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brand eins 05/2006 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT
In zehn Jahren wird man über manches lächeln.
Monsanto ist der Gigant der grünen Gentechnik. Ein Feindbild von Öko-Aktivisten. Und bei Kleinbauern in der Dritten Welt immer beliebter.
Monsanto-Chef Hugh Grant erzählt, wie es dazu kam.
Hugh Grant führt ein Unternehmen, das wie kaum ein zweites Ängste und Hoffnungen weckt. 8,5 Millionen Bauern in aller Welt pflanzen Monsanto-Saatgut und erhoffen sich bessere Ernten und weniger Verluste durch Unkraut und Schädlinge. Für viele Europäer steht der Name Monsanto dagegen für eine bedrohliche Technik, die Monstertomaten hervorbringen könnte. Der Schotte Grant (48) arbeitet seit einem Vierteljahrhundert in dem Unternehmen, dessen Präsident und CEO er seit drei Jahren ist. Michael Miersch traf ihn in der Firmenzentrale in St. Louis.
brand eins: Herr Grant, träumen Sie manchmal davon, CEO eines Unternehmens zu sein, das beliebt ist und dessen Produkte jeder mag? Grant: Nein. Ich bin nicht scharf auf die Aufregung, aber ich bin stolz darauf, dass Monsanto an der Spitze eines Fortschritts steht, der wirklich bedeutsam ist. Es gibt nicht sehr viele Industrien, von denen man das sagen kann.
Monsanto war einst ein Chemiekonzern. In den achtziger Jahren wurde er zu einem Biotech-Unternehmen mit Schwerpunkt Saatgut umgebaut. Warum?
Wir diskutierten damals viel über die Zukunft der Landwirtschaft. Alle Prognosen sagten voraus, dass mit wachsender Weltbevölkerung die Nachfrage nach Getreide und anderen Lebensmitteln kräftig steigen wird. In unseren Debatten setzte sich die Hypothese durch, dass die notwendigen Ertragssteigerungen mit einer Optimierung der herkömmlichen Agrarchemie nicht möglich sein werden. Also fokussierten wir auf Genetik und Biotechnologie.
Es hat nicht nur eine wissenschaftliche Entwicklung stattgefunden, auch das Geschäftsmodell änderte sich. Sie betreiben keinen herkömmlichen Saatguthandel, sondern verkaufen genetische Information.
Wir tun beides. Der Handel mit Samen ohne gentechnische Komponenten gehört weiterhin dazu. Mehr und mehr natürlich der Handel mit gentechnisch verbessertem Saatgut. Einen Teil davon bieten wir unter unseren Markennamen an. Aber wir verkaufen auch Gen-Lizenzen an andere Saatguthändler.
Die Bauern zahlen ebenfalls Gebühren für den genetischen Vorteil des Saatgutes. Sie hören auf, ihr eigenes Getreide nachzuzüchten und müssen jede Saison erneut bei Monsanto einkaufen. So verlieren sie ihre Freiheit und werden abhängig.
Bauern sind nicht dumm. Unser Ware bietet zwei Vorteile: Schutz gegen Unkraut und Schutz gegen Insekten. Sie zahlen die Gebühren, weil sie unterm Strich Geld sparen. Denn unser Saatgut braucht weniger Pestizide und bringt höhere Ernten. Vor zehn Jahren, als der kommerzielle Einsatz der grünen Gentechnik losging, waren die Landwirte sehr skeptisch gegenüber der Technologie-Gebühr. Inzwischen haben sie gemerkt, dass sie damit Geld sparen.
Wie wird sich der Markt weiter entwickeln?
In naher Zukunft wird die Nachfrage in Amerika weiter steigen. Hauptsächlich in Brasilien, Argentinien, Kanada und den Vereinigten Staaten. Im asiatischen Raum wächst das Interesse an unseren Produkten ebenfalls rasant.
Spielt Europa eine Rolle?
Wenn wir unsere Perspektiven den Investoren an der Wall Street präsentieren, dann spielt Europa dabei keine Rolle. Dennoch bin ich optimistisch, dass früher oder später auch in Europa die Vorteile der grünen Gentechnik erkannt werden. Wir haben bereits kommerziellen Anbau in Spanien und Rumänien. Nun kommen Portugal, Tschechien, Deutschland und Frankreich hinzu - wenn auch zunächst in recht kleinem Umfang. Die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre haben gezeigt: Sobald die Landwirte die Resultate sehen, möchten sie ebenfalls das verbesserte Saatgut. Das Frühjahr 2006 wird für die Entwicklung in Europa sehr wichtig.
Monsanto ist sehr aktiv in Entwicklungsländern. Lohnt sich das vom kommerziellen Standpunkt? Schließlich gibt es die Erfahrungen der Pharma-Industrie: Der Bedarf ist immens, aber kein Mensch kann die teuren Medikamente bezahlen.
BT-Baumwolle, die gegen verbreitete Schädlinge resistent ist, wurde zunächst in den USA angebaut und kam erst Jahre später nach Afrika. Das war das alte Modell, nach dem Muster der Pharma-Industrie. Dort lief das bisher so, dass man Medikamente für die wohlhabenden Industrieländer fertigte. Nachdem man die Kosten wieder drin hatte, konnte man sie auch zu erschwinglichen Preisen in Entwicklungsländer liefern. Wir werden in zirka sechs Jahren eine Maissorte entwickelt haben, die Trockenheit gut aushalten kann. Es wäre unverantwortlich, sie erst in Nordamerika und Europa anzubieten und nicht in Afrika. Nach dem alten Modell würde die neue Sorte erst viele Jahre später in Afrika ankommen. Das darf nicht sein. Das muss parallel laufen.
Und wie wollen Sie dort Geld verdienen?
Afrika ist ein großer Kontinent, in dem die Landwirte höchst unterschiedlich wirtschaften. Einige unserer Unternehmungen werden von vornherein Gewinn abwerfen. Andere nicht. Aber viele Menschen erwarten von uns ganz zu Recht, dass wir unser Wissen auch dort zur Verfügung stellen, wo ein Gewinn in weiter Feme liegt. Und das werden wir tun. Nicht nur aus Altruismus. Wir sehen das auch als den Aufbau eines Geschäftsfeldes. Schon heute sind neun von zehn Landwirten, die grüne Gentechnik einsetzen, Kleinbauern in ärmeren Ländern.
Nicht alle werden sich Monsanto-Saatgut leisten können.
Alle Bauern kämpfen in jeder Saison den gleichen Kampf gegen Unkräuter und Insekten. Wenn sie falsch investieren, sind die ökonomischen Konsequenzen sehr hart. Fällt die Ernte zu gering aus, dann haben Großbauern ein Problem mit der Bank. Für Kleinbauern kann ein Ernteausfall Hunger bedeuten. Ich habe lange in Asien gearbeitet. Dabei konnte ich immer wieder feststellen, dass gerade Kleinbauern sehr erpicht auf neue Technologien sind. Sie brauchen nur eine Chance, an diese Technologien auch heranzukommen. Wird das Saatgut in armen Ländern billiger sein?
Das ist schon heute so. Wir kalkulieren unsere Preise anhand der Alternative: Unser Produkt muss immer ein bisschen ökonomischer sein als der Aufwand, den ein Bauer betreiben müsste, um Unkraut und Insekten mit Pestiziden in Schach zu halten.
In Argentinien und Indien ist Produktpiraterie beim Saatgut ziemlich verbreitet. Wie schützen Sie sich davor?
Ich glaube, es ist falsch, neue Märkte zu meiden, vor lauter Angst, geistiges Eigentum könnte nicht ausreichend geschützt sein. Natürlich wünschen wir uns Sicherheit, Aber als Entwickler neuer Technologien setzen wir auch auf unsere Erneuerungskraft. Wenn wir dem Bauern immer wieder bessere Produkte anbieten können, mit denen er seine Erträge weiter erhöht, wird er mit der Zeit nach der konstanten Qualität verlangen, die nur wir ihm bieten können. Die Kopisten können da nicht mithalten.
In Europa sind derzeit Energiepflanzen das große Thema. Und auch US-Präsident Bush setzt auf solche Pflanzen bei seinen Plänen, die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren. Welche Bedeutung wird Gentechnik auf diesem Feld haben?
Bereits heute wird auf zehn bis zwölf Prozent der Mais-Anbaufläche in den USA für Bio-Ethanol produziert. In Europa ist Biodiesel aus Raps bedeutender. Monsanto setzt bisher mehr auf Ethanol. In Sachen Biodiesel sind wir noch nicht besonders weit. Aber das kann sich ändern.
Sie könnten da einen Boom verpassen.
Ganz oben auf unserer Agenda steht derzeit das Thema Speiseöle. Wir werden sehr bald Maiskeimöle marktreif haben, die wesentlich gesünder sind als bisherige Pflanzenöle. Dafür müssen wir uns natürlich die für die Ölqualität zuständigen Gene genau ansehen. Man braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, dass wir den Fokus auch in eine andere Richtung drehen können. Um herauszufinden, welche Konsistenz am besten wäre, um das Öl in Motoren zu verbrennen.
Wie sieht es mit anderen Forschungsgebieten aus, zum Beispiel Forstwirtschaft, Stichwort schneller wachsende Bäume?
Wir konzentrieren uns schon eine ganze Weile auf Mais, Sojabohnen, Baumwolle und Raps. Seit etwa einem Jahr ist noch Gemüse dazugekommen. Wir sind jetzt der größte Gemüsesamenproduzent der Welt. Es gibt keine Grenzen der Vorstellungskraft, aber auch wir verfügen über begrenzte Ressourcen. Gibt es außer Trockenheitsresistenz noch weitere Neuentwicklungen, die Monsanto in der Pipeline hat?
Pflanzen, die weniger Stickstoff brauchen. Stickstoff ist weltweit ein Problem. In den armen Ländern, weil es dort zu wenig davon gibt, und in den reichen Ländern, weil die reichliche Stickstoffdüngung die Böden und das Grundwasser belastet. Im Übrigen ist mit einer Verteuerung des Düngers zu rechen, weil er an den Gaspreis gekoppelt ist. Das wird Pflanzen, die weniger Stickstoff brauchen, bald interessant machen.
Warum hat die grüne Gentechnik nicht mit gesunden Ölen oder anderen Diätvorteilen begonnen - statt mit Saatgut, dessen Nutzen nur der Bauer bemerkt und nicht der Verbraucher?
Wir haben dort angefangen, wo wir uns am besten auskannten. Und das war der Schutz vor Unkräutern und Insekten. Forschung braucht ihre Zeit. Deshalb setzen wir uns langfristige Ziele.
Warum, glauben Sie, haben immer noch so viele Menschen Angst vor der grünen Gentechnik?
Tja, das ist die große Frage. Es sind natürlich vielschichtige Gründe. Einer davon war ein historischer Zufall. Als die grüne Gentechnik nach Europa kam, war dies inmitten einer großen Vertrauenskrise. BSE und andere Skandale hatten die Verbraucher extrem misstrauisch gemacht. Die Lebensmittelsicherheit stand ständig in Frage.
Was war in Amerika anders?
Dort gab es diese Krise des Verbrauchervertrauens nicht. Dementsprechend sind die Vorbehalte gegen die grüne Gentechnik dort gering.
Verstehen Sie die Ängste vor der Gentechnik?
Ich glaube in zehn Jahren wird man über manches davon lächeln. Wenn ich zwei Maispflanzen mit je 45 000 Genen mische, wird dies konventionelle Züchtung genannt. Wenn ich ein Gen gezielt übertrage, ist es Gentechnik.
Warum sind Sie gegen die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel?
Wir sind nicht dagegen. Ich finde nur, dass es Verwirrung stiftet statt aufzuklären. Mir gefällt der amerikanische Ansatz: Es muss draufstehen, was drin ist. Kennzeichnung hat nur Sinn, wenn etwas aufgelistet wird, das sich substanziell vom Standard unterscheidet. Wenn es sich nicht unterscheidet, was bei gentechnisch veränderten Rohstoffen der Fall ist, was soll dann die Kennzeichnung?
Werden Sie gegen die Kennzeichnung kämpfen?
Jetzt sind nach einem fünf Jahre währenden Moratorium endlich einige unserer Maissorten in Europa zugelassen worden. Ich freue mich, dass die europäischen Konsumenten bald im Supermarktregal wählen dürfen. Wenn die Kennzeichnung der Preis dafür ist, dann akzeptieren wir das.
Haben Sie einen Notfallplan, wenn die Szenarien der Anti-Gentech-Aktivisten eines Tages doch wahr werden?
Unser Plan ist, so etwas von vornherein zu vermeiden. Gentechnisch veränderte Pflanzen gedeihen nun auf 90 Millionen Hektar Land weltweit. Früher sagten die Aktivisten, Gentech-Nahrung gefährde die Gesundheit. Nach zehn Jahren Anbau in inzwischen 21 Ländern können sie niemanden vorweisen, der auch nur Pickel bekommen hätte. Auch in ökologischer Hinsicht ist in diesen zehn Jahren vieles deutlich geworden. Eine erhebliche Reduktion der Pestizide beispielsweise, speziell bei den Insektiziden im Baumwollanbau. Ich bin mehr interessiert an wissenschaftlichen Fakten als an Angst-Szenarien.
Ist grüne Gentechnik die Lösung für den steigenden Nahrungsbedarf der Weltbevölkerung?
Nein. Es wäre falsch zu behaupten, grüne Gentechnik rette die Welt. Ich glaube, Gentechnik und die Genetik der Samenzucht werden gewichtige Rollen spielen. Wir haben in den achtziger Jahren darauf gewettet, dass unsere Technologie höhere Ernten erbringen wird. Diese Wette haben wir gewonnen.
Die Kampagnen gegen grüne Gentechnik werden in Europa unter anderem von den Öko-Agrarverbänden geführt. Sind Sie ein Gegner der Öko-Landwirtschaft?
Ich hoffe, dass Öko-Landbau und grüne Gentechnik zusammenkommen werden. Es müsste den Öko-Landbau-Anhängern doch sympathisch sein, wenn wir Pestizide überflüssig machen. Bereits heute sind Öko-Saatgutzüchter höchst interessiert an unseren Erkenntnissen über das Pflanzengenom. Man kann Saatgut auch mit konventionellen Methoden schneller und effizienter züchten, wenn man das Wissen aus der Gentechnik nutzt.
Welche der Entwicklungen ist Ihr persönlicher Favorit?
Die Trockenheitsresistenz. Sie birgt großartige Möglichkeiten für viele Entwicklungsländer. Wenn wir das hinkriegen, könnte es zu einem Vermächtnis von Monsanto für die Welt werden.
