhöfen machen lässt.

Alles fing mit dem Beharrungsvermögen von Königsmann an. Als er noch Kaufmann für Verkehrsservice bei der DB war, wollte er sich mit der von der Unternehmensleitung verkündeten Schließung des Fahrkartenschalters in Bremen-Burg nicht abfinden. Wäre der Service in dem kleinen Bahnhof nicht so schlecht, könnte man dort durchaus ein Geschäft machen, argumentierte Königsmann. "Dann mach's doch besser, du Klugscheißer", herrschte ein Vorgesetzter ihn an. Am folgenden Tag nahm Königsmann die Verhandlungen mit der DB auf. Wenige Wochen später bekam er einen Agenturvertrag, der ihm erlaubte, das Bahnhäuschen zu mieten. Da saß er nun von früh bis spät und verkaufte Tickets.

Schon die erste Monatsbilanz seiner One-Man-Show übertraf alle Erwartungen: Er hatte 50 Prozent mehr Fahrkarten verkauft als zuvor die Deutsche Bahn. Dabei hatte er zunächst nur die Öffnungszeiten ausgeweitet. Aber jetzt packte ihn der Ehrgeiz. Er fragte seine Kunden, was sie sich noch wünschten: Kaffee wäre schön, Brötchen und Zeitungen für die Fahrt. Dafür musste Platz geschaffen werden. Mit der Hilfe von Freunden riss Königsmann Wände ein und baute auf eigene Kosten die vormals kargen 30 Quadratmeter Verkaufsfläche zu einem dreimal so großen hellen Laden und Aufenthaltsraum aus. Das Warensortiment kann mit Großstadtbahnhöfen mithalten. Schon ab sechs duftet es nach Kaffee und Gebäck, geöffnet ist bis 19 Uhr.

Nach demselben Modell belebte Königsmann weitere Bahnhöfe, die er fast im zweimonatlichen Rhythmus neu eröffnete, nachdem er sie von der DB gepachtet oder gekauft hatte. Bei einigen reichte es, einfach weiter Tickets zu verkaufen. Für viele Gemeinden ist der Jungunternehmer die letzte Rettung vor einem toten Bahnhof. In mancher Woche bekommt er schon mal bis zu einem Dutzend Anfragen.

Der Erfolg von Rail-Service-Bremen beruht vor allem auf dem Einsatz seiner Mitarbeiter. 24 ehemalige Bahner hat Königsmann bisher eingestellt. Ihre Arbeitszeiten können sie sich im Schichtdienst aufteilen - wichtig ist dabei nur, dass an jedem Bahnhof stets die gleichen Mitarbeiter für die Kunden da sind. Über Mangel an Bewerbern kann der Chef nicht klagen. Zum Beweis wuchtet er einen 50 Zentimeter hohen Stapel mit Bewerbungsmappen auf den Tisch. "Das sind nur die von letzter Woche." Es fällt ihm schwer, Kandidaten abzulehnen, weil er weiß, wie schwierig die Lage seiner ehemaligen Kollegen ist: "Von den rund 800 Kaufleuten für Verkehrsservice, die die Deutsche Bahn jährlich ausbildet, werden maximal 100 übernommen." Die meisten seiner Angestellten sind jünger als 30 Jahre. "Der Kindergarten", spotten altgediente Bahner. "Wenn die allerdings von unseren Umsätzen hören, sind sie ganz schnell wieder still", sagt Königsman. In Bremen-Burg hatte die DB im März 2002 mit 1900 Kunden 22 000 Euro umgesetzt. Das Team von Rail-Service-Bremen kam zwei Jahre später im gleichen Monat auf 15 000 Kunden und 63 000 Euro.

Insgesamt setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr mehr als drei Millionen Euro mit Fahrkarten um, für dieses Jahr rechnet Königsmann mit mehr als vier Millionen Euro. Große Gewinne macht er allerdings nicht: "Das meiste Geld geht an die Bahn, wir kriegen nur die Provisionen aus dem Fahrkartenverkauf. Weil wir noch viel in die Bahnhöfe investieren, bleibt am Ende eine schwarze Null, aber damit sind wir im Moment zufrieden." Die Bahn dagegen kann sich nicht nur über kräftige Zuwächse beim Ticket-Verkauf freuen, auch die Zufriedenheit von Königsmanns Kunden fällt meist auf sie zurück. Der Bahnhofsversteher hat, so sagt er, kein Problem damit. Jedenfalls muss er sich nicht mehr als Klugscheißer abtun lassen. Das Schönste für ihn sei, wenn die Zweifler von einst kommen, um ihm zu gratulieren. "Dieses Gefühl entschädigt für alles." Rail-Service-Bremen KG, Bremer Heerstraße 13, 28719 Bremen, Telefon: 0172/4 078643, www.rail-service-bremen.de


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