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brand eins 07/2004 - SCHWERPUNKT: Radikal
Der schizophrene Staat
Saudi-Arabien ist ein zerrissenes Land zwischen Tradition und Moderne, zwischen Religion und Staat, zwischen Mann und Frau, zwischen Arm und Reich. Und alle Fraktionen wissen: SIE MÜSSEN SICH UNBEDINGT DURCHSETZEN.
Saudi-Arabien, das Paradies für islamische Extremisten: 15 der 19 Attentäter vom 11. September 2001 waren Bürger Saudi-Arabiens. Wie viele Terrorzellen heute im Königreich aktiv sind, weiß niemand. Fakt ist: 2000 bis 3000 der insgesamt 50 000 vom Staat alimentierten, in den Moscheen predigenden Kleriker gelten als kompromisslose Wahhabiten, die die Herzen und Hirne junger Saudis vergiften.
Saudische Intellektuelle erkennen im wahhabitischen Klerus mittlerweile eine der Quellen, die den Terror nähren. Die reformorientierte Tageszeitung " Al-Watan" druckte vor einiger Zeit eine legendär gewordene Karikatur ab, die einen Sittenwächter als Selbstmordattentäter zeigt, gerüstet mit einem Munitionsgürtel - doch statt Dynamitstangen trägt der Prediger Papierrollen. Sie sollen Fatwas symbolisieren, denn in diesen islamischen Rechtsgutachten haben einige saudische Hassprediger immer wieder Gewalt gegen Menschen aus dem Westen gutgeheißen. Ein besonders abstoßendes Beispiel war eine nachträgliche Rechtfertigung der Leichenschändung von US-Söldnern in Falluja im Nachbarland Irak - eine Tat, die sogar von radikalen Imamen im Irak als unislamisch abgelehnt wurde. Die Prediger des Hasses bereiten den Boden, versprechen den Jugendlichen im Falle der Märtyrerschaft das Paradies - und manche ihrer Zuhörer schreiten dann zur Tat.
Vom extremen Gotteskrieger zum radikalen Reformer Mansour al-Nogaidan war früher einer der Handlanger des Hasses. Heute ist er ein glücklicher Mann. Vor seinem Haus im Bezirk Malass in der saudischen Hauptstadt Riad zwitschert ein Kanarienvogel fröhlich in seinem Käfig. In seinem Arbeitszimmer im ersten Stock seines kleinen Apartments steht in einer Ecke ein Aquarium, in dem tropische Zierfische in fröhlichen Farben schwimmen. Der 3 3-jährige Mansour, der heute Kolumnen für die in der Hauptstadt erscheinende Zeitung "Al Riyadh" schreibt, stellt Kekse, Kaffee und reichlich mit Kardamom gewürzten Tee bereit und setzt sich in den dick gepolsterten Lesesessel. Es heißt, Mansour sei verlobt mit einer 29-jährigen Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie habe sich in ihn verliebt, weil sie seine Zeitungskommentare so bewundert habe, und bald wollten die beiden heiraten. Mansour schmunzelt nur. Über Privates zu reden schickt sich nicht im Königreich. Mansour spricht mit sanfter Stimme, er ist ein kleiner, rundlicher Mann mit einem intensiven Blick. Er hat das, was man Charisma nennt.
Mansour war nicht immer glücklich: Früher war er ein junger Koranstudent voller Wut, in dessen Herz salafistische Prediger Intoleranz und Hass gesät hatten. Die Salafisten fordern eine buchstabengetreue Auslegung des Korans und lehnen Musik, Philosophie und Literatur ebenso ab wie andere Religionsformen und Kulturen. Toleranz ist Salafisten unbekannt.
Mansour kam 1970 in Buraida, einer jahrhundertealten Karawanserei auf der Route zwischen Kuwait und Mekka, zur Welt. Buraida ist die Hauptstadt der besonders konservativen Region Al-Qasim und eine Stadt der Extreme: Der liberale Schriftsteller Turki al-Hamad stammt von dort, ebenso wie einige jener radikalen Scheichs, die Bin Laden inspirierten. Mansour wuchs in einer Zeit der islamischen Erweckung auf: Als er neun Jahre alt war, stürmten junge Extremisten um den fundamentalistischen Prediger Dschuhaiman al-Oteibi die große Moschee in Mekka und hielten sie tagelang besetzt. Die Botschaft der Moscheebesetzer: "Die Dynastie der Sauds macht gemeinsame Sache mit den Ungläubigen", sie " importiert westliche Werte, Säkularismus und erlaubt Frauen, im Fernsehen aufzutreten". Außerdem reiste die königliche Familie, allen voran die vielen Prinzen, in ihren Privatjets herum und investierten ihr Geld in Whiskey, Frauen und Glücksspiel. Die Anschuldigungen Dschuhaimans trafen die königliche Familie, die Hüterin der Heiligen Stätten des Islams in Mekka und Medina, ins Mark. Nach zwei Wochen stürmte die Polizei die Moschee, 200 Polizisten und Terroristen kamen ums Leben. Zwei Monate später wurden 63 der Gefangenen, Dschuhaiman war darunter, öffentlich enthauptet.
Doch die Gedankenwelt Dschuhaimans lebte weiter. Die königliche Familie sah sich gezwungen, den wahhabitischen Klerikern Macht und weit reichende Befugnisse zu übertragen, um einem Putsch vorzubeugen. In diesem politischen Klima wuchs Mansour auf. Koranschulen schossen wie Pilze aus dem Boden, auf den Basaren wurden Kassetten mit radikalen Predigten verkauft, überall im Land wurde Geld gesammelt für die Mudschahedin, die in Afghanistan gegen die Sowjets kämpften. Saudische Freiwillige, die in Afghanistan umkamen, wurden zu Hause wie Helden verehrt - Märtyrer im Kampf gegen die Gottlosen. Als Mansour ungefähr 15 Jahre alt war, begann er, sich immer mehr mit religiösen Fragen zu beschäftigen: Er studierte den Koran, betete und zog sich von seinen Freunden zurück. In der Schule lief es schlecht, weil er die weltlichen Fächer vernachlässigte. Mansour lernte einen ultrakonservativen Prediger namens Abdul Karim Ibn Saleh al-Hamid kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm. Al-Hamid prophezeite Mansour eine Zukunft als Prediger: Um ins Paradies zu kommen, sollte er die öffentliche Schule verlassen und sich ganz dem Glauben zuwenden. Mansour wurde Salafist, verließ seine Familie und zog in eine Salafisten-Kommune. Er ließ sich den für Salafisten typischen Bart wachsen und entsagte jeglichem Besitz - er wurde zu einem puristischen Islamisten.
1991 rief der damals vor allem als Held im Afghanistan-Krieg bekannte Osama Bin Laden Mansour nach Dschidda. Er folgte dem Ruf seines damaligen Heroen, doch als er in die Hafenstadt an der Westküste des Landes kam, hatte Bin Laden bereits das Land verlassen - er war in den Sudan geflüchtet. Enttäuscht ging Mansour zurück nach Buraida, wo er sich zu einem charismatischen Prediger entwickelte.
Doch irgendwann schien ihm Predigen zu wenig. Mansour wollte Dschihadi werden und für den wahren Islam in den Heiligen Krieg ziehen: 1992 zündete er mit Mitkämpfern die größte Videothek in Riad an - die Bänder mit ihrem liederlichem Inhalt sollten in Flammen aufgehen. Nach diesem ersten Terrorakt in der jüngeren Geschichte des Königreiches stand ein Frauenhilfszentrum auf der Liste: "Wir dachten, die streben die Befreiung der Frau an. Das hielten wir für unislamisch", erzählt er. Mansour wurde geschnappt, gestand die Brandanschläge und wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt, aufgrund seiner Jugend und seiner guten Führung jedoch nach zwei Jahren entlassen.
Seine Schwester, eine moderne Frau, brachte ihm Bücher in die Zelle, die ihn mit liberalen islamischen Philosophen vertraut machten. Mansour konnte es nicht fassen: Es entdeckte einen gütigen, verständnisvollen Islam jenseits der sittenstrengen, intoleranten Koran-Auslegung der in Saudi-Arabien dominanten Sekte der Wahhabiten. Nach und nach begann er, seine bisherigen Positionen zu überdenken. Mansour legte seine militante Vergangenheit ab, studierte weiter und brach mit dem Wahhabismus.
Für liberale, fortschrittliche Saudis ist Mansour zu einem Symbol der Hoffnung geworden: Er, der früher Brandbomben geworfen hatte, setzt sich heute in saudischen und internationalen Zeitungen für weit gehende Reformen in seinem Land ein. In seinem international beachteten Kommentar in der "New York Times" schrieb er vergangenes Jahr: "Was Saudi-Arabien braucht, ist eine Wiedergeburt. Wir brauchen Geduld und die Fähigkeit, die Konsequenzen unserer Verbrechen in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu tragen. Nur wenn wir beginnen, uns so zu sehen, wie der Rest der Welt uns sieht - als Nation, die einen Terroristen nach dem anderen hervorbringt -, und beginnen, darüber nachzudenken, warum dem so ist, werden wir in der Lage sein, dieses Image zu korrigieren und die Wurzel des Übels auszureißen." Mansour hat einen dramatischen Wandlungsprozess durchgemacht: vom extremistischen Dschihadi zum radikalen Reformer.
Die Trennung von Palast und Moschee Adel al-Toraifi, ein Freund Mansours und scharfer Kritiker der Regierung, ist skeptisch, ob das Haus der Sauds den Terror wirksam bekämpfen kann. Der junge politische Analyst al-Toraifi benennt die Wurzel des Übels: den Wahhabismus. Mohammad bin Saud, Vorfahre des heutigen Herrschergeschlechtes der Sauds, schloss 1744 einen Pakt mit Imam Mohammad bin Abdul Wahhab: Die Sauds strebten die weltliche Vorherrschaft auf der arabischen Halbinsel an, Wahhab die geistliche - man beschloss, fortan das Ziel mit vereinten Kräften zu verfolgen. Eine Hochzeit besiegelte die Zweckgemeinschaft: Der Sohn von Mohammad bin Saud, Abdul Aziz, heiratete die Tochter des Imam Mohammad. So wurde der aus dem Salafismus hervorgegangene Wahhabismus die dominante islamische Sekte auf der arabischen Halbinsel - bis heute ist jede andere Religion im Lande diskriminiert. Dabei gilt selbst in anderen islamischen Ländern der Wahhabismus als besonders sittenstreng und intolerant.
Adel, den man in Riad in schicken Cafes wie dem " Scoler" oder dem "Y-Cafe" findet, war in seiner Jugend ebenfalls ein glühender Gläubiger, zwar nicht militant und gewalttätig wie Mansour, aber " sehr, sehr fromm", wie er selbst sagt. Er hatte nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus viel Zeit zum Lesen: Wie Mansour studierte er liberale islamische Autoren und westliche Philosophen. Heute bezeichnet sich Adel als Atheist, eine gefährliche Bezeichnung im Gottesstaat. Er sitzt oft bei langen Gesprächen mit Intellektuellen und Journalisten in den Cafes der Stadt, bei Eistee oder Saudi Champaign (eine mit Minze versetzte Apfelschorle, die mit gutem Willen entfernt an Champagner erinnert) und spielt dabei gern mit seiner Tesbih (Gebetskette). Er hört aufmerksam zu und argumentiert präzise.
Adel verlangt die Trennung von "Palast und Moschee": "Wir brauchen endlich tief greifende Reformen. Reformen in den Schulen, Reformen im Justizwesen, Reformen in der Gesellschaft. Reformen, Reformen, Reformen." In der Schule lernen die Kinder vom Dschihad, die Richter handeln Rechtsangelegenheiten strikt nach der Scharia, dem islamischen Gesetz ab. " Ihr schreibt das Jahr 2004, hier ist immer noch 1425" - die islamische Zeitrechnung beginnt mit der Hedschra, der lange vorbereiteten Auswanderung des Propheten Mohammed und der ersten Muslime von Mekka nach Medina im Jahr 622, zudem ist der islamische Kalender kein Sonnen-, sondern ein Mondkalender. Adels Positionen gelten in Saudi-Arabien als radikal. Wenn die Regierung will, kann sie ihn jederzeit ins Gefängnis werfen, denn indem er den Wahhabismus in Frage stellt, gefährdet er die Machtbasis der Sauds. Bislang ist aber nichts geschehen - die Reformer im Königshaus geben den Oppositionellen mehr Raum für Debatten.
Kronprinz Abdullah bin Abdulaziz selbst hat erste zaghafte Reformversuche unternommen: Bald soll es Kommunalwahlen geben. Er hat den ersten Dialog zwischen Schiiten und Sunniten initiiert. In einer weiteren Runde des so genannten Nationalen Dialogs in Medina geht es um Frauenrechte. "Doch es geht alles schleppend und kommt kaum vom Fleck", sagt Adel al-Toraifi. Außerdem gibt es bei den Konservativen großen Widerstand gegen den Reformkurs. Die Geistlichen fürchten um ihren Einfluss. Sie versuchen, das Wort Reform umzudeuten: In einem Interview der englischsprachigen "Saudi Gazette" definiert der Vorsitzende des Justizrates, Scheich Saleh Bin Muhammed Al-Lehaidan, Reformen auf seine Weise: " Reform heißt, die Prinzipien und Gesetze der islamischen Scharia zu ehren und das Banner zur Förderung des Guten und zur Bekämpfung der Sünde hochzuhalten. Reform heißt, die Korrupten und Verkommenen zu bestrafen, damit sie ihre Missetaten bereuen." Reform? Das ist für den Scheich, wenn alles so bleibt, wie es ist, oder die Uhr gar zurückgedreht wird.
Der Riss zwischen Reformern und Konservativen geht sogar quer durch die königliche Familie. Kronprinz Abdullah, Außenminister Prinz Saud Al Faisal bin Abdulaziz Al Saud und Verteidigungsminister Prinz Sultan gelten als eher prowestliche Reformer; Prinz Turki (er trat wenige Tage vor dem 11. September als saudischer Geheimdienstchef zurück) und Prinz Naif (Innenminister) gelten als konservativ. König Fahd, der 1975 König Khalid nachgefolgt war, spielt de facto kaum eine Rolle, seit er nach einem Schlaganfall im November 1995 schwer behindert ist. Das üblicherweise gut informierte US-Blatt " Foreign Affairs" beschrieb Anfang des Jahres in einem Artikel über das "Schizophrene Saudi-Arabien" das Verhältnis zwischen Kronprinz Abdullah und Innenminister Naif so: "Kronprinz Abdullah steht den liberalen Reformern nahe und sucht die Nähe zu den USA, während Innenminister Naif auf der Seite der anti-amerikanischen Kleriker steht, die viele Ziele mit El-Kaida teilen." Der Innenminister heißt Naif, und man wird ihn nicht los Seit der Eskalation des Terrors im Königreich gerät der Innenminister immer mehr unter Druck. Tenor der Kommentare im " Guardian" und anderen internationalen Zeitungen: In einem normalen Land wäre der Innenminister ob des Versagens im Kampf gegen den Terror rücktrittsreif. Er war es, der nach dem 11. September 2001 behauptet hatte, es seien keine saudi-arabischen Staatsbürger in das Attentat auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington, D.C. verwickelt gewesen, der Anschlag sei vielmehr ein Werk israelischer Zionisten gewesen. Besonders kritisiert wurde, dass seine Sicherheitsleute kürzlich drei der vier Mörder und Geiselnehmer entkommen ließen, die Ende Mai bei einem Anschlag in Al-Khobar 22 Menschen töteten.
Fakt ist: Naif bin Abdulaziz steht immer wieder auf der Seite jener wahhabitischen Kleriker, die dem militanten Islam Vorschub leisten. Naifs Ministerium, eine schwer bewachte, auf den Kopf gestellte Pyramide sieht aus, als wäre ein UFO mitten in Riad gelandet. Dort ist viel Macht gebündelt, das soll die eigenwillige Architektur wohl auch vermitteln. Die Minister und Beamten im Pyramidenbau sind dafür verantwortlich, dass oftmals nach Terrorangriffen die Täter zwar nicht gefunden, dafür aber kritische Journalisten und Dissidenten in Haft genommen werden.
Der Innenminister sperrt ein, die Verwandten der Verhafteten wenden sich an Kronprinz Abdullah bin Abdulaziz, und der setzt sich dann für deren Freilassung ein. Abdullah gilt als derjenige, der die komplizierten Machtverhältnisse im Lande und in der königlichen Familie ausbalanciert. Er ist ein Vertreter der Taqarub-Doktrin, die das friedliche Zusammenleben der Religionen ins Zentrum stellt. Er bemüht sich um verbesserte Beziehungen zu Israel, veröffentlichte 2002 in der "New York Times" einen Nahost-Friedensplan und versucht Saudi-Arabien zu modernisieren. "Am 11. September ist das Land aufgewacht", sagt der Chefredakteur der in Dschidda erscheinenden englischsprachigen Tageszeitung "Arab News", Khaled al-Maeena. "Arab News" ist eine reformorientierte saudische Zeitung, die nicht unsympathisch wäre, hingen nicht im Treppenhaus antisemitische Karikaturen in üblem "Stürmer" -Stil.
Chefredakteur Al-Maeena, Brille, graue Haare, getrimmter Kinn- und Oberlippenbart, bezeichnet sich als Liberal-Konservativen, was immer das im Saudischen Koordinatensystem auch bedeuten mag. Al-Maeena, der den traditionellen Thawb trägt, ein luftiges traditionelles weißes Männergewand, setzt seine Hoffnungen auf den Kronprinzen. ,Jeder hat verstanden, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Aber Kronprinz Abdullah hat den Reformprozess auf den Weg gebracht." Al-Maeena ist übrigens ein großer Bewunderer des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck. "Die Zeit drängt", fährt er fort. "Die Welt um Saudi-Arabien herum verändert sich - ich sage nur Irak! Wir brauchen Veränderung, und das schnell. Nicht weil Rumsfeld, Cheney oder Bush das wollen, sondern weil wir, die Saudis, diese Reformen zu unserer Weiterentwicklung brauchen." Ist es vielleicht schon zu spät für Perestroika im Königreich? Die Arbeitslosigkeit beträgt etwa 25 Prozent, gleichzeitig sind, bei einer saudischen Bevölkerung von gut 20 Millionen, mehr als 5,5 Millionen Gastarbeiter im Land, die jene Arbeiten erledigen, für die sich die meisten Saudis zu schade sind. Das Bevölkerungswachstum hat mit 2,4 Prozent Rekordhöhe, 38 Prozent der Bevölkerung sind unter 14 Jahren. Der Kuchen, den es zu verteilen gibt, wird nicht nennenswert größer und muss in immer mehr, immer kleinere Stücke geschnitten werden.
Die Unzufriedenheit steigt, gerade in den unterentwickelten Regionen wie der nordwestlich von Riad gelegenen Landwirtschafts-Provinz Qasim, wo noch immer hoch subventionierter Weizen angebaut wird. Aus Qasim oder der ebenfalls unterentwickelten Provinz Asir kommen viele der Extremisten. Das Land zerfallt kulturell: in die konservative Nedsch-Region (Zentral-Arabien) einerseits und dem weltoffeneren westlichen Küstenstreifen des Landes (Hedschas) sowie der modernen, durch die Ölförderung beeinflussten Ost-Provinz andererseits. Was im Hedschas erlaubt ist, erscheint den sittenstrengeren Bewohnern des Nedsch wie Teufelszeug. So gehen die Menschen in Dschidda in Strand-Hubs, in denen es aussieht wie an einem gesitteten westlichen Ferienstrand. Sonne, Sand, Freiheit. In Riad ist das undenkbar, nicht nur, weil es kein Meer und damit keinen Strand gibt.
Die Widerspräche sind erstaunlich: Während in einem englischsprachigen saudischen Sender zwei Scheichs darüber fachsimpeln, unter welchen Umständen man zur Gebetszeit seine Mahlzeit fertig essen darf, statt sogleich in die Moschee zu eilen, was Haram (verboten) und Halal (erlaubt) ist, chatten die Jungs mit den Mädels mit ihren Bluetooth-Handys in den Shopping-Zentren im Al-Faisaliah-Center oder im Kingdom-Center, den beiden Wahrzeichen Riads. Oder sie halten im Auto Zettelchen mit ihren Telefonnummern an die Windschutzscheibe, wenn eine Frau von ihrem Fahrer allein durch die Stadt kutschiert wird. Wenn man Pech hat, wird man von der Muttawa, der gefürchteten Religionspolizei erwischt - es gibt 5000 Wächter. In diesem Fall müssen sich die flirtenden Übeltäter eine entwürdigende Standpauke anhören.
Frauenrechte sind wichtig, aber Menschenrechte sind wichtiger Während man in Riad regelmäßig zur Gebetszeit aus dem Internetcafe geworfen wird, trifft man sich in Dschidda - auch zur Gebetszeit - in schicken Bars, ganz wie in Manhattan, nur eben ohne Martini, Scotch und Gin. Während die Frauen auf den Straßen ganz in schwarze Abayas und Hejabs gehüllt gehen - die meisten lassen nur einen schmalen Sehschlitz frei, manche verhüllen ihr Gesicht ganz - tragen jene Frauen, die via Satellitenschüssel und TV in die Wohnungen der Menschen kommen, hautenge, textilarme Kleider in Bonbonfarben. Solche mediterranen TV-Starlets, die in Beirut für MBC (Middle East Broadcasting) oder LBC (Lebanese Broadcasting) vor der Kamera stehen, gibt es in Europa höchstens bei den Gameshows von Rai Uno zu sehen. Ein verwirrendes Frauenbild.
Somayya A. Jabarti, eine saudische Journalistin mit US-Universitätsausbildung bei "Arab News", war an ihrem vorherigen Arbeitsplatz, der englischsprachigen "Saudi Gazette" in Dschidda, mit ihren anderen Kolleginnen in einem abgetrennten Gebäude untergebracht. Musste sie sich mit männlichen Kollegen besprechen, geschah das meist am Telefon, oder man traf sich verstohlen in einem Cafe. In den USA machte sie den Führerschein und führ selbstverständlich mit ihrem eigenen Auto - im Königreich Saudi-Arabien ist Autofahren für Frauen nach wie vor untersagt.
"Ich bin Feministin", bekennt sie stolz, " wir Frauen in Saudi-Arabien fordern nichts weniger als die Gleichberechtigung von Mann und Frau." Bis dorthin ist es allerdings noch ein sehr weiter Weg: Sich von einer Frau scheiden zu lassen ist ungleich leichter, als sich von einem Mann zu trennen. Eine Frau benötigt eine von ihrem Ehemann oder Vater unterschriebene Reisegenehmigung, damit sie sich ungehindert im Land bewegen darf. In den Universitäten können Frauen einen männlichen Professor nur über Bildschirme sehen, haben die Studentinnen eine Frage, müssen sie ihn anrufen.
Maha al-Muneef, eine Ärztin am King Fahad National Guard Hospital in Riad, erzählt, dass sie einmal nach einem Autounfall erste Hilfe leisten wollte und der Polizist sie mit den Worten weggeschickt hat: "Um diese Zeit gehört eine Frau nach Hause." Badryia, sie ist mit einem bekannten Schauspieler verheiratet, schreibt in "Al Riyadh" immer wieder über die Benachteiligung der Frauen und beklagt, dass ein Großteil der negativen Leserbriefe an sie von Frauen stammen - "deprimierend, nicht?" Im " Starbucks" an der Tahaliya Street in Dschidda sitzt Faiza Saleh Ambah, Korrespondentin des "Christian Science Monitor" mit ihrer Teenager-Tochter bei Cafe Latte. Die Tahaliya erinnert an eine Hauptstraße in den USA: eine breite, mehrspurige Trasse mit Kentucky Fried Chicken, Burger King und McDonald's. Vernünftigen traditionellen Städtebau mit engen, Schatten spendenden Gassen gibt es in Dschidda nur im alten Balad-Viertel, ansonsten dominieren breite, mehrspurige Stadtautobahnen. Die saudischen Städte sind großflächige, sich am Auto orientierende Wucherungen mit Drive-in-Imbissen und Drive-in-Banken. Faizah trinkt ihren Kaffee, ihre Tochter hat heiße Schokolade bestellt. Doch dann werden die Gäste gebeten zu gehen.
Dhuhr, Mittagsgebet. Pech gehabt, schlechtes Timing. Lokalwechsel. Ein paar Straßen weiter, vorbei am Hauptquartier der Saudi-Bin-Ladin-Group, geht es zum Restaurant ,Java Lounge". Faiza ist eine moderne Frau: Internat in Lausanne, Studium in den USA, zweimal geschieden, attraktiv. Ich frage sie nach ihrer Meinung zum Thema Frauenrechte im Königreich Saudi-Arabien: "In Europa mussten sich die Frauen Rechte erkämpfen, die die Männer längst hatten. Hier sind wir alle rechtlos. Zuerst brauchen wir Menschenrechte, Wahlrecht, Recht auf freie Meinungsäußerung, dann erst kommt für mich der Feminismus." Zum Thema Meinungsfreiheit hat Faiza übrigens vor kurzem eine skurril anmutende Geschichte für ihre Zeitung geschrieben: Der saudische Minister für Wasser und Elektrizität, Ghazi al-Gosaibi hat einen gefeierten Roman - "The Insane Asylum" geschrieben. Obwohl er Minister ist, ist sein Roman nicht in Saudi-Arabien erhältlich - verlegt wurde sein Buch in Beirut. Wer das sakrosankte Trio der arabischen Tabus - Sex, Politik, Religion -verletzt, hat keine Chance auf Veröffentlichung im Land, erzählt Faiza. Die Autobiografie des Ministers al-Gosaibi findet man zwar überall in den Buchläden Saudi-Arabiens, seine Romane aber sucht man vergeblich. Ein weiterer Beweis für die Schizophrenie Saudi-Arabiens: Im Fernsehen konnten die Saudis die Verfilmung des verbotenen Romans von al-Gosaibi sehen, denn die Serie lief im saudischen Satelliten-Kanal MBC, der aus London sendet.
In der Tat ein schizophrenes Land, in dem ein saudischer Minister ein Buch schreibt, das in Saudi-Arabien verboten, von einem saudischen TV-Sender in London verfilmt und in Saudi-Arabien ausgestrahlt wird.
