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brand eins 06/2002 - KULTUR-KOLUMNE

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Die besten Jahre der Kindheit ... sind jetzt.

Es ist Sommer, und die Wissensgesellschaft kann mir gestohlen bleiben: Ich will überhaupt nichts wissen. Viel lieber möchte ich mich im hohen Gras verstecken, Sandburgen bauen oder andere Kinder mit Matsch bewerfen. Und ich will Comics lesen, zum Beispiel Michel Plessix entzückende Comic-Version des britischen Kinderbuchs "Der Wind in den Weiden" von Kenneth Grahame: Die Abenteuer des Maulwurfs, der Ratte, der Kröte und des Dachses sind überschaubar, harmlos und freundlich. Die ganz reinen Zeichnungen, vom Wald und vom Fluss, den Bäumen an seinem Ufer, den Tieren in den Bäumen und den unzähligen Lichtreflexen, die die ganze Zeit "Es ist Sommer, es sind Ferien, wir spielen im Garten, es ist schön" rufen, erinnern mich an Zeichnungen aus alten Kinderbüchern, die lange vor meiner Zeit entstanden. Ach ja, die gute alte Zeit, als die Kindheit ... noch schrecklicher war.

 

Nein, die Kindheit ist kein Spaß. Wir wissen es alle, wir erinnern uns an die Abhängigkeit von den Eltern, den Kampf mit den großen Kindern, die Angst in der Schule. Unschuld und Verzweiflung. "Innocence & Despair": Ein guter Titel für eine CD mit Aufnahmen aus den siebziger Jahren, auf der ein Chor der kanadischen Langley School unter anderem "In my Room" singt, einen depressiven Hit der Beach Boys. Man muss fürchten, dass die Kinder von sich selbst sprechen, wenn es heißt: "There's a world where I can go and tell my secrets to, in my room / In this world I lock out all my worries and my fears, in my room ..."

 

Doch diese Sammlung mit Hits der Sechziger und Siebziger wie David Bowies "Space Oddity", Barry Manilows "Mandy" und vielen Beach-Boys-Klassikern, alle von Kindern gesungen, ist keineswegs frustrierend. Im Gegenteil: "Band on the Run", ursprünglich ein Bestseller für Paul McCartneys Wings, erinnert in dieser vehement geschmetterten Version an die ungeheure Kraft von Kindern. Und die Unschuld, mit der die kleine Joy Jackson die sehnsüchtige Beatles-Ballade "The Long and Winding Road" herauspiepst, bricht einem das Herz. Allerdings: Man kann sich aussuchen, ob man sich davon berühren lassen will oder nicht. Das ist das Schöne am Erwachsensein. Früher waren wir den Ereignissen ausgeliefert, jetzt gehört unser Leben uns. Und unsere Unschuld ist uns trotzdem geblieben.

 

Der König der schlauen Naivität ist Lewis Trondheim: In seiner Reihe "Herr Hases haarsträubende Abenteuer" erzählt der französische Comic-Künstler Geschichten, die an unvorhersehbaren Ereignissen entlangschlingern wie hastig erzählte Abenteuer eines Vierjährigen, ohne dabei ihre Konsequenz zu verlieren. Besonders hinterlistig vermischen sich Realismus und Absurdität im aktuellen Band "Die Farbe der Hölle". Herrn Hases große Liebe, die sich in den vorigen Bänden entwickelt hatte, ist inzwischen eine feste Beziehung, die langsam im Alltag versickert. Sollen wir in die Vorstadt ziehen?, überlegt sich das einst junge Paar. Später erzählt einer ihrer Freunde über das, was man in der Hölle findet: "Es gibt nichts, weil sich der Mensch an jeglichen Exzess gewöhnt, außer an die Monotonie. Daher besteht das wahre Leid da unten darin, für immer allein in einem gleichförmigen Grau dahinzuvegetieren." Als sich das Pärchen schließlich ein Haus in der Vorstadt ansehen will, ist die Gegend tatsächlich in ein monotones Grau gehüllt - überzogen von der Asche einer explodierten Rakete.

 

Dem extrem fleißigen Künstler, von dem in Deutschland zurzeit rund 25 Bände lieferbar sind, ist nichts zu abwegig, um das Innere seiner Figuren nach außen zu kehren, und nichts zu alltäglich, um es nicht zu hinterfragen. Wie ein Außerirdischer oder eben ein Kind schlendert er durch die Welt, staunend und irritiert, ob nun über sein eigenes Leben in "Approximate Continuum Comics", die Erlebnisse eines Insekts in "Die Fliege" oder gar eine rollig blödsinnige Fantasy-Welt, der er in der Serie "Donjon" eine merkwürdig ernste Tiefe gibt. "Kindercomics für Erwachsene" könnte man auf die im klassischen Funny-Stil gezeichneten Alben schreiben, und allen, die immer sagen: "Ich bin aber erwachsen", würde man über den Kopf streichen, bis sie leise schnurren und dann erklären: "Erwachsen ist, wer sich aussuchen kann, was er sein will." Falls danach noch irgendjemand Probleme hat, will ich es nicht wissen. Es ist Sommer, und ich lese Comics. Ich hoffe, Ihr macht derweil ebenfalls, was Ihr wollt.


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