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brand eins 05/2006 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT

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Gefährliche Freundschaft

Aberdeen ist die Hauptstadt des Nordsee-Öls.

Die schottische Kleinstadt lebt gut vom schwarzen Gold. Solange sein Preis hoch ist.

Es ist kalt im Nordosten Schottlands. Kapitän Colin Parker klappt den Kragen seines Mantels hoch. Vor ihm liegen die drei Becken des Hafens von Aberdeen. Am südlichen Kai lädt ein Kran riesige Kunststoffboxen mit Bohrresten von der Ladefläche eines Frachters. Im Albert Basin wickeln die gigantischen Winden an Bord der San Fruttuoso schwere Eisenketten für die Anker von Bohrinseln auf. Und im Telford-Dock liegt ein 1978 von der Hermann-Sürken-Werft in Papenburg gebautes Versorgungsschiff, das in den vergangenen drei Jahren im Hafen von Edinburgh vor sich hin gammelte. Nun lässt eine US-Reederei das Schiff für gut zwei Millionen Euro wieder flottmachen, damit es in einigen Wochen nach Angola auslaufen kann. Das lohnt sich, denn auf ein neues Schiff muss man bis zu zwei Jahre warten. Parker schaut auf die graue Nordsee. "Es ist viel los", sagt er, "sehr viel." Parker ist der Geschäftsführer des Hafens von Aberdeen. Er kennt jede Schiffsbewegung, weiß, dass heute Nacht mit der Far Sky und dem Maersk Forwarder zwei weitere Ankerboote einlaufen werden und dass die San Fruttuoso in einer Stunde im Victoria Dock Elektrokabel an Bord nehmen wird. Er erzählt, dass 2005 mehr als 5000 Versorgungsschiffe in Aberdeen Nahrungsmittel, Rohre und Zement geladen haben, 1000 mehr als im Vorjahr. "Öl kostet jetzt mehr als 60 Dollar das Barrel. Das ist eine sehr gute Nachricht für uns." Die Stadt an der schottischen Ostküste ist das Zentrum der Ölindustrie in der Region, auf den Ortsschildern steht "Hauptstadt des Nordsee-Öls". Alles, was für die Ölförderung gebraucht wird, geht durch Aberdeen: Menschen, Maschinen, Material. Und seit der Ölpreis die Marke von 60 Dollar genommen hat, erlebt die Stadt einen Aufschwung, wie derzeit wohl kein anderer Ort in Europa. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 1,8 Prozent, Löhne und Gehälter steigen, Arbeitskräfte werden dringend gesucht. Und die Energiekonzerne pumpen immer mehr Geld in die Stadt.

Den Aufschwung verdankt Aberdeen dem hohen Ölpreis - und dem Mangel an neuen Ölfeldern Morgens um halb acht, in einer engen Straße nahe des Hafens. Die Pfützen auf dem Gehsteig sind gefroren. Paul Graves reißt seine Bürotür auf, sagt schnell "Good morning", überreicht hastig seine rote Visitenkarte und fragt dann sofort: "Ich brauche elf Chemie-Ingenieure. Elf. Kennen Sie einen?" Der Aufschwung ist anstrengend. Graves ist Chef der Arbeitsagentur Hazell Engineering, die Personal für die Ölindustrie sucht. Mit großen Schritten marschiert er über den Flur des einstigen Kinos, in dem er ein Büro bezogen hat. Granitsäulen halten die Decke, es riecht nach Spray und Shampoo vom Friseur einen Stock tiefer. Graves lässt sich schwarzen Tee mit Milch und Zucker bringen. "Es ist schwierig, ganz schwierig. Wir kriegen nicht genug Leute." Kaum sitzt Graves, steht er schon wieder. Sein runder Kopf ist rot, hektisch streicht er über sein lichtes Haar. Er spricht schnell.

Als Chemie-Ingenieur könne man sehr gut verdienen. " 400 bis 500 Pfund! Am Tag! Onshore!" Also an Land, nicht etwa auf einer Bohrinsel, wo traditionell sehr gut bezahlt wird. Die Unternehmen suchen dringend Arbeiter. "Sie wollen das Öl aus dem Boden holen, solange der Preis gut ist." Und das nicht nur hier, sondern auch in Kasachstan, Brasilien oder Angola. "Da suchen wir ebenfalls Leute", sagt Graves. Bald wird der Arbeitskräftemangel sogar noch schlimmer: Das Durchschnittsalter der Angestellten in der Ölindustrie beträgt 49 Jahre, viele gehen demnächst in Rente. Dann werden noch mehr Leute gebraucht. Graves telefoniert in der Welt herum, um Ingenieure nach Schottland zu locken. Es ist ein Kampf.

Die Nachfrage nach Öl ist enorm gestiegen, seitdem der Energiebedarf der neuen Wirtschaftsmächte wie Indien oder China rapide wächst. Gleichzeitig hat sich die Situation der Industrie verändert. Früher wurde die Ölförderung vom Kartell der Seven Sisters kontrolliert: von den US-Gesellschaften Exxon (Esso), Texaco, Socal (Chevron), Gulf und Mobil, sowie den Europäern BP (British Petroleum) und Shell. Doch heute befinden sich die größten Ölvorräte im Persischen Golf, wo die Industrie von Staatsgesellschaften dominiert ist. Und dort, wo westliche Ölgesellschaften Zugang zum Öl haben, im Golf von Mexiko, in Alaska und der Nordsee, leeren sich langsam die Felder. BP konnte im vergangenen Jahr als einziger Konzern 95 Prozent des von ihm geförderten Öls durch neue Felder ersetzen.

"Die Hälfte des Nordsee-Öls haben wir rausgeholt", sagt Alexander Kemp, Professor für Ölwirtschaft in Aberdeen. Der kleine Mann mit den dicken Brillengläsern sitzt in einem engen Büro zwischen sorgfältig gestapelten Papiertürmen, die bis zur Decke ragen. "Aber es gibt wahrscheinlich noch viele kleinere Ölfelder in der Nordsee. Die Frage ist nur, ob sie ausgebeutet werden können." Niemand wagt vorherzusagen, wie viel Öl noch unter der Nordsee lagert und wie viel davon gefördert werden kann. Die britische Offshore-Operators Association (UKOOA) schreibt: " Die künftige Produktion zu schätzen ist eine gewagte Sache, alle Langzeit-Vorhersagen haben sich bislang als falsch erwiesen." Nicht zuletzt, weil die geförderte Ölmenge von der technischen Entwicklung abhängt - und wer weiß, was in 30 Jahren möglich ist? Sicher ist nur: Das verbleibende Öl in der Nordsee liegt in kleinen Feldern oder ist dickflüssiger, die Förderung ist schwieriger. Sicher ist aber auch: Im britischen Sektor der Nordsee werden aus mehr als 250 Feldern 1,7 Millionen Barrel pro Tag gefördert, doch allein Großbritannien verbraucht heute täglich 1,9 Millionen Barrel. Bedarf existiert also.

Angesichts des hohen Preises lohnt es sich bereits jetzt, auch schwierigere oder kleinere Felder anzuzapfen. Kemp: "Zu einem Preis von 30 Dollar könnten in der Nordsee bis 2030 weitere 24 Milliarden Barrel gefördert werden. Liegt der Preis bei 40 Dollar, könnte die Produktion auf 25 Milliarden Barrel steigen." Dumm nur, dass bei höheren Preisen mehr investiert wird und dadurch die Kosten explodieren. Kemp nennt ein paar Zahlen: Eine Bohrplattform ist heute doppelt so teuer, wie noch vor einem Jahr, 100 000 Dollar Miete kostet sie pro Tag. Und die Kosten, die bei der Beackerung eines Ölfeldes entstehen, sind heute 20 Prozent höher als vor einem Jahr. Generell sind die Produktionskosten eines Barrels im Jahr 2005 um zehn Prozent gestiegen. Steigt die Nachfrage, klettern die Preise.

Wie hält man der stürmischen Nachfrage stand, ohne bei der nächsten Flaute unterzugehen?

Davon lebt Aberdeen. 900 Firmen der Ölbranche haben sich in der 210 000-Einwohner-Stadt angesiedelt, 30 000 Menschen sind in der Ölindustrie beschäftigt. Die UKOOA schätzt, dass die Ölkonzerne im vergangenen Jahr zehn Milliarden Pfund im britischen Teil der Nordsee investiert haben, doppelt so viel, wie die Organisation erwartet hatte. BP baut in Aberdeen gerade ein neues Nordsee-Hauptquartier. Alles in dieser Stadt wächst. Sogar in der Luft.

Der Flughafen der Stadt hat den dichtesten Helikopter-Verkehr der Welt. Der Hubschrauber-Linienflieger Bristow betreibt am Flughafen ein eigenes Terminal. Auf dem Schirm stehen die Abflugsziele: Piper Beta B, Britannia Plattform, Northern Prod - Bohrinseln. In einem mit Neonröhren erhellten Raum warten Arbeiter auf ihren Flug. Sie trinken Kaffee, spielen Bingo am Automaten, essen am Imbiss. Die Stimmung ist gedrückt: 14 Tage lang werden sie in Zwölf-Stunden-Schichten auf den Bohrinseln arbeiten und sich eine Kajüte mit einem Kollegen teilen. "Auf dem Rückflug ist die Stimmung besser", sagt Tim Rolfe, Chef-Pilot bei Bristow. Das Unternehmen macht 90 bis 100 Flüge täglich, 2005 waren es 35 Prozent mehr als im Vorjahr. "Jeder sucht nach Hubschraubern" , sagt Rolfe, während er durch das Terminal marschiert. "Es ist schön, dieses Problem zu haben. Aber es wäre besser, die Nachfrage wäre gleichmäßiger." Mit diesem Problem ist Rolfe nicht allein. Mike Crawford ist Chef der lokalen Filiale von ABB. Das Unternehmen baut auf den Ölplattformen die Elektrizitätsschaltungen. Crawford ist seit 28 Jahren dabei. Im perfekt sitzenden Anzug malt er in einem nüchternen Besprechungsraum Zahlen und Pfeile mit rotem Filzstift auf eine Tafel: "In den vergangenen 18 Monaten, haben wir unser Personal um zehn Prozent aufgestockt." Er malt einen Kreis um die Zehn. Dann hält er inne und zeichnet ein Fragezeichen. Das Problem ist, dass man während der Boom-Zeiten so wirtschaften muss, dass es auch in ruhigeren Zeiten weitergehen kann: Crawford muss der starken Nachfrage standhalten, ohne Überkapazitäten zu schaffen. Doch was ist zu viel, was zu wenig?

Aberdeen lebt vom Öl, aber es ist ihm auch ausgeliefert: Die jüngere Geschichte der Stadt ist ein direkter Spiegel des Auf und Ab des Ölpreises. Es begann 1970. Bis dahin lebte die Stadt von der Fischerei, der Landwirtschaft und der Papierindustrie. Dann wurde das Forties-Ölfeld vor der schottischen Küste entdeckt. Ölfirmen siedelten sich an, Zulieferer folgten. Fünf Jahre später wurde in der Nordsee zum ersten Mal Öl gefördert. Multis wie BP und Shell zogen in die Stadt, Zulieferfirmen bauten Montagehallen. Es war der Beginn einer rentablen Abhängigkeit, deren Kehrseite Aberdeen zum ersten Mal 1986 kennen lernte. Damals sank der Ölpreis auf neun Dollar pro Barrel, während die Produktionskosten in der Nordsee bei zehn Dollar lagen. Die Konzerne stornierten ihre Aufträge bei den Zulieferern, deren Lager über Nacht zu groß waren. Massenhaft wurden Angestellte entlassen, und weil viele von ihnen nicht aus Schottland kamen, verließen sie die Stadt. So erwischte die Krise den Immobilienmarkt, Wohnungen und Häuser standen leer. Und selbstverständlich litt auch der Einzelhandel.

Als sich der Ölpreis erholte, ging es auch mit Aberdeen wieder aufwärts. 1991 hatte die ansässige Ölindustrie so viele Arbeitskräfte unter Vertrag wie nie zuvor. 1998 rutschte der Preis wieder auf zehn Dollar, doch diesmal wurde es nicht so schlimm wie zwölf Jahre zuvor. Die entlassenen Arbeiter kamen jetzt aus der Region und blieben in Aberdeen. Auch die Zulieferer hatten aus 1986 gelernt: Als die Ölkonzerne in der Krise dorthin zogen, wo man Geld verdienen konnte, zogen sie ihnen einfach nach. Heute machen Öl- und Gasprodukte sowie die dazugehörigen Dienstleistungen 20 Prozent der Exporte Schottlands aus.

"Wir mussten unsere Abhängigkeit reduzieren", sagt James Hamilton. Der weißhaarige Mann ist Direktor der Balmoral Group. Er lehnt sich in einen gepolsterten Stuhl im Konferenzsaal, an den Wänden klebt eine grüne Tapete mit weißen Kreuzen. Balmoral stellt Schwimmer für Bohrplattformen und Unterseeroboter her, Pipeline-Rohre und feuerfeste Rettungsboote. Um von den Schwankungen des Ölpreises unabhängig zu werden, verfolgte Hamilton eine Doppelstrategie: Einerseits begann er, Teile für Windanlagen und Wellenkraftwerke zu bauen, um in neue Branchen einzudringen. Andererseits suchte er nach weiteren Kunden für seine Produkte für die Ölförderung: in Westafrika, Brasilien, Norwegen und am Golf von Mexiko. Lokal denken, global handeln: Die Globalisierung sicherte für Balmoral den Standort Aberdeen.

Vergangenes Jahr feierte Hamilton mit Balmoral den 25. Firmengeburtstag. 1980 begann er mit sechs Leuten, heute arbeiten mehr als 400 für ihn. Doch Hamilton will weg vom Öl. Er weiß, dass ein hoher Ölpreis nicht automatisch zu hohen Gewinnen für die Zulieferer führt. Das Problem ist: Der Boom entsteht durch das Ansteigen des Ölpreises, aber gleichzeitig steigen auch sämtliche Kosten des Zulieferers für Stahl, Aluminium, Kunststoffharze, Transport, Arbeitskräfte. Allein die Ölkonzerne, die die Preise festlegen, können sich ihren Gewinn schon vorher ausrechnen. Hamilton sagt mit tiefer Stimme: "Wenn Shell und BP Gewinn machen, heißt das noch lange nicht, dass auch die Zulieferer Gewinn machen." BP ist das größte Ölunternehmen in der britischen Nordsee. Der Konzern will bis 2009 weltweit 18 Milliarden Pfund in die Ölförderung investieren, davon 5,8 Milliarden in der Nordsee. Die Zentrale von BP in Aberdeen liegt am Stadtrand, unweit des Flughafens. Zum Gespräch steht Richard Grant bereit, sein Job laut seiner Visitenkarte: "Business Advisor". Er trägt eine eckige Brille, Jeans und keine Krawatte. Eine der größten Herausforderungen ist laut Grant, "die Hardware im Wasser am Leben zu halten". Tausende von Kilometern Pipeline liegen auf dem Meeresgrund, jedes Ölfeld ist an das Netz angeschlossen. "Das rentiert sich nur, wenn die Felder genug Öl haben oder der Preis stimmt." Auch Grant meint: "Die Ölproduktion wird in Zukunft schwieriger." Im Forties-Ölfeld konnte man ein Rohr in den Grund rammen, und das Öl floss fast von allein heraus. Heute muss immer mehr Technik in die Nordsee verschifft werden, um immer weniger Öl zu fördern.

Wie lange kann das noch weitergehen? Grant bleibt vage: "Bis zum Ende kann es noch lange dauern, 30, 40, 50 oder 60 Jahre." Professor Kemp antwortet auf dieselbe Frage, im Jahr 2030 würde noch eine Million Barrel Öl täglich gefördert. Für Unternehmer Hamilton ist allerdings auch klar: "Irgendwann ist Schluss." Doch davon will Kapitän Parker nichts wissen. Er sagt den Satz, den man in Aberdeen jeden Tag hört, der die Ungewissheit überspielt und Mut machen soll: "Vor zehn Jahren hieß es, in zehn Jahren gibt es kein Öl mehr in der Nordsee." Und? Man sieht es doch: Die Stadt lebt immer noch gut vom Öl.


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