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brand eins 05/2006 - KOLUMNEN

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Küssen statt Sozialismus

Ein Besuch in Straelen und ein Grund, sich zu verändern.

Es liegt nicht am Frühling. Ich habe mich nicht mit kleinen Tieren unterhalten, die Sonne ist nicht zu sehen, und der Himmel ist nicht blau, durchzogen von weißen Linien, sondern grau, durchzogen von Grau. Und trotzdem. Obwohl ich weiß, dass es große Probleme zu lösen gäbe, wichtige Gedanken zu denken, dass es dräut und stöhnt da draußen, die Gesellschaft, die Welt. Trotzdem. Denke ich, wir sollten uns küssen. Küssen mit Küssen.

Ich war im Sozialismus. Ich war in Straelen. Ein kleiner Ort nahe der niederländischen Grenze, wo alles aus rotem Backstein ist, die Häuser, die Gehwege, die Autos, die Menschen. Wenn sich zwei Menschen gegenseitig auf die Schultern klopfen, liegt hinterher roter Staub auf dem roten Pflaster. Ein glücklicher Ort. Alle Menschen sind dort gleich, wohlhabend, im Einfamilienhaus, davor ein gepflegtes Stück Garten, die Pflanzen zu geometrischen Figuren geschnitten, vor der Garage schwere Qualitätswagen. Die Menschen bewegen sich langsam, gehen durch das Ortszentrum mit dem kleinen Modehaus, dem kleinen Elektrohaus, Supermarkt, Schlachter, dem Bioladen, nicken freundlich. Allen geht es gut. Wie in einer Utopie. Die Idee des Sozialismus, Gleichheit in Wohlstand, Sicherheit und Glück, wurde nicht im Osten verwirklicht, sondern hier, im Westen, in Nordrhein-Westfalen. Und ich verstehe, warum sich die Menschen nicht ändern wollen: Niemand gibt den Sozialismus auf, wenn er funktioniert.

Es heißt, wir müssten uns alle ändern, weil nun Globalisierung ist. Das ist eine große Forderung, denn Menschen ändern sich nicht gern: Unser ganzes Streben ist auf den Moment ausgerichtet, an dem alles gut ist, an seinem Platz, funktioniert, an dem wir angekommen sind. Dafür planen wir, bauen Häuser, wälzen Kataloge, optimieren die Aufteilung der Schubladen in der Küche. Darum haben wir Versicherungen, um unser Leben im schlimmsten Fall rekonstruieren zu können. Doch nun sollen wir alles verändern. Wir sollen lernen, flexibel zu sein, Ansprüchen zu genügen, Abstriche zu machen. Wir sollen lernen, uns zurückzunehmen. Wir sollen das lernen, weil sonst das Kapital beziehungsweise die, die es haben, in ein anderes Land ziehen, wo sie mehr Geld verdienen können. Dann bricht unsere Wirtschaft zusammen. Aber was heißt das?

Das heißt, dass wir lernen sollen, damit andere nicht lernen müssen. Das heißt, dass 95 Prozent der Menschen lernen müssen, sich zu bescheiden, damit fünf Prozent nicht lernen müssen, ihre Gier zu zügeln. Das heißt, dass die Gemeinschaft der Vielen dem Egoismus der Wenigen folgen soll. Das heißt, kurz gesagt, dass eine der sieben Todsünden, die Gier, zum neuen zentralen Wert unserer Gesellschaft werden soll. Menschen brauchen Gründe, um sich zu verändern - ich kann gut verstehen, dass dieser Grund vielen nicht reicht.

Schön zu haben, schön zu verschenken: Buch: Gilbert K. Chesterton: Die Wildnis des häuslichen Lebens Der englische Schriftsteller ist bei uns vor allem dank Heinz Rühmann bekannt, der in der Verfilmung seiner Pater-Brown-Romane die Hauptrolle spielte. Tatsächlich konnte Chesterton aber viel mehr, neben Kriminalromanen schrieb er Science Fiction, bizarre Satiren und brillante Analysen. Diese Essaysammlung gibt einen Einblick in das Werk eines vergessenen Genies, das zum Beispiel bereits 1908 über Erfolgsratgeber schrieb: "In unserer Zeit ist eine ganz eigene Sorte von Büchern aufgetaucht, die, wie ich aufrichtig und ernsthaft meine, die blödeste sein dürfte, welche die Menschheit je gesehen hat." Denn: "Es ist vollkommen offensichtlich, dass es in jedem anständigen Beruf (wie dem Maurerhandwerk oder der Literatur) im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt, Erfolg zu haben. Entweder leistet man sehr gute Arbeit, oder man betrügt. Beide Methoden sind viel zu einfach, als dass sie einer besonderen Erläuterung bedürften. Wenn man beim Hochsprung antritt, muss man entweder höher springen als alle anderen oder irgendwie den Eindruck erwecken, man hätte es getan." (Berenberg 2006, 19 Euro) Nun ist mir natürlich auch klar, dass der straelerne Sozialismus ebenfalls auf Renditen aufbaut. Doch das Argument, alle würden auf ihre Zinsen achten und sparen, wo es geht, zieht nur halb. Ja, es ist so. Aber: Muss es so sein? Wenn Menschen lernfähig sind, könnten sie auch etwas anderes lernen als Respekt vorm Kapital. Mal angenommen, die "Bild"-Zeitung spräche nicht die niedersten Instinkte an, Angst, Neid, Habgier, sondern informierte, zeigte Zusammenhänge, erklärte, wie billige Schrauben im Heimwerkermarkt mit verlorenen Arbeitsplätzen in Nordrhein-Westfalen zusammenhängen ... Man muss ein sehr schlechtes Menschenbild haben, um zu glauben, dass weiterhin die Billig-Kultur regierte, wäre jedem bewusst, dass die Schnäppchenjagd den Nachbarn arbeitslos macht.

Doch leider beschränkt sich die Forderung dazuzulernen auf eine eher kleine Gruppe von Themen: auf Selbstverantwortung, Selbstständigkeit, Selbstvermarktung. Die Worte verraten es bereits: Hier geht es um Einzelne - Verantwortung für die Gemeinschaft gehört zur Kür. Als lebte jeder auf seiner eigenen Insel wie Robinson Crusoe, doch wenn Freitag kommt, ist Wochenende, nicht Besuchstag - wir bleiben allein. Inzwischen ist es so weit, dass eine Firma wie Bosch Siemens Hausgeräte Mut braucht, um auf Rendite zu verzichten, um zu sagen, ja, wir könnten an einem anderen Standort mehr verdienen, aber wir bleiben in Berlin, weil wir hier genug Geld machen. Eine gute Sache. Doch ich bin mir sicher, die Manager haben sich vorher gefragt: Geht das wirklich? Machen wir uns lächerlich? Ist das schlecht für unsere Karriere? Und das, weil sie an die Gemeinschaft gedacht haben. Das kann doch nicht richtig sein.

Und wie ich das erzähle, fragst du mich, warum ich so hart geworden bin. Und ich antworte, das liegt an meiner Arbeit. In der informationsverarbeitenden Industrie musst du permanent bewerten, wichtig/unwichtig, richtig/falsch, gut/schlecht. Und der Informationsstrom wird immer größer, er endet nie, also machst du immer weiter, immer schneller. Ja/nein? Dabei lässt die Masse und die Geschwindigkeit keine Zeit, Gefühle zu entwickeln, alles wird rational entschieden, und so entsteht eine Gewohnheit der Gefühllosigkeit. Ich glaube, die ist eine Gefahr für viele, die täglich in den Datenstrom steigen, Investmentbanker, Politiker, Manager. Und Journalisten.

Das ist wahr, doch ich vergesse es leicht. Deshalb sage ich: Wir sollen lernen, uns ändern? Gut, dann werde ich lernen! Ich werde lernen, mich zu bescheiden, um besser leben zu können -vermutlich der einzige Grund, der Menschen dazu bewegt, sich nachhaltig zu ändern. Ich werde lernen, weniger Daten zu sammeln, um mehr zu wissen, mehr zu verstehen. Und ich werde gleich damit anfangen. Wir sollten uns küssen. Mit Küssen.


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