Inhalt
brand eins 05/2006 - SCHWERPUNKT: Ende.
Schluss jetzt
Mit Leidenschaft hat er gearbeitet. Mit Bedacht schließt er nun sein Lebenswerk ab.
Ein Gespräch mit dem Designer Peter Schmidt über richtige Zeitpunkte und unüberhörbare Signale.
Wer zu Peter Schmidt will, muss zunächst einmal halb Asien durchwandern: Räume mit Vitrinen feinsten japanischen Porzellans, Pergament-Tuschezeichnungen an den Wänden, Vasen, Drachenskulpturen und Bronzebuddhas. Paravents verdunkeln die Fenster des Patrizierhauses im noblen Hamburg-Harvestehude, durch einen Lichtspalt fällt Sonnenlicht auf einen Ständer mit abgebrannten Räucherstäbchen. Eine Hausangestellte in weißem Kittel schenkt Melissentee aus. Peter Schmidt, Grafikdesigner und Gründer der Peter Schmidt Group, Ästhet, Detailfanatiker, kommt zehn Minuten zu spät und entschuldigt sich mit Arbeit, die nebenan in der Agentur noch zu erledigen gewesen sei. Erstaunlich: Schmidt, der 1937 in Bayreuth geboren wurde und lange in Florida gelebt hat, spricht immer noch einen unverkennbar oberfränkischen Akzent.
Herr Schmidt, Sie haben vor ein paar Wochen etwas getan, was den meisten Menschen furchtbar schwer fällt: sich zu verabschieden. Wie haben Sie's geschafft?
Peter Schmidt: Ich bin in meinem Berufsleben zu oft Managern oder Unternehmenseignem begegnet, die sich nicht lösen konnten. Die gerieten in Panik bei dem Gedanken, keine Kontrolle mehr ausüben zu können. Die wurden richtiggehend zu Karikaturen. Und nebenbei zerstörten sie ihr Unternehmen, weil sie blind und taub geworden waren für das, was dort passierte. Ich habe mir vorgenommen: So was passiert mir nicht.
Keine Angst vor der Leere?
Nein. Wenn man 68 Jahre alt ist, dann gibt es - gerade in meinem Beruf - Dinge, die man einfach nicht mehr machen kann, weil man von ihnen schlicht nichts versteht. Irgendwann müssen auch die Werte, die man jahrelang in seinem Unternehmen hochgehalten hat, gegen neue ausgetauscht werden. Und das ist eine Einsicht, die man haben muss. Schon aus dem Grund umgebe ich mich ausschließlich mit jungen Menschen, weil die schon mal sagen: Peter, so geht's nicht.
Ihre Nachbarin Jil Sander ist aus ihrer Firma ausgestiegen, um dann wieder ein-, und schließlich endgültig auszusteigen. Warum ist Abschiednehmen für manche so kompliziert?
Jil hat wahnsinnig fleißig und gegen starken Gegenwind etwas aufgebaut, was einzigartig ist in Deutschland. All das hat sie in einer einzigen Generation und weitgehend allein fertig gebracht. Da ist man zwangsläufig irgendwann verbraucht. Jil hat aber aus verschiedenen Gründen nicht die Leute gefunden, die mit ihr gewachsen sind. Doch wenn man solche Leute nicht sucht und findet, steht man zum Schluss allein da. Dann wächst einem alles über den Kopf, und das ist schrecklich.
Für Schmidt war Jil Sander Ende der sechziger Jahre sehr wichtig: Mit den Arbeiten für die damals noch unbekannte Pöseldorfer Modemacherin begann seine Designerkarriere. Seine Parfümverpackungen stehen heute in Designmuseen, brachten ihm aber gleichzeitig den Ruf ein, "das Flakon-Monster" zu sein. Dabei beschränkte Schmidt sich keineswegs auf Flakons, sondern prägte mit Arbeiten für den Armaturenhersteller Grohe, Beck's Bier, Hugo Boss, für die Stadt Hamburg und den Linde-Konzern das grafische Gesicht der Bundesrepublik wie kaum ein anderer. * Als ihn der Verteidigungsminister vor ein paar Jahren auf die Hardthöhe bat, erklärte * Eine Retrospektive von Schmidts Lebenswerk wird derzeit vom Ausstellungsmacher Hannes Heer für das Goethe-Institut konzipiert. Sie trägt den Titel "Der schöne Schein" und wird vom kommenden Jahr an durch die Republik touren.
Schmidt erst einmal: "Ich bin Pazifist!", um dann doch das neue Erscheinungsbild für die Bundeswehr zu gestalten. Er habe sein Berufsleben lang Kompromisse eingehen müssen, erklärt der Designer entschuldigend. Jetzt, im Alter, wolle er sich den Luxus leisten, dies nicht mehr zu tun.
Der Soziologe Richard Sennett hat einmal festgestellt, die größte Gefahr des Alters sei "die Konsolidierung. Man wird fest, alles setzt sich (...). Ich möchte meine Vergangenheit nicht wie ein Bankkonto betrachten, von dem ich von Zeit zu Zeit etwas abhebe". Ist da etwas dran?
Natürlich. Den älteren Managern und Inhabern unter meinen Kunden habe ich deshalb oft gesagt: Ihr müsst früh genug - und das heißt spätestens mit Mitte 50 - für den Nachwuchs sorgen. Aber das tun sie alle nicht, weil sie ihr großes, dramatisches Ende verdrängen. Deshalb haben sie auch nicht gelernt, die kleinen Abschiede zu organisieren. Wenn sie dann aber über 60 sind, ist es meist sehr schwer, mit ihnen über den Abschied zu diskutieren, weil sich in diesem Alter viele an dem festkrallen, was sie geschaffen haben. Dabei hat das Großmachen eines Unternehmens nichts mit seinem Erhalt zu tun. Beim Behüten gelten ganz andere Gesetze als beim Aufbau, und wer diese Gesetze missachtet, zerstört sein Unternehmen. Das ist der Grundig-Effekt.
Gibt es einen Trick fürs Abschiednehmen?
Ich rate etwas ganz Banales: sich hinzusetzen und die wichtigen Bücher dieser Welt zu lesen. Laotse zum Beispiel - nirgendwo findet man so deutliche Worte darüber, wie das Loslassen aussehen muss. Zweiter, noch banalerer Vorschlag: Golf oder eine andere Sportart zu erlernen, solange man es noch kann. Denn das entspannt, und man kommt in ganz neue Kreise und auf neue Gedanken. Und schließlich: Auszeiten zu nehmen, zu verreisen, sich andere Welten zu erschließen. Das relativiert die Äußerlichkeiten, die einen tagtäglich umtreiben, erheblich.
Wann haben Sie begonnen, Ihren Ausstieg zu planen?
Vor neun Jahren, als ich es in der Sauna etwas übertrieben hatte und einen Herzinfarkt erlitt. Ich hatte das Glück, schnell und gut betreut zu werden. Was aber wäre, wenn ich nicht so schnell im Krankenhaus gewesen wäre? Damals habe ich mit einem befreundeten Manager überlegt, wie wir meinen Ausstieg inszenieren. Meine eigentliche Vorstellung war, die Agentur den Mitarbeitern zu schenken. Einzige Bedingung: dass sie mich weiter mitmachen lassen, solange ich fit genug bin.
Armin Angerer, 40, ist einer dieser Mitarbeiter. Der gebürtige Tiroler kam vor 17 Jahren als Grafik-Praktikant zur Peter Schmidt Group. Er lernte mit Peter Schmidt einen "Grenzgänger und Visionär" kennen, der sich "nie um Zahlen scherte und mehrfach vergeblich versuchte, die operative Verantwortung in andere Hände zu geben". Der berüchtigt war für seinen Perfektionismus und die Neigung, einen Entwurf notfalls in der Nacht vor der Präsentation noch komplett zu ändern. Angerer erlebte, wie zwei von außen geholte Geschäftsführer nacheinander an Peter Schmidt scheiterten, weil die Kaufleute den Designer einfach nicht verstanden. Angerer wurde nach Schmidts Herzinfarkt zusammen mit ein paar Kollegen gefragt, ob er die Agentur übernehmen wollte. Er lehnte ab, übernahm aber von Schmidt die operative Geschäftsführung. "Damals", sagt Angerer, "waren wir alle noch zu jung. "Wir haben uns das nicht zugetraut: diesen Riesenladen zu übernehmen und die Fußstapfen dieser Lichtgestalt zu füllen? Das schien uns unmöglich. Heute wäre das vielleicht anders, aber da stellt sich die frage nicht mehr." Die Werbe-Holding BBDO schloss 1999 mit Schmidt einen Stufenvertrag: Von einer Minderheitenbeteiligung stieg ihr Anteil peu à peu, Schmidt durfte das Tempo der Übernahme selbst bestimmen. Anfang März 2006 verkaufte der Gründer schließlich seine letzten Anteile an die BBDO, die jetzt etwa 80 Prozent hält (die restlichen Anteile liegen bei Armin Angerer und seinem Mit-Geschäftsführer Alex Buck). Seitdem hat Schmidt zwar noch einen Schreibtisch, aber keine offizielle Funktion mehr in der Agentur, deren Hamburger Büro nur vier Häuser neben Schmidts Privathaus untergebracht ist.
Wie muss man sich so einen Ausstieg praktisch vorstellen: Unterschrift beim Notar - und das war's?
Das hat mein Anwalt für mich gemacht. Nicht, weil ich etwa zu berührt gewesen wäre vom Abschied, sondern weil mir die Zeit zu schade ist für einen Notartermin. In der Nacht vor der Unterschrift habe ich noch Faxe mit Angeboten aus den USA bekommen, die höher lagen als jenes von BBDO, aber mir war es wichtiger, dass mein Unternehmen in die richtigen Hände kommt. Ich habe jetzt einen großzügigen Beratervertrag mit meiner Ex-Agentur: Wenn sie mich braucht, werde ich auf Honorarbasis bezahlt.
Sie arbeiten noch sehr viel.
Natürlich bin ich nicht frei von Eitelkeit, und es ist schön, wenn die bestätigt wird. Kunden wie den Linde-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Reitzle oder Hasso Nauck von Hachez betreue ich auch weiterhin selbst. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht mehr tue. Ich ziehe nichts mehr auf Kosten der Qualität durch. Ich lasse nicht mehr zu, dass Menschen, mit denen ich arbeite, unter enormem Druck die Nacht über durcharbeiten müssen.
Die Peter Schmidt Group wird weiterhin Ihren Namen tragen. Haben Sie keine Angst, dass unter Ihrem Namen Arbeiten entstehen, mit denen Sie möglicherweise überhaupt nicht glücklich sind?
Nein, denn dafür habe ich vorgesorgt. Ich habe von Jil Sander, Joop und anderen gelernt und meinen Namen behalten. Mit dem kann ich machen, was ich will. Das kann Ihr Ex-Unternehmen aber genauso - unter Ihrem Namen.
Meinen Nachfolger Armin Angerer, den ich schon 17 Jahre lang als Mitarbeiter kannte, habe ich mir selbst ausgesucht. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass nebenan kein Unheil passieren wird. Und wenn mir etwas nicht gefällt - wie beispielsweise die aktuelle Geschäftsausstattung der Agentur - mache ich höchstens mal eine ironische Anmerkung, mehr nicht.
Auf die strittige Geschäftsausstattung angesprochen, muss Armin Angerer laut lachen. "Peter ist ein sehr begeisterungsfähiger Mensch", sagt er und blickt zur Decke. "Peter ändert seine Begeisterung aber auch schnell dahingehend, dass er eine noch bessere Idee hat." Die kritisierte Geschäftsausstattung, so Angerer, habe Schmidt noch selbst mit verabschiedet.
Damals war Schmidt allerdings zunehmend mit anderen Dingen beschäftigt. Vor drei Jahren übernahm der 68-Jährige die Arzberg-Porzellan GmbH in Oberfranken - einen der renommiertesten Porzellanhersteller (auf Arzberg-Porzellan wird unter anderem im Bundeskanzleramt serviert), damals aber auch hoch verschuldeten. Als ihr Gläubiger, die (mit dem Designer weder verwandte noch verbandelte) Schmidt-Bank AG selbst in Schwierigkeiten geriet, bot sie dem Porzellanliebhaber 50 Prozent der Firmenanteile an. Peter Schmidt stieg damals für einen einstelligen Millionenbetrag bei dem 235-Mitarbeiter-Unternehmen ein - unter der Bedingung, dass er wieder aussteigen dürfe, sobald Arzberg schuldenfrei sei.
Eine Branche, die seit Jahren in der Krise ist, ein hoch verschuldetes Unternehmen: Warum haben Sie sich Arzberg ans Bein gebunden?
Weil ich schönes Porzellan liebe. Weil die Fabrik tipptopp in Schuss war. Und weil ich gemerkt hatte, dass die Belegschaft bereit war, für diese schöne oberfränkische Marke zu kämpfen. Mittlerweile ist das Unternehmen aus der Verlustzone heraus, aber ich mache so lange weiter, bis die Marke wieder den Glanz hat, den sie verdient. Ich will auch beweisen, dass man in Deutschland erfolgreich produzieren kann.
Sie glauben an eine Renaissance?
Sie ist bereits da, allerdings nicht in Deutschland mit seiner unsäglichen Billig-Philosophie. In den USA, Japan und Italien hingegen sind unsere Produkte unglaublich gefragt. Auf der diesjährigen Konsumgütermesse Ambiente habe ich mit unserem neuen Porzellan binnen drei Tagen Orderaufträge für 109 000 Euro eingesammelt - das macht uns so schnell kein anderer nach.
Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Erfolg setzt sehr gutes Design, sehr gute Qualität und sehr schnelles Reagieren voraus. In dieser Me-Too-Welt kann man nur erfolgreich sein, wenn man der Erste ist.
Es sieht so aus, als hätten Sie sich jetzt von einer Verpflichtung freigekauft, um sich mit dem Arzberg-Abenteuer gleich in die nächste zu stürzen.
Nein, denn ich treffe da ganz andere Menschen, die denken ganz anders. Dazu kommt das Glück, dass ich vor einigen Jahren von John Neumeier gefragt worden bin, ob ich Bühnenbilder ausstatten würde. Dieses neue Leben ist unglaublich faszinierend für mich. Ich habe mich mein Leben lang in Konzertsälen und Theatern herumgetrieben, und jetzt drehe ich mit Kent Nagano einen Film, japanische Gedichte mit Musik illustriert, statte das Schleswig-Holstein Musik-Festival mit Sets aus und lerne eigentlich alle wichtigen Dirigenten kennen. Das ist ein so wichtiger Teil meines Lebens geworden, wie ich es nie erwartet hätte.
Erstaunlich, denn vor zwei Jahren haben Sie noch erwogen, sich in Ihr Haus auf Ibiza zurückziehen und nur noch mit Büchern und Musik beschäftigen zu wollen.
Das Haus gibt es, und es liegt so einsam und unerreichbar, dass ich mich wunderbar dorthin zurückziehen kann, wenn ich mal keine Menschen sehen möchte. Dort baue ich große Gärten, füttere die Eidechsen mit Schokolade und beobachte, wie ein Vogelnest gebaut wird. Ich sehe auch zu, wie es von der Katze ausgeräubert wird - das ist ebenfalls Natur.
Wissen Sie, mein Vater war Gärtner, der hatte sein Leben lang mit Entstehen und Vergehen zu tun. Auch sein eigenes Ende war für ihn etwas ganz Natürliches. Eines Tages sagte er, mit Zigarre und Weinglas in der Hand: "So, jetzt sterbe ich." Und war tot.
Eine solche Nähe zur Natur will ich mir zurückerobern. Und erkennen: Ich bin ein Teil davon. Das kann ich auf Ibiza wunderbar tun. Leider war ich schon drei Monate nicht mehr dort.
Ein Assistent kommt herein und bittet Schmidt ans Telefon: Der Geschäftsführer eines Großunternehmens wolle ihn dringend sprechen. Schmidt entschuldigt sich. Als er zurückkommt, erklärt er, gleich noch mal rüber in die Agentur zu müssen.
Aus dem Eremitendasein ist also nichts geworden?
Ich habe es tatsächlich mal drei Wochen lang ausprobiert. Aber dann hatte ich doch wieder Sehnsucht nach Menschen. Das ist widersprüchlich, aber mit diesem Zwiespalt kann ich leben. Es gibt Schlimmeres, als sich zwischen einer wunderbaren Arbeit und einer idyllischen Eremitage entscheiden zu müssen.
Was vermissen Sie heute an Ihrem alten Job?
Überhaupt nichts.
Hätten Sie früher aussteigen sollen?
Zweifelsohne. Fünf Jahre früher, mindestens. Aber ich konnte damals nicht ahnen, welche Welt mich jenseits der Agentur erwarten würde. Jetzt weiß ich es. Und jetzt koste ich sie aus.
