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brand eins 07/2001 - SCHWERPUNKT: Geld
Das Mittel und der Zweck
Im Geld aber hat das Mittel seine reinste Wirklichkeit erhalten, es ist dasjenige konkrete Mittel, das sich mit dem abstrakten Begriffe desselben ohne Abzug deckt: es ist das Mittel schlechthin. Georg Simmel.
1.INFLATION Geld, überall Geld und mittendrin eine Frau, Mitte 20, die ein Transparent hält. Darauf ist ein Dollarschein zu sehen und das Wort "wertlos". Es ist Genua, heiß, G-8-Gipfel, das Geld rollt unübersehbar durch die Stadt, flankiert von wütenden Demonstranten. Das Geld hat doch die Macht, seht her, sagen sie, sie fahren in ihre Paläste, Geld regiert die Welt, und wir müssen es erobern, um diese Welt besser zu machen. Mach kaputt, was dich kaputt macht.
Nein, sagt die Frau, denn damit macht ihr euch nur selbst kaputt. Im Geld stecken wir, unsere Wünsche, unser Glaube, unsere Hoffnungen, und wenn Geld all das nicht mehr zu erfüllen vermag, dann hat es seinen Sinn verloren. Ihr bekämpft nicht mal einen Götzen. Es lohnt nicht. Es ist nur ein trostloser Fetzen Papier ohne Wert.
In Zeiten wie diesen, in denen die Hüter der alten Ordnung mobil machen gegen den neuen Geist, ist der Hinweis, den die Fernsehkameras in Genua eingefangen haben, von größter Bedeutung. Mit einer Brutalität und Gnadenlosigkeit, die an alte Klassenkämpfe erinnert, lassen die Geldbesitzenden in diesen Tagen die alte Ökonomie noch einmal aufleben, als führten sie ihr letztes Gefecht. Geld, das wird jetzt den hoffenden Massen eingebläut, ist nicht bloß das höchste Gut, sondern der höchste Wert. Wie war das bei Wilhelm Tell? Grüß den Hut des Landvogts. Dort hängt heute eine Banknote.
Verneigt euch, macht euch krumm.
Die Hüter des alten Geldes, das überall auf den Markt strömt und seinen moderigen Geruch verbreitet, tun so, als ob es in den neuen Unternehmen nie etwas anderes gegeben hätte als wohl kalkulierte Manöver von Menschen, die so sind wie sie. Nichts war neu, nichts war gut. Wirtschaft ist und bleibt das Geschäft einer morbiden und nicht eben ehrenwerten Gesellschaft. Das wollen sie uns glauben machen. Dabei gibt es genug Indizien, die dafür sprechen, dass die Tage ihrer absoluten Macht gezählt sind. Wirtschaft dreht sich nicht nur um Geld. Wirtschaft dreht sich um Menschen und ihre Wünsche und Hoffnungen, das also, was verschämt Bedürfhisse genannt wird.
Wir können sie sehen.
Am Tag des Gipfels sehen wir zum Beispiel Wim Duisenberg, den Chef der Europäischen Zentralbank, im Femsehen. Müde sieht er aus von all den Geschichten, die er erzählen muss über den Nutzen des Euro. Der lässt sich durchaus beschreiben: geringe Transaktionskosten, bessere Chancen für grenzüberschreitende Geschäfte, zufriedene Touristen - auch wenn die Touristen niemand gefragt hat. Kein Wort darüber, was Mark, Franc, Lira bedeuten, welche Geschichte die Menschen mit ihnen teilen und welche Hoffnungen mit ihnen verbunden waren. Die guten Tage, die schlechten Tage, unser Leben und unsere Haltung eben, die die Dinge annehmen.
Eso-Kram? Aufgepasst. Zusehen, verstehen: In einem Supermarkt in Frankfurt werden in diesen Tagen die Preisschilder umgestellt. Was bisher klein und in Klammem unter der Preisauszeichnung in D-Mark stand, der Preis in Euro, der steht jetzt groß und fett am alten Platz der Mark Gewiss, die Umrechnung macht Mühe, ist schwierig, ärgerlich und lästig. Das Ehepaar Anfang 60 aber hat ein ganz anderes Gefühl: "Das ist nicht recht", sagt die Frau, und ihr Mann nickt. Die Mark, erzählt sie, hat uns begleitet, sie ist gut. Sie sagt nicht, die Mark ist fest. Meine Währung ist sicher. Nein. Sie nimmt einen Zehnmarkschein aus der Tasche und hält ihn vor die Linse wie das Bild eines vermissten Angehörigen.
Auch dieses Bild ließe sich ohne Mühe an jedem beliebigen Ort in Europa einfangen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Gemeinschaft gibt es tatsächlich ein gemeinsames Empfinden, etwas, worauf die Architekten der Gemeinschaft so lange warten mussten. Es ist die Trauer um die alten Währungen und die Geschichte, die die Menschen mit ihnen teilen, der Sinn, der den Zweck des schieren Zahlungsmittels im wahrsten Sinn des Wortes heiligt und der nun verloren geht.
Es ist unwahrscheinlich, dass sich in den knapp gehaltenen Buchregalen eines Supermarktes Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" befindet. Es ist auch nicht nötig, denn was er schreibt, ist ohnehin in der Welt. Dass nämlich Gegenstände an sich machtlos sind, bis wir ihnen Macht verleihen. Erinnern wir uns: In den von der alten Wirtschaft erbeuteten Unternehmen der neuen Wirtschaft geht dieser Sinn flöten. Und deshalb wird die Rechnung nicht aufgehen. Warum?
Es gibt Geld, es gibt Arbeit, und niemand redet den Unternehmen der neuen Wirtschaft mehr drein als zuvor. Die neuen Investoren, die die Überlebenden der New Economy aufpicken, sind an nichts anderem interessiert als an ihren Profiten. Profit machen ist alles, was zu tun ist, und das ist nicht schlecht - doch es reicht nicht. Nicht hinten und nicht vom: "Was wir hier machten, das hatte Sinn", sagt ein müder Mittdreißiger aus Berlin, dessen Agentur vor kurzem durch neue Herren vor dem Konkurs gerettet wurde. " Du erreichst einen Punkt, an dem du alles tust, um dein Ziel zu erreichen: Rette die Firma. Du denkst, du rettest damit die Idee." Der erste Tag mit frischem Kapital, erzählt der Mann, war der schlimmste seines Lebens. "Es ist nicht das Gefühl, versagt zu haben. Aber es ist nicht unser Geld, weil es nichts mit unserem Ziel zu tun hat. Wir können ein und dieselbe Arbeit verrichten, aber wir haben den Sinn verloren." Wer das begreift, wird gern denunziert. Dumm nur, dass es immer mehr werden, die das verstehen, schlicht, weil es wahr ist. Dem Geld, das heute in der Welt ist, haftet der Geist der alten Zeiten an. Es stinkt sozusagen, weil es immer noch etwas will -die alte Ordnung aufrechterhalten. Natürlich kann man auch das Geld der Mafia nehmen, um ein Waisenhaus zu bauen. Die Frage ist, was die Mafia will: ihr Geld waschen oder helfen? Das eine macht den Nehmer zum Komplizen, das andere zu jemandem, der aus einer schlechten Sache eine gute machen kann.
Was anderes ist es als Geldwäsche, wenn sich die alte Wirtschaft der Methoden und des Könnens der Menschen der neuen Wirtschaft bedient, ihre Ideale zerlegt und ihr sprödes Geld in die Unternehmen fließen lässt? Die Frau in Genua, das alte Paar in Frankfurt, der Unternehmer in Berlin, sie alle stehen in einer Zeit des Wandels, dem Wendepunkt in einer langen Kette von Ereignissen, die seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als "Erosion der Werte" bekannt geworden sind. Erosion ist ein langsamer Prozess. In einem reichen Land sind Eruptionen selten, zumindest am Anfang einer Entwicklung. Immer weniger Menschen haben Chancen auf ein Leben in Wohlstand. Es gibt viele Modelle über die Zukunft der Arbeit, doch alle haben im Grunde eine Botschaft: noch viel weniger Erwerbstätige als heute. Mehr Armut. Mehr Geld für wenige. Weniger Leben für die meisten. Ändert sich die Haltung gegenüber der Geldgesellschaft nicht, in der Banknoten der höchste Wert sind, gehen wir finsteren Zeiten entgegen. Die alte Wirtschaft ist eine Rabenmutter. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie Millionen Industriearbeiter, Frauen, schlecht ausgebildete und nicht " zukunftsfähige" Arbeitskräfte verjagt. Dann wandte sie sich gegen ihre Lieblingskinder, die gut ausgebildeten Eliten, die die Alte aber zu gut kannten, um mit ihr unter einem Dach leben zu wollen. Diejenigen von denen, die einst auszogen und jetzt zurückkehren, lernen einmal mehr, welches Miststück sie großgezogen hat.
2. DER GROSSE GLEICHMACHER Geld verliert seine Bedeutung, wenn wir mit den alten Werten nicht mehr zurande kommen. Alles lässt sich kaufen. Nichts ist umsonst. Und nichts mehr wert als Geld.
Diese Konvention ist sehr alt, aber sie war nicht immer da. Es ist bis heute unklar, in welcher Epoche zum ersten Mal alle Wünsche und Hoffnungen auf einen einheitlichen Gegenstand verlegt wurden, ein Zaubermittel der besonderen Art, das sich in alles verwandeln lässt, was wir begehren. Im Jahr 330 vor Christi jedenfalls war die Konvention so vorhanden, wie wir sie kennen. Aristoteles schreibt in seiner "Politik": "Als die Bewohner eines Landes von denen eines anderen abhängiger wurden, als sie einführten, was sie benötigten, und ausführten, was sie im Übermaß hatten, kam notwendigerweise Geld in Gebrauch." Es ist verblüffend, wie die Beschreibung des Aristoteles den Argumenten der Euro-Verteidiger ähnelt. Als Aristoteles sich Gedanken über das Wesen des Geldes macht, zerbricht gerade seine Welt, die des bürgerlichen Athens, gegen die Gewalt des Militärdiktators Alexander, der bald schon "der Große" genannt werden wird. Der Gedanke, dass Geld mehr und mehr zur universellen Wunsch-maschine, zum zentralen Gegenstand aller Begierden wird, widert Aristoteles an, und gleichsam ist er fasziniert davon, dass es eine solche Superkonvention geben kann, ein solches Mittel, mit dem sich scheinbar jeder Zweck erfüllen lässt. Geld schützt vor der Natur, denn es sorgt dafür, dass nicht mehr die Jahreszeiten, die Ernten, die Katastrophen die Geschicke der Menschheit bestimmen, sondern der nützliche Vorrat, der sich jederzeit eintauschen lässt in das, was wir gerade brauchen.
Geld kratzt aber auch an den Göttern, denn wer Geld hat, braucht die Gnade der Unerreichbaren nicht mehr, die bis dahin das Schicksal der Menschen gestaltet haben. Die Einhelligkeit, mit der das im 19. Jahrhundert, der Ära der Explosion des Kapitalismus, erkannt wird, ist kein Zufall: Geld ist die neue Religion, schreibt Heinrich Heine - und die meisten denken das damals schon.
Adam Smith, der die Schriften des Aristoteles zwei Jahrtausende später studiert, während er seine Nationalökonomie erdenkt, nennt die Geldwirtschaft " das offenkundige und einfache System der natürlichen Freiheit". Und Freiheit ist nicht umzubringen, selbst in den finstersten Zeiten nicht.
Aristoteles' Welt ging unter, doch die Funktion des Geldes, das in Athen perfektioniert wurde, die Idee des zentralen Lebens-Mittels, mit dem sich alle Wünsche erfüllen lassen, die brach ungeheuer durch. Das Imperium Romanum nimmt diese Idee vollständig auf. In Rom ist alles käuflich. Caesaren, Tribunen und Diktatoren verteilen in den Straßen Roms Denare, Münzen, und sie tun es nicht etwa nur, um die Masse zu bestechen. Man überreicht die Münze mit den Worten: Ich wünsche dir Glück. Der Sinn, Geld als Mittel zum Zweck zu verstehen, ist noch überall klar erkennbar. Der Sklave, der sich freikauft, kauft auch sein Glück und seine Würde. Das wunderbare Drehmoment des Geldes ist überall. Geld regiert die Welt.
3. TRANSAKTIONEN Es sind die Christen, die diesen Umstand zu nutzen verstehen. Die kraftvollsten Botschaften des Neuen Testaments haben mit Geld und seiner Versuchung zu tun. Das "Neue Testament glitzert vor Geld", schreibt der britische Wirtschaftsjournalist und Autor James Buchan richtig.
Geboren wird Jesus in Bethlehem - aus steuerlichen Gründen, denn zu anderen Zwecken diente die Volkszählung der Römer nicht. Der Messias räumt den Tempel von Geldwechslern. Das Gute und das Arme wird im Neuen Testament eins - ein einziger riesiger Widerspruch zur alten Bibel, in denen kein Held nicht gleichsam auch weltlich reich war oder durch seine Taten wurde. 30 Silberlinge bringen den Messias ans Kreuz. Geld stinkt.
Es ist völlig unerheblich, ob Jesus tatsächlich lebte und die 30 Silberlinge an Judas je gezahlt wurden. Die Schriften sprechen aus, was die Menschen vor 2000 Jahren zu denken begannen: Der große Repräsentator ist an sich nichts. Der Zweck heiligt die Mittel, nicht umgekehrt.
Mit dieser um sich greifenden Einsicht, die der Sinn- und Wertsuche in unseren Tagen des Wandels vergleichbar ist, übernimmt das Christentum die ideologische Führung. Während das Imperium das Glück um des Glückes wegen jagt, also Geld zum Ziel der Wünsche wird, verfügen die Christen über eine starke Idee, einen Sinn, der das Leben nicht nur erträglich macht, sondern erfüllt. Im dritten Jahrhundert ist die Moral des Imperiums so verkommen, die Werte so zerschlagen, dass auch der Reichtum verloren geht. Inflation, dauernde Geldnot und - am Höhepunkt des Irrens - in 50 Jahren 22 Imperatoren, die oft nur wenige Monate regierten. Die Naturalwirtschaft holt Rom ein, und Kaiser Decius beginnt mit den Christenverfolgungen. Wenn die Idee nicht umzubringen ist, töten wir eben die, in deren Köpfen sie ist. Die Gesichter des alten Regimes sind auf Fresken und Büsten erhalten. Es sind diese sturen, beherrschenden Machtgesichter, die heute die Kameras von den Gipfeltreffen des Geldes einfangen.
Es gibt genügend Kollaborateure unter den Christen, die sich mit dem alten Regime arrangieren und das Machtvakuum ausfüllen. Im vierten Jahrhundert kommt es zum Merger zwischen dem sinnentleerten Imperium und den paktwilligen Christenfunktionären, die Geburtsstunde der Katholischen Kirche. Ein genialer Trick, um alles Geld der Welt und gleichsam den Willen zur Freiheit zu beherrschen. Geld hat den Messias ans Kreuz gebracht. Deshalb soll für alle Zeiten alles Geld, mit dem sich Wünsche und Wollen verbinden, in den Händen der Kirche sein, alle weltliche Macht also zentral verwaltet. Damit gerät die Freiheit unter Verschluss, und der Betrug ist so groß, dass anderthalb Jahrtausende lang, bis Martin Luther den Ablasshandel bekämpft und die Bibel ins Deutsche übersetzt, nur die von der Kirche kontrollierten Intellektuellen den Quellcode des Christentums lesen und verstehen dürfen. Wissen ist Macht. War es immer.
Das Wissensmonopol erweist sich als zäh, aber es gibt zahllose Versuche, es zu durchbrechen.
4. DER WEG ALS ZIEL Luthers Kraftakt fallt in eine Zeit des radikalen, schnellen Wandels. Ausgehend von den oberitalienischen Handelsstädten hat sich ein neues monetäres System entwickelt. Es beseitigt radikal die alten Machtstrukturen, die neben jenen der Kirche existierten. Das Feudalsystem, das vom Tausch lebt, von der Naturalwirtschaft, spuckt zuerst die aus, die mit dem Geld nichts zu tun haben wollen: Edelleute, Ritter, den Adel, der seine Funktion verliert, denn die Geldwirtschaft kann dieses mittlere Management der Gefühle nicht mehr gebrauchen.
Stadtluft macht frei, und zwar Bürger, die Geld schaffen, um sich der Willkür des Feudalismus und der Kirche zu entziehen. Im ersten modernen Roman, "Don Quixote", beschreibt Cervantes den Kampf der Romantik gegen die klare Kraft des Geldes: ein Kampf gegen Windmühlen, sinnlos.
Georg Simmel, der deutsche Geldphilosoph, schreibt über diesen gewaltigen Etappensieg des Geldes: "Die Stufe, bei der aus dem Produkt die Persönlichkeit wirklich ausgeschieden ist und der Anspruch sich gar nicht mehr in diese hineinstreckt, wird mit der Ablösung der Naturalabgabe durch die Geldabgabe erreicht. Man darf es deshalb gewissermaßen als eine Magna Charta der persönlichen Freiheit im Gebiete des Privatrechts bezeichnen." Im Frühkapitalismus ist Geld Menschenrecht. Nach und nach passen sich die Herrschaftssysteme dem Druck des Geldes an, folgen seiner Logik und furchten es doch immer. Absolutistische Herrscher stehen vor einem Kernproblem: Um ihre Macht zu behalten, müssen sie Kapital schaffen, immer mehr. Und das stärkt die Rolle jener, die den Sinn des Geldes erkannt haben, der Kapitalisten, der Bürger, für die Geld nicht nur Mittel zum Machterhalt, sondern zur Freiheit ist. Geld sorgt dafür, dass mehr Menschen mehr Macht haben als je zuvor.
Ein altes Dilemma: Freiheit zu haben, also Geld zu besitzen, und mit der Freiheit etwas anzufangen, also Sinnvolles zu stiften, sind zwei ganz grundverschiedene Dinge. Der europäische Bürger scheffelt Geld, weil er Freiheit will, doch wohin mit ihr, das weiß er nicht. Die Kapitalisten des 18. und 19. Jahrhunderts gehen ganz in diesem "Gottesdienst" auf, der keine Erlösung verspricht. Die "protestantische Ethik", wie Max Weber sie so treffend nennt, macht die Methode zum Inhalt, den Weg zum Ziel. Geld wird vom Mittel zum Zweck, die Welt verkehrt. Jetzt beherrscht Geld die Welt.
5.TRAUER In seinem Zimmer in Paris denkt der junge Karl Marx in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts unablässig über diese zur Tatsache gewordene Geldherrschaft nach. In seinen frühen Werken beschäftigen ihn nicht die später zum Fetisch erhobenen Produktionsverhältnisse, wie sie im "Kapital" beschrieben sind, und er schreibt nicht mit der sachlichen Sprache des ökonomischen Philosophen. Marx weint um die verlorenen Werte: "Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d. h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine - seines Besitzers - Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt (...) Ich, der durch das Geld alles, wonach ein menschliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen? Verwandelt also mein Geld nicht alle meine Unvermögen in ihr Gegenteil?" Geld, das ist rücksichtsloser Selbstzweck, das das "sich Widersprechende zum KUSS zwingt", wie der junge Romantiker schreibt. Und doch betrauert Marx nicht bloß das Ende jeglichen Charakters, sondern er erkennt, dass Geld ohne Wert zum Selbstläufer wird, der gnadenlos ist. Es führt so, wie der linke britische Politikwissenschaftler John Holloway schreibt, "zur Verneinung unserer Identität, zur Herrschaft von Dingen".
Doch diese Welt ist nicht so. Adam Smith hat es geahnt, als er in "The Wealth of the Nations" den absichtslos tätigen Kapitalisten beschrieb, dessen Wirken auch etwas abwirft, was er nicht plant. Geld schafft also auch Werte, die nicht beabsichtigt waren, die aber einem letztlich guten Zweck dienen.
Marx und die, die seine Botschaft für bare Münze nehmen, begreifen den Widerspruch zwischen der Herrschaft der Gegenstände, den das Geld anführt, und dem Glück, das zwangsläufig unter die Räder geraten muss, als unentrinnbares Schicksal. Dazwischen gibt es nichts. Die staatliche Planwirtschaft verwaltet das "schlechte Geld" wie vor ihr die katholische Kirche: Wer in den schlimmsten Tagen des Stalinismus nur unter Verdacht steht, an die gute Kraft des Geldes zu glauben, hatte sein Existenzrecht verloren.
6. GELDGIER Nur braucht es diesmal keine anderthalb Jahrtausende mehr, bis der Kult zusammenbricht. Die Zeiten haben sich geändert. Geld zerstört die sozialistischen Staaten in knapp 70 Jahren von innen. Es sind nicht nur die vom ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan in den achtziger Jahren gestarteten Hochrüstungsprogramme, die der UdSSR den Rest geben. Über Jahre hindurch etabliert sich eine Schattenwirtschaft, ein Staat im Staat, der von Geld getrieben ist, dessen Besitz Wünsche erfüllt. Für die Bürger Osteuropas ist bis heute Geld etwas vollständig anderes als für die an den Reichtum gewöhnten Westmenschen. Der Hundertmarkschein, der DDR-Bürgern bei der Ankunft in der Bundesrepublik überreicht wurde, mag für uns einen lächerlichen Betrag darstellen, für die Ausreisenden war es das Konzentrat ihrer Wünsche, ihrer Freiheit, in jeder Hinsicht. Nur unser bereits so lädiertes Wertverhältnis zum Geld kann die Ursache dafür sein, den 1989 und 1990 über die Trümmer der Mauer strömenden Ostdeutschen Geldgier zu unterstellen, zumindest im negativen Sinn des Wortes. Die Geldgier der Ossis war und ist ein ehrliches, berechtigtes, gerechtes und gutes Gefühl, denn diese Gier nach dem Besitz von Geld ist nichts weiter als die ungebrochene Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Wer das nicht respektiert, der sorgt dafür, dass auch der Vertreter dieser Wünsche nichts wert ist - Geld. Das Mündel kann nie auf Dauer Vormund sein.
Das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg war so auf den Verlust seiner Werte fixiert, dass der Repräsentant dieser Werte vollkommen wertlos wurde. Es gab viele Gründe für die große Inflation nach dem Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Weimarer Republik. In jedem von ihm erkennen Zeitgenossen und Historiker den Sinnverlust.
Das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hatte eine günstigere Konstellation. Die Werte, die ganz alten aus der Kaiserzeit und erst recht jene der Nationalsozialisten, lagen gemeinsam mit jenen der Weimarer Republik am Boden. Es musste etwas vollständig Neues geschaffen werden - eine Erinnerung an das, was Josef Schumpeter die "kreative Zerstörung" nannte, nicht gewollt, aber in ihrem Resultat vorhanden und real. Das war die große Chance der Bundesrepublik und ihrer Währungsreform, der Glaube, dass es gelingen würde, Werte zu schaffen, die sich ihrer selbst willen lohnen - Glaube also. Das ist das Geheimnis des Wirtschaftswunders: schierer Glaube, der Werte schafft, wenn das Alte zu nichts mehr taugt. Das, was das alte Ehepaar im Frankfurter Supermarkt betrauert, denn ihre Mark verkörpert ihre Werte, und sie sind ganz real.
Der Euro ist vernünftig, die Mark ist gefühlsecht.
Spüren Sie den Unterschied.
7. ZWECKLOSIGKEIT Wem dieses Gefühl fehlt, dem kann keine Krise helfen. Die Irritationen, der wieder populär werdende Anti-Kapitalismus der späten sechziger und siebziger Jahre waren eine Depression der Eliten, die von jenen nicht geteilt wurde, die am Wohlstand durch den Kapitalismus profitierten. Doch die Eliten schaffen Werte, erneuern sie und vermögen sie auch wieder aus der Welt zu schaffen.
No future. Arbeitslosigkeit und Werteverlust breiteten sich in England wie ein Lauffeuer aus. Die siebziger Jahre endeten in einer Leitkultur, die auch den Kontinent erfasste: Die Punk-Kultur erhob es zum Wert, keine Werte zu haben - was sie heute so ungemein spießig macht. Distanz verschärft die Konturen.
Das alte System hatte ein riesiges Problem. Seine Werte wurden von immer weniger Menschen geteilt, zuletzt nicht mal mehr von den Behütern dieser Werte selbst. Es gab keine neue Elite, und es gab vor allen Dingen keine Einigung darüber, wie viele der neuen Werte mit der alten Welt verwoben werden konnten. Das Einzige, was noch Bedeutung hatte, war Geld.
Und jetzt übernahm das Mündel die Vormundschaft: Margaret Thatcher führte ein einzigartiges, brutales, aber bemerkenswertes Experiment durch, das, wenn man es genau betrachtet, ein Lehrstück ist für das, was sich heute, beim vermeintlichen Niedergang der New Economy und dem vermeintlichen Sieg der alten Wirtschaft, als praktischste Erfahrung des vergangenen Jahrhunderts erweist. Der Thatcherismus war keine Gegenbewegung zum romantischen Anti-Kapitalismus der 68er und ihrer Epigonen, sondern der Versuch, den Kapitalismus in einem Kraftakt von einer Methode zu einer Ideologie zu machen. Thatcher war von der Idee beseelt, dem inhaltlosen Kapitalismus einen Sinn zu geben. Doch Methoden haben keine Seele. Zwecklos.
Der einzige Inhalt des Kapitalismus ist Geld, und sinnloses Geld war das Festival der achtziger Jahre: Yuppies, Börsenwunder, Börsenkrachs, Michael Milken, Reichtum des Reichtums wegen, Geld, mehr Geld, Geld, das geil macht, aber leidenschaftslos, Geld als Sinn für alles und jedes. Der Börsenspekulant Michael Milken ist, in seinen eigenen Worten, einer der wichtigsten Kronzeugen für den Werteverfall der achtziger Jahre, ein Verfall, der sich selbst als neues Leitbild definierte. Er hinterzog Milliarde um Milliarde, "weil es ging". Milken verfolgte kein Ziel. Er lebte in relativ bescheidenen Verhältnissen. Er hatte nicht vor, die Berge von Geld - allein Milkens Gehalt machte in seiner Blütezeit eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr aus - irgendwie anders arbeiten zu lassen als zu ihrem eigenen Zweck. Als ihm der Prozess gemacht wurde, wurde deutlich, dass Milken nichts anderes im Sinn gehabt hatte, als die Ideale der achtziger Jahre zu verwirklichen.
Die Irritation wirkte überall, auch wenn das schon vergessen ist. Es ist kein Zufall, dass in jener Zeit ein solides Industrieunternehmen, VW, im allgemeinen Rausch dem Irrtum erlag, man könne mit Geld mehr Geld machen als mit Autos. Der Skandal um die Devisenschiebereien Mitte der achtziger Jahre hat das Unternehmen fast die Existenz gekostet. Und der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter konzentrierte sich auf praktisch alles außer dem eigentlichen Geschäftsgegenstand seines Unternehmens. Der "Technologiekonzern", den er schaffen wollte, bestand im Grunde aus soliden Einzelwerten, die, sinnlos vermischt, einander aufhoben. Während das Management im Sinn- und Wertechaos dahinschlingerte, damals wie heute, versuchte eine neue Generation an Unternehmern Geld als das einzusetzen, was es ist: Mittel zum Zweck. Apple und Cisco, Sun Microsystems und viele andere wurden aus idealistischen Gründen ins Leben gerufen. Wer heute liest, was die Gründer damals ticken machte, reibt sich verwundert die Augen, wie sehr diese Ziele mit jenen der Cluetrain-Generation übereinstimmen. Hier herrscht keine Angst. Hier herrscht schieres Wissen. Mag sein, dass das nicht gleich durchdringt, weil es nicht jeder verstehen mag, zumal dann nicht, wenn er um seine Existenz bangt.
Das Gegenteil davon heißt: Arbeitslosigkeit, das Ende des Sozialstaates, die Demontage der Wohlstandsgesellschaft, das Klüngeln der Verbande und Machtgruppen um die Reste des Reichtums. Das kann nicht gut gehen.
Wer heute noch das Geld hat, hat heute noch die Macht. Doch Vorsicht: Was ist das für eine Grundlage in einer Welt, in der ein Firmenchef zusehen muss, wie die Macht an jene übergeht, die das Wissen haben, also an seine Angestellten, und über die er schon deshalb keine Macht mehr hat, weil ihr Wissen auch anderswo gefragt ist? Wissen ist Kapital ist Geld. Es ist eine wundersame Ressource, weil sie sich bei Benutzung selbsttätig vermehrt, nicht verringert. Und der doch nichts Mystisches innewohnt, die Freiheit nicht nur verspricht, sondern garantiert.
Davor muss sich das Anden Regime, wie die Autorin und Journalistin Dagmar Deckstein die Gegenreformatoren der alten Wirtschaft treffend nennt, fürchten, denn es geht um nichts weniger als um ihre Existenz. Mit Wissen gepaart ist Geld nicht wertlos, sondern kraftvoll, das Mittel zum Zweck. Schon richtig, was André Kostolany über das Wesen des Geldes sagte, nämlich: "Das Geld geht zu dem, der es mit unbegrenzter Leidenschaft begehrt", - und doch, leicht verstehbar, aber nur die halbe Wahrheit: Wo die Leidenschaft keine Bleibe hat, kein Ziel, sind die Kröten wertlos. Pech.
8. MACHTWECHSEL Die New Economy hat die Leidenschaft in die Wirtschaft zurückgebracht. Aber sie hat, auch wenn das jetzt viele glauben machen wollen, nicht das Geld mit Leidenschaft begehrt - sie wollte das Geld, um ihre Ziele zu erreichen. Schlimmer noch: Sie hat das Geld nicht ernst genommen. Dafür müssen ihre einstigen Helden heute bezahlen. Sie brauchten das Geld für ihre Ziele und mussten sich mit jenen einlassen, die es besaßen. Und die ihnen ihre Regeln aufzwangen. Männerfantasien. Länger, dicker, mehr. Von besser war nie die Rede. Utopische Wachstumsraten, utopische Profiterwartungen. Sie haben mitgespielt, weil es die einzige Chance war. Aber die Helden der New Economy haben -anders als die Yuppies der Achtziger - den Götzen Geld nie angebetet.
Es ist eine Tatsache, dass sich die jungen Unternehmer der New Economy zum überwiegenden Teil nicht persönlich bereichert haben. So gern sie heute auch hervorgezogen werden, die Zocker, die Betrüger, die Haffas mit den Dollarzeichen in den Augen - sie sind eine Minderheit. Die meisten waren noch nicht einmal schlau genug, sich in den Hochkurszeiten zumindest einen Teil des Geldes, das ihnen da zugeworfen wurde, zu sichern, um nun, da ihnen das Anden Regime das Spielgeld verweigert, weitermachen zu können. Das ist bitter, weil es nicht nur um die eigenen Ziele ging, sondern auch um die der Mitarbeiter.
Natürlich kann man sagen, der Fehler der New Economy bestand darin, Geld in seiner Bedeutung unterschätzt zu haben. Und wenn es um die Frage geht, ob damit nicht auch die Möglichkeiten der eigenen Freiheit unterschätzt wurden, dann trifft das zu. Dann waren die New-Economy-Unternehmen naiver als die ausreisenden Bürger der DDR, die den Sinn des Hundertmarkscheins genau verstanden.
Weil das Geld Sinn hatte, blieb es in den Unternehmen, es wurde kaum etwas abgezwackt, und diese Ethik hatte nichts Gestriges, sondern war und ist Beweis dafür, dass es einen Geschäfts-ZWECK gibt, der die Mittel heiligt. Die neue Wirtschaft braucht Geld, aber sie braucht IHR Geld, nicht das zur Sinn- und Geldwäsche herangeschaffte Kapital des Anden Regimes. Mit Pathos hat das nichts zu tun, sondern mit der Wirklichkeit.
Um das zu verstehen, braucht man nur einen Videoladen zu betreten und sich die Komödie "Other Peoples Money" zu besorgen, ein Film aus den Achtzigern, der von einem kleinen, geldgierigen, wuseligen Börsenspekulanten handelt, eine Komödie, die zwischendurch ganz ernst macht, weil es ein Happyend gibt. Auf dem Weg zum Glück sagt der Hauptdarsteller den Satz, dem er sich selbst nicht mehr entziehen kann: "Es ist nicht schwer, Geld zu machen, wenn man nichts anderes will." Wem das reicht, der kann jetzt stehen bleiben.
Bleibt nur noch eine Frage: Ist es das wert?
