Navigation

Inhalt

brand eins 05/2009 - SCHWERPUNKT: Essen

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Bauern von New York

Michelle Obama ist nur eine von vielen: Eigenes Obst und Gemüse zu ziehen oder Hühner zu halten, wird in den Vereinigten Staaten zum Trend.

- Die Gurken sieht sie vorn links, daneben Auberginen. Sie deutet auf ein Beet, in dem Salat wachsen soll, Rosmarin auch. Der Kohl hätte seinen Platz irgendwo da hinten. Natürlich werden sie Tomaten der Sorte Bonny Best haben, alte Sorte, nie gekreuzt. Und Cherokee Purple, deren Farbe zwischen Rosa und Lila changiert, süßes Aroma, dichtes Blattwerk. Die Cherokee Purple hat ihren Namen von den gleichnamigen amerikanischen Ureinwohnern, die sie mit Vorliebe pflanzten. Das Magazin "Organic Gardening" hat die Cherokee Purple erst kürzlich in die Ruhmeshalle der Tomaten aufgenommen.

In der South Bronx, ein Sonntag Mitte März. Die Sonne scheint, doch noch ist Winter. Von Norden ein frischer Wind, zwischen den Häusern kalte Schatten. Man brauche Fantasie, sagt Karen Washington, eine robuste, energische Frau mit großer Wollmütze, die im "Garden of Happiness" steht. Hinter Backsteinkasernen rauscht der Verkehr. Im Himmel das Donnern eines Düsenjets. In zwei Wochen, sagt Karen, könnten sie die ersten Samen in die Erde bringen, "der Rest ist Geduld und gute Pflege". Karen blickt nach oben, dem Kondensstreifen des Flugzeugs hinterher. "Ich bin als Mensch gern bodenständig. Dieser Garten ist mein großes Glück."

Es gibt vieles, das einem spontan einfällt zu New York. Hochhausgebirge, Lichter, Lärm. Gemüsegärten gehören nicht dazu, zumal in der South Bronx, jenem Viertel, in dem früher die Häuser brannten, Krieg geführt wurde gegen das Eigentum anderer. Später grassierte Crack; sie nannten es den Tod unter der Schädeldecke. Und völlig frei von Kriminalität wird die Gegend wohl nie sein. Doch der Glücksgarten ist keine Ausnahme, nicht in New York, nicht einmal in der South Bronx.

"Time Magazine" wittert einen Boom -und Journalisten nerven die Gärtner

Hunderte sogenannter Community Gardens gibt es in New York. Der Grund gehört meist der Stadt, betreut und bewirtschaftet wird er von Bürgergemeinschaften, die von ihren Mitgliedern geringe Nutzungsgebühren erheben. Die Gärten finden sich auf Dächern, in Hinterhöfen, auf ehemaligen Parkplätzen, an Schulen oder botanischen Instituten. Sie dienen als Treffpunkt für Anwohner, Spielwiese für Kinder und Übungsgelände für Gartenbaukurse. In kleineren Anlagen steht oft nur eine Parkbank neben Töpfen mit Kräutern, ein paar Blumenkästen, an der Wand Efeu; in den größeren reiht sich Gemüsebeet an Gemüsebeet, ergänzt von Gewächshäusern und Hühnerställen. Manche haben Bienenstöcke, manche Ziegen, manche Fischtanks.

Gemeinschaftsgärten sind keine New Yorker Spezialität, sondern ein nationales Phänomen. Im Sommer 2008 stand im "Time Magazine" ein Artikel unter der Rubrik "Inner-City Farms". Darin ging es um die erste Gemüseanbaufläche vor dem Rathaus in San Francisco seit 1943; um eine Farm in der Stadt Milwaukee, die auf der Fläche von etwa 4000 Quadratmetern jährlich 220 000 Dollar erwirtschaftet, um ähnliche Beispiele in Philadelphia und Portland. "Time" sprach von einem "Boom in der urbanen Landwirtschaft" und musste dabei gar nicht auf Detroit eingehen, wo die Einwohnerzahl von zwei Millionen auf 900 000 gesunken ist und in entvölkerten Stadtvierteln Kühe und Schafe grasen.

"Das Thema ist virulent", sagt Edie Stone, die in einem schmalen, düsteren Büro in der Chambers Street, Downtown Manhattan, zwischen Stapeln von Prospekten und Kartons mit T-Shirts sitzt. Edie ist Direktorin von Green Thumb, einem städtischen Projekt, das etwa 600 Gemeinschaftsgärten mit Saatgut, Workshops und Werkzeug unterstützt. Etwa eine Million Dollar beträgt der Etat, es ist das älteste und größte Programm dieser Art in den USA. Einmal im Jahr lädt Green Thumb zur Konferenz "Grow Together". In diesem Jahr feiern die rund tausend erwarteten Freunde der Gartenkultur gleich zwei Jubiläen: 30 Jahre Green Thumb, 25 Jahre Grow Together.

Edie Stone, eine hilfsbereite, herzliche Person, die in Indien einen Tibeter heiratete und mit ihm in Bhutan lebte, ist seit 1991 bei Green Thumb. Damals wusste in den USA niemand, was Bio-Lebensmittel sind. Heute werden damit 20 Milliarden Dollar umgesetzt, vor allem von Großunternehmen wie der Supermarktkette Whole Foods oder dem Joghurthersteller Stonyfield; selbst Wal-Mart verkauft inzwischen Biogemüse. Doch Bio allein genügt nicht mehr. Der jüngste Trend nennt sich "locavore", frei übersetzt: lokaler Esser. Der fordert, dass alle Lebensmittel, die er verzehrt, im Umkreis von maximal 100 Meilen produziert werden; Puristen ziehen die Grenze bei 30 Meilen, je nachdem, welchen Artikel man liest. Über Ernährung berichten US-Medien ständig, meist mit beinahe religiösem Eifer.

Erst gestern wieder klingelte bei Edie Stone das Telefon. Die "New York Times" war dran. Die Redaktion hatte sich gefragt, ob es eine Verbindung geben könnte zwischen Gemüseanbau und Finanzkrise. Nun suchten sie nach Leuten, die aus Geldnot Gärtner und Selbstversorger geworden sind. Über solche Nachfragen kann sich Stone nur ärgern. "Entweder sie verkitschen uns als grüne City-Oasen, oder sie suchen nach seichten Schlagzeilen." New York sei voller armer Leute, "die schon immer Gärtner und Selbstversorger sind, weil sie auch schon vor der aktuellen Krise arm waren". Und: "Es geht hier nicht um Kuriositäten. Die Gärten waren schon immer eine Reaktion der Menschen auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen."

Nehmen wir den Garden of Happiness. Karen Washington also, Afroamerikanerin, Physiotherapeutin, die zwei Kinder allein großgezogen hat. Aufgewachsen ist sie im East Village von Manhattan, in einem der zahlreichen Wohnblöcke der Stadt für sozial Schwache. Später zog die Familie nach Harlem, an die Ecke von 110th und Lenox Avenue. Gangs, Schießereien, ein Ort ohne Perspektive. Sie erinnert sich: Nördlich der Subway-Station 96th Street gab es nie weiße Passagiere. Sie sagt, sie habe frühzeitig gelernt, Verantwortung zu übernehmen, für ihre Interessen einzutreten. "Ich wusste schon als Jugendliche, dass ich wegen meiner Hautfarbe mehr tun muss. Ich habe mich früh als Leader verstanden."

Als die Stadt die South Bronx revitalisieren wollte und preiswerte Häuser anbot, zog Karen Washington dorthin. Prospect Avenue, zwischen 180th und 181st. Vom Wohnzimmer aus blickte sie fortan auf ein leeres Grundstück gegenüber. Es hieß, man wolle es bald bebauen. Doch nichts passierte: Der Untergrund war zu felsig für ein Fundament. Stattdessen wuchs der Müll, lungerten Drogendealer und Junkies herum. Brennende Autoreifen fast jede Nacht. "Ich schätze die kleinen Dinge des Lebens", sagt sie, "und als Physiotherapeutin bin ich Heilerin. Mein Job ist es, Funktionalität wiederherzustellen." Das gilt nicht nur für ihre Patienten. Sie knüpfte Kontakte zum Bronx Botanical Garden, von dessen Begrünungs-Programm sie gehört hatte; sie sammelte Spenden, bat die Nachbarn um Hilfe, sprach bei Lokalpolitikern vor.

1998 wurde der Garden of Happiness eröffnet, 877 Quadratmeter, in der Mitte ein Rondell von Bäumen. Die Benutzer zahlen 30 Dollar jährlich pro Beet. Sie ziehen Gemüse, Beeren, Kräuter, sie halten 15 Legehühner. Was den Eigenbedarf übersteigt, wird auf einem kleinen Markt verkauft, den sie zusammen mit der South Bronx Food Coop, einem Lebensmittelladen, gegründet haben. Sie beliefern ein jamaikanisches Restaurant, der Rest wird an Suppenküchen und Altersheime gespendet. Der Garten gilt als Vorbild innerhalb der Szene, ebenso wie Karen Washingtons Talent, öffentliche Gelder und private Spenden aufzutreiben. Freunde nennen sie eine "sanfte Naturgewalt".

Doch der Glücksgarten will mehr als günstige Nahversorgung. Die South Bronx gilt wie die meisten armen Viertel in New York als Lebensmittelwüste. Gemeint sind Gegenden, so die "New York Times", "in denen es schwer ist, einen frischen Apfel oder eine unfrittierte Kartoffel zu finden". Schätzungsweise 750 000 New Yorker leben in solchen Wüsten. Sie sind übergewichtig bis fettsüchtig, leiden unter Diabetes und Bluthochdruck. Herzversagen ist Nummer eins unter den vorzeitigen Todesursachen. Darüber hinaus nehmen die Bedenken über den Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft zu, über grüne Gentechnik und die Bedrohung durch Salmonellen und Kolibakterien in Lebensmitteln. Washington: "So wie die Produktion und Verteilung von Nahrung funktioniert, ist es besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen."

New York zeigt exemplarisch, wie sich Landwirtschaft in den USA verändert hat. Bis Ende des 19. Jahrhunderts lebten New Yorker in der Nähe der Farmen, die sie ernährten. Brooklyn, wo Weizen angebaut wurde, galt als Brotkorb Manhattans. Nicht nur im Viertel Flatbush wuchsen Obst und Gemüse. Vor Coney Island fingen Fischer Muscheln, Hummer und Flundern. Die Lebensmittel gingen in die City, Abfälle, Kompost und Pferdemist kamen als Dünger zurück. Ein überschaubarer, ausgewogener Kreislauf. Ergänzt wurde er durch Eigenproduktion. Zu jedem amerikanischen Haus gehörte traditionell ein Garten. 1945 etwa produzierten 20 Millionen sogenannte Victory Gardens etwa 40 Prozent der in den USA konsumierten frischen Lebensmittel.

Was dann kam, war die Ära der Farmindustrie, die auch eine Ära der riesigen Monokulturen, der Entfernung von Produzent und Konsument und der subventionierten Landwirtschaft ist. Heute werden auf Feldern im Mittleren Westen, die halb so groß sind wie Liechtenstein, weit weg vom Kunden, überwiegend Mais und Soja angebaut. Wobei die Ernte längst nicht mehr direkt auf den Teller kommt. Sie wird überwiegend zu Viehfutter verarbeitet, zu hydrogeniertem, mit Transfetten angereichertem Pflanzenöl und hochkonzentriertem Sirup. Diese Rohstoffe bilden das Fundament für die Fast-Food-Industrie: Und damit Hamburger, Fritten und Softdrinks möglichst billig bleiben, pumpt Washington jährlich 25 Milliarden Dollar Steuermittel in das System.

"Time" nennt das ein "Wohlfahrtsprogramm" für diejenigen, "die am meisten Benzin, Wasser und Pestizide verbrauchen, die meisten Treibhausgase emittieren, die fettesten Pflanzen anbauen, die meisten illegalen Arbeitskräfte einstellen und das ländliche Amerika entvölkern". Der Buchautor Michael Pollan nennt es schlicht "Behemoth", ein biblisches Ungeheuer. Pollan hat "The Omnivore's Dilemma" (Die Zwickmühle des Allesessers) geschrieben, das seit seinem Erscheinen 2006 in der Bestsellerliste der "New York Times" rangiert. Der Autor moniert, dass Viehzucht durch die von Tieren ausgeschiedenen Methangase mehr zum Klimawandel beitrage als der weltweite Transportsektor. Jeder dritte Jugendliche in den USA ernährt sich täglich einmal von Fast Food. Die durch Fast Food verursachten Kosten im Gesundheitssystem schätzt Pollan auf jährlich 250 Milliarden Dollar.

Es ist eine bizarre Bestandsaufnahme. Die Agrarindustrie verbraucht Unmengen Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und Unkrautvernichter, die alle mit fossilen Brennstoffen hergestellt werden. Addiert man die Energie, die für Verarbeitung, Lagerung und Lieferung aufgewendet wird, bedenkt man, dass jede Mahlzeit in den USA im Schnitt 2400 Kilometer Reise hinter sich hat, ist das Resultat erschütternd. Ein US-Amerikaner verbraucht für Essen täglich - inklusive der 2600 Kalorien, die er zu sich nimmt - 186 000 Kalorien. Das entspricht dem Tagesbedarf eines Pottwals mit 50 Tonnen Gewicht. Pollan schlug daher unlängst und mit Erfolg in einem offenen Brief dem Präsidenten und seiner Frau vor, die Südwiese vor dem Weißen Haus umzugraben, um ein überfälliges Zeichen zu setzen: "Wir brauchen alle einen eigenen Garten."

Neun Uhr morgens auf dem Gowanus Expressway. John Ameroso sitzt am Steuer seines Pick-up. Vorbei an den Lagerhäusern von Greenwood und Sunset Park, hinauf auf die Verrazano-Narrows-Brücke, die hinüberführt nach Staten Island. Links der Atlantik, rechts die Freiheitsstatue im Morgendunst. Er liefert zwei Sack Erde für eine Farm, die von der Cornell University betrieben wird und auf der behinderte Jugendliche Spargel und Thymian anbauen, lernen, woran man Helminsthosporium, die Blattfleckenkrankheit, erkennt, wie man mit Rauchbomben Nagetiere vertreibt. Und dass Rotkehlchen im März ein gutes Zeichen sind. Dann wird es Frühling.

Ameroso steht inzwischen auf der Gericke-Farm, Schneematsch an der Hose, Lehm an den Schuhen. Ringsum verrottete Strünke, verkrüppelte Büsche. "Man darf sich Landwirtschaft nicht so schwer vorstellen", sagt er. "Wenn ich weiß, was ich tue, stecke ich einen Dollar in die Erde und bekomme 20 Dollar zurück." Er lernte das von seinem Großvater, der aus Italien nach Buffalo, Upstate New York, einwanderte. Bis ins hohe Alter baute er die Tomaten, Zwiebeln und den Knoblauch für seine Pastasoße an. Der Enkel hatte keine Scheu, sich schmutzig zu machen, wurde Agronom, ging mit dem Peace Corps nach Vietnam und übernahm 1976 die Leitung von Cornells landwirtschaftlichem Programm in Brooklyn. Es war die Zeit der ersten Ölkrise, es gab kaum Jobs und für John keine Angestellten. "Die dachten wohl, der war im Krieg, der kommt auch mit New York allein klar."

33 Jahre später hat Amerosos Programm 37 Angestellte, die Gemeinschaftsgärten beraten, Gärtner ausbilden, die Finanzierung von Projekten organisieren. Und wenn man fragt, mit wie vielen dieser Gärten er in dieser Zeit zu tun hatte, sagt er lapidar: "Mit allen." Er hat kooperiert mit den Green Guerillas, die 1973 von der Künstlerin Liz Christy gegründet wurden und zunächst bemüht waren, nachbarschaftliche Kontakte zu fördern; später wurden sie Vorkämpfer für den Erhalt der öffentlichen Gärten, die der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani an Immobilienspekulanten verkaufen wollte. Ameroso ist Vorstandsmitglied bei Just Food, das urbane Farmen fördert und auch hilft, wenn es um die sachgerechte Aufzucht und Haltung von Hühnern geht.

Ameroso kennt sie alle. David Graves, den Imker aus Massachusetts, der 14 Bienenstöcke auf New Yorker Dächern stehen hat. Abu Talib von der Taqwa Community Farm, der schon vor 30 Jahren in der Bronx Trauben erntete und deshalb von "National Geographic" porträtiert wurde. Martin Schreibman, Professor am Brooklyn College, der dort in ovalen Edelstahlbottichen Tilapia züchtet und glaubt, aus transparenten Tanks am Stadtrand ganz New York mit Fisch versorgen zu können. Natürlich war Ameroso beteiligt, als sie in East New York die ENY Farms gründeten und mit 5000 Dollar Startkapital den ersten Garten anlegten. East New York ist eine weitere Lebensmittelwüste, in der Fettsucht und Diabetes noch häufiger vorkommen als im Durchschnitt. Inzwischen betreut ENY Farms mehr als 60 Gärten, einen Markt, eine Food Coop. Fünf Farmer leben vom Verkauf ihrer Produkte, 16 betreiben die Landwirtschaft als Nebenjob. Umso irritierender, dass eine Sprecherin sagt, die redeten nicht mehr mit Journalisten.

Ian Marvy steigt aus seinem alten Toyota. Marvy, klein, kompakt, ein bisschen mürrisch. In Wirklichkeit ist er ein Mann mit butterweichem Kern, doch das lässt er sich jetzt nicht anmerken. Knurrt ein wenig, zupft am Kinnbart, sagt, er könne die Leute von ENY Farms schon verstehen. Hätte seine Freundin Edie Stone ihn nicht überredet, wäre auch er nicht gekommen. " Journalisten stehen im Weg, kosten Zeit und geben nichts zurück." Die Anfrage der "Times" an Green Thumb ärgert Ian auch. "Wenn ich schon vor der Demystifizierung des Finanzmarktes stehe", grummelt er, "würde ich eher drüber nachdenken, woher Wohlstand kommt, was Nachhaltigkeit bedeutet, was Kommune bedeutet, wie wir uns unterstützen können, gesund zu leben und gleichzeitig voneinander zu profitieren."

Sommer 2000. Ian Marvy arbeitet als Sozialarbeiter in Red Hook, einem von Highways, Docks und mausgrauen Silos überwucherten Hafenviertel in Brooklyn. Red Hook wird von der Untergrundbahn rechts liegen gelassen, ist schwer zu erreichen. Eine vierköpfige Familie dort lebt von durchschnittlich 14000 Dollar im Jahr. Einkaufsmöglichkeiten: Fehlanzeige. Marvy versteht, warum sie in Red Hook gern ein "Am-Ende-der-Welt-Gefühl" zelebrieren. Er kümmert sich gerade mit einem Kollegen um einen Jugendlichen, dessen Familie vom Drogenhandel lebt. Der Junge kommt aus dem Strafvollzug. Wo soll er hin? Die Sozialarbeiter reden von Wille, Werten, einem neuen Anfang. Der Junge sagt: "Gebt mir lieber einen Job." Marvy: "Das ist der Moment, wo du gefragt bist."

Ein grantiger Kerl will Jugendlichen helfen - und aus einem Baseball-Platz wird eine Farm

Er setzt sich mit seinem Kollegen zusammen, auf einer Papierserviette skizzieren sie die Idee für die Red Hook Community Farm. Man braucht viel Fantasie, um sich eine Farm vorzustellen, wo ein verwahrloster, asphaltierter Baseball-Platz ist. Man braucht mehr als nur Fantasie, um zu glauben, man könne arbeitslosen Jugendlichen damit eine Chance geben, das Familieneinkommen aufzubessern. Und doch ist es so gekommen.

Da sind Haufen aufgeschütteter Erde, mit Plastik bedeckte Beete zwischen fahlem Teer und ein Gewächshaus. Die Stände in Regenbogenfarben für den Farmers Market, der samstags auf der Farm und donnerstags ein paar Straßen weiter stattfindet, lehnen am acht Meter hohen Maschenzaun. Dahinter wächst eine monströse blaue Wand mit einem großen gelben Schriftzug in den Himmel. Wie ein gestrandeter Riesencontainer liegt es an der Hafenmole. Ikea.

In ein paar Wochen werden die nächsten 20 Jugendlichen bei Ian Marvy eine zehnwöchige Ausbildung durchlaufen. Diejenigen, die fest angestellt sind, werden Schulklassen unterrichten, Senioren einweisen, die unentgeltlich mithelfen. Marvy wird allen erklären, warum sie Mais, Bohnen und Butternuss zusammen pflanzen, die Ureinwohner der amerikanischen Ostküste nannten das "Die drei Schwestern". Sie werden Gemüse und Beeren ernten, die an vier Restaurants geliefert werden, sie werden am Computer arbeiten, Flyer verfassen und an allerlei Veranstaltungen teilnehmen. Täglich sind bis zu 200 Menschen auf der Farm, die pro Jahr 70 000 Dollar Umsatz erwirtschaftet. 2009 können Interessenten erstmals einen Geldbetrag vorschießen, dafür werden sie den Rest des Jahres mit Ware beliefert. Und mit Ikea hat Marvy auch schon gesprochen. Sie wollen auf deren Dach Salate und Kräuter für das Restaurant im Haus anbauen.

"Essen bedeutet Leben", schreibt Kimberly Vargas, 20, die im Sommer 2006 zur Red Hook Community Farm kam. "Ohne Luft, Sonne, Erde und Wasser hätten wir kein Essen. Ohne Essen hätten wir keine Menschen, Tiere und Pflanzen. Ohne Menschen, Tiere und Pflanzen gäbe es kein Essen. Alles Leben ist miteinander verstrickt, und ohne Ernährung gäbe es kein Leben." Vargas hat zunächst Marvys Beschäftigungsprogramm durchlaufen, dann seinen Führungskräftekurs. Sie liebte es, Unkraut zu jäten, und hasste es, den Kompost umschichten zu müssen. Doch wo, fragt sie, "können Jugendliche Geld verdienen und gleichzeitig wichtige Dinge lernen"? Sie geht inzwischen wieder zur Schule und will Erzieherin oder Grundschullehrerin werden.

Ian Marvy sagt: "Ich will keine Farmer, EDV-Spezialisten oder politische Aktivisten aus ihnen machen, sondern junge Menschen, die sich als Teil eines Gemeinwesens begreifen und das Wissen und die Erfahrung haben, sich für eine nachhaltigere Welt einzusetzen." Auf einem der Aufkleber am Kofferraumdeckel seines Toyota steht: "If you want peace, work for justice." Wer Frieden will, muss für Gerechtigkeit sorgen.

Sonntag, 21. März, zehn Uhr. Im Hostos Community College beginnt Grow Together. Es ist ein buntes Völkchen, das jetzt im Auditorium sitzt, ein Mischmasch aller Hautfarben, Kulturen und Altersgruppen. In Reihe 14 nebeneinander: ein Rechtsanwalt, ein Pensionär, zwei Lehrer, eine Architektin, eine Hausfrau, ein junger Tänzer mit blassviolettem Chiffonschal. Sie blicken auf die Frau, die die Eröffnungsrede hält. "Hurra", ruft sie, "auch in New York blüht der Löwenzahn! " Ach, es seien aufregende Zeiten für Gärtner. Erstmals seit 1950 seien in den USA wieder mehr Gemüse- als Blumensamen verkauft worden; bei den großen Versandhäusern seien Samen für Tomaten, Zwiebeln oder Paprika mittlerweile ausverkauft. Die Rednerin lobt die New Yorker Behörden, die bereits 46 sogenannte Greenmarkets eröffnet haben und Essenmarken für Bedürftige ausgeben, die nur dort gültig sind. Was ist Nahrung?, fragt die Rednerin. "Nahrung ist essbares Sonnenlicht."

Es ist eine fröhliche Veranstaltung. Die Menschen herzen sich zwischen Infoständen. Es gibt Workshops, in denen man lernt, Seife zu machen, organischen Abfall zu kompostieren, Bäume zu beschneiden. Karen Washington spricht über Gemüseanbau ohne Kunstdünger und natürliche Schädlingsbekämpfung. Sie kam erst kürzlich von einer sechsmonatigen Farmausbildung in Kalifornien zurück. John Ameroso hält in Raum C 560 einen Vortrag mit dem Titel "Urban Ag Basics", urbane Landwirtschaft als Basis für ein Unternehmen. Er sagt, Tomaten brächten pro Quadratmeter 120 Dollar Umsatz. Erdbeeren könne man mit ein paar Tricks bis Oktober ernten. Champignons liebten Pferdeäpfel. "Du baust etwas an, du verkaufst es, du musst dir nie Gedanken machen über Märkte, Abnehmer, Marketing. Überall, wo Menschen sind, wird gegessen. Überall, wo gegessen wird, ist ein Markt."

Ein Journalist braucht Geld - und wird zum Chaos-Gärtner des Jahres

Auf den Fluren und in der Kantine wird derweil die Nachricht der Woche diskutiert. Tagelang kursierte das Bild in den US-amerikanischen Zeitungen. Michelle Obama im Garten des Weißen Hauses mit einem Spaten in der Hand. Schon bald sollen dort 55 verschiedene Sorten Gemüse wachsen, Beeren und Thai-Basilikum. Keine Rote Bete. Barack mag sie nicht. "Der Garten des Präsidenten ist die Botschaft, auf die wir gewartet haben", sagt der junge Mann vom Stand der Hudson Valley Seed Library, zu der sich 250 Gärtner zwei Stunden nördlich von New York zusammengeschlossen haben. Sie tauschen Samen, suchen in alten Büchern nach Informationen über ursprünglich heimische Sorten. Der junge Mann sagt: "Viertausend Jahre lang haben Menschen gelernt, den Boden zu kultivieren und ihre Nahrung anzubauen. Innerhalb von zwei Generationen haben wir alles verlernt und die Initiative der Industrie überlassen."

"Ich dachte", sagt Manny Howard, "so ist sie halt, unsere moderne Welt. Wir bauen unsere Häuser nicht mehr selbst. Wir schneidern unsere Kleider nicht mehr selbst. Warum sollten wir uns um unsere Nahrung kümmern? Wir sind zu sehr beschäftigt, zu tun, was wir tun." So denkt er heute nicht mehr. Howard steht in blauem Arbeitshemd, beigefarbenen Arbeitshosen und schweren Schuhen hinter seinem Haus und erzählt, wie Anfang 2007 das Telefon klingelte. Ein ehemaliger Kollege vom "New York Magazine" war dran: Sie hätten da eine Idee. Ob er sich vorstellen könne, im Hinterhof seines Hauses eine kleine Farm einzurichten? Einen Monat lang solle er dann von dem leben, was er anbaut. Honorar 17 000 Dollar, alle Spesen abgedeckt. Manny Howard kam gerade aus Afghanistan, wo er mit dem Vorhaben, einen Dokumentarfilm zu drehen, scheiterte. Viel Geld futsch. Er sagte zu.

Natürlich kann ein Reporter, der anderthalb linke Hände und keinen grünen Daumen hat, nicht Maßstab sein. Es wird dennoch ein Lehrstück. Über den Unterschied zwischen Fantasie und Umsetzung. Über den Grad der Unbeholfenheit, den der Mensch des elektronischen Zeitalters erreicht hat, wenn es um Tiere und Pflanzen geht. Kurzum, Howard gelingt ein Desaster in Fortsetzungen. Die Hühner fressen ihre Eier; die Kaninchen geraten im zu engen Käfig in Panik und bringen ihre Jungen um; die ersten im Keller gezogenen Setzlinge gehen im Tageslicht ein; die Tomaten treiben zu spät; und vier Kubikmeter Erde und mehrere Monate Hege und Pflege ergeben "die sieben kleinsten Kartoffeln, die die Welt je gesehen hat". Nichts funktioniert, und just als die Ernte beginnen soll, verwüstet ein Tornado die Farm. Der abbrechende Ast einer Tanne fällt auf das Dach des Hauses, streift die Garage und landet mitten im Gemüsebeet. Es war der erste Tornado in Brooklyn seit 1889.

"Ich bin die Sache zu naiv angegangen", sagt Howard, "dachte, ich könnte Fische züchten, Wodka brennen, die Kinder sollten in den Garten kommen, der Hund sollte sich austoben." Fisch und Wodka strich er gleich zu Beginn. Die Kinder wollten nichts mehr zu tun haben mit ihrem durchgeknallten Vater, der pausenlos arbeitete. Der Hund musste ausgesperrt werden, um nicht die Beete zu verwüsten. "Ich war tagsüber nie mehr im Haus, ständig schmutzig, verdreckte jeden Abend die Badewanne." Als er sich mit einer Kreissäge fast einen Finger amputiert hatte, drohte seine Frau Lisa mit Scheidung. Und nach mehr als einem halben Jahr Plackerei und 11 000 Dollar Kosten aß Howard vier Wochen lang Huhn mit Tomaten, Zwiebeln und Auberginen und Auberginen, Zwiebeln und Tomaten mit Huhn. Er nahm 26 Pfund ab, litt an Durchfall und der Anblick von Milch und Popcorn "löste psychedelische Wahnvorstellungen" aus. "Es war anstrengend, frustrierend, und was ich erntete, sah nicht sexy aus, aber nichts ist erfüllender, als das zu essen, was man selbst produziert hat."

Manny Howard macht weiter. Auch wenn ihm im Winter erneut das Gemüse erfroren ist und die Waschbären von seinen Legehennen nur noch eine übrig gelassen haben. Via Internet hat er eine umfangreiche Bestellung abgeschickt, darunter ein Dutzend Hühnchen, Sorte White Leghorn, 17 Wochen alt, 12,95 Dollar das Stück, aber auch vier breitbrustige Truthähne für Thanksgiving. Keine Enten, weil ihm die Kinder verbieten, sie zu schlachten. Und Howards Frau Lisa hat sich inzwischen beruhigt. Sein Artikel im "New York Magazine", erschienen unter dem Titel "My Empire of Dirt" (Mein Reich aus Schmutz), hat den James Beard Award für die beste Reportage gewonnen. Um die Buchrechte stritten sich fünf Verlage. Die Filmrechte hat Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman gekauft.

Wenn Buchautor Pollan Recht behält, wird es die moderne Landwirtschaft nicht mehr lange geben: "Dafür wird schon bald das Öl zu teuer." Nahe liegend, was dann kommt. Wehe dem, der dann keinen Garten hat, keinen Spaten und keine Fantasie.-


Anzeige