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brand eins 05/2000 - KOLUMNEN

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Globale Vernetzung - Welt Weit Web

In der dritten Welt ist das Internet ein vielseitges Instrument des Alltags. Revolutionäre und kulturelle Minderheiten nutzen es ebenso wie Migranten, Fischer oder Bauern. Zur Bedeutung der ersten beiden Buchstaben in "www".

"Ich bin heute müde vom Wechseln der Identitäten im Netz. In den letzten acht Stunden war ich ein Mann, eine Frau, ein Sie/Er. Ich war ein Afrikaner, ein Asiate, Deutscher. eine multi-hybride Replik. Ich war 10 Jahre alt, 20, 42, 65, und habe 7 Sprachen gesprochen. Wie du siehst, ich brauche wirklich eine Pause. Jetzt möchte ich bloß ich selbst sein." So beschreibt der mexikanische Performance-Künstler Guillermo Gömez-Pena sein Leben im Cyberspace.

Ist das die Zukunft? Schenkt man Visionären wie Kritikern des Cyberspace Glauben, stehen wir an der Schwelle zu einer neuen, virtuellen Welt: Die Identität des Menschen verschwindet hinter den neuen elektronischen Medien, die Kommunikation mit dem Rechner siegt über den Plausch am Gartenzaun. Bald, so meinen Pessimisten, gäbe es nur noch Nerds, die rund um die Uhr am Bildschirm arbeiten und sich in ihrer Freizeit bei Porn.com einloggen. Doch die Realität ist anders: Für die meisten Menschen sind eMail und Chat Mittel, um menschliche Beziehungen zu fördern.

Migranten-Gemeinschaften haben das längst entdeckt. "Home is where you leave it", heißt es in karibischen Inselstaaten wie St. Kitts und Nevis, deren Bevölkerungsmehrheit in den USA, Kanada oder Venezuela lebt. Der Kontakt zu Freunden und Familie daheim kostete bisher viel Zeit und Geld: Briefe und besprochene Kassetten wurden hin- und hergeschickt, manchmal ging der halbe Lohn für Ferngespräche drauf. Seit dem Klick auf den Antwort-Button ist die transnationale Kernfamilie näher zusammengerückt.

Man könnte einwenden, dass die wenigsten Menschen auf der Welt einen Computer besitzen, erst recht nicht auf der südlichen Halbkugel. Doch die Statistiken zur geografischen Verteilung der Netzanschlüsse verbergen, dass viele Menschen vernetzt sind - ohne eigenen PC. Zwar besitzt laut Statistik nur jeder 20. Haushalt in Trinidad ein Modem,doch in jedem dritten gibt es einen regelmäßigen Surfer: Von Panama bis Südafrika rüsten Gemeindezentren mit Computern und Modems auf, es entstehen Internetcafes und Informationsshops.

Technologische Innovationen aus dem Massachusetts Institute of Technology in Boston, dem südafrikanischen CSIR oder den Think Tanks im indischen Haiderbad könnten in Kürze die globale Kommunikation weiter vereinfachen. In den indischen Staaten Uttar Pradesh und Bihar wurden im Oktober 1999 die ersten öffentlichen eMail-Zellen errichtet. Mit Kamera und Mikrofon ausgestattet, werden sie vor allem von Arbeitsmigranten benutzt, die nicht lesen und schreiben können. Eine dreiminütige audiovisuelle eMail an die Familie kostet heute allerdings noch ein halbes Tagesgehalt.

Auch die verschleierten Besucherinnen der (an die 60!) Internetcafes in Amman, Jordanien, tauschen mit Freundinnen und Verwandten in Los Angeles oder Montreal Rezepte, Modetipps und Fotos aus. Beim Einscannen der Fotos sind die männlichen Cafebetreiber behilflich, auch wenn sie selbst den Blick abwenden müssen, um die Ehre der Frau nicht zu verletzen - denn die ist auf dem Foto manchmal unverschleiert. Tatsächlich entpuppt sich die Ortlosigkeit des Netzes, die viel beschworene virtuelle Realität, als Fiktion.

Völker kämpfen im Netz: Hawaiianer für ihre Sprache, die Karen für Freiheit.

Im elektronischen Raum präsentieren sich Menschen selbstbestimmt der Welt: als amerikanische Ureinwohner, Trinidader oder Assyrer. "Endlich", so der Webmaster der assyrischen Homepage Albert Gabrial, " kann die Weltgemeinschaft etwas über unsere Traditionen, Sprache und Geschichte lernen." Marginalisierte Gruppen nutzen die Neuen Medien, um ihre Traditionen zu verbreiten und an nachfolgende Generationen zu vermitteln. Das hawaiianische Mailbox-Projekt Leoki weckte das Interesse der jüngeren Generation an der Sprache der Ureinwohner. Das Projekt war so erfolgreich, dass heute an einigen Schulen des Inselstaates Hawaiianisch wieder als Unterrichtssprache gewählt werden kann. Zahlreiche kleine Sprachgruppen, wie die myanmarischen Mon und die mexikanischen Maya, beginnen Zeichensätze zu entwickeln, um ihre Sprachen im Netz verwenden zu können.

Weltweit haben Aktivisten die Macht der Neuen Medien im Kampf gegen übermächtige Gegner erkannt. Die myanmarischen Karen und Mon mobilisieren via Internet. Da in Myanmar die wenigen Netzzugänge von der Militärjunta kontrolliert werden, überqueren die Rebellen die Grenze nach Thailand, um von dort elektronisch Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und zur Unterstützung aufzurufen.

Fischer verbessern den Fang, Bauern die Preise, Revolutionäre ihre Popularität.

Das Vorbild der digitalen Mobilisierung kommt aus Chiapas. Mexikanische Nicht-Regierungs-Organisationen bauten Anfang der neunziger Jahre mit Hilfe der katholischen Kirche, US-Computer-Experten und Geldern der Ford-Stiftung das Computernetz La Neta auf. La Neta wurde zum zentralen Medium im ersten so genannten " Netzkrieg", dem Aufstand der Zapatisten. Die Rebellion der indianischen Bauern und maoistischen Intellektuellen rückte durch den geschickten Einsatz des Internets die soziale Ausgrenzung der indigenen Bevölkerung und die politische Korruption in Mexiko ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Die elektronischen Mitteilungen von Subkommandante Marcos mobilisierten Solidaritätsbekundungen und -allianzen weltweit. Der Sieg der Zapatisten an der virtuellen Front führte zum Einlenken der mexikanischen Regierung und markierte den Beginn von Verhandlungen.

Schon heute dient das Netz auch an strukturell unterentwickelten Orten Menschen als Quelle lokal relevanter Information. Im südindischen Dorf Villianur loggt sich ein einheimischer Brahmane täglich auf die Web-Seite der US-Flotte ein. Er übersetzt deren Informationen über Strömungen, Wassertemperaturen und Windgeschwindigkeiten in Tamil, so dass die Fischer der umliegenden Dörfer am nächsten Morgen ungefähr wissen, wo sie ihre Netze auswerfen sollen.

Auch die Einnahmen der Bauern haben sich dank des kommunalen Internetzugangs verbessert. Um die Tagespreise auf dem Markt von Villianur für Zwiebeln und Melonen zu erfahren, mussten sie bisher den Zwischenhändlern Glauben schenken, die morgens ihre Ware abholten. Jetzt können sie die aktuellen Preise direkt vom Bildschirm abfragen und höhere Preise aushandeln.


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