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brand eins 07/2010 - Das geht

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Verschenken statt verschrotten

Ein arbeitsloses Ehepaar aus Hamburg macht betagte Computer flott und gibt sie kostenlos an Bedürftige ab. Weil Angebot und Nachfrage immer weiter wachsen, könnte die gute Idee schon bald belohnt werden: mit einem bezahlten Job, damit das Projekt nicht stirbt.

- Horst Matzen erinnert sich noch gut an den alten "Brotkasten". Es war sein erster Computer, und im Volksmund hatte er wegen der Gehäuseform schnell seinen Spitznamen weg. Einer ganzen Generation ebnete er den Aufbruch ins digitale Zeitalter: der Commodore 64, Kultobjekt der achtziger Jahre. "Und natürlich: Kurz nach Ablauf der Garantiezeit ging er kaputt", erinnert sich der einstige Sanitärinstallateur und Bauklempner.

Was ihn vor mehr als 20 Jahren noch fuchste, war aus heutiger Sicht der Beginn seiner größten Leidenschaft: der Computer bastelei. Denn das Gerät einfach wegzuwerfen kam für den heute 58-Jährigen schon damals nicht infrage. Geld für eine Reparatur hatte er nicht, also griff er zum Schraubenzieher und machte sich ans Werk. Ohne Vorkenntnisse. Eine Woche später summte der C64 wieder.

Mittlerweile dürften fast alle Commodore verschrottet sein. Die Computerbranche hat zahllose Entwicklungssprünge hinter sich. Aus wenigen Kilobyte Arbeitsspeicher wurden Gigabyte, Prozessoren schnellten von Kilohertz zu Gigahertz. Wie in kaum einem anderen Wirtschaftszweig gilt: heute neu, morgen alt. Und die Kunden spielen mit. Etwa jeder zweite PC in deutschen Haushalten ist nicht älter als zwei Jahre. Viele der ausgemusterten Rechner landen auf dem Recyclinghof.

Das brachte Horst Matzen und seine Ehefrau Angelika im Sommer 2009 auf die Idee zu ihrem gemeinnützigen Verein: der Computer Spende Hamburg, einer Art "Hamburger Tafel" nicht zur Verteilung von Lebensmitteln, sondern von PCs an Bedürftige. Seitdem sammeln sie ausgediente Rechner, setzen sie wieder instand und geben sie kostenlos an ausgesuchte Empfänger weiter. Es gelten strenge Regeln: Pro Haushalt verschenken sie nur einen Apparat mit Zubehör, ohne Software und nur, wenn der Bewerber einen Bescheid vorlegen kann, dass er Empfänger von Sozialleistungen ist. Auf diesem Weg haben bereits mehr als 360 alte Computer einen neuen Besitzer gefunden. Oftmals inklu sive Bildschirm, Drucker, Scanner und Lautsprechern. "Das ist der schönste Moment, wenn die Leute die Geräte abholen", erzählt Horst Matzen. "Vor ein paar Wochen kam ein arbeitsloser Mann mit seinen Kindern und hatte plötzlich Tränen in den Augen." Es war der erste Computer seines Lebens.

Die Matzens wissen, wie ihrer Zielgruppe zumute ist. Sie sind mit kurzer Unterbrechung selbst seit mehreren Jahren erwerbslos. Beide leben von Arbeitslosengeld II. "Ohne einen Computer kann man sich doch nicht über den Arbeitsmarkt informieren", sagt er aus Erfahrung. "Und eine Bewerbung schreiben ohne PC? Dann kann man es gleich lassen." Noch ist jeder vierte Haushalt in Deutschland ohne Computer.

In der Dreizimmerwohnung des Ehepaars türmen sich die PC-Gehäuse dagegen wie Umzugskartons - im Flur, im Wohnzimmer, sogar im Schlafzimmer. "Nur das Bad und die Küche sind noch computerfrei", sagt Angelika Matzen, die 32 Jahre als Bauzeichnerin gearbeitet hat und sich jetzt um die Verwaltung des Vereins kümmert. "Wir hätten nie mit so vielen Spenden gerechnet. Unsere Wohnung platzt aus den Nähten." Die bisher größte Spende sei von einer Hamburger Firma gekommen: 80 Rechner auf einen Schlag. Die meisten ausgemusterten Geräte kommen jedoch von Privatleuten. "Sogar vom Bodensee haben sie schon was geschickt, einen Laptop."

Zurzeit suchen die Vereinsgründer dringend weiteren Lagerraum. Das Kabuff in einem Hinterhofkeller, einige Kilometer von ihrer Wohnung entfernt, reicht längst nicht mehr, obwohl es schon 60 Euro Miete pro Monat verschlingt. "Das knapsen wir so gerade noch von unserem Hartz IV ab. Mehr ist nicht drin", sagt Horst Matzen. "Aber irgendwo müssen die Rechner ja hin." Und das ganze Projekt stoppen? "Auf keinen Fall!"

Und so bastelt er weiter in seiner acht Quadratmeter kleinen Büro-Werkstatt, einem Raum, der mal als Gästezimmer gedacht war. In den Regalen ringsum stapeln sich Steckkarten, Festplatten, Tastaturen und CD-Laufwerke. Ab und zu schaut eine der beiden Hauskatzen neugierig herein, um gleich wieder wegzuschleichen. Aus abgewetzten blechernen Teedosen kramt er grüne Platinen, RAM-Speicher und Adapter hervor - eben alles, was es braucht, um alte Rechner zu reparieren. Um nicht untätig zu sein und einzurosten. Er hofft auf eine Perspektive.

An eine realistische Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt glaubt Matzen kaum mehr. "Zu alt", sagt er. Wenn der Verein allerdings weiter Mitglieder und Spenden gewinnt, kann vielleicht irgendwann eine Vollzeitstelle finanziert werden. Die Hoffnung darauf nennt er seinen "größten Traum".

Fürs Erste aber wünscht sich das Ehepaar Matzen nichts sehnlicher, als neue Lagerräume zu finden, möglichst bald und am besten gratis. "Damit es weitergeht." -


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