Inhalt
brand eins 06/2010 - SCHWERPUNKT: AUF SICHT
Im Schulden-Karussell
Jeder fünfte Amerikaner lebt von der Hand in den Mund. Und sorgt trotzdem für Milliarden-Profite: bei den Kredithaien.
- Es ist wieder mal einer dieser verflixten Dienstage. Joel Clyde braucht Geld, und zwar schnell. Sonst kann er sein Keyboard nicht reparieren lassen und muss das Konzert am kommenden Wochenende stornieren. Also trägt der Musiker aus Cleveland, Tennessee, seine Armbrust in die Filiale des örtlichen U.S. Money Shops. 75 Dollar bekommt er für die Jagdwaffe bar auf die Hand, 22 Prozent Gebühren oder 16,50 Dollar streicht der Laden als Aufbewahrungsgebühr für die nächsten 30 Tage ein. Dann muss Clyde sein Pfand wieder auslösen oder die nächste Rate von 16,50 bezahlen, damit die Armbrust nicht im Verkaufsregal landet. "Ich brauche einfach ein bisschen Bargeld fürs Geschäft. Leichter komme ich da nicht dran", sagt er und verstaut die Scheine in seiner Brieftasche.
Die Armbrust befindet sich in guter Gesellschaft. Clyde hat bisher bereits drei E-Gitarren und einen Digital-Rekorder beliehen. Rund 8000 Dollar seien seine Instrumente wert, schätzt er, und dafür zahlt er Monat für Monat 150 Dollar Lagergebühr. "Irgendwann, wenn es wieder besser geht, hole ich sie mir zurück", versichert er. Neben ihm reicht eine junge Frau einen in 14 Tagen fälligen Scheck über die Theke - für 100 Dollar Bargeld sofort zahlt sie 17,65 Dollar Gebühren - was einem effektiven Jahreszins von mehr als 400 Prozent entspricht.
Joel Clyde sagt über seine permanente Überbrückungsfinanzierung: "Ich weiß, was es kostet, hier Geld zu kriegen. Und ich weiß, dass die Jungs gut auf meine Sachen aufpassen, wenn es bei mir eng wird." Seine Bank lässt er bei solchen Engpässen außen vor. "Die brummen mir sonst jedes Mal 35 Dollar Überziehungsgebühr auf. Und es schadet meiner Kreditwürdigkeit."
Willkommen in der bankfreien Zone. Pfandleihe und Wucher-Vorschüsse sind finanzielle Eckpfeiler der größten Volkswirtschaft der Welt. Mindestens ein Viertel aller amerikanischen Haushalte oder rund 60 Millionen Erwachsene haben kaum oder gar keinen Zugang zu einem normalen Geldinstitut. Sie gehen arbeiten oder beziehen Sozialleistungen, sie gehen einkaufen und zahlen Rechnungen für Strom, Wasser und Telefon, aber sie betreten nie eine Bankfiliale. Wer kontinuierlich über seine Verhältnisse lebt, konnte bislang ein Leben auf Pump durch Kreditkarten führen, aber seit der Rezession ist dieser Geldstrom weitgehend versiegt. So verlassen sich mehr Menschen denn je auf Finanzdienstleister der zweiten oder dritten Liga.
Dieses Schatten-Bankenwesen ist zum Teil in den vorsintflutlichen Arbeitsmethoden etablierter Geldhäuser begründet. Ein Dispositions-Kredit ist weiten Teilen der US-Bevölkerung ebenso unbekannt wie eine Überweisung. Wer in den USA Rechnungen bezahlt, stellt Schecks aus und versendet sie. Wer alle zwei Wochen seinen Lohn bezieht, trägt den Scheck zum nächsten Bankautomaten und verfüttert ihn samt Formular an die Maschine. Angestellte leeren die Kuverts, stempeln und verbuchen die Schecks, bevor sie in Postsäcken quer durch das Land zur ausstellenden Bank reisen. Die jüngste offizielle Erhebung im Jahr 2006 zählte 30 Milliarden Schecks - oder 100 Schecks pro US-Bürger pro Jahr.
Bislang dienten 45 über das Land verteilte Sortierzentralen der Federal Reserve (Fed), der US-Notenbank, als Knotenpunkte des Stafettenlaufs. Da Schecks inzwischen mehr und mehr gescannt und elektronisch übermittelt werden, hat die Notenbank ihre Bearbeitung in diesem Jahr in einem einzigen Zentrum in Cleveland konzentriert. Dennoch warten Bankkunden weiterhin tagelang erst auf den Postboten und dann auf die Wertstellung, die bei größeren Beträgen in Raten erfolgt. Nicht zufällig ist die Ausrede "Der Scheck ist in der Post" zum geflügelten Wort geworden.
Banken bieten die Kontoführung dennoch meist kostenlos an, da sie an den saftigen Gebühren verdienen. Wer sein Konto auch nur um einen Cent überzieht, muss gleich mehrfach zahlen. In der Regel rund 25 Dollar für jeden geplatzten Scheck, plus Säumnisgebühr und Strafzinsen für die überfällige Rechnung sowie 35 Dollar für jede Transaktion. Wer also knapp am Existenzminimum lebt und morgens trotz fast leerem Konto mit seiner Karte tankt, mittags bei McDonald's isst und abends im Supermarkt eine Fertigpizza und ein Sixpack kauft, mag insgesamt nur 40 Dollar ausgeben, wird aber von der Bank mit 105 Dollar Gebühr zur Kasse gebeten.
So verdienten Amerikas Geldinstitute vergangenes Jahr rund 40 Milliarden Dollar. Grund genug für die Regierung in Washington, als Konsequenz aus der Finanzkrise neue Regelungen zu verabschieden, wonach Banken künftig von jedem Kunden erst die ausdrückliche Zustimmung einholen müssen, das Konto zu überziehen.
Um die Konsum-Maschinerie am Laufen zu halten, haben Banken ein zweites lukratives Standbein: die Kreditkarte. Anderthalb Milliarden Stück davon sind im Land in Umlauf, ein US-Bürger hat also statistisch betrachtet 5,4 Kreditkarten. Auf jedem Haushalt lasten rund 10 700 Dollar Kreditkartenschulden, für die 20 bis 30 Prozent Zinsen auflaufen. Die fantastisch sprudelnde Geldquelle im Hintergrund war das Wohneigentum, das zwei Drittel aller US-Bürger besitzen. Solange der Wert von Immobilien stieg, konnten sie ihren Kreditrahmen über sogenannte Home Equity Loans, Kredite aufs Eigenheim, ganz ohne Probleme weiter aufblähen.
So funktionierte die Sonnenseite der Geldwirtschaft, bis die Finanzkrise dem sorglosen Konsum ein jähes Ende bereitete. Jetzt suchen auch Haushalte mit regelmäßigem, aber geringem Einkommen nach neuen Wegen, um liquide zu bleiben. Mittelklasse familien stehen mittlerweile vor ähnlichen Problemen wie Sozialhilfeempfänger oder illegale Einwanderer, denen es am nötigen Einkommen oder an den Papieren fehlt, um ein Konto zu eröffnen oder eine Kreditkarte zu erhalten.
Sie alle sind auf alternative Finanzdienstleister angewiesen wie die U. S. Money Shops der Firma Check into Cash, um dort ihre Schecks einzulösen, Kleinstkredite aufzunehmen oder Hausrat zu beleihen. Die Banken mögen mehr Angst denn je vor dem Risiko und insolventen Kunden haben eine Handvoll findiger Geldhäuser wie Check into Cash verdient glänzend mit diesen Menschen.
Underbanked oder unbanked werden sie genannt. Viele wohnen in Vierteln, aus denen sich Banken zurückgezogen haben, oder sie machen um klassische Geldinstitute aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen einen Bogen. Das Ambiente dort und die vielen Formalitäten schrecken Leute wie Joel Clyde ab. Im U. S. Money Shop gibt's schnell und ohne viele Fragen Bares. Jeder Bar-Scheck, sofort eingelöst und ausgezahlt, kostet im Schnitt drei Prozent Gebühr. Jeder Lohn-Scheck lässt sich beleihen.
Diese Vorschüsse auf den Zahltag kosten Wucherzinsen bis zu 780 Prozent und mehr, sind in 39 der 50 US-Bundesstaaten aber ganz legal. Seit den neunziger Jahren ist das Land deshalb bis auf wenige weiße Flecken mit Läden fürs schnelle Geld gepflastert - von den Ausfallstraßen kleiner Städte wie Cleveland im südöstlichsten Winkel Tennessees bis zu Einkaufszentren und Tankstellen in Los Angeles. Gut 25 000 solcher Filialen gibt es, mehr als alle von McDonald's und Starbucks in den USA zusammen. Sie beleihen alles, das Banken zu klein oder zu heikel ist: Steuerrückzahlungen, Fahrzeugbriefe, Eheringe - in der Regel geht es um Summen zwischen 50 und 300 Dollar.
Die Kleinbeträge addieren sich. Die gesamte Branche setzt rund 100 Milliarden Dollar im Jahr um. Gerade in Krisenzeiten brummt das Geschäft mit Drive-Thru-Darlehen, das psychologisch geschickt angelegt ist. Wegen der kurzen Laufzeiten und geringen Summen, um die es jeweils geht, fühlt sich kaum ein Kunde übers Ohr gehauen, auch wenn er immer weiter Wucherzinsen zahlt, ohne je aus den Miesen zu kommen.
Allan Jones, Chef und Eigentümer von Check into Cash, sieht sich natürlich nicht als Wucherer, sondern als Helfer für alle, die die Banken vergessen haben. "Banken sind der Supermarkt, wir sind der Nachbarschaftsladen, bequem und schnell, das kommt bei unseren Kunden gut an. Deswegen zahlen sie auch gern die Gebühren, die wir verlangen müssen, damit sich unser Geschäft rechnet." Der schwergewichtige Gründer von Check into Cash gilt als Pionier der Branche und ist einer der drei größten Anbieter in den USA. Fragen nach den exorbitanten Zinsen ist er gewohnt, seit er 1993 die erste Filiale seiner inzwischen auf 1148 Standorte gewachsenen Kette öffnete.
Das Geschäftsmodell der Money Shops: schnelles Geld, wenige Fragen und Wucherzinsen
"Das lässt sich ganz einfach erklären", schnauft Jones und erhebt sich aus dem schweren Ledersessel, um zwei Dosen Kaffeepulver aus dem Regal zu holen. "Derselbe Kaffee, aber zwei Packungsgrößen", doziert er und stellt zwei Gläser sofort löslichen JFG Special Blend auf den Schreibtisch: einmal 340 Gramm zu 5,29 Dollar und einmal 56 Gramm zu 2,95 Dollar. "Wir sind wie der Laden um die Ecke. Ich brauche etwas sofort, dann kostet dieselbe Ware eben etwas mehr. Aber wir zwingen niemanden, bei uns einzukaufen. Und wir sagen, was es kostet." Er spricht von "Bearbeitungsgebühren", leider müsse er auf Anordnung der Behörden den effektiven Jahreszins ausweisen. Aber sich über seine Geschäftspraktiken beschweren, nein, das tue niemand, beteuert er. "Außer den Meckerfritzen der Verbraucherschutz-Gruppen, die dem Rest der Menschheit vorschreiben wollen, was gut für sie ist. Ich jedenfalls habe noch nie in meinem Leben glücklichere Kunden gesehen."
Das stimmt zumindest in Allan Jones' Heimatort Cleveland, einem Städtchen am Fuße der Appalachen mit rund 40 000 Einwohnern. Es sind traditionell ebenso arme wie religiöse Leute mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 29 380 Dollar - die Kellerkinder in der amerikanischen Geld-Rangliste. Check into Cash (geschätzter Jahresumsatz: 325 Millionen Dollar) residiert in einem Einkaufszentrum am Stadtrand. Jones hat seiner Firma mit reichlich falscher Holztäfelung und dicker Auslegeware den Anschein eines gediegenen Bankhauses zu geben versucht. Das Einkaufszentrum gehört ihm ebenso wie die zwei guten Restaurants in der Stadt, ein Radiosender und zahlreiche Bürogebäude und Wohnhäuser. Dennoch gibt er sich als Mann des Volkes: "Bei mir kann sich jeder melden, wenn ihm etwas nicht passt. Meine Privatnummer steht im Telefonbuch, mein Sohn geht auf die öffentliche Schule."
Die Eingangshalle ist mit Zeitungsausschnitten seiner guten Taten für die Gemeinde dekoriert, unter der Decke prangen farbige Poster seiner diversen Tochterfirmen, die alle demselben Zweck dienen: einkommensschwache Bevölkerungsgruppen mit Dollars zu versorgen, die sie im normalen Wirtschaftsverkehr nur unter großen Schwierigkeiten oder gar nicht bekämen. Jones hat diese Lücke als Erster erkannt und bietet heute Geld in Filialen, übers Telefon und im Internet an.
Sein Unternehmen hat das Geschäftsmodell zu einer Wissenschaft verfeinert. "Wir kennen die Kunden, halten Kontakt zu ihnen und haben so das Risiko besser im Griff als unsere Konkurrenz", erklärt Jones' rechte Hand, Lynn Devault. Sie arbeitete 17 Jahre für eine Bank und weitere sechs Jahre für die Gründer-Familie des Wal-Mart-Konzerns, bevor sie in die Geschäftsführung von Check into Cash einstieg. "Wir schicken Scouts los, die sich jede Kreuzung genau ansehen, um herauszufinden, wo der ideale Standort für eine Filiale ist. Wir wollen Kunden da treffen, wo sie einkaufen und vorbeifahren." Kleinigkeiten sind dabei wichtig: Wer nur schnell rechts abbiegen muss, holt sich eher einen Vorschuss, als wenn er auf der Linksabbieger-Spur warten muss.
Devault kennt ihre Statistiken auswendig, denn sie ist in Personalunion Vorsitzende des Dachverbands der alternativen Finanzdienstleister. Die Lobby nennt sich euphemistisch Community Financial Services Association (CFSA) und versucht seit Jahren, dem Image des Kredithais etwas entgegenzusetzen. Über ihre "typische Kundin" sagt Devault: "Sie ist um die 30 und beispielsweise eine Lehrerin, die einen finanziellen Engpass überbrücken muss, weil die nächste Rate fürs Auto fällig ist oder die Uniform fürs neue Schuljahr." Im Schnitt hole sich jeder Check-into-Cash-Kunde achtmal im Jahr einen Vorschuss. Dass viele Kunden 14-mal oder öfter in ihre Filialen kommen, wie Branchenbeobachter ermittelt haben, verrät sie nicht.
Nach zwei Besuchen hat die Firma ihre Kosten wieder drin. Deshalb sind ständig klamme Wiederholungstäter am profitabelsten. "Wir bedienen die Leute, die Experten als underbanked bezeichnen, die um die 25 000 bis 50 000 Dollar im Jahr verdienen", sagt Devault. Und: Leider sei der Vorschuss-Markt weitgehend gesättigt. "Viel mehr Filialen kann man nicht einrichten. Unser jährliches Wachstum ist von 20 bis 25 Prozent auf drei bis vier Prozent zurückgegangen. Deswegen entwickeln wir jetzt neue Produkte für andere Bevölkerungsgruppen, auch solche, die kein Bankkonto haben."
Denn das ist die Ironie des Geschäftes von Check into Cash: Wer hier schnell an Bares kommen will, muss ein Bankkonto nachweisen - auch wenn er es nicht benutzt. Wer eine der in Dollargrün und -braun gehaltenen Filialen betritt, stellt einen vordatierten persönlichen Scheck als Sicherheit aus. Jede Filiale verwahrt so ständig 300 bis 500 Schecks. "Sonst wollen wir nur den letzten Kontoauszug und Lohnbescheid sehen", sagt Devault. "Dann trifft der Filialleiter aufgrund des ersten Eindrucks eine Entscheidung. Wir können es uns nicht leisten, wie eine Bank für jeden Kunden eine Kreditabfrage zu starten. Rein und raus in zehn Minuten oder weniger - das ist unser Verkaufsargument."
Die Gebühren für einen Sofortkredit schwanken je nach Bundesstaat, aber sie liegen um die 15 Dollar pro 100 Dollar Vorschuss, wobei in Tennessee ein Limit von 500 Dollar pro Transaktion gesetzlich vorgeschrieben ist. Nach Ablauf der zwei Wochen rufen die Mitarbeiter von Check into Cash ihre Kunden an, um sicherzugehen, dass die ihre Schecks wie versprochen wieder auslösen. Das tun neun von zehn Kunden, behauptet das Unternehmen.
In vielen Fällen allerdings nur für ein paar Minuten, da sie sofort einen neuen Vorschuss aufnehmen: neuer Scheck, 100 Dollar in bar, 15 Dollar Bearbeitungsgebühr für die kommenden 14 Tage. Das Schulden-Karussell hat rechtliche Gründe: Weil beide Transaktionen als voneinander unbhängig gelten, handelt es sich nicht um einen klassischen Kredit, für den strengere Regeln gelten.
Eine der Kunden ist Tiffany Stinnett. Sie erzählt, dass sie sich auf diese Weise ein paar Mal im Jahr bei Check into Cash gegen ihren Lohnscheck Geld borgt. "Klar, ich weiß genau, wie viel es mich kostet. Steht ja an jeder Kasse. Manchmal brauche ich nur 50 Dollar fürs Wochenende, da muss es schnell gehen." Wenn sie dafür ihr Bankkonto überzöge, wären jedes Mal 35 Dollar Gebühren fällig. Und: "Hier kenne ich den Mann hinterm Schalter, und er will mir helfen."
Die Kredithaie gehen mit der Zeit: Sie wollen bald auch elektronisch Cash anbieten
Deshalb hat Stinnett dieses Mal auch ihre Mutter Connie mitgebracht, die keinen Vorschuss will, sondern einen Scheck ihrer Kapitalrentenversicherung einlöst. "Na, da haben die Damen aber gutes Wetter mitgebracht", scherzt der Filialleiter Brian Stiltner, während er einen kleinen Packen 20-Dollar-Noten zählt. Drei Prozent Bearbeitungsgebühr kassiert er dafür; bei Connie Stinnetts Hausbank wäre der Service kostenlos gewesen. "Zu umständlich", sagt sie, "und ich muss warten, bevor ich über das Geld verfügen kann."
Armut, Unwissenheit und Schwellenangst bilden die Grundlage einer boomenden Branche. Zwischen 1996 und 2002 stieg die Zahl der Leihhäuser um erstaunliche 1100 Prozent. Nach Check into Cash traten mehrere große Dienstleister auf den Plan, die sich pikanterweise alle über die großen Geldhäuser von Bank of America bis Wells Fargo refinanzieren, obwohl sie an der Wall Street als Schmuddelkinder gelten. Der größte Anbieter, Advance America, betreibt heute rund 2700 Filialen. Da die Firma als einzige börsennotiert ist, sind ihre Geschäftsabschlüsse öffentlich. 2009 erwirtschaftete sie einen Netto-Umsatz von 648 Millionen und erzielte einen Reingewinn von 54 Millionen Dollar.
Wie Fast-Food-Ketten an einer belebten Kreuzung liegen die Filialen verschiedener Anbieter oft unmittelbar nebeneinander. Alle bieten die gleichen Dienste an und verlangen die gleichen Gebühren - den Höchstbetrag, den jeder Bundesstaat erlaubt. Manche Kunden bedienen sich gleichzeitig bei verschiedenen Leihhäusern, was nicht auffällt, da die ihre Daten untereinander nicht austauschen. So kann es passieren, dass ein Kunde für dieselbe Lohntüte gleich mehrere Vorschüsse kassiert - und sich damit in eine teure Schuldenfalle begibt. Mit jedem neuen Vorschuss wird eine Altschuld getilgt, während alle zwei Wochen weitere Gebühren anfallen, die mit neuen Vorschüssen bedient werden müssen. Nur wer seine Schecks trotz mehrwöchigem Nachhaken wiederholt platzen lässt, kommt auf eine schwarze Liste, auf die allerdings wiederum nicht alle Anbieter Zugriff haben. "Wir können nur sehen, wer bei uns nicht bezahlt hat", gesteht Filialleiter Stiltner.
Die Abhängigkeit von Kredithaien hat fatale Folgen. Der Ökonom Brian Melzer von der Kellogg School of Management in Illinois hat die finanzielle Lage von Haushalten untersucht, die regelmäßig Zahltag-Vorschüsse beziehen. Sein Fazit: "Das Argument, dass diese Kredite kurzfristige Notlagen überbrücken und den Menschen helfen, stimmt nicht." Im Gegenteil, je leichter der Zugang, umso prekärer werde auf Dauer die finanzielle Situation der Menschen, denn sie bauten weder ihre Altschulden ab, noch bildeten sie Rücklagen. Die Versuchung, die geliehenen kleinen Summen sofort auszugeben, ist zu groß. Deshalb steigt bei den Kunden die Wahrscheinlichkeit, aus ihrer Wohnung geworfen zu werden, um 60 Prozent, wie Melzer ermittelt hat. "Statt ihre Stromrechnung oder Hypothek zu bezahlen, wird das Geld für den spontanen Konsum verwendet."
Selbst wer keine Darlehen aufnimmt und lediglich regelmäßig Schecks bei den Leihhäusern einlöst, zahlt auf Dauer ungeheuer drauf. Über das gesamte Arbeitsleben verteilt, lässt ein solcher Kunde 40 000 Dollar bei Check into Cash & Co. Wenn er diese Summe für seinen Lebensabend investierte, könnte daraus samt Zinseszinsen ein Vermögen von 360 000 Dollar werden, haben Ökonomen der Brookings Institution hochgerechnet.
Verbraucherschützer und Politiker fordern daher, die Zinsen der Kredithaie gesetzlich zu deckeln und Banken dazu zu bewegen, Filialen in armen Stadtvierteln zu eröffnen. Der Check-into-Cash-Chef Jones denkt derweil laut über weiteres Wachstum nach. Weil der Vorschuss-Markt gesättigt ist, brauche es neue Ideen. "Wir behalten einen Kunden nur ein paar Jahre, bevor er älter wird und andere Wege geht, um sich zu refinanzieren. Deswegen müssen wir ihm andere Produkte anbieten."
Zum Beispiel in den U. S. Money Shops, die viele verschiedene teure Dienstleistungen unter einem Dach bieten. Zwei Filialen hat Jones bereits in seinem Heimatstaat Tennessee eröffnet und 24 weitere in South Carolina. Neuerdings greifen Jones und andere Geldverleiher - natürlich aus eigennützigen Gründen - den Wunsch der amerikanischen Notenbank auf, den Papierkrieg rund um Schecks zu reduzieren. Sie wollen Kredit- und Scheckkarten für all jene schaffen, die derzeit keine besitzen. Das würde den Kundenkreis enorm erweitern: Millionen Amerikaner wären dann über jeden beliebigen Geldautomaten und jede Supermarktkasse zu erreichen.
Davon träumt David Michel, ein ehemaliger Banker und heute der Mann fürs Online-Geschäft bei Check into Cash. "Bisher können wir einem Fünftel unserer potenziellen Kunden nichts bieten - das schmerzt", sagt er. Abhilfe verspricht ein neues Produkt, eine Geldkarte, die elektronisch geladen und geleert wird. Schon heute erhalten immer mehr Arbei-t nehmer und Fürsorge-Empfänger von ihrem Chef oder vom Sozialamt solche Karten, für die keine Bankverbindung notwendig ist.
"Leute ohne Konto können online Geld ziehen, indem sie ihren Vorschuss auf eine Karte laden und damit einkaufen", beschreibt Michel die neue Geschäftsidee.
Sobald der Arbeitgeber oder die Behörde das nächste Gehalt oder die nächste Sozialleistung auf die Karte spielt, könnte Check into Cash seine Außenstände automatisch davon abziehen - plus saftiger Zinsen, versteht sich.
Noch in diesem Jahr will das Unternehmen einen entsprechenden Service starten. Damit hätte Allan Jones die Lücke geschlossen zwischen den Bankscheuen und den Banklosen, die sich alle danach sehnen, ihren Teil zur größten Konsumgesellschaft der Welt beizutragen.
Bei seinem Manager David Michel lösen diese goldenen Aussichten bereits religiöse Gefühle aus: "Geldkarten, das ist das Nirvana. Hinter dem sind wir alle her."-
Einer Untersuchung der Behörde FDIC zufolge, die Bankeinlagen in den USA verbürgt, haben neun Millionen Haushalte kein Konto. Weitere 21 Millionen Haushalte besitzen zwar ein Bankkonto, aber verlassen sich auf alternative Anbieter. Für ethnische Minderheiten wie Schwarze oder Latinos liegt der Anteil von Erwachsenen ohne Bankverbindung bei bis zu 22 Prozent, bei Familien mit einem Jahreseinkommen von weniger als 30 000 Dollar sogar bei 70 Prozent. Für all diese Menschen - die in der Regel einer geregelten Arbeit nachgehen - spielen Banken in ihrem Wirtschaftsleben nur eine Nebenrolle. Umgekehrt wollen auch die meisten Banken mit dieser Klientel nichts zu tun haben, da sie nach dem Kollaps des Immobilienmarktes bereits genug mit überschuldeten Verbrauchern zu tun haben.
