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brand eins 05/2009 - MIKROÖKONOMIE
Die kleinste wirtschaftliche Einheit: der Mensch: Eine Grafikdesignerin in Taiwan
Katie Lin arbeitet seit elf Jahren bei einem privaten Nachrichtensender in Taipeh. Die 36-Jährige hat Industriedesign studiert und erstellt Grafiken, Animationen sowie die Wetterkarte - meist in der Frühschicht von 5 bis 14 Uhr. Wie ihre ältere Schwester lebt sie noch bei den Eltern. Das ist nicht ungewöhnlich, weil die Mieten in der Hauptstadt teuer und Wohnungen knapp sind. Ihr Vater führt einen Reifenhandel, die Mutter ist Hausfrau.
Monatliches Einkommen, Grundkosten:
Katie Lin verdient im Monat 971 Euro. An den Raten für die neue Eigentumswohnung ihrer Eltern beteiligt sie sich mit 259 Euro. An die staatliche Kranken- und Rentenversicherung führt sie je 11 Euro ab, ihr Arbeitgeber ebenso. Die Einkommensteuer wird einmal im Jahr auf einen Schlag fällig. Zuletzt waren es 259 Euro. Für private Altersvorsorge und eine Unfallversicherung zahlt sie monatlich 108 Euro. Sie fährt gern mit dem Auto, und das hat seinen Preis: Die Stellplätze zu Hause und in der Firma kosten zusammen 136 Euro. Jeden Monat verbraucht ihr Wagen Benzin für 75 Euro, hinzu kommen 17 Euro Kfz-Steuer. Das tägliche Essen im Restaurant nach der Arbeit kostet im Monat 108 Euro.
Was bedeutet Ihnen Arbeit?
Vor allem gefällt mir daran die Abwechslung. Sonst hätte ich es wohl auch nicht elf Jahre ausgehalten. Anstrengend ist es, wenn ich den ganzen Tag mit schlechten Nachrichten zu tun habe. Als etwa ständig Meldungen zum Erdbeben in China gelaufen sind und ich die Karten dazu machen musste. Man muss achtgeben, dass man dabei nicht abstumpft.
Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?
Meine Eltern. Wir stehen uns sehr nah, ich unterstütze sie, wo ich nur kann. Einmal die Woche gehen wir miteinander essen, und manchmal fahren wir gemeinsam in den Urlaub. Voriges Jahr waren wir elf Tage in Europa - Deutschland, Frankreich, Belgien. Mein Vater ist schon 68, will sich aber nicht zur Ruhe setzen.
Was möchten Sie in Ihrem Leben verändern?
Eigentlich bin ich zufrieden. Vielleicht werde ich noch heiraten. Meinen Eltern ist das sehr wichtig, aber zum Glück liegen sie mir nicht ständig damit in den Ohren. In meinem Alter weiß ich aber genau, was ich nicht will: einen Mann, der Schulden hat. Viele Taiwaner nehmen zu viele Kredite auf. Meine Ehe soll finanziell solide sein. Ich würde auch auf getrennten Konten bestehen.
Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?
Dann gehe ich mit Freunden in ein teures Restaurant mit westlicher Küche, italienisch oder französisch. Essen ist wichtig. Bei der Arbeit habe ich keine Zeit für eine Mittagspause. Dafür gehe ich anschließend ins Restaurant, zum Abschalten und Entspannen.
Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?
Meinetwegen könnte es so weitergehen. Die Arbeit ist interessant und ermöglicht es mir, meinen Hobbys nachzugehen: Reisen, Fotografieren, Bergsteigen. Ich glaube, mein Geld reicht aus. Genau weiß ich es nicht, weil meine Mutter das Konto verwaltet. Wenn ich eine größere Summe brauche, muss ich ihr das sagen, denn sie will nicht, dass ich leichtsinnig werde. Mütter glauben manchmal, sie müssen so sein, bis ihre Kinder verheiratet sind.
Taiwan
Einwohner 23 Millionen
Währung 46,3 Neue Taiwan Dollar (NT$) = 1 Euro
BIP pro Kopf 12 494 Euro
Human Development Index. Die UNO erkennt Taiwan nicht an und führt es nicht in der Statistik. Nach eigenen Berechnungen stünde es auf Rang 23 direkt hinter Deutschland
Aktuelle Durchschnittskosten
Fahrt mit der U-Bahn durch Taipeh 0,43 Euro
Flasche Taiwan-Bier im Laden 1,08 Euro
Chinesische Tageszeitung 0,22 Euro
Englische Tageszeitung 0,32 Euro
Kino-Karte 5,83 Euro
Eintritt ins Kunstmuseum 0,65 Euro
Essen im einfachen Restaurant 2,16 Euro
Menü im westlichen Restaurant 32,38 Euro
1 Liter Benzin 0,78 Euro.
D-Zug-Fahrt Taipeh - Kaoshiung 18,35 Euro (Fahrtdauer: 4,5 Stunden) mit dem Hochgeschwindigkeitszug. 32,38 Euro (1,5 Stunden.
Buchtipp:
Der Mensch - Die kleinste wirtschaftliche Einheit
Männer und Frauen erzählen von Arbeit, Geld und Leben in 38 Ländern. Herausgegeben von Gabriele Fischer und Peter Lau.
