Navigation

Inhalt

brand eins 07/2004 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Luftnummer

Mit fliegenden Stachelrochen, pneumatischen Käfern und schwebenden Hallen hat es der schwäbische Automatisierungskonzern Festo binnen weniger Jahre vom nahezu anonymen Maschinenbauer zur weltbekannten Marke gebracht. Gleichzeitig bewiesen die Schwaben, wie mächtig Design wirken kann - so mächtig, dass das Unternehmen schließlich Angst vor der eigenen Courage bekam.

 

Es passiert nicht oft, dass Gerhard Schröder mit ganzem Gewicht auf eine wirklich zukunftsträchtige Sache setzt, doch diesmal hatte der Bundeskanzler Glück. Es war auf der Hannover Messe im April, als er in der Halle des Automatisierungskonzerns Festo vor einem silbernen Gefährt stehen blieb. "Hinsetzen, hinsetzen!" johlten die Fotografen, und Schröder ließ sich in den Sattel des Dreirads plumpsen, das irgendwie an eine Mischung aus motorisiertem Kettcar und ausrangierter Marssonde erinnerte.

Was dabei ein wenig unterging, war der eigentliche Star des Tages: ein kleiner schwarzer Gummikolben am Chassis des Dreirads, eine Technikrevolution namens "Fluidic Muscle", die für eine völlig neuartige Art des Antriebs steht. Zu verdanken ist er indirekt Wilfried Stoll, schwäbischer Visionär und zusammen mit seinem Bruder Kurt Eigentümer der Festo AG & Co. KG in Esslingen. Gegründet 1925 von Wilfrieds und Kurts Vater Gottlieb, heute 1,2 Milliarden Euro Umsatz schwer, mit mehr als 250 Niederlassungen rund um den Erdball, 10 600 Mitarbeitern und Produkten wie Ventilen und Druckschaltern, pneumatischen Antrieben und Steuerungen. Fast überall, wo heute etwas mit Luft gefedert, betrieben oder angetrieben wird, ist Festo dabei.

"Wir verkaufen Luft", heißt es bei Festo mitunter scherzhaft, und genau darin steckt das Problem: Die Bandbreite der Produkte, die sich mit Luft herstellen oder betreiben lassen, ist begrenzt - und damit auch das Wachstum des Konzerns. Weil Festos wichtigster Werkstoff zudem unsichtbar und eher unaufregend ist, plagt die Schwaben ein typisches Problem von Investitionsgüterherstellern: Außerhalb der Branche interessiert sich niemand für sie. Und selbst innerhalb lässt sich mit technischen Details eines Fertigungsroboters selten Begeisterung erzeugen.

Weil das so ist, fing Wilfried Stoll vor gut zwölf Jahren an, über neuartige, ungeahnte Pneumatik-Produkte nachzudenken. Die eigene, mehrere hundert Mitarbeiter starke Entwicklungsabteilung schien ihm dafür wenig geeignet: Kein Forscher werde motiviert ein Projekt angehen, an dessen Ende er möglicherweise mit leeren Händen dastehe, erklärte er. "Unsere Entwicklungsabteilung arbeitet an der zielgerichteten Lösung von Kundenproblemen", so Stoll in einem der seltenen Interviews. "Wenn man aber Grundlagenforschung betreibt, ist der Ausgang sehr ungewiss." Also holte er sich Hilfe von außen.

Ein heimlicher Auftrag und fantastische Ergebnisse Den Ersten, den er engagiert, ist der Schweizer Andreas Reinhard, ein genialer Tüftler, der mit seiner 25-Mann-Firma Prospective Concepts im Auftrag von Großunternehmen Dinge denkt, die sie selbst nicht denken können. Jahrelang füllt Stoll Millionenbeträge in den Think Tank, ohne dass seine eigenen Entwickler davon erfahren. "Es gab keinerlei Beschränkungen: Wir sollten darüber nachdenken, was man mit Luft alles anstellen kann", schwärmt Reinhard im Rückblick. Und dieses Ziel verfolgt er mit unglaublicher Fantasie und Visionskraft.

Der Zweite, den Stoll engagiert, ist Axel Thallemer, ein junger, ehrgeiziger Designer aus dem Porsche-Entwicklungszentrum. Thallemer hat als Kunstschreiner und Kunstschmied gearbeitet, dann Philosophie, Wissenschaftstheorie und Linguistik studiert, einen Diplomingenieur daraufgesetzt und schließlich noch in New York Psychologie, Business sowie Public Relations studiert. Der heute 44-Jährige ist ein Mann mit ungewöhnlichen Ideen und erheblichem Selbstbewusstsein. Nachwuchsgestalter, die per Designstudium in den Beruf einsteigen wollen, sind ihm ein Gräuel. Um Designer zu werden, solle man sich erst einmal einen Überblick über die Entwicklung der Gesellschaft verschärfen, fordert er: "Das ist eine gute Grundlage." Thallemers Aufgabe bei Festo ist es, für den Weltkonzern ein stimmiges, markantes Corporate Design zu entwickeln. Genau wie Reinhard wird er direkt Vorstandschef Stoll unterstellt.

Natürlich lässt sich Stolls Experiment nicht lange verheimlichen. Bei Festo, das in Sachen PR von jeher nahezu überdiskret ist, sorgen die öffentlichkeitswirksamen Ideen der beiden Neuen für erhebliche Unruhe. Festo veröffentlicht traditionell keine Bilanzergebnisse und versteht unter Pressearbeit vor allem Produktinformationen. Wilfried und Kurt Stoll, die Eigentümer, sind ähnlich verschwiegen wie die Aldi-Albrechts. So dringend ihr Unternehmen Publicity braucht, so sehr ist sie ihnen selbst fremd.

Umso exzentrischer mutet im Rückblick die Verpflichtung der beiden Überflieger Thallemer und Reinhard an. Schon damals, ist zu erfahren, dass die Entwicklungsarbeit lediglich "von 50 Prozent des Festo-Kapitals" (heißt: ausschließlich von Wilfried Stoll) unterstützt werde. Kurt Stoll hingegen, der Techniker, gilt als ein eher nüchterner, pragmatischer Macher. Die Exkurse seines weitsichtigen, sechs Jahre jüngeren Bruders unterstützt er nicht, hält sie allem Anschein nach aber auch nicht auf.

Hätte er gewusst, was Reinhard und Thallemer im Laufe der Jahre austüfteln - vielleicht hätte Kurt Stoll doch interveniert. Denn die beiden nehmen ihren Auftrag sehr ernst und fantasieren, denken und entwickeln weit jenseits dessen, was in Esslingen für nötig und möglich gehalten wurde. Sie bedienen sich bei der Natur, "dieser in Jahrmillionen erprobten Inspirationsquelle" (Thallemer), und erklären die Bionik zur Konstruktionsphilosophie des 21. Jahrhunderts. Sie formen nach dem Vorbild von Libellenflügeln eine aufblasbare Ausstellungshalle Airtecture, die ausschließlich von Luft getragen, leicht und erdbebensicher ist. Sie bauen einen neun Tonnen schweren, aber federleicht anmutenden Einpunktschirm, der einem überdimensionalen Pilz ähnelt und heute die Eingangspforte des Festo-Werks beschirmt. Sie konstruieren ein Technologiecenter, das mit Geothermie beheizt und von einem superintelligenten Orientierungssystem durchdrungen ist. Das Atriumdach des 34 000 Quadratmeter-Gebäudes besteht nicht aus Glas, sondern aus Membranen von nur 1/10 Millimeter Dicke. Den nötigen Sonnenschutz gewährt ein dreilagiges Kissen, dessen schachbrettartiges Muster sich pneumatisch übereinander in Deckung bringen lässt. "Damit" , so Thallemer stolz, "ist die Verschattung von 47 bis 94 Prozent steuerbar." Und damit zeigt das Unternehmen gleichzeitig, was pneumatisch in ihm steckt. Wer Festo besucht, um etwas über die technologische Leidenschaft des Unternehmens zu erfahren, dem braucht man es nicht zu erzählen - er sieht, fühlt und begreift es hier. Mehr kann Design wirklich nicht leisten.

Weniger will Thallemer auch nicht leisten. "Ein Industriedesigner ist nicht nur zum Behübschen da", postuliert er. "Im Gegenteil: Corporate Design ist als Prozess geeignet, um schneller als alle anderen neue Geschäftsmöglichkeiten zu entwickeln." So kommen in diesen Jahren aus Thallemers Werkstatt unter anderem ein automotiver Hirschkäfer mit fürchteinflößenden Geweihzangen, angetrieben von pneumatischen Muskeln. Ein Laufschuh mit Springmechanismus, der die Känguru-Fortbewegung ermöglicht. Ein luftgefülltes Büroschlafkissen. Das aufsehenerregendste Projekt aber präsentiert Reinhard 1998 auf einem ehemaligen Flugplatz der Schweizer Armee: ein Fluggerät, dessen Form an einen Stachelrochen erinnert, und das deshalb Stingray heißt. Die Flügel des Rochens bestehen - und das ist die Sensation - aus einer hauchdünnen, luftgefüllten Membran. Es ist der hochfliegende Beweis, dass man Festos federleichten Werkstoff tatsächlich so haltbar machen kann, dass er sogar Menschen in die Lüfte trägt. Und zugleich ist es der beste Beleg, wie kreativ Festo mit diesem Werkstoff umzugehen weiß.

All das klingt nach Luftnummern, ist aber handfeste Grundlagenforschung. Während der Arbeit am Stingray etwa fallen acht Patente und ein gutes Dutzend Nebenprodukte ab, darunter luftgetriebene Türfallen und aufblasbare Schalungen, die heute in diversen Festo-Produkten zum Einsatz kommen. "Unser Ziel waren keine Happenings, sondern Ingenieursentwicklungen, die uns zu neuen Lösungen bringen", erklärt Thallemer. Zusammen mit Bayer entwickelt die Corporate-Design-Abteilung Vitroflex, eine neuartige, ökologisch saubere Membran, aus der eine aufblasbare Halle namens Airquarium geformt wird. Nach Wasserkanalmessungen mit Pinguinen wird eine Hotte von Airfishes genannten, besonders aerodynamischen Luftschiffen zusammengestellt, die weltweit Werbung für Festo machen.

Ein Irrtum, späte Rache und noch eine Fehleinschätzung "Wir wollten zeigen, dass alles, was in und um Luft denkbar ist, tatsächlich machbar ist. Wir haben deshalb gezielt nach Dingen gesucht, die von Leuten wie Leonardo da Vinci oder Jules Verne gedacht, aber nicht umgesetzt worden sind", erzählt Thallemer. Jedes einzelne Produkt von Reinhard und Thallemers wirkt wie eine magische Metapher für das, was Festo im Kern ausmacht: die Kraft, großartige, technologisch weitsichtige Ideen mit Luft zu entwickeln. Damit sind sie mehr wert als alle Messeauftritte und Imagebroschüren zusammen, in denen von "Innovation" und "Leadership" gefaselt wird. Sie sind der spektakuläre, anfassbare, nicht wegzudiskutierende Beweis für all das.

Nebenbei sorgen spektakuläre Luftschlösser wie das Upside-Down-Luftschiff (ein scheinbar auf den Kopf gestellter Ballon) auch für unbezahlbare Aufmerksamkeit. Von 1995 bis 1998 schickt Festo seine Ballone rund um die Welt zu den Festo-Landesgesellschaften in Europa, Asien, Nordamerika und Südamerika. "Geo" und " Spiegel" berichten staunend, "Wired" schickt einen Reporter über den Atlantik nach Esslingen, und das "Manager Magazin" schreibt: " Eigentlich wäre das Unternehmen nicht weiter der Rede wert, wenn es nicht jene Zauberwerkstatt besäße." Das ist einerseits himmelschreiend ungerecht, denn ohne jene ebenso hochwertigen wie unaufregenden Produkte, die bei Festo ganz im Stillen entstehen, wäre auch die Zauberwerkstatt nichts wert. Andererseits verfügen aber auch die Festo-Wettbewerber über vergleichbare Produkte. "Wenn Produkt, Preis, Lieferzeit und Kundendienst überall mehr oder weniger gleich aussehen, was bleibt dann noch, um ein Unternehmen von dem anderen zu unterscheiden? Es ist der fun stuff", schreibt " Wired" über Festo.

Mit diesem "fun stuff" und seinem blaugrauem Corporate Design avanciert der Konzern vom großen Unbekannten zur weltweit populären, unverwechselbaren Marke - ein echtes Unikum in der milliardenschweren wie mausgrauen Investitionsgüterbranche. Nebenbei räumt das Unternehmen an Design-Awards ab, was es zu holen gibt. Viermal wird Festo mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet - für einen Investitionsgüterproduzenten eine einzigartige Ehre. 2001 gewinnt Thallemers Team sogar den Titel "Design Team of the Year" - gegen die Konkurrenz weit größerer Designabteilungen von Konzernen wie Sony, Audi oder Philips.

"Dabei ist der Begriff Design eigentlich falsch" , schränkt Thallemer ein. "Richtiger wäre: Gestalt schaffen. Und das darf sich nicht im Styling erschöpfen. Gute Designer sind Problemsucher. Sie müssen nahezu alle Prozesse, nicht nur die formalen, grundsätzlich in Frage stellen." Dieses Credo setzt Thallemer zehn Jahre lang derart konsequent um, dass er bei Festo zunehmend selbst in Frage gestellt wird. Dabei erweist sich seine Position als von höchster Ebene ermächtigter Reformator als schwerer Konstruktionsfehler: Es ist die Lizenz zum Unbeliebtmachen. Denn jene, deren Arbeit er infrage stellt, empfinden seine Einmischung als permanente Kompetenzüberschreitung - so ist es jedenfalls im Unternehmen zu hören. Zudem tut Thallemer dem Vernehmen nach zu wenig, um in der Firma für seine Sache zu werben. "Der Mann fackelt nicht lange, kommt - schon aus Zeitgründen - sofort zur Sache, nennt die Dinge beim Namen", beschreibt ihn Andrej Kupetz, Chef des Rats für Formgebung. "Wenn sich jemand auf den Schlips getreten fühlt oder gar verletzt ist, schert ihn das wenig: Beleidigte sind für ihn Bremser, die das Fortkommen, die Entwicklung verzögern, aber letztlich doch nicht verhindern können." Das aber ist ein grundlegender Irrtum. Denn je heller das Festo-Corporate-Design strahlt, je ideenreicher die Experimente ausfallen und je mehr Preise Festo einheimst, desto mehr Kollegen im Unternehmen fühlen sich auf den Schlips getreten. Solange Stoll seine Hand schützend über Thallemer hält, ficht das den Corporate-Design-Chef nicht an. Als Willried Stoll aber Anfang 2004 den Unternehmensvorsitz abgibt, ist auch die Zeit des eigenwilligen Designers abgelaufen.

Seitdem scheint es, als ginge dem einst sensationell guten Festo-Design zunehmend die Luft aus. Faszinierende Festo-Projekte à la Airquarium oder Funnbrella wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dem Airquarium hat man die Luft abgelassen. Die Airtecture-Halle steht leer. Andreas Reinhard und seine Ingenieure forschen heute lediglich an produktnahen Umsetzungen der Überflieger-Projekte von einst. Die preisgekrönte Corporate-Design-Abteilung ist bis auf eine knappe Hand voll Hilfskräfte aufgelöst, ihr einstiger Kopf soll künftig lediglich als freier Berater fungieren.

Wilfried Stoll will zu all dem nichts sagen. Axel Thallemer wiederum darf nichts sagen, was nicht Wort für Wort vom neuen Pressemann Heinrich Frontzek freigegeben wurde. Der hat die Tradition des Festo-Schweigegelübdes nur insoweit modifiziert, als er viele Worte braucht, um wie gewohnt wenig zu sagen. Auf die Frage, warum denn eine offenbar extrem erfolgreiche Abteilung demontiert wurde, bescheidet er lediglich: "Die Entwicklung und Implementierung des Corporate Designs ist bereits erfolgt." Genauso gut könnte man behaupten, die Evolution sei abgeschlossen.


Anzeige

Anzeige

Anzeige