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brand eins 07/2001 - SCHWERPUNKT: Geld
Die Größen-Ordnung
Hohe Aktienkurse machen Aktionären Spaß. Doch wie hoch ist hoch genug, ab wann ist ein Kurs zu hoch? Und was haben eigentlich die Unternehmen davon?
Stellen sie sich vor, Sie leben in den sechziger Jahren. Sie sind pessimistisch. Sie glauben fest daran, dass die Supermächte USA und Sowjetunion Krieg führen werden. Einen Atomkrieg. Und sie sind Techniker. Was tun Sie? Sie bauen einen Atombunker. Komfortabel genug, um mit Ihrer Familie Jahrzehnte darin zu leben.
So wie Calvin Webber in dem Kinofilm "Blast from the Past". Er legt gut gefüllte Vorratsräume an gegen den Hunger und eine Bibliothek gegen die Langeweile.
Als sich die Kuba-Krise anbahnt, ist das für Webber der Ernstfall: Er schließt sich und seine Ehefrau in den Bunker ein. 35 lange Jahre. Ihr Erstaunen ist maßlos, als sie aus dem Verließ auftauchen: Es hat keinen Atomkrieg gegeben, die Welt ist nicht verwüstet. Die Webbers räumen den Bunker und entdecken einen Stapel längst vergessener Papiere: IBM-Aktien, deren Wert sich in der Zwischenzeit vervielfacht hat. Die Familie, vorher guter Mittelstand, ist viele Millionen schwer.
Reich durch Aktien. Das ist der Traum, den in den vergangenen paar Jahren viele geträumt haben. Doch was sie dabei übersahen ist: Wer sich an einer Aktiengesellschaft beteiligt, geht ein unternehmerisches Investment ein - er stellt einer Firma Eigen-kapital zur Verfügung. Die Firma benutzt das Kapital, um es in ihre Zukunft zu investieren. Um daraus Gewinne zu machen. Aber dafür braucht es Zeit. So schlicht, so entscheidend.
Und es braucht Glauben, die Überzeugung, dass das Projekt erfolgreich sein wird. Als die Handelskompanien im 17. und 18. Jahrhundert ihre Schiffe auf lange Reisen in ferne Länder schickten, um von dort Gewürze, Seidenraupen und anderes zu importieren, waren es die Consorten, die das Unterfangen finanzierten und sich das Risiko teilten. Ohne den Mut zur Geduld und die feste Überzeugung, dass die Schiffe voll beladen und wohlbehalten im Heimathafen wieder anlangen würden, hätte sich niemand von ihnen auf das Wagnis eingelassen. Ihr Lohn war der Profit den sie machten, wenn sie die Ladungen tatsächlich mit einem schönen Gewinn wieder losschlagen konnten.
Eine gute Idee, aber leider nicht besonders erfolgreich: die Volksaktie.
Heute sind es die Aktiengesellschaften, die Geldgeber für ihr Geschäft suchen. Denn was sie dafür brauchen, ist eine solide Eigenkapitalbasis. Mit Fremdkapital, also Krediten von Banken, kommen sie in den meisten Fällen nicht weiter. Es liegt in der Natur der Sache, dass Kreditgeber Risiken vermeiden wollen. Fantasie schadet da eher. Deshalb ist Fremdkapital für die Unternehmen riskant. Das zeigt sich jetzt, wo Banken schon mal vorsorglich Kredite kündigen, aufgeschreckt durch die ab 2005 geltenden Bestimmungen des Basel-II-Abkommens, die strengere Vorschriften beim Eigenkapital vorsehen. Oft genau dann, wenn sie am nötigsten gebraucht werden. Eine Praxis, mit der Firmen in den Ruin und Arbeitnehmer auf die Straße getrieben werden.
Das ist nicht wirklich neu. Nicht zuletzt deshalb träumte schon Ludwig Erhard vom Produktvermögen in Volkes Hand. Er initiierte die Volksaktien Volkswagen, Preussag und Veba. Seine Idee: Aktien, breit gestreut, stellen den Unternehmen langfristig eine solide Eigenkapitalbasis zur Verfügung. Das ist günstiger für die Firmen als Fremdkapital, das unabhängig vom Geschäftsverlauf zu festen Terminen verzinst und zurückgezahlt werden muss.
Die Arbeitnehmer profitieren, weil sie ihre Altersrente aufbessern oder die Ausbildung der Kinder finanzieren können. Zugleich sichern sie durch ihre Beteiligung die eigenen Arbeitsplätze. Ein Modell, von dem jeder etwas haben sollte: Unternehmen, Arbeitnehmer und Volkswirtschaft.
30 Prozent Unternehmenswachstum Jahr für Jahr: Da staunten die Volkswirte.
So weit die Idee. Doch die Volksaktie setzte sich nicht durch. Anreize zum Aktiensparen, von späteren Regierungen vernachlässigt ("Die Rente ist sicher"), und die Belegschaftsaktien, die große Unternehmen ausgaben, fanden zwar Anklang, aber ihr Bezug war vielfach streng reglementiert. Für eine echte Aktienkultur in Deutschland reichte das nicht.
Entsprechend schwach war die Position der Anteilseigner. Aktionäre waren für die Unternehmen so etwas "wie nützliche Idioten", sagt Vermögensverwalter Gottfried Heller von Fiduka. Das ging so lange gut, bis sich die Kapitalmärkte öffneten und Unternehmen plötzlich auch international um Eigenkapital konkurrierten. Der Shareholder-Value-Gedanke verschreckte Deutschlands Vorstände, die Aktionäre verlangten mehr Rendite für ihr Geld. Indes: Die Idee verselbstständigte sich - vor allem bei Unternehmen auf dem Neuen Markt. Die Teilhaber erwarteten für das Risiko, das sie übernahmen, weit mehr als die bis dahin oftmals üblichen 12 bis 14 Prozent Rendite inklusive Dividende pro Jahr. Unter mindestens 25 Prozent wollte niemand mehr antreten.
Die Erwartungshaltung schlug auch auf andere Branchen und Unternehmen durch. Der Aktienmarkt geriet aus der Balance. Die Aktionäre wollten Geld verdienen, und das schnell. Fundamentale Überlegungen wie die Stichhaltigkeit von Geschäftsmodellen, Konkurrenz- und Branchenanalysen oder volkswirtschaftliche Entwicklungen spielten eine untergeordnete Rolle. Durchhaltewillen, Überzeugung, Loyalität - Fehlanzeige. "Die Loyalität dauert heute Millisekunden", sagt Vermögensverwalter Heiko Thieme. Oder so lange die Aktienkurse steigen.
Und weil landläufig angenommen wird, dass Wachstum auch die Gewinne sprudeln lässt und der Aktienkurs die Gewinner-Wartungen ausdrückt, begannen Unternehmenslenker zu expandieren. 30 Prozent Wachstum im Jahr sollten es schon sein. Die Aktienkurse stiegen. Die Shareholder waren glücklich. Vorerst. Denn niemand schien bedacht zu haben, wie derlei Wachstumsraten künftig tatsächlich zu erreichen sein würden. " Die Notierungen waren zu hoch, das ganze Gefüge geriet durcheinander -als Volkswirt konnte man nur staunen", sagt Patrick Mange, bei Merrill Lynch für gesamtwirtschaftliche Analysen zuständig. Tatsächlich wachsen entwickelte Volkswirtschaften, wenn es gut läuft, um die drei Prozent pro Jahr. Thomas Mayer von Goldman Sachs formuliert es so: "Zu hohe Aktienkurse auf breiter Front bewirken, dass auch Unternehmen mit Kapital versorgt werden, die dafür keine gute betriebswirtschaftliche Verwendung haben, insofern verursachen sie eine Fehlleitung der Mittel." Ab wann aber ist ein Aktienkurs zu hoch? "Den richtigen Aktienkurs gibt es nicht", sagt Gottfried Heller. Ein Anhaltspunkt ist allerdings der Kapitalmarktzins. Das lässt sich auch rechnerisch nachvollziehen (siehe Randspalte). Mit der Methode, mit der auch US-Anlageprofi Warren Buffet arbeitet, lässt sich leicht nachweisen, dass der Aktienmarkt in der Hausse 2000 nicht nur mehr versprach, als er musste - sondern auch weit mehr als realistisch war.
Unternehmen haben viele Aufgaben: Die Aktionäre glücklich zu machen ist nur eine von ihnen.
Dass hohe Aktienkurse den Anteilseigner freuen, ist offensichtlich. Wozu aber brauchen die Unternehmen eigentlich hohe Aktienkurse? "Hohe Aktienkurse machen es für Unternehmen einfacher, sich relativ günstig zu refinanzieren", sagt Thomas Mayer. Was aber, wenn gar keine Kapitalerhöhung ansteht? "Dann können die eigenen hoch bewerteten Aktien zum Kauf von anderen Unternehmen verwendet werden", sagt Gottfried Heller. Dass das gut gehen kann, aber nicht muss, beweisen eine Menge großer Fusionen, aber auch kleinere Aufkäufe wie jene durch Kabel New Media: Die Integration ist schwierig, manchmal unmöglich. So wird nicht nur das Kapital der Aktionäre vernichtet, sondern manchmal das Unternehmen gleich mit.
"Hohe Aktienkurse sind gut fürs Image", sagt Patrick Mange von Merrill Lynch. "Sie wirken auf die Mitarbeiter motivierend. Auch die Kunden und Lieferanten arbeiten lieber mit einem erfolgreichen Unternehmen zusammen." Natürlich machen hohe Aktienkurse auch die obere Management-Riege glücklich, wenn sie, wie mittlerweile üblich, über Stock-Options-Programme vom Kursanstieg profitiert. Und nicht zuletzt verschaffen sie dem Führungspersonal Ruhe vor nörgeligen Anteilseignem und sichern deren Jobs: "Hohe Kurse schützen das Unternehmen vor feindlichen Übernahmen", sagt Wolfgang Gerke, Professor für Betriebswirtschaftslehre.
Das freilich ist ein Argument, das vor allem die Kollegen aus der Volkswirtschaftsabteilung nicht gern hören. "Wenn ein Unternehmen ein anderes übernimmt und die Kapitalproduktivität erhöht, weil es den Zukauf besser managt, ist das für alle Beteiligten nur gut: für die Firma, die Mitarbeiter und die Volkswirtschaft", zürnt Mayer. "Ein Unternehmen ist keine Grafschaft für Vorstände", sagt auch Vermögensverwalter Heller.
In der Tat. Ein Unternehmen ist weder ein Selbstbedienungsladen für seine Manager noch für seine Aktionäre. Wenn Geld lediglich dazu dient, noch mehr Geld zu verdienen, geht der Sinn darüber verloren. Doch wo kein Sinn mehr ist, kommt auch das Maß abhanden. Und mit ihm der Wert.
