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brand eins 05/2006 - SCHWERPUNKT: Ende.
Uns harrt ein schreckliches Gericht
Die Russen haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Ende.
Entweder sie versuchen es aufzuschieben. Oder sie sehnen sich nach der Apokalypse.
Samstag, 23 Uhr, die zweite Büchse Bier ist fast leer, ich will aufbrechen, als Pawel eine selbst gebrannte DVD einschiebt: "Alexander Bashlachev. Die Aufnahme ist miserabel, aber seine Lieder sind genial." Der Film läuft, ein hagerer Jüngling sitzt an einem Küchentisch und drischt auf eine Gitarre ein. "Ich geh' Bier holen", sagt Pawel grinsend, "bin gleich wieder da. Oder hast du es etwa eilig?" Die Frage ist rein rhetorisch. Wenn man über die ersten Witze gelacht und die ersten Gläser geleert hat, wenn die Musik erst einmal spielt, dann beschließen Russen sehr oft, den fröhlichen Moment in eine noch fröhlichere Endlosigkeit zu verwandeln. Wenigstens bis zum nächsten Morgen.
Ich sitze allein vor dem Bildschirm. Die DVD ist eine Fernsehdokumentation über den spätsowjetischen Dichter und Liedermacher Bashlachev. Er hat schlechte Zähne, schöne Augen und singt zur Gitarre wilde Lieder. " Wir trinken literweise, wir schlafen tagelang ..." Dann fährt die Kamera auf das Hochhausfenster zu, aus dem Bashlachev sich mit 29 Jahren gestürzt hat. Das Ende einer durchgemachten Nacht und eines heftigen Lebens.
Die Russen haben ein widersprüchliches Verhältnis zum Ende. Einerseits mögen sie es wild und schrecklich. "Stellen Sie sich vor, auf der ,Titanic' wären nur Russen gewesen", sagt ein deutscher Diplomat in Moskau, "der Untergang wäre eine Riesenparty geworden." Andererseits drückt, was endet, auf ihre Laune. "Nichts ist trostloser als ein russisches Fußballstadion kurz vor dem Abpfiff", beklagt sich mein Freund Giuseppe, Moskau-Korrespondent von Radio Vatikan. "Vor allem, wenn das Spiel noch nicht entschieden ist." Ab der 80. Minute fangen die Fans an zu lästern, schlimmstenfalls lachen sie die eigenen Spieler aus. Die wiederum schieben sich auf dem Rasen immer lustloser die Bälle zu. Es gibt keine Schlussoffensive, kein Aufbäumen. Die Fußballer in diesem Land glauben nicht an das große Glück in der letzten Minute. Weil das ganze Land nicht ans Happyend glaubt.
Manchmal scheint es, als wollten die Russen überhaupt kein Ende gelten lassen. Wenn sie trinken, dann, als wollten sie allen Alkohol der Welt mit einem gewaltigen Langstreckengezeche vernichten. Wenn Russinnen tanzen, dann mit brasilianischem Temperament und der Ausdauer von Schlittenhunden. Sicher, der Kapitalismus hat auch in Moskau und Petersburg calvinistische Humorlosigkeit verbreitet: Die neuen Russen organisieren ihre Termine im Dreiviertelstundentakt, keine Zeit zu haben gilt als extrem cool. Aber das ist bloß ein anderes Betätigungsfeld, das junge Russland kennt eben bei der Arbeit kein Ende: In den Büros brennt das Licht oft bis Mittemacht, weil die Workaholics sich nicht von ihren Computertastaturen losreißen können.
Russen machen auch privat nicht gern Schluss. Einmal geschlossene Freundschaften werden bis zum Begräbnis gepflegt, Schul- oder Studienkameraden bilden Seilschaften, die ein halbes Leben lang halten. Ein optimistisches russisches Sprichwort sagt: "Die Liebe ist ein Ring, und ein Ring hat kein Ende." Tatsächlich zerbrechen auch in Russland jährlich mehr als 600 000 Ehen, aber das Schlussmachen schiebt man sich oft zu wie einen schwarzen Peter: "Irgendwann fing Irma an, mich zu schikanieren", klagt ein Petersburger Bekannter. "Wenn ich sie küssen wollte, schimpfte sie, ich rieche nach Bier. Als ich ihr schließlich vorwarf, sie liebe mich nicht mehr, rannte sie beleidigt weg. ,Du hast alles kaputtgemacht!', lautete ihre letzte SMS." Auch das politische Russland zieht nicht gern Schlussstriche. Kaum war Präsident Wladimir Putin 2004 wiedergewählt, begannen Publizisten und Politologen zu diskutieren, welche Varianten es gäbe, damit der Präsident nach 2008, wenn er laut Verfassung sein Amt abgeben muss, an der Macht bleiben kann. Eine Union mit Weißrussland, damit er Präsident eines neuen Staates werden könnte. Ein Umbau des politischen Systems, damit er als Premierminister die Zügel in der Hand behalte. Oder einfach einen " Strohpräsidenten" als Nachfolger, der nach ein paar Monaten aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt und den Weg für Putins Rückkehr frei macht. Putins Regime gilt als wenig demokratisch und langweilig. Aber warum sollte man einen Zustand, der halbwegs stabil ist und an den man sich gewöhnt, ändern?
Weltreiche mögen über ihnen zusammenbrechen, die Russen verzichten auf Konsequenzen. Als 1991 die Sowjetmacht kollabierte, rief man die Marktwirtschaft aus, doch die Lenin-Denkmäler ließ man stehen - sie markieren bis heute fast alle russischen Stadtzentren. Auch die KGB-Archive tastete man nicht an, die Leiche namens Sowjetunion wurde weder seziert noch beerdigt. Andererseits mündete zu Beginn des Sowjetstaates 1917 der Zusammenbruch des Zarenreiches und die Machtübernahme der Bolschewisten in einen vierjährigen Bürgerkrieg. Mehr als zehn Millionen Menschen kamen um, weil halb Russland erbittert, aber vergeblich für den längst abgedankten Zaren kämpfte. Es war ein schreckliches, nicht enden wollendes Ende.
Russland interessiert sich nicht für die deutsche Weisheit, man solle aufhören, wenn es am schönsten sei. So passt es, dass das deutsche "Ende" auch nicht eindeutig dem russischen "Konez" entspricht. "Eine Grenze in Raum, Ausdehnung, Zeit oder Handlung", definiert Dals einschlägiges Wörterbuch den russischen Wortsinn. Doch im Raum oder in anderen gegenständlichen Bereichen sind Anfang und Ende ein und dasselbe, weil man jede Begrenzung eines Gegenstandes sowohl als ihren Anfang wie auch als ihr Ende betrachten kann. Das heißt, die russische Sprache setzt das Ende in vielen Fällen mit dem Anfang gleich.
Weil den Russen die Konsequenz zum Schlussmachen fehlt, verehren sie Helden, die früh endeten Das Erreichen des Orgasmus wird in der russischen Sprache mit " kontchat" bezeichnet, was gleichzeitig enden und zeugen bedeutet. Ein paar Buchstaben mehr machen aus "kontchat" "kontchatsja": verscheiden, sterben. Das russische Ende verspricht höchste Wonnen und droht gleichzeitig mit dem Untergang. Die meisten Russen werden bestätigen, dass Freuden, die man bis in alle Ewigkeit zu verlängern sucht, meist katastrophal enden.
Sie tun es trotzdem, machen weiter, verlängern, halten fest. Und schleppen deshalb viel unbeendigte Vergangenheit mit sich herum. So wuchern in Behörden und Unternehmen auch deshalb Korruption und Vetternwirtschaft, weil Beamte und Manager sich weniger für ihren aktuellen Aufgabenbereich als für alte Jugendfreunde verantwortlich fühlen. Unter Stress entblößen auch junge Russen den alten Homo soveticus, der die Obrigkeit fürchtet, den Gesetzen misstraut, keine Steuern zahlt, aber Schmiergeld. Selbst polyglotte Moskowiter zeigen Verhaltensrudimente zaristischer Bauern: Aberglaube, die Liebe zum Pilzesuchen und ein schnell in Herzlichkeit kippendes Misstrauen gegenüber Fremden. Die russische Seele hat viele Schichten.
Je besser man es sich gehen lässt, umso gewisser ahnt man: Irgendwann droht doch das dicke Ende. Je später, desto dicker. Russlands Schriftsteller verfassen seit Jahrhunderten lange Romane, die umso unglücklicher enden, je länger sie sind. Dostojewski war vielleicht der pessimistischste Autor der Weltliteraturgeschichte. Aber selbst der sowjetische Nobelpreisträger Michail Scholochow, als Kommunist ideologisch zum Glück verpflichtet, schickt am Schluss seines mehr als 1400-Seiten-Werks "Der stille Don" seine Lieblingsfiguren reihenweise in den Tod. Die Leser erleiden mit, wie ihre Helden enden, aber vielleicht erlöst diese Lektüre die russische Psyche von der Last der eigenen fehlenden Konsequenz.
Auch das russische Kino schlachtet seine Protagonisten gem. Ein typischer Kultfilm der Gegenwart ist " Boomer": Vier Moskauer Gangster kurven durch die russische Weite. Das Schicksal ereilt sie bei einem Überfall auf einen Computerladen. Zwei werden beim blutigen Showdown von der Miliz erschossen, einer gefangen, der vierte begeht Verrat und flieht. Der Film lief so gut, dass eine Fortsetzung gedreht wurde. In "Boomer 2" kauft der Verräter seine überlebenden Kumpanen aus dem Gefängnis frei und wirft sich opfermutig in die Flugbahn der Kugel, die ein Killer auf einen Ex-Häftling abfeuert. Der setzt sich in ein Auto, kurvt durch die russische Weite und trifft eine Nachwuchs-Gangsterbraut. Er rettet sie, sie bringt ihn fast um, sie verlieben sich, dann fahren sie glücklich in die untergehende Sonne. Nur mögen Russen kein Happyend. Also wird er dann doch noch beim Showdown mit der Miliz erschossen. "Boomer 2" verspricht, alle Kassenrekorde zu brechen.
Die Russen verehren am meisten die Helden, die ihrem wilden Leben ein böses Ende setzen. Wie Pawels Lieblingssänger Bashlachev, der aus dem Hochhausfenster sprang. Oder den alkohol- und drogensüchtigen Liedermacher und Schauspieler Wladimir Wyssozkij, dessen gesungene Gedichte die sowjetische Zensur zum Großteil verbot. Wyssozkij starb mit 43 Jahren, es heißt an einer Überdosis. Auch er lebte mit Vollgas gegen die Wand.
In Moskaus elitärsten Privatklubs tanzen heute die Millionäre auf dem Tisch, wenn der Rocksänger Sergej Schnurow, ebenfalls Poet, Raufbold und Säufer, das Ende beschwört: "Die Geschäfte laufen, die Bäuche wachsen, uns harrt ein schreckliches Gericht." Das Aufschieben, Aussitzen und Leertrinken als Alltagstaktik ruft nach der Apokalypse als übersteigerter Alternative.
Pawel kehrt zurück, die DVD ist fast zu Ende. Außer Bier bringt er noch einen Tetrapak Wein mit, seinen Nachbarn Denis und zwei Mädchen, die sie beim Einkaufen getroffen haben. Es ist fast Mittemacht, der Tag vorbei, und alles fängt gerade erst an.
