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brand eins 05/2006 - SCHWERPUNKT: Ende.

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Hanna

Ein Leben

Das Foto entstand 1945 in Rathenow bei Berlin. Sie war damals 24 Jahre alt und Deutschland am Ende. Sie war es ebenfalls. Sie stammte aus einer alten Adelsfamilie und war in behüteten Verhältnissen aufgewachsen: Ihr Vater war Binnenschifffahrtsreeder gewesen, die Familie hatte ein Hausmädchen gehabt, einen Chauffeur, ein Kindermädchen. Als Kind hatte sie mit einem Elektro-Kinderherd gespielt - in den zwanziger Jahren! Doch von all dem war zu diesem Zeitpunkt nichts mehr übrig: Ihr Zuhause war ausgebombt, ihr Freund im Krieg gefallen und ihr Vater in einem englischen Kriegsgefangenenlager gelandet, wo er kurz darauf starb. Sie floh mit ihrer Mutter in die Ostzone.

Nach deren Tod ging sie in den Westen. Sie hatte keinen Beruf gelernt, das war für höhere Tochter nicht üblich, aber im Wirtschaftswunder gab es für alle etwas zu tun, und so wurde sie Bürokraft. Bei Siemens traf sie ihren Mann, das schwarze Schaf seiner Familie: ein Betrüger und professioneller Glücksspieler, der mehrfach vorbestraft war. Niemand weiß, wann sie merkte, auf wen sie sich da eingelassen hatte, aber es war egal: Sie war 39, sie wollte ein Kind, und er war ihre letzte Chance.

Die ersten zwei Jahre nach der Geburt des Kindes waren noch ganz gut, die junge Familie zog in eine Neubauwohnung mit Balkon. Dann ging ihnen das Geld aus, und sie mussten umziehen: in das vorletzte Haus in einer Sackgasse (das letzte war eine Pferdeschlachterei), beheizt mit Kohle aus einem Schuppen im Hinterhof, das Klo ein Stockwerk tiefer. Die Wäsche wurde in einem riesigen Topf auf dem Ofen gewaschen. Sie kümmerte sich um das Kind, machte den Haushalt und verdiente Geld, während ihr Mann auf der Rennbahn war, im Knast oder im Krankenhaus, weil er Epileptiker war und Säufer (das Wort Alkoholiker gab es damals noch nicht), eine ungesunde Mischung.

Ihr Mann starb 1968, und sie zog mit dem Kind in eine Neubauwohnung. Dort befand sich das Klo in der Wohnung, es gab eine Zentralheizung, fließend warm Wasser und sogar eine Badewanne. Deshalb störte es auch nicht, dass die Siedlung als sozialer Brennpunkt galt und die beiden von der Sozialhilfe leben mussten. Außer vielleicht am Ende des Monats, wenn sie mit eingezogenen Schultern den Filialleiter der Sparkasse bat, ihr noch 20 Mark zu geben, damit sie etwas zu essen kaufen konnte. Irgendwann bekam sie schließlich Rente, natürlich zu wenig, doch es war besser, als immer auf Almosen angewiesen zu sein. Dann wurde sie krank, nach einiger Zeit konnte sie nicht mehr laufen, am Ende saß sie im Rollstuhl.

Es wäre einfach zu sagen, ihr Leben sei ein ständiger Kampf gewesen. Doch wenn ich mir Fotos von ihr anschaue, sehe ich immer dasselbe: Sie lacht. Und ich weiß, dass sie, wenn sie von ihrer Vergangenheit erzählte, nie über Verluste sprach, sondern über Menschen, die ihr am Herz gelegen hatten, oder wundersame Erlebnisse. Sie erzählte gern, wie sie 1936 in einem Sendesaal in Berlin einige der ersten Fernsehsendungen gesehen hatte, Übertragungen von den Olympischen Spielen. Oder wie sie in den sechziger Jahren in Hamburg in der Straßenbahn Willy Brandt gegen einen Adenauer-Freund verteidigt hatte, der sich schließlich wütend woanders hinsetzte. Ein Triumph! Es war kein großes Leben, das sie geführt hatte, auch kein einfaches. Aber sie hatte es so gut gelebt, wie sie konnte. Und sie beschwerte sich nicht, obwohl sie im Reichtum aufgewachsen war und in Armut endete.

Ich ahne, warum. Ihr Leben war nicht eines dieser exemplarischen Beispiele, die beweisen, dass auch sozial Schwache eine ordentliche Existenz führen können: Ihre Wohnung war immer chaotisch, Kram auf Kram gestapelt, die Möbel alt und gebraucht, die Kleidung ebenso. In Illustrierten werden mit Fotos solcher Wohnungen gern die Asozialen vorgeführt. Andererseits gab es bei ihr oft gut zu essen. Wenn sie durch Zufall etwas Geld hatte, musste jemand in die Innenstadt fahren, um in der Delikatessenabteilung eines der großen Kaufhäuser obskure Spezialitäten zu kaufen. Einmal, das ist wirklich wahr, ließ sie sich von Karstadt Löwenschinken besorgen. Man könnte das verantwortungslos nennen: Geld zu verprassen, obwohl man in Armut lebt, statt es zu sparen für schlechte Zeiten. Aber einerseits kannte sie seit langem nichts anderes als schlechte Zeiten. Und andererseits war das Gegenteil richtig. Sie übernahm die größte und wichtigste Verantwortung: die für den Moment.

Es war ihr vielleicht nicht bewusst, aber sie hatte aus ihrem Leben etwas gelernt: Es gibt nur das Jetzt, mach was draus. So lange sie konnte, war sie immer unterwegs, ging ins Museum und ins Kino, lief durch die Stadt und die Kaufhäuser, und überall kannte sie Menschen: die Propagandistin, die im Supermarkt Pudding verteilte, den Fahrstuhlführer, der im Warenhaus die Etagen ausrief, die Klofrau im Einkaufszentrum. Sie wollte etwas sehen, etwas erleben. Nicht später. Jetzt. Deshalb saß sie gern vorm Fernseher. Und deshalb beschäftigte sie sich stets mit dem, was sie wirklich interessierte, statt aufzuräumen, auch wenn sich ihre letzten Verwandten, die Schwestern ihres toten Mannes, bei jedem Besuch beschwerten. Doch das scherte sie nicht. Sie hatte einfach immer etwas anderes vor. In jedem Moment.

Die Ewigkeit ist keine Perspektive für ein Leben: Sie führt zur Verdrängung, zum Verschieben der schönsten Träume, der größten Wünsche ins Irgendwann, wenn alles besser ist, die Gelegenheit günstig, das Produkt billig. Die Verdrängung führt zu Geiz, aber das nur am Rande. Wenn man auf einen günstigen Moment wartet, um endlich tun zu können, was man will, wird man es wahrscheinlich nie tun - es gibt keine günstige Gelegenheit, die nicht von einer günstigeren Gelegenheit überboten werden könnte. Deshalb muss man ein eigenes Ende finden, eine persönliche Grenze: um leben zu können. Denn die Zukunft ist eine Hoffnung ohne Garantie. Sterben geht immer. Und der Tod ist zumindest für jeden persönlich erst mal ein Ende. Auch wenn jedes Leben Spuren hinterlässt und deshalb weitergeht.

Ich weiß, dass sie in ihrer Jugend ins Kino ging und immer alles wissen wollte. Und dann sehe ich ihr Kind (das heute natürlich erwachsen ist, aber vielleicht ist es gut, sich ab und zu daran zu erinnern, dass jeder Erwachsene einst ein Kind war), wie es ins Kino geht und immer alles wissen will. Wie es in der Stadt herumläuft und sich freut, all die Menschen zu kennen, mit denen man ein wenig reden kann. Wie sehr ihr Nachwuchs das braucht: unterwegs zu sein. Sicher, einiges kommt wohl vom Vater, vor allem der Glaube, dass Gesetze flexibel sind, nicht nur juristische, sondern auch gesellschaftliche, soziale oder die der Wahrscheinlichkeit. Aber wenn dieses große Kind (der kleine Erwachsene?) nicht weiß, worüber es sich beschweren soll, wenn es erzählt, worüber es sich freut und welche Menschen ihm am Herzen liegen, wenn es vergisst, was ärgerlich war oder verletzend (und ohnehin nicht zu ändern ist), dann ist es ohne Zweifel ein Abbild seiner Mutter. Ihr Leben nach dem Tod.

Anfang der achtziger Jahre bekam sie Krebs. Lange wehrte sie sich gegen die Krankheit, aber als ihr Kind aus dem Haus war, gab sie langsam auf. Sie starb 1987. Vielleicht hatte sie keinen Grund mehr zu kämpfen, jetzt, wo ihr Nachwuchs ein eigenes Leben führte. Vielleicht war das alles gewesen, was sie noch wollte: ein Leben zu schenken. Das hatte sie nun getan. Jetzt war ihr Kind dran. Zu tun, was sie immer getan hatte: aus jedem Tag das Beste zu machen.


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