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brand eins 04/2004 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT
Was ist eigentlich - KAPITALISMUS?
Für die einen ist er die Rettung, für die anderen das große Übel.
Kapitalismus wird häufig mit freier Marktwirtschaft gleichgesetzt. Das Wirtschaftssystem ist durch Privateigentum an den Produktionsmitteln und dem daraus erwirtschafteten Profit gekennzeichnet. Um einen möglichst großen Gewinn zu erzielen, stellen die Unternehmer Güter her, die den Wünschen der Konsumenten entsprechen. Der Preis sorgt im Idealfall dafür, dass Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Wo er liegt, entscheidet letztendlich der Markt. Einen Plan, in dem von einer übergeordneten Instanz festgelegt wird, wer was wann wo produzieren soll, gibt es in einer Marktwirtschaft nicht.
Kapital ist das zentrale Merkmal des Kapitalismus. Der Begriff ist abgeleitet von dem lateinischen Wort " capitalis": "vorzüglich, hauptsächlich". Im allgemeinen Sprachgebrauch drückt Kapital etwas besonders Schwerwiegendes oder Bedeutendes aus, wie etwa Kapitalverbrechen oder ein kapitaler Hirsch. Im kapitalistischen System verschafft das Kapital seinem Eigentümer eine gesellschaftliche Machtposition. Der Kapitalist kann als Unternehmer aus den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Sachkapital (Maschinen, Immobilien etc.) persönliche Gewinne erzielen - dafür trägt er aber auch das Risiko des Verlustes.
Der Arbeiter wird in diesem Prozess zu einem Produktionsfaktor. Allerdings wird das so genannte Humankapital umso wichtiger, je weiter die Entwicklung von der Industriegesellschaft in Richtung Wissensgesellschaft voranschreitet. Der Mensch ist nicht mehr beliebig austauschbar, da etwa komplexe Arbeitsabläufe und Maschinen oft nur noch von speziell ausgebildeten Mitarbeitern beherrscht werden oder Kundenbeziehungen stark von bestimmten Persönlichkeiten abhängen. Die soziale Macht der Unternehmer wird dadurch erheblich eingeschränkt.
Der Begriff Kapitalismus bezeichnete anfangs allgemein und eher unspezifisch eine Geldwirtschaft. Die heute gebräuchliche Bedeutung wurde von Karl Marx geprägt, dessen erster Band seines grundlegenden Werkes "Das Kapital" im Jahr 1867 erschien. Die marxistische Theorie entstand unter dem Eindruck der Industrialisierung, nachdem Erfindungen wie die Dampfmaschine und die Elektrizität den Weg zur industriellen Massenproduktion geebnet hatten.
Nach der Theorie von Marx geht es den Unternehmern als Eigentümern des gesamten Produktionskapitals primär nicht darum, den Wohlstand der Bevölkerung zu verbessern, sondern ihren eigenen Profit zu erhöhen. Die Ware hat darum nach Marx nicht mehr nur eine Gebrauchsfunktion, die sich an ihrer Nützlichkeit bemisst, sondern auch einen Tauschwert, der in Geldeinheiten ausgedrückt wird. Die Unternehmer zahlen den Arbeitern so wenig Lohn wie möglich, denn der Mehrwert als Differenz zwischen der entlohnten Arbeitskraft und dem Wert der hergestellten Güter fließt vollständig den Unternehmern zu. Die lohnabhängigen Arbeiter scharfen also für die Unternehmer den Profit. Ihre Ausbeutung ist für Marx das Kennzeichen des Kapitalismus.
Das Ende des kapitalistischen Systems war für Marx absehbar Nach der marxistischen Theorie nimmt der Kapitalismus eine zwangsläufige Entwicklung: Im Kampf um die größten Gewinne werden schwache Unternehmen, die dem Konkurrenzdruck nicht standhalten, vom Markt gedrängt, sodass sich das Kapital auf immer weniger und immer größere Unternehmen verteilt. Da die Kaufwünsche der Unternehmer und die Konsummöglichkeiten der Arbeiter hinter dem Güterangebot zurückbleiben, kommt es zu Absatzkrisen. Die Unternehmer versuchen zwar die immer häufiger auftretenden Wirtschaftskrisen abzumildern, indem sie die Wirtschaftspolitik zu ihren Gunsten beeinflussen. Nach Ansicht von Marx kann dadurch das Ende des kapitalistischen Systems aber nur verzögert werden, bis eine von den Arbeitern getragene Revolution eine neue klassenlose Gesellschaft, den Sozialismus, einführt. Marx und Engels erwarteten dieses Ereignis bereits um 1850.
Lenin erweiterte die marxistische Theorie nachträglich um die Phasen des Imperialismus und des staatsmonopolistischen Kapitalismus, um das Ausbleiben der Weltrevolution bis zum Ersten Weltkrieg zu erklären. Bekanntlich ist sie bis heute nicht eingetreten. Zudem haben die Erfahrungen aus kommunistischen Ländern gezeigt, dass eine Planwirtschaft die Güterversorgung der Bevölkerung auch nicht verbessert. Sowohl in China als auch in der Sowjetunion bildeten sich gegen Ende des kommunistischen Systems kapitalistische Enklaven in Form von Schwarzarbeit und Schattenmärkten, auf denen die illegal produzierten Güter gehandelt wurden und so einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung mit knappen Gütern leisteten.
Aber auch einen ungeregelten Kapitalismus in Reinform gibt es nicht - stets wurden von staatlicher Seite Grenzen gesetzt. In Deutschland wurden ab 1881 die ersten Sozialgesetze auf Drängen von Bismarck erlassen. Er tat dies nicht gern, sah sich aber durch den rasenden Zulauf der damaligen sozialistischen Vereinigungen und die drohende Revolution dazu gezwungen. Die Arbeiter verbesserten ihre Position gegenüber den Unternehmern, indem sie sich zu Gewerkschaften zusammenschlossen. So bildeten sie eine immer stärker werdende gesellschaftliche Kraft, die bis heute geregelte Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche und Löhne entscheidend mit beeinflusst.
Soziale Marktwirtschaft als gemäßigte Form des Kapitalismus Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und Nationalökonom Alfred Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft entwickelt. Der Staat hält sich in diesem Modell weit gehend aus dem Wirtschaftsablauf heraus, schafft aber die notwendige Grundlage für erfolgreiches Unternehmertum, indem er zum Beispiel für ein stabiles Preisniveau und Rechtssicherheit sorgt oder Monopole verhindert. Unausgewogene Marktergebnisse werden durch ein soziales Sicherungssystem abgemildert. Hierfür muss jeder Bürger einen Beitrag leisten, der sich an seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bemisst. Erfolgreiche Bürger werden durch ein progressives Steuersystem stärker in die Pflicht genommen, gleichzeitig werden starke soziale Notlagen verhindert und dadurch der Mut zu unternehmerischem Risiko gefördert. Das Ziel "Wohlstand für alle", das in den sechziger und siebziger Jahren noch greifbar nahe schien, wurde aber auch durch die Soziale Marktwirtschaft nicht erreicht. Wie viel Verantwortung der Staat für das Wohl jedes einzelnen Bürgers hat, ist immer noch eine zentrale und viel diskutierte Frage.
Der Kapitalismus hat sich in seinen verschiedenen Ausprägungen nahezu weltweit durchgesetzt. Er passt sich den jeweiligen rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eines Landes an. Für die breite Masse ist es heute leichter denn je, selbst als Kapitalist von diesem System zu profitieren. Immer mehr Privatpersonen, die so genannten Kleinanleger, nutzen den Kapitalmarkt zur Vermögensanlage und Altersvorsorge. Arbeitnehmer werden durch Belegschaftsaktien am Unternehmen beteiligt. Damit die Manager das Unternehmen im Sinne der Kapitaleigner leiten, gibt es verschiedene Mitwirkungs- und Kontrolleinrichtungen, wie die Pflicht für Kapitalgesellschaften, einen Aufsichtsrat zu bilden oder einen Jahresabschluss aufzustellen. Das Testat eines Wirtschaftsprüfers soll die Gültigkeit der veröffentlichten Zahlen bestätigen. Denn im modernen Kapitalismus müssen die Kapitalisten aufpassen, dass ihnen die Gewinne nicht von den angestellten Managern vorenthalten werden.
Das bislang verwirklichte System zur Unternehmenskontrolle (Corporate Governance) scheint allerdings nicht auszureichen, um korrupte Manager daran zu hindern, sich durch gefälschte Bilanzen, Betrug oder Diebstahl zu Lasten des Unternehmens zu bereichern. Verschärfte Strafen und ein immer ausgefeilteres Kontrollsystem versuchen daher, das zu ersetzen, was eigentlich Grundlage jeder ökonomischen Beziehung ist: Vertrauen.
