Navigation

Inhalt

brand eins 05/2006 - SCHWERPUNKT: Ende.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die drei Buchstaben

Früher trafen sich die Familien in Südafrika auf Hochzeiten.

Heute treffen sie sich auf Beerdigungen.

Ein Bericht aus einem Land, in dem das Leben kurz ist.

Morgen ist Samstag. Begräbnistag. "Keine Ahnung, wann für mich das letzte Wochenende ohne Beerdigung war", sagt Rosina, die mit 31 Jahren so viele Trauerfeiern hinter sich gebracht hat wie ein betagter deutscher Priester. Manchmal sind es Familienangehörige, die bestattet werden müssen: Rosina hat in jüngster Zeit vier Cousins, zwei Onkel und eine Tante verloren. Nicht selten sind es Freunde, die viel zu früh gestorben sind. Und am häufigsten hat sie von Mitgliedern ihrer Kirche, der Zion Christian Church, Abschied zu nehmen. Die meisten Verstorbenen kannte Rosina persönlich: " Bei jedem Begräbnis frage ich mich, wer von uns wohl der Nächste sein wird." Morgen wird ein 30-jähriger Freund Rosinas auf dem Avalon-Friedhof von Soweto beigesetzt. Vor dem riesigen Gottesacker mit mehr als 330000 Gräbern bilden sich an jedem Samstagmorgen kilometerlange Autostaus: An einem durchschnittlichen Wochenendtag werden hier 120 Tote begraben. Beerdigungsinstitute heben bereits im Voraus die für den Tag benötigten Gruben aus: 15 bis 20 in einer Reihe. Der Anblick erinnert an Südafrikas Übergangszeit, als vor den Kameras der Weltpresse die Opfer politisch motivierter Massaker beigesetzt wurden. Heute finden die Massenbestattungen wöchentlich statt und ohne Echo.

Die Trauerfeiern erfolgen im Halbstundentakt. Weil es nur zwei Baldachine und Hebevorrichtungen gibt, müssen sich die Trauergäste strikt an die Termine halten. Wenn zwei Beerdigungen nebeneinander stattfinden, erzählt Rosina, sprechen sich die Priester ab und lassen zur selben Zeit dieselben Hymnen singen, um Dissonanzen zu vermeiden. Früher war am Samstag um zehn Uhr morgens bereits Zapfenstreich: Wer danach noch beerdigte, musste mit einem Strafzettel rechnen. Inzwischen ist das gesamte Wochenende für Begräbnisse freigegeben, gelegentlich wird auch an Werktagen bestattet. Weil der Friedhof bald voll ist, überlegen die Stadtväter, ob sie die Toten aufrecht begraben sollen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit, erzählt Rosina, seien bei Beerdigungen niemals Kinder anwesend gewesen, nicht einmal die Kinder der Verstorbenen. Die wurden vorübergehend bei den Nachbarn untergebracht: Man sagte ihnen, Papa oder Mama seien nur kurz verreist. Nachts im Schlaf wurde ihnen dann eingeflüstert, dass Papa oder Mama tot seien. Und dass sie keine weiteren Fragen stellen sollten. Heute, sagt Rosina, bekommen auch Kinder Tote zu Gesicht. Das sei vielleicht besser so: " Damit sie wissen, was hier los ist." Beerdigungen sind in Südafrika zu den wichtigsten gesellschaftlichen Begegnungen geworden. Früher, erzählt Rosina, versammelten sich Familien vor allem zu Hochzeiten: Inzwischen haben Begräbnisse die Führung im Familienkalender übernommen. Eine fürstliche Bestattung ist Ehrensache. Wer sich lumpen lässt, bringt Schande über Verstorbene wie Hinterbliebene: "Man muss sich würdig verabschieden", ist auch Rosina überzeugt. Selbst arme Südafrikaner geben für eine Bestattung - Essen, Leichenwagen, Sarg und das "richtige" Bestattungsunternehmen -astronomische Beträge aus. Wer etwas auf sich hält, erwirbt einen aus den USA importierten Sarg für umgerechnet 5000 Euro, mietet als Leichenwagen eine weiße Stretch-Limousine und gönnt sich noch einen roten Teppich und uniformierte Chorsänger. Der Tod ist in Südafrika ein riesiges Geschäft, sagt die Johannesburger Soziologin Deborah Posel.

Um nicht mit leeren Händen vor dem Tod zu stehen, schließen wohlhabende Südafrikaner private Lebensversicherungen ab, ärmere treten einer Burial Society bei. Solche Bestattungsgesellschaften bestehen aus 30 bis 50 Mitgliedern, die jeden Monat ihren Beitrag in die Gruppenkasse zahlen. Stirbt ein Society-Mitglied, bekommen seine Angehörigen eine feste Summe für die Ausrichtung der Bestattung. Rosina ist gleich bei zwei Burial Societies Mitglied, denen sie monatlich etwas mehr als zehn Euro zahlt. Stirbt sie oder einer ihrer nächsten Angehörigen, bekommt Rosina oder ihre Familie knapp 2000 Euro.

Früher war der Beitritt zu den Bestattungsgesellscharten nicht an Bedingungen geknüpft. Selbst 80-Jährige und schwer Krebskranke wurden aufgenommen. Inzwischen sind die Gesellschaften nicht mehr so großzügig: Rosinas Societies nehmen kein Mitglied über 18 auf. Angesichts des großen Sterbens brachen viele Burial Societies zusammen: Auch Rosina hat auf diese Weise einiges Geld verloren.

In manchen afrikanischen Staaten wie in Simbabwe hat sich die Lebenserwartung von rund 60 auf gerade noch 30 Jahre halbiert - Verhältnisse, wie sie in Europa im 18. Jahrhundert herrschten. Ausgerechnet nach der Befreiung von der Apartheid ließ sich der Tod auch am Kap der Guten Hoffnung nieder. Im Gegensatz zu vielen Südafrikanern hat Rosina keinen Zweifel daran, wem das große Sterben vor allem zuzuschreiben ist. Den " drei Buchstaben", wie schwarze Südafrikaner mystisch zu sagen pflegen: HIV. Aids.

Aber nicht alle Trauerfeiern, die Rosina aufsucht, sind der Seuche geschuldet: Jahr für Jahr werden mehr als 20 000 Südafrikaner Opfer von Verbrechen, fast 20 000 weitere sterben im Straßenverkehr. Eine ihrer besten Freundinnen kam jüngst bei einem Unfall eines Minibus-Taxi ums Leben - jene "Särge auf Rädern" genannten Hauptverkehrsmittel der Bevölkerungsmehrheit, deren Zustand deutschen TÜV-Prüfern die Augen aus den Höhlen treten ließe. Den draufgängerischen Minibus-Chauffeuren fühlt sich Rosina nicht weniger hilflos ausgeliefert als vermummten Verbrechern und unsichtbaren Viren: "Man kann der Gefahr nicht ausweichen. Man kann nur beten." Millionen Südafrikaner glauben, Aids sei keine Viruskrankheit, sondern eine Verschwörung Opfer von Verbrechen ist Rosina oft genug geworden. Erst kürzlich hielten ihr am hellichten Tag in der Johannesburger Innenstadt Gangster eine Pistole an den Kopf und nahmen ihr Handy und Geldbörse ab. Gegenwehr war zwecklos, wie eine neben ihr stehende Freundin zu spüren bekam: Sie wurde von den Verbrechern krankenhausreif geschlagen. Wenn Rosina abends Kinder anderer Familien hütet, verbarrikadiert sie sich mit zugezogenen Vorhängen, eingeschalteter Alarmanlage und Notrufknopf. Freitags, am Zahltag, macht sie einen Bogen um die Innenstadt. Und wenn sie an normalen Wochentagen durch das belebte Zentrum muss, nimmt sie ihre Halskette und die Ohrringe ab. "Wir leben mit der Angst", sagt Rosina, "und können ihr nicht entkommen." Am schlimmsten sind die drei Buchstaben. Rosina hat vor einem Jahr ihren Mann verlassen, weil der nicht von seinen Freundinnen lassen wollte. Bei der Hochzeit hatten die Verwandten Rosina erklärt, dass Männer wie Äxte seien, "die von den Nachbarn ausgeliehen werden können". Rosina sagt: "Du findest keinen Afrikaner, der keine Freundinnen hat. Das muss man akzeptieren." Das heißt aber auch, den frühen Tod zu akzeptieren. Denn Kondome sind in Südafrika äußerst unbeliebt: "Du isst doch deine Bonbons auch nicht mit dem Einwickelpapier", lautet eine Redensart. Fassungslos stehen Fachleute vor der Tatsache, dass Millionen von Südafrikanern nach wie vor nicht glauben, dass Aids von einem Virus verursacht wird, der sich beim Geschlechtsverkehr überträgt. Für einige ist die Seuche eine westliche Verschwörung zur Ausrottung der Afrikaner. Andere glauben, dass sich in ihr die Entfremdung der jungen Generation von traditionellen Bräuchen rächt. Manche halten den Umstand, dass die Seuche den Stolz und die Lebensfreude der gerade erst von der Apartheid befreiten schwarzen Bevölkerung gleich wieder zunichte macht, für so fies, dass sie lieber dem Tod den Mittelfinger zeigen, als sich erneut zu beugen. "Wenn Aids wirklich existiert, werden wir ohnehin infiziert", sagte ein junger Mann der Soziologin Posel. "Ich praktiziere Sex wie kaum ein anderer auf der Welt und bin stolz darauf. Ich vögele absichtlich ohne Kondome. So greift das Virus weiter um sich und wird auch mich schließlich töten." In den Townships von Johannesburg ist ein neuer, der Gangsterwelt entliehener Brauch entstanden. Im Anschluss an eine Beerdigung wird eine feuchtfröhliche After-Tears-Party veranstaltet - mit jeder Menge Alkohol und allem, was daraus folgt. Auf diese Weise werden bei Beerdigungen die Voraussetzungen für künftige Bestattungen geschaffen - wie andernorts auf Hochzeiten durch den Straußwurf die nächste Braut gefunden wird. Rosina macht dabei nicht mit; wer kein Kondom benutzt, hat bei ihr keine Chance. Doch als sie im vergangenen Jahr ihren Mann vor die Tür setzte, saß der eines Abends mit einer Knarre vor ihrer Tür. Nur die Vermittlung ihrer Kirche verhinderte, dass Rosina selbst zum Anlass der nächsten Trauerfeier wurde.

Rosina leidet an viel zu hohem Blutdruck und doktert gegenwärtig an einem Magengeschwür herum. Depressionen sind am Kap der Guten Hoffnung nach Aussagen von Psychiatern fast so verbreitet wie die drei Buchstaben. Südafrikas traditionelle Heiler, die Sangomas, profitieren vom emotionalen Dauerstress. Rosina hält nichts von der Theorie, dass der Schmerz mit der Zahl der aufgesuchten Trauerfeiern abnehme. "Im Gegenteil", sagt sie: "Bei jeder Beerdigung werde ich an alle zuvor Verstorbenen erinnert, wodurch der Schmerz noch stärker wird." Ihr Glaube hilft ihr ein wenig. Rosina geht nicht davon aus, dass die Begrabenen spurlos verschwinden: Eine Ecke in ihrem Zimmer ist den Seelen der Ahnen gewidmet. Hat sie ein Problem, nimmt sie Kontakt mit ihrer vor zwei Jahren verstorbenen Großmutter auf. Nimmt das Problem Besorgnis erregende Formen an, begibt sie sich zu deren Grab, wo die großmütterliche Seele stärker als in Rosinas Zimmerecke präsent ist. Ein gutes Verhältnis zu den Ahnen zu bewahren ist für Rosina weit mehr als nur Folklore: Als sie sich einmal den in ihren Träumen formulierten Wünschen ihres längst verstorbenen Großvaters widersetzte, wurde sie krank. Alle zwei Jahre reinigt Rosina in einer Zeremonie die Gräber ihrer Vorfahren, schlachtet gelegentlich ein Huhn oder eine Ziege und lässt den Verstorbenen Schnupftabak zukommen, was sie besonders schätzen.

Dass ihre Zimmerecke zunehmend bevölkert wird und immer weniger Überlebende für das Wohl von immer mehr Toten zu sorgen haben, ist nicht ihre größte Sorge. Schlimmer ist, dass sie eine rabenschwarze Zukunft voraussieht. Sie widerspricht der Soziologin Posel, in deren Augen die Aids-Epidemie nicht Afrikas Zusammenbruch, sondern seinen Zusammenhalt und Überlebenswillen deutlich mache. Vor allem unter der ländlichen Bevölkerung will Posel ein beeindruckendes Krisenmanagement ausgemacht haben: Es sei unglaublich, mit wie viel Unsicherheit und Stress die Menschen dort fertig zu werden wüssten.

Für Rosina sind das nur letzte Zuckungen vor dem endgültigen Zusammenbruch. "Wir wissen alle, dass es so nicht weitergehen kann", sagt die Haushälterin, die in ihrer Kirche als Prophetin gilt. "Selbst wenn Gott das Ende unseres Kontinents nicht wollte - keiner hilft ihm, es zu vermeiden."


Anzeige