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brand eins 05/2006 - Das geht - Fünf gewinnt

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Das geht - Fünf gewinnt

Kein Wachstum,

kein Ruhm,

kein Schnaps.

Bei Sinemus funktioniert Werbung anders.

Auf den ersten Blick wirkt es, als begründe sich die Karriere von Christoph Sinemus auf einer Reihe verrückter Entscheidungen: Der heutige Chef einer kleinen Werbeagentur in Hamburg ging Ende der Achtziger in die freie Wirtschaft, statt nach seinem Lehramtsstudium eine Stelle im Staatsdienst anzunehmen. Mitte der Neunziger kündigte er seinen sicheren Job bei einer renommierten Werbeagentur, um sich fortan als freier Mitarbeiter durchzuschlagen. Und heute gibt er seiner eigenen Agentur Regeln vor, die dem Geschäftsgebaren der Konkurrenz Hohn sprechen. Keine Werbung für Alkohol oder Zigaretten, keine weiteren Mitarbeiter jenseits der sechsköpfigen Stammbesetzung, vor allem aber: nicht mehr als fünf Kunden. Auf keinen Fall. Wie gesagt: Man könnte meinen, der Mann sei komplett irre.

Aber es geht ihm offensichtlich gut. Sinemus sitzt in der Konferenzecke seiner gleichnamigen Agentur, die in einem ehemaligen Ladengeschäft im Hamburger Schanzenviertel residiert, lächelt und sagt: "Sicher, das fand ich damals toll, in Düsseldorf zu arbeiten und nach Feierabend, um zwei Uhr nachts, mit dem Taxi nach Hause zu fahren, nach Dortmund, für 230 Mark - und die Agentur zahlte. Aber das ist doch nicht alles im Leben." Solche Geschichten kann der Konzepter und Texter viele erzählen, und immer kommt Sushi vor, Champagner und das Lob der Chefs. Ja, er war ein großer Fisch in der Werbung. Zuerst bei Ernst & Partner, als Juniortexter, und dann bei BBDO, wo er es bis zum Texter/Creative Supervisor brachte. Fünf dicke Etats betreute er gleichzeitig, und das hieß: Arbeit ohne Ende. Deshalb kündigte Sinemus. Er war überzeugt, dass es ihm als Freiberufler gelänge, mit halb so viel Arbeit doppelt so viel zu verdienen.

Eine erneute Festanstellung bei Böning & Haube in Hamburg nahm er nur unter zwei Bedingungen an: vollständige kreative Freiheit und Anteile am Unternehmen. Nachdem er bei Dreharbeiten für einen Werbespot in der Karibik seine heutige Frau getroffen hatte und das erste Kind unterwegs war, kündigte Sinemus wieder - um ein Jahr Babypause zu machen. Danach gründete er seine eigene Agentur.

Dank guter Kontakte kamen die Kunden von selbst, und dies so zahlreich, dass Sinemus fürchtete, bald wieder im alten Spiel gefangen zu sein. Um das zu verhindern, entschied er, die Zahl seiner Kunden zu begrenzen: auf fünf. Dazu gehört Mut, heißt es doch, wer heute ein Angebot ausschlägt, riskiert morgen allein dazustehen. Sinemus gibt zu, dass auch er diese Angst kennt. " Aber ich habe gelernt, wann sie auftritt, wie sie sich entwickelt und wie ich mit ihr leben kann." Nächstes Jahr wird zum ersten Mal seit vier Jahren ein Platz für einen Kunden frei. Die Agentur wird deshalb erstmals seit ihrer Gründung Akquise betreiben, und zwar recht eigensinnig: 1000 mögliche Kunden erhalten eine Ablehnung ihrer Bewerbung für 2006 - wobei keiner angefragt hat. Entscheidend ist der Hinweis, man könne sich für 2007 bewerben. "Das mag manch einer arrogant finden. Aber dann ist er auch kein potenzieller Partner".

Sinemus will sich nicht verbiegen. "Ich kann die Dinge nur so machen, wie ich sie mache. Sollte mein Konzept nicht aufgehen, werde ich überhaupt keine klassische Werbung mehr machen." Denn eines hält ihn bestimmt nicht im Marketing: lukrative Versprechen. "Ein reicher Mann werde ich mit meiner Agentur nicht, aber das will ich auch nicht." Sondern? "Nicht von Meeting zu Meeting jetten und den Manager mimen, der ich nicht bin, sondern machen, was ich kann." Sinemus sagt, er sei ein Tüftler, der am liebsten entwirft und konzipiert.

Das tut er nicht allein. Sein Team, sagt er, sei für ihn eine Art Berufsfamilie, in der alle wissen, was passiert, und die Kommunikation auf Zuruf funktioniere. Und das soll auch so bleiben. "Würde die Agentur wachsen, müsste die Qualität nicht unbedingt leiden, aber sie wäre gefährdet." Außerdem freut er sich darüber, dass seine Angestellten nicht nur mitarbeiten, sondern auch mitdenken. Auch das ist für ihn ein Beleg dafür, dass sein Konzept aufgeht.

Warum er keine Alkohol- und Zigarettenwerbung mache? Er hält schlicht nichts davon. Er hat viel in dem Bereich gearbeitet und kennt sich aus, möchte aber damit nichts mehr zu tun haben. Er hat auch so genug zu tun: Zurzeit bringen zwei Kunden seiner Agentur das nötige Geld, zwei sind Liebhaberei, die er kostendeckend pflegt. Und der fünfte Kunde ist er selbst: mit seiner zweiten Marke Knappschaft.

Die ist genau genommen eine kleine Schummelei, denn bei Knappschaft kommt die große Welt der Werbung durch die Hintertür zurück zu Christoph Sinemus: Regionale Zweigstellen großer, globaler Werbeagenturen, denen kurzfristig die Ideen ausgegangen sind, können bei Sinemus eine Kampagne bestellen, unter der später ihr Name steht - die Knappen sichern absolutes Stillschweigen zu. Dafür wird Sinemus gut bezahlt und bekommt große Etats, mit denen er seine Liebe zum Tüfteln ausleben kann. Auf Ruhm und Ehre kann er dabei gut verzichten. Kontakt: Sinemus Werbeagentur, Lindenallee 44/46, 20259 Hamburg Telefon: 040/41 16 17 77, www.sinemus-hh.com


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