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brand eins 04/2004 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT
KRITISCHE BIOMASSE
Was bringt eine biedere badische Papierfabrik und ein westfälisches Energie-Unternehmen dazu, gemeinsam ein Biomasse-Kraftwerk zu betreiben? Sie verbinden die Segnungen rot-grüner Energiepolitik und den Druck der Bevölkerung zu einem guten Geschäft.
Martin Tewes, Technischer Geschäftsführer der Firma Harpen Energie Contracting, referiert über seine Projekte, als ginge es um seine heimische HO-Spur-Modelleisenbahn. Tatsächlich haben seine Ausrührungen XXL-Format.
"Deutschlands umweltfreundlichste Heizkraftwerke" baut seine Firma nach eigener Einschätzung. Tewes benennt elektrische und thermische Nutzleistungen, skizziert Wirbelbetten und Anfahrbrenner, klärt über Stützfeuer, Polizeifilter und Dampfdruck auf und räsoniert über die Vorteile des Transports von Altholz mittels Walking-Floor-Auflieger gegenüber dem Muldenkipper. Alles klar, große Sache. Wenn er vor Managern aus der Papierindustrie die Versorgungssicherheit des Harpen-Biomasse-Kraftwerks preist, nicken auch die Herren ohne Ingenieursdiplom beeindruckt.
Die Andacht zum Frommen der Energiegewinnung aus Biomasse findet am Rand der südbadischen Kreisstadt Kehl statt. Hier hat sich die Papierfabrik August Koehler in stahlblauer Containerarchitektur eingerichtet. Die beiden Wasserläufe, zwischen denen sich das Werk ausbreitet, stehen für die Horizonte der Traditionsfirma, die seit fast 200 Jahren in Familienbesitz ist: der Europa-Strom Rhein, der hier ein Hafenbecken bereitstellt, und das Schwarzwaldflüsschen Kinzig.
Die August Koehler AG ist das Geschöpf von badischer Biederkeit und internationalem Unternehmerstreben, ihre Produktpalette so profan wie technisch aufwändig: Sie ist der weltweit größte Hersteller von Selbstdurchschreibepapier und Thermopapier, das zum Beispiel für Eintrittskarten, Kassenbelege im Supermarkt oder Quittungen für Bankautomaten gebraucht wird. Außerdem werden so genannte Dekorpapiere produziert, welche, Holzmaserung imitierend, die Oberflächen von Kunststoff- oder Spanmöbeln veredeln sollen. Und Spielkartenkarton.
Archaische Holzfeuer, hocheffizient August Koehler und die Harpen AG aus Dortmund haben sich zusammengetan, um neben dem Gelände der Papierfabrik in Kehl eine " Energiezentrale" zu betreiben, vulgo: ein holzbefeuertes Biomasse-Kraftwerk. Harpen ist eine erfahrene Firma in Sachen regenerative Energieerzeugung. Sie betreibt Windkraftanlagen in Spanien und Deutschland, Wasserkraftwerke in Portugal, Italien und Frankreich. In Berlin errichtet das Unternehmen zurzeit ein Biomasse-Kraftwerk zur Versorgung der 50000 Gropiusstadt-Bewohner mit Wärme. Kleinere, dezentrale Anlagen sind die Spezialität der Harpen AG, die Energie soll dort produziert werden, wo sie benötigt wird.
In Kehl sorgt eine Wirbelschichtfeuerung für geringe Emissionen und wenig Asche, ein vollautomatischer Brennstoffnachschub für störungsfreien Betrieb. Täglich liefern 20 bis 24 Sattelschlepper Schredderholz aus der Region an. Die gewonnene elektrische Leistung fließt in das öffentliche Stromnetz. Der Wasserdampf, der im Kraftwerk entsteht, wird hinüber ins Koehler-Werk geleitet, wo er die Papierbahnen trocknet. Der Wirkungsgrad der Anlage beträgt 80 bis 90 Prozent, das heißt, dass fast das ganze Energiepotenzial des Holzes genutzt wird.
Im fünf Stockwerke hohen Betriebsgebäude vereinen sich Lowtech und Hightech, archaisches Holzfeuer und effiziente Energieverwertung durch eine Kraft-Wärme-Kopplung, eine Kombination, die als sauberste verfügbare Technik gilt. Die Verfeuerung von Biomasse zum Zweck der Energiegewinnung ist ökologisch korrekt, weil nachwachsende Rohstoffe im Spiel sind: Die freigesetzte Menge an klimaschädlichem Kohlendioxid wird während des Heranwachsens von neuen Pflanzen praktisch neutralisiert.
Ein sauberes Geschäft.
Die wunderbare Kilowatt-Veredelung Die Rettung der Welt war allerdings nicht das erste Anliegen, als sich die süddeutschen Mittelständler und das westfälische Energieunternehmen zur Produktion von grüner Energie zusammentaten. Die Auskunft von Bruno 0. Schwelling, dem Finanzvorstand der August Koehler AG, fällt nüchtern aus: Vor allem sei das Projekt lukrativ. Und das hat weder etwas mit Ökologie zu tun noch mit Marktwirtschaft - sondern mit Politik.
Dass Koehler und Harpen den Strom aus dem Biomasse-Kraftwerk ins Netz abgeben, macht einen großen Teil der Wirtschaftlichkeit des Gemeinschaftsprojektes aus. Denn das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) garantiert eine Abnahme zu üppigen Preisen: Zwischen 8,70 und 10,23 Cent pro Kilowattstunde muss das örtliche Energieversorgungsunternehmen einem Einspeiser von Strom aus Biomasse nach dem seit dem Jahr 2000 gültigen EEG zahlen. Das Ziel des Gesetzes: Der Beitrag der erneuerbaren Energie an der Stromversorgung soll bis zum Jahr 2010 verdoppelt werden. Auf dieser Grundlage kommt es zu einer wunderbaren Kilowatt-Veredelung.
Denn die August Koehler AG zahlt für den Strom, den sie aus dem Netz bezieht, weit weniger, als der Netzbetreiber für die Energie aus dem Biomasse-Heizkraftwerk vergüten muss - die Holzverstromung ist also ein lohnendes Geschäft. Zudem verbilligt die Anlage die rund 400000 Tonnen Prozessdampf, den die Koehler-Maschinen pro Jahr benötigen.
Koehler-Finanzchef Schwelling hat aber noch ein weiteres Motiv für das Biomasse-Engagement parat: "Wir wollen vom mit dabei sein", sagt er. Er hat das dynamische Vokabular, die Schlüsselbegriffe der zukunftorientierten Betriebsführung intus: "Bei Innovationen verschließen wir uns nicht. Trotz unserer Tradition wollen wir ein junges Unternehmen sein, das keine Möglichkeit zur Nutzung von neuen Technologien auslässt." Die Innovationsfreude ist, was Umweltstandards betrifft, nicht allein im Unternehmen angesiedelt. Günter Fölting, kaufmännischer Geschäftsführer des Heizkraftwerks, der sein Büro in Dortmund hat und die Gegebenheiten im Ortenaukreis mit den Augen eines interessierten Fremden sieht, weiß, dass in dieser Ecke der Republik der öffentliche Druck auf Unternehmen, umweltfreundlich zu produzieren, besonders groß ist. "In der Region ist man sehr sensibel" , sagt er vorsichtig. "Hier darf man nicht nur auf Gewinnmaximierung aus sein." Das Umfeld sei überdurchschnittlich gut informiert und engagiert. " Etwas anderes als Kraft-Wärme-Kopplung wäre gegenüber der Bevölkerung nicht zu vertreten gewesen", so Fölting. "Eine Anlage allein zur Elektrizitätsgewinnung hätte nur einen Wirkungsgrad von 25 Prozent gebracht." Hier, am Rande des Schwarzwaldes, wo jeder Flecken ein Erholungsort sein will, befindet sich eine Keimzelle der deutschen Umweltbewegung. Bauern, Bürger und Studenten bildeten in den siebziger Jahren die Anti-Atomkraft-Avantgarde, der es gelang, den geplanten Reaktor in Wyhl am Kaiserstuhl zu verhindern. Aber auch in weniger dramatischen Umweltbelangen ist man rigide.
Unternehmen aus Kehl und dem benachbarten Straßburg müssen heute eine "Geruchs-Charta" unterzeichnen und sich freiwillig verpflichten, stinkende Emissionen zu kontrollieren und zu vermeiden. Die Stadt Kehl selbst ließ sich als eine der ersten Gemeinden in Baden-Württemberg nach der Öko-Audit-Verordnung zertifizieren. Sie hat ein Umweltmanagementsystem entwickelt und sich verpflichtet, "sich ständig um ökologische Verbesserungen zu bemühen".
Das geistige Zentrum der Region zwischen Basel und Baden-Baden bildet die sonnenverwöhnte Universitäts- und Fahrradstadt Freiburg, in der ein grüner Akademiker den Bürgermeistersessel einnimmt: Für Dieter Salomon stimmten vor zwei Jahren 64,4 Prozent der Wähler im zweiten Wahlgang.
In solch einem politischen und weltanschaulichen Kontext versteht es sich von selbst, dass auch die Industrie aus freien Stücken ihre umweltschädlichen Nebenwirkungen minimiert. Die Beobachtung stimmt mit den Erkenntnissen des Sozialpsychologen Friedemann Prose überein. Er ist Privatdozent an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und erforscht seit mehr als zehn Jahren die Beweggründe, die Individuen, Kommunen, Firmen, ja ganze Gesellschaffen zum ökologisch bewussten Handeln bewegen könnten. Neben "monetären Anreizen" sei vor allem "sozialer Einfluss" segensreich, erläutert er; man könnte auch sagen: das gesellschaftliche Klima. Daneben sei gerade für Gemeinden und Unternehmen die "Positionierung im Wettbewerb" und die "Erschließung neuer Geschäftsfelder wie zum Beispiel des zukunftsträchtigen Marktes der Energie- und Wärmelieferung" viel bedeutender bei Investitionsentscheidungen als das Umweltschutzmotiv.
Hingegen sei Besorgnis über die drohende Klimakatastrophe kein ausreichender Grund, die CO2-Bilanz eines Haushalts oder Gemeinwesens zu verbessern, sagt Prose. "Sorge oder Angst kann sogar lahmen oder Verdrängungsprozesse begünstigen." Ohnehin sei das Wissen um klimaschädigendes Verhalten kein Garant für Umkehr. "Gäbe es eine direkte Verbindung zwischen dem Bewusstsein und dem Verhalten der Menschen", glaubt der Sozialpsychologe, "wären wir ein Volk der Energiesparer und Verkehrsvermeider." Für Harpen-Ingenieur Tewes ist das wichtigste Argument für das Biomasse-Kraftwerk "die hohe technische Effizienz der Anlage. Sie verstärkt die Akzeptanz". Daraus ergebe sich der Dreiklang " Umweltverträglichkeit, gesellschaftliche Annahme und ökonomische Rentabilität".
Dennoch bleibt das Wunderwerk ein "work in progress" - es gibt immer noch Details zu verbessern, Schwächen, die erst der Betrieb, der seit Ende 2002 läuft, zu Tage fördert. Es bleibt ein Betätigungsfeld für findige Wissenschaftler und Techniker wie Tewes, die den Energieträger Biomasse aus der alternativen, also weniger bedeutenden Ecke erlösen. Ob dies in Zukunft dauerhaft gelingen wird, ist trotz der massiven Förderung durch das EEG ungewiss.
Das Potenzial der Biomasse ist unter den Experten umstritten. Zwar reklamiert Greenpeace, dass in Deutschland 90 Prozent aller organischen Abfälle, die zum Beispiel in der Land- und Forstwirtschaft anfallen, vernichtet werden, obwohl sie zur Stromproduktion taugten. Eine Marktanalyse der Niedersächsischen Energie-Agentur aus dem Jahr 2003 besagt allerdings, dass der Heizstoff Biomasse endlich ist, dass nicht genügend anfällt, um auch nur die 60 in Deutschland geplanten Biomasse-Projekte mit einer elektrischen Gesamtleistung von etwa 660 Megawatt zu versorgen.
Heizen mit Weizen - ein weiteres alternatives Energiekonzept Auch die Manager der Harpen AG bestätigen, dass in Deutschland keine Marktchancen für neue Biomasse-Wärmekraftanlagen mit Holzbetrieb bestehen. Der Grund dafür ist einfach: "Wenn der Holzmarkt einbricht", sagt Harpen-Geschäftsführer Peter Korak, "müssen andere biogene Stoffe eingesetzt werden." Versuche dazu laufen. Aufgrund der hohen Ölpreise wird dabei ernsthaft über die energetische Nutzung von Getreide diskutiert. Zwar ist nach Auskunft der Niedersächsischen Energie-Agentur sogar Qualitätsgetreide billiger als Heizöl, doch solange auf der Erde Millionen Menschen hungern, sind Nahrungsmittel als Brennstoff für Bioöfen eher weniger angesagt. Heizen mit Weizen ist tabu. Soja- und Rapspflanzen hingegen dürfen hochsubventioniert verfeuert werden. Alles eine Frage des Problembewusstseins der kritischen Masse.
Die könnte sich wiederum damit anfreunden, dass Strom aus Exkrementen gewonnen wird. In Großbritannien laufen bereits drei Kraftwerke mit Geflügelkot. Rupert Fraser, CEO der britischen Biomasse-Firma Fibrowatt, versichert, dass man aus der jährlichen Ausscheidung eines Huhns ein Watt an Energie gewinnen kann.
Damit kommen die Briten einem alten Menschheitstraum einen Schritt näher: Aus Scheiße wird Gold.
