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brand eins 05/2009 - SCHWERPUNKT: Essen
Am Essen wird zuerst gespart
Eine Million Menschen holt sich in Deutschland ihr Essen regelmäßig von den Lebensmitteltafeln. Wer sie besucht, macht neue Erfahrungen mit Überfluss und Mangel. Dabei geht es nicht nur um den Mangel an gesunder Nahrung.
-Manchmal genügt es, eine Tür aufzumachen, um in einer anderen Wirklichkeit zu landen. Die Tür gehört zu einem Siebzi ger-Jahre-Flachbau in der Weißenburger Straße in Berlin-Spandau, einem eher kleinbürgerlich verschlafenen Bezirk. Hinter der Tür sitzen vielleicht 100, 150 Menschen und warten. Viele sind schon morgens um acht gekommen, sie haben sonst nicht viel zu tun. Die meisten kommen jeden Mittwoch. Sie holen sich für den symbolischen Betrag von einem Euro Lebensmittel ab, die der Berliner Tafel von Herstellern, Supermärkten und Bäckern, Großmarkthändlern oder Bioläden gespendet wurden.
Die Spandauer Ausgabestelle der Berliner Tafel ist eine von mehr als 2000 der derzeit 833 Tafeln in ganz Deutschland. Etwa eine Million Menschen in diesem Land ernähren sich mithilfe der Tafeln, davon sind etwa ein Viertel Kinder und Jugendliche und gut ein Zehntel Rentner. Ohne die Arbeit der rund 40 000 Ehrenamtlichen, einiger Tausend Ein-Euro-Jobber und einiger Dutzend fest angestellter Tafel-Mitarbeiter würde das Essen, das hier an Bedürftige verteilt wird, im Müll landen.
Aus dem vor 16 Jahren von einer Berliner Initiative ins Leben gerufenen Projekt ist ein wichtiger Akteur im sozialen Netz geworden, ein professionell agierender Helfer-Konzern mit hervorragendem Ruf und besten Kontakten zu Politik, Handel und Industrie. Das gute Image ist überlebenswichtig. Wer Lebensmittel spendet, will sicher sein, dass sie anschließend nicht etwa weiterverkauft und dass die lebensmittelrechtlichen Vorschriften eingehalten werden.
Der Erfolg der Tafeln liegt in ihrer so einfachen wie überzeugenden Idee begründet: Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, an Bedürftige weiterzureichen. Möglich war das beeindruckende Wachstum allerdings nur, weil sich die Freiwilligen-Organisation konsequent professionalisiert hat. Dass der Name "Tafel" rechtlich geschützt ist, um notfalls juristisch gegen Trittbrettfahrer vorgehen zu können, ist da nur ein kleines, aber notwendiges Detail: Die Tafeln sind darauf angewiesen, ihre Unterscheidbarkeit und das klare Profil zu sichern.
Das Einzige, was der Idee gefährlich werden könnte, sei ihr enormer Erfolg, sagt der Soziologe Stefan Selke. Vor seiner Berufung zum Professor hat er ein Jahr bei einer Tafel in Süddeutschland mitgearbeitet. Heute sieht er die Bewegung durchaus ambivalent. Er beobachtet eine "Konkurrenz um Lebensmittelspenden" und bescheinigt den Tafeln auf Bundesebene, "eine monopolartige Struktur" entwickelt zu haben. "Wenn einzelne Lebensmittelketten exklusiv mit den Tafeln zusammenarbeiten, ist das für den Bundesverband der Tafeln ein Machtmittel: Hilfsorganisationen, die nicht im Bundesverband sind, haben Schwierigkeiten, Lebensmittelspenden zu bekommen. Es hat etwas von einem Franchise-System, das den Markt des Helfens aufrollt." Gleichzeitig sieht er in den Tafeln eine nur zu willkommene Entlastung für das schlechte Gewissen der bürgerlichen Mehrheit: "Armut wird in der Wahrnehmung normalisiert: Sie ist ja bei den Tafeln gut aufgehoben. Das ist der ADAC-Effekt. Die Pointe liegt darin, dass überflüssige Lebensmittel an Menschen weitergereicht werden, die scheinbar auch überflüssig sind, weil der Arbeitsmarkt keine Verwendung für sie hat: Die Überflüssigen essen das Überflüssige." Harte Worte. Aber auch Selke attestiert den Tafeln, dass sie erst mal ganz pragmatisch bedürftigen Menschen helfen.
Essen holen und Kontakte knüpfen
An diesem Mittwoch stapeln sich in der Weißenburger Straße in Spandau Kisten im Hof mit Kartoffeln, Zwiebeln, Kohl, Brokkoli, Radieschen, Brötchen, Joghurt, Wurst, Rettich, Zucchini, Spargel und Champignons. Und dann gibt es noch Nudeln, Äpfel, Tomaten, Erdbeeren, Biobasilikum, Birnen, Pfirsiche, Kokosnüsse, Wassermelonen, kleine Ananas, Bananen und Blumen. Die Bananen sind eher braun als gelb, die Äpfel etwas schrumpelig, das Brot ist ein oder zwei Tage alt und der Joghurt kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums oder schon darüber. Frau G., Mitte 40, holt die Lebensmittel hier seit einem Jahr für sich und ihre Kinder für eine Woche. Frau G. arbeitet halbtags als Altenpflegerin, kommt netto auf weniger als 900 Euro und neigt nicht zum Jammern. "Das Essen, das ich hier bekomme, würde im Laden bestimmt 30 Euro kosten, das ist wunderbar. Ohne die Tafel würde ich auch auskommen. Ich brauche auch keinen Luxus. Die, die immer klagen, haben zum Teil einen Plasmafernseher in der Wohnung stehen, das braucht kein Mensch."
Frau R., eine andere Tafel-Kundin, Anfang 50, erzählt: "Ich komme jede Woche hierher, lebe von Hartz IV. Ohne die Tafel würde ich mir Sachen aus den Mülltonnen suchen, wirklich wahr. Ich mag das hier. Natürlich hat hier jeder seine Probleme, aber ich habe viele nette Leute kennengelernt. Eine junge Frau zum Beispiel hat mir ganz billig einen Computer verkauft, mit dem übe ich jetzt", sagt sie. "Ich hole mir bei der Tafel Bücher, ich hole mir Kleidung. Irgendwie komme ich zurecht. Manchmal sitze ich zu Hause und heule."
Es geht um Essen, und es geht um Kontakt. Es geht darum, wenigstens einmal in der Woche einen Termin zu haben. Und es geht darum, nicht nur ein Verwaltungsvorgang im Jobcenter zu sein. Ein älterer Mann erzählt, dass er seit Mai 2008 hierherkomme. Er hatte einen Unfall und ist seitdem arbeitsunfähig.
Dann erzählt er, was ihm am wichtigsten ist: "Ich bin gläubiger Moslem, ich bin Türke. Das hier sind Christen, gute Menschen. Und sie passen immer auf, dass wir etwas Gutes bekommen, kein Schweinefleisch, wegen der Religion." Er sagt das vier- oder fünfmal, er will offenbar sichergehen, dass man ihn versteht: "Ich bin Moslem. Das sind Christen, gute Menschen. Wenn ich wieder arbeiten kann, möchte ich hier auch helfen, unbedingt."
Marie-Luise Mozen ist eine energische Frau, 64 Jahre alt und auf eine selbstverständliche, nüchterne Weise freundlich. Das Erste, das einem zu ihr einfällt, ist etwas altmodisch: Frau Mozen ist einfach ein redlicher Mensch. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie vor fünf Jahren die Spandauer Ausgabestelle von "Laib und Seele", einer gemeinsamen Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des Regionalsenders RBB, gegründet. Es ist eine von drei Ausgabestellen in dem beschaulichen Quartier. "Viele Menschen, die sich hier ihr Essen holen, wollen auch helfen. Die fegen und fragen, was sie machen können", berichtet sie. "Im Sommer kommen die Ersten morgens um halb sechs, sitzen im Hof und trinken Kaffee. Die fragen: , Was soll ich den ganzen Tag in der Wohnung sitzen?' Außer der Tafel haben sie nichts, wo sie hingehen können. Es gibt viel Einsamkeit, gerade unter Älteren."
Zusammen mit 30 Helfern sammeln Frau Mozen und ihr Mann in den Geschäften Lebensmittel ein, um sie mittwochs zu verteilen. Derzeit kommen jede Woche etwa 400 Besucher. Berechtigt ist, wer nachweisen kann, dass er im Monat weniger als 900 Euro zum Leben hat und in dem Wohngebiet gemeldet ist, für das diese Ausgabestelle zuständig ist. Ohne diese Regel wäre das Risiko, dass sich besonders Schlaue jeden Tag bei einer anderen Ausgabestelle anstellen und kleine Geschäfte mit den Tafel-Lebensmitteln machen, zu groß. Die 900-Euro-Grenze gilt fast überall in Berlin - bis auf das Plattenbauviertel Marzahn. "Bei 900 Euro müssten wir 80 Prozent der Marzahner Bevölkerung versorgen, das geht nicht. Deshalb liegt die Grenze dort bei 700 Euro", sagt ein Tafel-Mitarbeiter.
Im kleinbürgerlichen Spandau hat sich die Klientel in den vergangenen Jahren deutlich verändert. "Es sind mehr Leute mit Kindern dazugekommen. Viele kommen immer am Monatsende, weil das Geld dann besonders knapp ist", berichtet Frau Mozen. "Was mir am Anfang zu schaffen machte, sind die älteren Frauen Ende 70, Anfang 80, die von der Grundsicherung leben. Da schäme ich mich richtig. Ich denke, das könnte meine Mutter sein, das haben die nicht verdient. Die haben ihr Leben lang gearbeitet, ihre Kinder aufgezogen, ihren Männern den Haushalt gemacht, nebenbei geputzt und nie für die Rente eingezahlt. Wir haben alte Damen, die jede Woche kommen und sich ihren Trolley vollpacken. Es kommen auch Leute, denen man ihre Armut nicht ansieht, die fragen: , Haben Sie nicht etwas, das man kalt essen kann?' Denen wurde der Strom abgestellt. Leute, denen es besser geht, machen sich keine Vorstellung davon, was Armut in Deutschland bedeutet."
Von Thomas Urbachs großzügigem Büro am Potsdamer Platz hat man einen schönen Blick auf Berlin. Die Welt der Hartz-IV-Empfänger ist hier sehr weit weg. Vor vielen Jahren hat Thomas Urbach selbst einmal einen halben Tag lang bei einer Ausgabestelle der Stuttgarter Tafel mitgeholfen. Er wollte sehen, wie das ist. Am meisten hat ihn überrascht, wie normal die Tafel-Klientel ist: keine Obdachlosen, sondern Leute wie du und ich, Menschen, die irgendwann im Leben Pech gehabt haben und nun auf die Tafeln angewiesen sind. "Und es hat mich beeindruckt, wie professionell die ehrenamtlichen Mitarbeiter bei den Tafeln alles managen", sagt Urbach.
Profis helfen Profis
Der 46-Jährige leitet den Transportervertrieb bei der Mercedes-Benz-Vertriebsorganisation Deutschland. Sein Arbeitgeber unterstützt die deutschen Tafeln seit 1998, die für die Transporter rund die Hälfte des Listenpreises zahlen, den Rest sponsert der Automobilhersteller. Die Tafeln finanzieren den Kauf in der Regel mithilfe von lokalen Spendern, die im Gegenzug ihr Logo auf den Wagen anbringen können. "Bemerkenswert ist, dass die Unterstützung der Tafeln auch durch die lokalen Sponsoren in den vergangenen Monaten trotz der Rezession nicht abgenommen hat", berichtet Urban.
Um Missverständnissen vorzubeugen, wischt er gleich noch mögliche Verdachtsmomente vom Tisch. "Die den Tafeln zur Verfügung gestellten Transporter sind keine Restbestände. Die Fahrzeuge werden extra für die Tafeln gebaut - mit Kühlmöglichkeiten oder mit Tiefkühlung, je nachdem, welcher Fahrzeugtyp zum Einsatz kommen soll. Mit Kapazitätsauslastung hat unser Tafel-Engagement also nichts zu tun. Wir haben 2008 weltweit rund 300 000 Transporter abgesetzt."
Im Schnitt übergibt Mercedes etwa 50 Transporter im Jahr an die Tafeln. Das Engagement sei "kein Marketing-Gag", betont Urbach. "Natürlich kommunizieren wir Fahrzeugübergaben an die Tafeln auch an die lokale Presse. Wir selbst schalten allerdings keine großen Anzeigenkampagnen oder Ähnliches. Ich denke, dieses Engagement trägt auch zu einem positiven Image bei." Das funktioniert, und beide Seiten haben etwas davon. Im Mai übergibt Mercedes den 500. Transporter.
Kühltransporter sind wichtig für die Tafeln, viele Lebensmittelhersteller und Supermarktketten bestehen darauf. Wenn von der Tafel kein Kühlfahrzeug kommt, spenden die Firmen ihre überschüssige Ware nicht. "Am Anfang haben wir ungern mit der Tafel zusammengearbeitet, weil wir in der Produkthaftung bleiben", sagt zum Beispiel der Edeka-Kaufmann Jörg Hieber dazu. "Wenn sich jemand mit unserer gespendeten Ware den Magen verdirbt, steht hinterher unser Name in der Zeitung. Das geht nicht."
Etliche Unternehmen unterstützen die Tafeln. Anwaltskanzleien, Steuerberater, Werbeagenturen arbeiten pro bono. McKinsey stellte Berater kostenlos dafür ab, um etwa ein Handbuch für den Aufbau und die Organisation von Tafeln zu entwickeln - eine große Hilfe in den Anfangsjahren, als sich überall Initiativen gründeten, die dann von der Berliner Tafel wissen wollten, wie es geht. Der Handelskonzern Metro hilft jährlich "mit einer mittleren sechsstelligen Summe" der Geschäftsstelle des Bundesverbandes Deutscher Tafeln e. V. in Berlin. Der Discounter Lidl bietet seinen Kunden am Pfandautomaten an, auf einen Spendenknopf zu drücken und so das Pfandgeld an die Tafeln zu spenden, statt den Bon selbst einzulösen. Die Reihe der Unterstützer aus Handel und Industrie ließe sich ohne Mühe weiter fortsetzen.
Und weil es dabei um Image-Transfer und Geld geht, ist die Voraussetzung klar: Professionalität. Was Daimler-Manager Urbach über mögliche Exit-Szenarien sagt, dürfte ähnlich auch für andere Sponsoren gelten. "Wir sehen derzeit keinen Grund, die erfolgreiche Zusammenarbeit zu beenden. Aber unser Engagement ist natürlich an Bedingungen geknüpft. Wir sehen unsere Unterstützung als Partnerschaft unter Profis. Sollten die vereinbarten Bedingungen nicht eingehalten werden, müssten wir natürlich darüber nachdenken, wie es mit unserem Engage ment weitergeht." Schwierig könnte es werden, wenn gesponserte Fahrzeuge unter der Hand weiterverkauft würden oder wenn die Tafeln ein gravierendes Image-Problem bekämen.
Der verwöhnte Verbraucher sorgt für Nachschub
Noch so viele Transporter und Berater könnten den Tafeln allerdings nicht helfen, wenn im Handel nicht so viele Lebensmittel übrig blieben. Nachschub für die Tafeln aber gibt es immer noch genug - obwohl die Handelskonzerne fortwährend an der Verbesserung ihrer Warenwirtschaft und Logistik arbeiten. Dass die Discounter und Supermärkte jeden Tag Tonnen von Nahrung entsorgen müssen, liegt indes nicht an Fehlplanungen des Handels, sondern an den Kunden. "Kein Supermarkt kann es sich leisten, abends um kurz vor acht leere Gemüse- und Obstregale zu haben. Aber Sie können zum Beispiel ein Erdbeerschälchen, das einen Tag im Regal stand und sein frisches Aussehen eingebüßt hat, nicht mehr verkaufen", sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI, einem vom Handel finanzierten Forschungsinstitut. Etwa ein Prozent des Umsatzes muss der Lebensmittelhandel im Schnitt als unverkäufliche Ware abschreiben und entsorgen, schätzen Insider.
Jörg Hieber, früher im Edeka-Aufsichtsrat, heute Betreiber von zehn Filialen in Lörrach, bringt die Anspruchshaltung der Endverbraucher lakonisch auf den Punkt: "Wir haben die Kunden so erzogen, da müssen wir uns heute nicht beschweren, wenn sie eine braune Banane liegen lassen. Wir wollten verwöhnte Kunden. Die haben wir jetzt auch." Schließlich sind verwöhnte Kunden die einzige Chance der Vollsortimenter, nicht von den Discountern überrollt zu werden. Hieber: "Wir haben heute ein Riesensortiment. Und je größer das Sortiment, desto größer ist die Gefahr, dass Ware übrig bleibt."
Michael Gerling vom EHI hat das genauer untersucht. "Wir machen regelmäßig Sortiments-Breitenerhebungen. Wir gehen in die Geschäfte und zählen die Artikel durch. Gerade das Angebot bei den frischen Fertigprodukten, wie vorbereitete Salate und geschnittenes Obst, ist stark gewachsen. Im Jahr 2000 haben wir 66 solcher Artikel gezählt - 2008 schon 338. Genau der Bereich, der hohe Abschreibungen produziert, wurde also ausgedehnt." Gut für die Tafeln.
Dass der Handel ein Prozent seiner Lebensmittel entsorgen muss, ist nichts, verglichen mit der Verschwendungslust der Verbraucher. Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien wollte es genau wissen. Sie und ihre Kollegen haben im Hausmüll von rund 1300 Haushalten gewühlt. Sechs bis zwölf Prozent des Restmülls waren noch verwertbare, angebrochene oder originalverpackte Lebensmittel. Das sind für Österreich im Schnitt 10 bis 20 Kilo pro Einwohner und Jahr. Weil es vergleichbare Untersuchungen in Deutschland nicht gibt, haben die Marktforscher der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Schneiders Zahlen für Deutschland hochgerechnet. GfK-Mitarbeiter Wolfgang Twardawa sagt: "Wir schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr originalverpackte Lebensmittel im Wert von zehn Milliarden Euro im Hausmüll landen."
Übrigens ist das keine Frage des Preises, so die Abfallforscherin Schneider: "Wir haben in Österreich auch originalverpacktes Biofleisch im Hausmüll gefunden. Das wurde vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums weggeworfen." Bei den Erklärungsversuchen ist die Wissenschaftlerin auf Vermutungen angewiesen. "Wir haben beobachtet, dass in Wohngegenden mit älterer Bevölkerung seltener Lebensmittel weggeworfen werden", berichtet sie. "Eine These in der Sozialforschung ist, dass die Wertschätzung von Lebensmitteln abnimmt, je weiter der Konsument von der Nahrungsproduktion entfernt ist und je weniger er darüber weiß."
Die Kehrseite vom Überfluss ist der Mangel. Nicht unbedingt der Mangel an Essen, eher der Mangel an Wissen. Hunger ist in Deutschland nicht das Problem, auch nicht für Langzeitarbeitslose. Das Problem ist, dass das Essen irgendwie nebenbei erledigt wird und dass immer mehr Menschen immer weniger über Essen wissen und die Tiefkühlpizza mit einem Grundnahrungsmittel verwechseln.
"Wenn Leute wenig Geld haben, dann sparen sie zuerst am Essen. Was wir beobachten, ist, dass viele am liebsten alles essen, was schnell geht. Trotz der vielen Zeit, die man als Hartz-IV-Empfänger hat, nehmen sie sich nicht die Zeit, um etwas zu kochen", sagt Sabine Werth. Sie ist keine Kulturpessimistin und ziemlich weit davon entfernt, Menschen aus den berühmten bildungsfernen Schichten prinzipiell selbst für ihr Unglück verantwortlich zu machen. Mit anderen hat sie vor 16 Jahren in Berlin die erste Lebensmitteltafel in Deutschland gegründet und ist bis heute Vorsitzende der Berliner Tafel. Eine wache, pragmatische Frau, die die Probleme sehr unverschnörkelt analysiert. "In der Spargelzeit zum Beispiel werden wir den Spargel in den Ausgabestellen nicht los, weil die Leute nicht wissen, wie sie ihn kochen sollen, oder weil es ihnen zu viel ist, ihn zu schälen. Viele Leute wollen lieber Junkfood mitnehmen als Obst und Gemüse. Zucchinis bleiben öfter liegen, wenn man den Leuten keine Rezepte dafür erklärt. Deshalb wollen wir in diesem Jahr mit mehreren Kooperationspartnern ein Kochbuch herausgeben. Auf Maracujas bleiben wir sitzen, weil die Leute sie nicht kennen. Jede Tiefkühlpizza ist ihnen lieber. Und die Kinder in die sen Haushalten gewöhnen sich von Anfang ans teure Junkfood. Die Kombination aus zu wenig Geld, von der Werbung und den Geschmacksverstärkern im Junkfood antrainierte Konsumgewohn heiten und zu wenig Wissen über Ernährung ist dramatisch."
Neu im Angebot: Kochkurse
Sabine Werth und ihre Mitstreiter arbeiten lieber an Lösungen, als es bei der Problembeschreibung zu belassen. Deshalb bieten sie an vielen Ausgabestellen von Laib und Seele Kochkurse an - zum Beispiel in Spandau bei Frau Mozen. Das ist ein erster Schritt. Der nächste sind "Kinderrestaurants" - nicht nur für Kinder von Bedürftigen, sondern, um keinen Beigeschmack von Stigmatisierung aufkommen zu lassen, für alle. Bisher gibt es zwei Kinderrestaurants der Berliner Tafel, in denen Kinder und Jugendliche nach der Schule ein Drei-Gänge-Menü für einen Euro bekommen.
Andere Tafeln in Deutschland haben sich für andere Modelle entschieden - etwa dafür, in den Schulen Vesper-Päckchen zu verteilen. "Wir erleben in unseren Kinderrestaurants, dass Kinder mit acht oder neun Jahren nicht mit Messer und Gabel essen können, weil sie das noch nie in ihrem Leben machen mussten. Für Fischstäbchen oder Burger reichen die Hände", sagt Sabine Werth. "Diese kulturelle Verarmung erschreckt mich. Dagegen etwas zu unternehmen, zum Beispiel durch kostenloses Essen in den Schulen, damit wirklich alle Kinder lernen, beim Essen am Tisch zu sitzen und mit Messer und Gabel zu essen, finde ich wichtiger als die Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes um ein paar Euro. Es geht einfach um so etwas wie einen bewussten Umgang mit Essen. Das fehlt nicht nur bei Kindern von Hartz-IV-Empfängern, das geht durch die ganze Gesellschaft."
Eines der Kinderrestaurants liegt in Reinickendorf im Berliner Norden, auch das kein Problembezirk. Hierher kommen keine Kinder von Hartz-IV-Empfängern, sondern Kinder, bei denen beide Eltern arbeiten. Es ist ein freundlicher Ort und einer, an dem etwas ziemlich Ungewöhnliches selbstverständlich ist: Beim Essen wird nicht mit dem Gameboy oder dem Handy gespielt. Für Mike, Steve und Fabian, alle 16 Jahre alt, ist das okay. Weshalb? "Es schmeckt", grinsen sie bestens gelaunt. Sie haben nichts gegen Junkfood, "ab und zu" - aber "hier ist es besser und gesünder".
Mittlerweile kalkuliert die Sozialbürokratie mit den Tafeln
Eigentlich könnte Sabine Werth stolz darauf sein, was die Tafel-Bewegung in den vergangenen 16 Jahren erreicht hat. Aber im Augenblick macht sie der Erfolg und das allgemeine Schulterklopfen, vor allem von Politikern, eher misstrauisch. "Es wäre fatal, wenn der Erfolg der Tafeln es der Politik ermöglichen würde, sich aus der Verantwortung zurückzuziehen, bis am Ende des Weges aus Bürgern mit einklagbaren Rechten Almosenempfänger werden, die sich ihr Essen in karitativen Einrichtungen holen müssen. Diese Diskussion müssen wir führen. Die Politik muss Armut bekämpfen, statt es sich bequem zu machen und sich mit den Tafeln zu schmücken."
Das ist alles andere als eine rein theoretische Debatte. 2005 reduzierten eifrige Sozialbürokraten in Bochum Leistungsempfängern die Zuwendungen zum Lebensunterhalt. Begründung: Ihr Essen könnten sie sich ja bei der Tafel holen. Auch wenn Arbeits- und Sozialminister Olaf Scholz dem Bundesverband im vergangenen Jahr zusicherte, die Tafel-Lebensmittel würden als geringfügig gewertet und den Hartz-IV-Empfängern nicht vom Regelsatz abgezogen - spätestens wenn die Länder in der Rezession angesichts wegbrechender Steuereinnahmen prüfen müssen, wo sie ihre Ausgaben reduzieren können, dürfte dieses Problem auf die Tafeln zurollen.
Im März hat Frau Mozen von der Laib-und-Seele- Ausgabestelle der Tafel in Berlin-Spandau schon mal einen Vorgeschmack darauf bekommen. Im Jobcenter hatten die Beamten keine Lust, Menschen in einer akuten Notlage wie üblich für die erste Zeit Überbrückungsgeld zu geben. Sie drückten ihnen nur einen Zettel mit den Öffnungszeiten von Laib und Seele in die Hände.-
Literaturhinweis:
Stefan Selke (Hrsg.): Tafeln in Deutschland - Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention. VS Verlag; 300 Seiten; 24,90 Euro. Das Buch erscheint voraussichtlich im Juni 2009.
