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brand eins 07/2010 - SCHWERPUNKT: Beziehungswirtschaft
Neue Energie
In einem toten Winkel Mitteleuropas dämmerte Güssing vor sich hin.
Ohne Industrie, ohne Perspektiven, nur Feld, Wald und Wiesen. Heute floriert Güssing.
Warum? Eben deswegen.
- Es ist ein empfindlich kalter Morgen, an dem Peter Vadasz, ein jovialer Mittsechziger mit kecker Haartolle, fröhlich summend durch die Büros des Europäischen Zentrums für erneuerbare Energien Güssing (EEE) spaziert. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, blickt Güssings Bürgermeister zufrieden durchs Fenster aufs benachbarte Parkettwerk, bevor er sich im wohlig warmen Konferenzraum in einen Sessel fallen lässt, um diese unglaubliche Geschichte zu erzählen. Die Sekretärin bringt Tee. "Danke, mein Schatz", bedankt sich Vadasz artig.
Es ist, alles in allem, wirklich ein Wunder.
Die leichte Anhöhe etwa, auf welcher der graue Büroklotz des EEE thront: war noch vor wenigen Jahren ein nackter Acker. Die Parador-Parkettfabrik nebenan, das Vulcolor-Farbwerk und all die anderen Betriebe am Ortsrand: Gab es nicht. Das "Modell Güssing", das heute jedes Jahr Tausende Besucher aus aller Welt ins Burgenland lockt: unvorstellbar.
Und Vadasz selbst: Der war Bürgermeister einer verlorenen 3700-Einwohner-Gemeinde, wie sie von der Lausitz bis zum Mezzogiorno überall in Europa zu finden sind. Schrumpfregionen, denen erst die Betriebe und Arbeitsplätze, dann Einnahmen und Bewohner abhanden kommen. Die in einer Spirale des Immer-Weniger und Immer-Schlechter abwärts trudeln, bis sie bloß noch von denen bevölkert werden, die zu träge, zu alt oder zu schwach zum Weggehen sind. Deren Todesurteil fällt, wenn diese wenigen Verbliebenen eines Tages Schulen, Krankenhäuser und Straßenbeleuchtung nicht mehr bezahlen können.
Genauso war es in Güssing. "Als ich 1992 Bürgermeister wurde, erlebte ich viele schlaflose Nächte. Ich hatte einfach keine Idee, wie man diese Entwicklung umdrehen könnte", sagt Vadasz und nippt vorsichtig an seinem Kamillentee. Als ehemaliger Lehrer für Englisch, Geografie und Geschichte weiß er anschaulich zu erzählen von der zehnjährigen Besatzungszeit nach dem Krieg, als die Sowjets alles demontierten, was ihnen in Güssing verwert bar erschien. Vom Eisernen Vorhang, der den Ort nach Osten hin hermetisch abriegelte und vom Westen aus betrachtet zum Niemandsland machte. "Prag liegt weiter westlich als wir, verstehen Sie? Wir waren der äußerste Südosten der EU." Vadasz berichtet von bis zu 28 Prozent Arbeitslosen und fast 5000 Einwohnern, die im Laufe der Jahre ihr Städtchen verließen, von der Schließung des Bahnhofs und von Autobahnen, die in weitem Bogen um Österreichs ärmsten Bezirk herumgebaut wurden.
Vadasz konnte all das gut überblicken, als er eines Tages, kurz nach seinem Amtsantritt, zur alten Burgruine hinaufmarschierte. An seiner Seite war Reinhard Koch, ein schlaksiger Ingenieur und Hobby-Basketballer, der wie Vadasz aus der Gegend stammt. In der Stadtverwaltung war Koch unter anderem für das Klärwerk zuständig. Hoch oben, vom Wahrzeichen der Stadt aus, schauten der Techniker und der Bürgermeister auf die leer stehenden Häuser, die kleine Nudelfabrik - den einzig verbliebenen Industriebetrieb - ein paar Sägewerke, Bauernhöfe, vor allem aber Wiesen und Wälder, so weit das Auge reichte. "An diesem Tag wurde uns klar, dass wir fast nichts hatten", erinnert sich Vadasz, "aber eben auch nur: fast nichts. Wald und Holz hatten wir offensichtlich im Überfluss. Warum, haben wir uns gefragt, machen wir nicht mehr daraus?"
Von da an war alles fast einfach. Koch und Vadasz überzeugten den Gemeinderat, an der Landstraße ein Fernwärmekraftwerk zu errichten, das mit heimischem Holz heizen und der Gemeinde auf diese Weise hohe Energieausgaben ersparen sollte. 35 Kilometer Rohrleitungen wurden unter dem Ort verbuddelt, Rathaus, Kindergarten und Schulen ans Netz angeschlossen. Und weil das Heizwerk so gut anlief, bauten sie 1998 ein paar Meter die Landesstraße hinauf ein weiteres Kraftwerk, das neben Wärme auch noch aus Holz Gas produziert. So begann das Güssinger Wunder.
Heute kippen Lastwagen jährlich 35 000 Tonnen Holzabfälle aus den umliegenden Forsten vor den beiden Kraftwerken ab, wo sie zerhäckselt und danach in den Brennkammern zu Asche und Energie verarbeitet werden. Güssing erzeugt mittlerweile 60 Millionen Kilowattstunden Heizenergie und 20 Millionen Kilowattstunden Strom - viel mehr, als seine Betriebe und Haushalte verbrauchen. Das behagliche Klima im Konferenzraum, die Energie fürs neue Parkettwerk - all das produziert die Gemeinde aus eigenen Ressourcen. Viel wichtiger noch: Was sie für Brennstoff zahlt, landet nicht mehr bei russischen Oligarchen oder arabischen Ölbaronen, sondern bei ihren Nachbarn. Bei Landwirten, Sägerei- und Waldbesitzern also, die mit diesen Einnahmen in Güssing einkaufen, investieren, ihre Häuser instand halten, die Familien gründen, Kinder in die Welt setzen - und sich entschließen können, hierzubleiben.
Bei Leuten wie Karl Draskovich beispielsweise. "Natürlich hatten wir anfangs im Ort jede Menge Skeptiker. Schließlich sind wir ja Österreicher", sagt der 87-Jährige lächelnd. "Außerdem war das Öl immer so billig." Der passionierte Großwildjäger, fünffache Großvater und perfekte Gentleman lebt in einem 206 Jahre alten dottergelben Schloss zu Füßen der Burgruine. Seiner gräflichen Familie gehören in und um Güssing Autohäuser, Handwerksbetriebe, Sägewerke, Teile des örtlichen Stromnetzes - sein Vater war einst der Erste, der in Güssing mittels Dampfturbine Strom erzeugte - und rund 2500 Hektar Wald. Steigt man mit dem Aristokraten hoch zur Burgruine und fragt, in welcher Himmelsrichtung denn seine Forste zu finden seien, antwortet er unschuldig: "Na, überall." Allerdings, räumt er ein, habe sich ob der niedrigen Holzpreise lange nicht einmal mehr deren Durchforstung gelohnt.
Heute ist Draskovich das per sonifizierte Güssinger Modell. Als Teilhaber des Fernwärmekraftwerkes, einer seiner wichtigsten Rohstofflieferanten und als Güssinger Bürger profitiert er gleich dreifach von der Energiewende. Seine Wälder haben sich von Brachen in Ressourcen verwandelt, seine Sägewerke sind ausgelastet, die Wald arbeiter finden Arbeit und die Holzabfälle eine sinnvolle Verwendung. "Gemacht haben das diese jungen Ingenieure in der Stadtverwaltung. Höchst vorbildlich", sagt er.
Seine Mitbürger wiederum finden die städtische Fernwärme höchst attraktiv, denn zu den vielen Dingen, die dem Ort fehlten, gehörte auch ein Anschluss ans Gasnetz. Statt mit Elektroöfen oder teuer angekarrtem Öl werden mittlerweile 97 Prozent aller Wohnungen und Häuser mit Fernwärme aus dem städtischen Kraftwerk beheizt. Das ist nicht nur klimaneutral und förderlich für die Region, sondern auch rund ein Viertel billiger als Energie aus Erdgas.
Mit diesem Kostenvorteil machte sich Bürgermeister Vadasz auf die Suche nach Investoren für sein Städtchen am Ende der westlichen Welt. Im Laufe der Jahre überredete er zahlreiche Betriebe, nach Güssing zu kommen. Sein wichtigstes Argument: billige Energie, egal, in welche Höhen der Ölpreis auch klettern 3
mochte. Rund 60 Maschinenbauer, Schleifereien und Parketthersteller ließen sich überzeugen und brachten 1500 neue Arbeits plätze mit. "Ich kann nicht verstehen, wie Gemeinden ihre Energieerzeugung aus der Hand geben können", sagt Peter Vadasz kopfschüttelnd. "Mit unserer günstigen Energie können wir deutlich besser gelegene Standorte mit höherer Förderung ausstechen. Und je höher die konventionellen Energiepreise klettern, umso größer wird unser Vorteil sein."
Auf diese Weise entstand Güssings eigentliches Wunder: ein Perpetuum mobile, das sich fortlaufend selbst mit Energie versorgt. Man kann es am gelben Quader der Solarfabrik Blue Chip weithin erkennen, an den Büros der Rechtsanwälte, Steuer berater und Renewables-Consultants im EEE-Zentrum und an dem nagelneuen Com-Inn-Business-Hotel, einem puristischen Bau mit elektronischem Check-in und Snack-Automat für die Gäste.
Weltneuheit in der Provinz
Man kann es arbeiten hören, wenn man sein Ohr an die oberirdischen Rohre hält, die von den Fertigungshallen der Parketthersteller Parador und Weitzer zum Biomassekraftwerk führen. "Ssst, ssst, ssst" machen die Holzspäne, während sie druckluftbeschleunigt ins Speichersilo des Kraftwerkes sausen. Für die Parkettmacher ist es die sauberste, bequemste Art der Abfallentsorgung. Für die Gemeinde wiederum ist es die denkbar billigste Rohstoffquelle: 18 bis 50 Euro zahlt sie pro Tonne statt der 75 bis 110 Euro, die für Waldhackgut fällig wären. Und was an Asche aus den Brennern rieselt, verteilen Güssinger Landwirte als Dünger auf ihren Feldern - ein perfekter lokaler Kreislauf.
Weil interessante Projekte immer auch interessante Leute anlocken, wurde irgendwann Hermann Hofbauer auf diesen rührigen Ort im Abseits aufmerksam. Der Wiener Professor für Verfahrenstechnik forschte in den Neunzigern gerade an einer neuen Brennertechnik namens Wirbelschichtvergasung, bei der Holz nicht mehr verbrannt, sondern unter Wasserdampf vergast wird. Eine Pilotanlage konnte er den Güssingern bereits vorführen; die Gemeinde sorgte dafür, dass ihr Biomassekraftwerk 1998 mit der neuen Technik gebaut wurde. Damit verfügte Güssing nicht nur über eine Weltneuheit im erwachenden Neue-Energien-Markt, sondern auch über ein Kraftwerk, dessen Wirkungsgrad schlagartig von 15 auf 25 Prozent stieg.
Für Güssing, schwärmt Vadasz, sei der Professor Hofbauer ein Glücksfall gewesen. Und der Beitritt Österreichs zur EU im Jahre 1995 war die historische Chance. Denn mit ihm verwandelte sich der Ort schlagartig in eine "Ziel-1-Region", wie das Brüsseler Synonym für "Armenhaus" heißt: Der Bürgermeister konnte kräftig Fördergelder bei Landes-, Bundes- und Unionsregierung einwerben - im Laufe der Jahre insgesamt 100 Millionen Euro. Ohne dieses Geld, räumt er ein, hätte das Perpetuum mobile keine Chance gehabt.
Und dennoch geriet es einige Male gefährlich ins Stottern. "Natürlich wurden wir zu Anfang als Exoten aus irgendeinem Herrgottswinkel angesehen", erinnert sich der Kommunalpolitiker. "Was bildet ihr euch ein?", hätten die großen Energiekonzerne gefragt und gedroht: "Wir fahren euch an die Wand!" Und als das Projekt Fernwärme gerade in Gang kam, reichte eine der beteiligten Firmen Klage ein, weil sie sich bei der Auftragsvergabe benachteiligt wähnte. Daraufhin stoppte die EU alle Fördermittel, und Vadasz schlief ein paar Monate lang schlecht. Als die Klage nach anderthalb Jahren ab gewiesen wurde, waren bei der Gemeinde acht Millionen Schilling an Zinsschulden aufgelaufen.
Dass das Güssinger Modell trotz alledem nicht scheiterte, ist unter anderem seiner stabilen Doppelspitze zu verdanken - mit Peter Vadasz als eloquentem Netzwerker, der Kontakte pflegt und Verhandlungen führt, und Reinhard Koch, dem Tüftler und Techniker, der ständig neue Ideen produziert. "Energie zu erzeugen ist genauso wenig kompliziert, wie eine Kläranlage zu betreiben", sagt der Ingenieur. "Aber ohne Vadasz' Verhandlungsgeschick hätte ich 100 000 Ideen haben können, und es hätte nicht funktioniert. Ich bin der Techniker, der keine langen Wege mag. Die geht Vadasz."
Längst ist Koch kein städtischer Kläranlagentechniker mehr, sondern Geschäftsführer des EEE und freier Energieunternehmer. "Dazu hat mich der Gemeinderat mehr oder weniger gezwungen", sagt der 50-Jährige. "Als wir das erste Kraftwerk planten, hieß es: Wenn wir dieses Wagnis eingehen, musst du dich mit deinem eigenen Geld beteiligen und als Geschäftsführer einsteigen." Heute hält Koch Beteiligungen an 15 lokalen Energieunternehmen mit 13 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, darunter auch an einem estnischen und einem slowakischen Kraftwerk. Die Teilhaberschaft der Güssinger Kraftwerke teilt er sich mit Nachbarn wie Karl Draskovich, der Waldbauerngenossenschaft und der Gemeinde. Die Kommune hat sich über Syndikatsverträge wesentlichen Einfluss auf Energieerzeugung und Preise gesichert. "Und sollten wir jemals auf die Schnapsidee kommen, per Preiserhöhung abzukassieren, hätten wir ganz schnell die Wähler vor der Hütte", sagt Koch. Auf diese Weise unterliegt das Güssinger Perpetuum mobile einer demokratischen Kontrolle, auch was seinen weiteren Ausbau betrifft.
Derzeit landet erst ein Drittel des in den Wäldern wachsenden Holzes in den Kraftwerksbrennern; das Mähgut von Straßenrändern und Wiesen ist dabei noch nicht eingerechnet. Theoretisch könnte die Gemeinde locker das Zehnfache an Strom herstellen, sagt Koch, nur fehle es an Abnehmern für die entstehende Abwärme. Während der warmen Sommermonate kämen als Nutzer nur weitere Gewerbebetriebe infrage. Doch die müsse man erst noch finden.
Weil das so ist, tüfteln die Güssinger an Ideen, ihre Ressourcen noch besser nutzen zu können. Das Gas aus dem Biomassekraftwerk etwa wird noch in Strom umgewandelt und ins öffentl iche Leitungsnetz eingespeist. Auf dem Betriebshof jedoch hat Ingenieur Koch bereits eine kleine Gas-Tankstelle installieren lassen. Dort sollen künftig die umgerüsteten Fahrzeuge der Stadtverwaltung auftanken - mit einem Treibstoff, der aus den umliegenden Wäldern gewonnen wird.
Ein noch kürzerer Weg vom Baum in den Tank wird im Technikum erkundet, einem zweistöckigen Forschungszentrum gleich neben dem Biomassekraftwerk. Im hinteren Trakt forscht ein internationales Konsortium an der Verfeinerung der sogenannten Fischer-Tropsch-Synthese - einem Verfahren, um Benzin, Diesel oder Paraffin aus Holz zu gewinnen. Das ist aber auch schon fast alles, was man über das Vorhaben weiß, denn die Entwickler haben ihre Versuchsanlage mit blickdichten Planen verhängt und ihr Labor durch Wachleute gesichert. Nicht einmal der Bürger meister erhält Zutritt. Bekannt ist nur, dass ihr Produktionsziel fürs Erste bei einem Barrel Holzöl pro Tag liegt.
"Das ist natürlich noch sehr wenig", räumt Richard Zweiler ein, Geschäftsführer der Güssing Energy Technologies GmbH, die im Erdgeschoss des Technikums einen Bürotrakt besetzt. Zweiler - Cowboyboots, Pferdeschwanz, passionierter Line Dancer ist Verfahrenstechniker. Er hat etwa für Exxon Mobile in Westafrika Bohrfelder erschlossen. "Wenn du Nigeria überlebt hast, kannst du auch das Südburgenland überleben", haben die Kollegen gelästert, als sie von seinen Plänen erfuhren, mit Familie ins hinterste Burgenland zu ziehen. Tatsächlich sei Güssing mittlerweile ein idealer Forschungsstandort, sagt Zweiler. "Wer etwas in Sachen Holzvergasung entwickelt, kommt früher oder später hierher. Und Verfahrenstechniker sind eine sehr kleine Gemeinde. Ich treffe hier mittlerweile mehr interes sante Kollegen als in Wien."
Von Hinterwäldlern lernen
Mit acht von ihnen berät Zweiler von Güssing aus Gemeinden, die das Modell nachahmen wollen. Mehr als 20 Fernwärme- oder Biomasseanlagen arbeiten bereits im Burgenland, ein weiteres Kraftwerk wird gerade in Slowenien gebaut, und mitten im Gespräch bittet ein mittelburgenländischer Gemeindedirektor um einen Termin, weil er sich ebenfalls für ein Biomassekraftwerk interessiert. "Werbung?", sagt Zweiler, als er den Hörer wieder aufgelegt hat. "Die brauchen wir nicht. Die Leute kommen ganz von selbst."
Güssing ist jetzt ein Vorbild. Vom Hinterwäldlerstädtchen hat es sich zum Forschungsstandort und Wallfahrtsziel gemausert, zu dem Menschen von weither in der Hoffnung auf Heilung für ihre kränkelnden Gemeinden pilgern. Im Bistro des Com-Inn frühstücken heute kalifornische Techniker mit chinesischen Lokalpolitikern und Energiefachleuten aus Sachsen. 30 000 Übernachtungen von Gästen zählt der kleine Ort pro Jahr. Der Öko-Energie-Tourismus bildet mittlerweile einen eigenständigen Geschäftszweig.
Täglich organisiert das EEE-Zentrum Führungen zu den energetischen Highlights der Region, informiert angehende Unterneh mer und bildet Fachleute aus. Gerade waren 20 Energietechniker aus Göteborg für drei Monate zur Fortbildung hier - in der schwedischen Metropole haben sie beschlossen, Erdgas komplett durch Holzgas zu ersetzen. Und Bürgermeister Peter Vadasz ist als Vortragsreisender in Sachen Energiewende unterwegs. Seine jüngs ten Stationen: Wales, Jordanien und Kalifornien, wo die 300 000-Einwohner-Stadt Riverside das Güssinger Modell nachahmen will. "Alle wollen jetzt auf den fahrenden Zug aufspringen", sagt er zufrieden.
Dabei ist seine Gemeinde keine Insel der Seligen. Im Wirtschaftskatastrophenjahr 2009 haben auch Güssings Unternehmen ihre Produktion drosseln müssen, Leute entlassen, weniger Energie eingekauft und die Stadt damit doppelt getroffen. Die Banken, bei denen Geschäftsführer Koch sich um eine Verlängerung der Kreditlinien bemüht, verlangen jetzt viel höhere Sicherheiten. Schätzungsweise ein Drittel der Büros im EEE steht aktuell leer. "Es gibt viel Fluktuation", sagt Bürgermeister Vadasz. Und weil ein Schweizer Teilhaber Insolvenz angemeldet hat, liegt vorläufig auch die Methanisierungsanlage still.
"Man kann aus einer Ungunstregion nun einmal keine Gunst region machen", sagt Vadasz, "aber man kann aufhören, darüber zu jammern, was man nicht hat und nie haben wird. Und sich stattdessen um das kümmern, was sich nutzen lässt." Die Güssinger haben auf diese Weise ihre Arbeitslosenrate von 28 auf 10 Prozent gedrückt, ihre Energierechnung mehr als halbiert, den städtischen Etat dank der Gewerbesteuereinnahmen von 400 000 auf 1,4 Millionen Euro aufgebessert und die Abwanderung wenn schon nicht gestoppt, so doch stark abgebremst.
An diesem kalten Morgen also, an dem der Bürgermeister einem Reporter die Güssinger Erfolgs story erzählt, hat er allen Anlass zu guter Laune. In der Zeitung hat er gerade eine kleine Meldung gelesen: Kuwaitische Forscher hätten errechnet, dass die Erdölförderung vermutlich deutlich früher als erwartet an ihre Grenzen gelangen werde. Nach ihren Kalkulationen dürfte die weltweite Rohölproduktion nicht - wie bisher angenommen - irgendwann nach 2020 ihren Gipfelpunkt erreichen, sondern bereits in vier Jahren.
Vadasz weiß natürlich, dass die Menschen auch nach 2014 noch jahrzehntelang Öl verbrennen werden. Doch mit sinkenden Reserven dürfte der Preis stetig steigen, es wäre der Anfang vom Ende des fossilen Brennstoffs. Für die Güssings dieser Welt wäre es dagegen der Anfang vom Anfang. -
