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brand eins 04/2004 - Kommentar - Das Glashaus
Kommentar - Das Glashaus
Es ist Zeit, für die Arbeit auf die Straße zu gehen. Es ist schlecht, dabei dem Gestern nachzulaufen.
Einem Bauern muss man mit der Geschichte nicht kommen. Seine Arbeit bestimmt, was draußen vor der Tür passiert. Der Bauer ist Realist. Er arbeitet, wann immer es nötig ist.
Verschiedene Jahreszeiten bringen unterschiedliche Anforderungen mit sich. Der Winter ist eine eher ruhige Zeit, während in den restlichen Jahreszeiten Aussaat, Pflege und Ernte ihre Anforderungen stellen. Arbeit on demand.
Früher war das normal. Dann kam die Industrie. Dreimal acht Stunden war der Tag lang. Aus dem Leben wurde eine endlose Schicht. Allerdings schien auch alles berechenbar. Bis zum letzten Atemzug.
Die Industriegesellschaft ist so gut wie perdu, aber ihre Realverfassung lebt: das deutsche Arbeitsrecht.
Wer in seinen Einflussbereich gerät, ist nicht mehr Mensch, sondern Arbeitgeber oder Arbeitnehmer. Jahreszeiten, Angebot und Nachfrage, gute und schlechte Zeiten, das kennt das deutsche Arbeitsrecht ebenso wenig wie eine sich wandelnde Welt.
Wer nicht weiß, ob sein Unternehmen in vier Monaten oder fünf Jahren noch die Aufträge hat, für die jetzt Mitarbeiter gebraucht werden, hat Pech gehabt. Das ist zwar Wirtschaft, der Lauf der Welt, aber gegen die Natur des deutschen Arbeitsrechts. Wer nicht dafür geradestehen kann, dass immer alles so bleibt, wie es ist, geht in Konkurs oder verliert seinen Job.
Einen Mitarbeiter anzustellen ist ein riskantes Unterfangen, dessen Folgen nicht kalkulierbar sind, aber kalkuliert werden müssen.
Über Jahrzehnte hindurch wurde die Wirklichkeit geleugnet - und ein Glashaus über dem Land errichtet, dessen einziger Zweck die dauerhafte Unterbringung des alten Arbeitsrechts auf alle Zeiten ist. Das ist seltsam, aber was noch?
Im Glashaus herrscht immer die gleiche Temperatur, nachts ist es künstlich beleuchtet, Jahreszeiten sind unbekannt, und ein Wort wie Veränderung wird ausgesprochen wie der Name eines Schädlings. Der Zweck eines Arbeitsrechts ist einfach und unbestritten: den Ausgleich der Machtverhältnisse, die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestehen, so weit es geht und so gut es geht. Von der völligen Verleugnung der Wirklichkeit war nicht die Rede.
Doch die Wirklichkeit dringt durch die matten Scheiben des Glashauses. Was erkennbar ist: Vorgesetzte und Untergebene, die wichtigsten Pole des deutschen Arbeitsrechts, verschwinden langsam. Unternehmer sind alle, die in einem Betrieb arbeiten, und sie wissen um den Wechsel der Jahreszeiten. Solche Unternehmer-Unternehmen gibt es - und es werden mehr.
In ihnen herrscht das, was sich durch Paragrafen nicht regeln lässt: Solidarität und gegenseitiger Respekt, die wichtigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit.
Daneben aber formieren sich die Kämpfer für das alte Arbeitsrecht. Ihr Schlachtruf lautet: Wir haben ein Recht auf Arbeit, und zwar auf so wenig wie möglich. Denn Arbeit ist Last.
Aufstehen und Widerstand sind die Wörter, die Hunderttausende auf die Straße getrieben haben. Viele davon mit gutem Grund, weil auch sie sich nach einer Welt sehnen, in der Arbeit nicht krank macht, sondern Teil eines guten Lebens ist. Aber es zählt nicht, was einen auf die Straße treibt, sondern wem man dort nachläuft. Zum Beispiel dem alten deutschen Arbeitsrecht. Dem Gestern.
Der 1. Mai stand früher für: die Arbeit hoch. Das bedeutete: Respekt vor dem Leben, dessen Teil diese Arbeit ist. Das waren die Zeiten, in denen Gewerkschaften noch Gesellschaft gestalten konnten, weil ihr Kampfziel Respekt, Gerechtigkeit und Glück lautete. Lange her. Die großen Wörter Widerstand und Aufstehen wären glaubwürdiger, wenn die, die sie skandieren, mehr wollten, als nur das Glashaus zu erhalten.
Das Glashaus war gestern. Es wird Zeit, es zu zertrümmern.
