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brand eins 06/2010 - SCHWERPUNKT: AUF SICHT
Die Verpfändung der Zeit
Ist die Finanzkrise nicht vor allem eine Zeitkrise?
Ein Gespräch mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler darüber, wie den Menschen das Gefühl für Anfang und Ende, für Rhythmen, Pausen, Übergänge und Anschlüsse abhanden kommt. Und wohin das führt.
"Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich große Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch."
Aus: Gottfried Keller, Fähnlein der Sieben Aufrechten, 1860 erschienen in Leipzig
- Untätiges Warten oder Herumstehen ist den Fahrgästen in der Hongkonger U-Bahn auf Schildern unter Strafandrohung untersagt.
In London fordern die Geschäftsleute in der City von ihrer Stadtverwaltung, zu langsame Passanten mit Bußgeldern zu bestrafen und separate Fußwege für Eilige anzulegen. Im Jahr 2008 meldete die Schweizer Börse 3000 Finanztransaktionen pro Sekunde - 1996 waren es erst 45 pro Sekunde. Bitten an Gott lassen sich per E-Mail blitzschnell an die israelische Post übersenden, deren Briefträger diese dann zwischen die Steinquader der Klagemauer stecken. Ein deutscher Bankvorstand gesteht, nachdem er sich mitsamt seinem Institut verzockt hatte und anschließend nach Staatshilfen rief, vor einer Fernsehkamera reumütig: "Allmählich beginnen wir zu begreifen, was da gelaufen ist." Die Bundesregierung beschließt mit einer Eilabstimmung im Bundestag möglichst schnelle Finanzhilfen für Griechenland. Es gibt die Kritik, Deutschland habe nicht schnell genug gehandelt.
brand eins: Welche Rolle spielt eigentlich Zeit in der Ökonomie, Herr Geißler?
Karlheinz Geißler: Die Ökonomie verrechnet Zeit in Geld. Damit wird auch Zeit zu etwas Inhaltsleerem und Abstraktem wie Geld. Der Zeit diese Qualität von Geld zu geben, ist erst möglich, seit es mechanische Uhren gibt. Die Erfindung der Uhr ist damit die Voraussetzung und Geburtsstunde des Kapitalismus.
Und was die oben genannte Kritik betrifft: Hat sich die Bundesregierung im Fall Griechenland zu viel Zeit gelassen?
Griechenland ist, zumindest vordergründig, kein Zeitproblem, sondern eine rein spekulative Angelegenheit, in der etwa Vertrauen monetarisiert wird. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass sich der finanzwirtschaftliche Geschäftsverkehr mittlerweile mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit vollzieht, der demokratische Willensbildungsprozess hingegen in einem Tempo, das an die Postkutschenzeit erinnert. Jede politische Entscheidung, die auf die Steuerung und die Kontrolle des Finanzverkehrs zielt, kommt daher notwendigerweise immer zu spät. Zwischen Einbringung und Verabschiedung eines Gesetzesentwurfs im Deutschen Bundestag liegen im Durchschnitt 225 Tage, und das aus guten, demokratischen Gründen. Faktisch bedeuten diese unterschiedlichen Systemzeiten den unfreiwilligen Verzicht auf jegliche demokratische Steuerung des Finanzsektors. Würde man den Finanzverkehr tatsächlich enger staatlicher Kontrolle und Regulierung unterwerfen, wie es etwa in der DDR der Fall war, fiele dieser auf das Finanztransfer-Tempo des 19. Jahrhunderts zurück.
Die Finanzkrise ist also eine Zeitkrise?
Was wir Finanzwirtschaft nennen, ist ein Risikogeschäft mit der Verpfändung von Zeit. Es ist ein Geschäft mit dem Morgen. Der Finanzmarkt aber kennt die Zukunft nicht, zumindest so lange nicht, bis ihn diese, wie geschehen, auf schmerzhafte Art und Weise überrascht. Es wundert mich daher, dass in den derzeit geführten Debatten über eine bessere Risikovorsorge die sich als zerstörerisch erweisenden Zeitmuster des Kapitalverkehrs keine Rolle spielen. Ich vermute, wir meiden einen entsprechenden Diskurs, weil wir ahnen, dass der diejenige Zeit bräuchte, die wir glauben, nicht zu haben. Doch wie immer wird sich auch hierbei rasch herausstellen, dass man die Zeit, die man sich heute nicht nimmt, morgen wird nehmen müssen - und dann erheblich mehr, als heute nötig wäre.
Warum reden in Wirtschaft und Politik so viele davon, langfristig und nachhaltig zu agieren?
Der Wunsch nach Langfristigkeit kommt immer dann auf, wenn der Druck durch die Kurzfristigkeit zu groß wird. Wenn wir merken, wir kreieren nur noch neue Probleme, keine neue Erkenntnis. Diese Langfristigkeitsdebatte ist leider saftlos, nichts als ein Wunschprogramm. Erinnern wir uns: Die Ökonomie verrechnet Zeit mit Geld. Geld kennt aber kein Genug. Das Schlimmste, was wir uns vorstellen können, ist doch, dass Geld irgendwo nutzlos herumliegen könnte. Jede Langfristperspektive wird durch die Kurzfristperspektive des Profits unter Druck gesetzt.
Wie sähe denn wahre Langfristigkeit aus?
Sehr einfach: mehr Rhythmus, weniger Takt. Die Wirtschaft wie auch der Alltag sind überreich an getakteter Zeitorganisation, an verdichteten und entrhythmisierenden Zeitvorgaben. Die verdichteten Taktfolgen der heute das Alltagshandeln begleitenden Multifunktionsgeräte lassen kein Verweilen, kein Beginnen und auch kein Abschließen mehr zu. Im Internet hat das auf infinite Zeitverkürzung und Zeitverdichtung zielende Prinzip ökonomischer Rationalität sein ideales Medium gefunden. Nicht zuletzt, weil es der Illusion Vorschub leistet, das wirkliche Leben könne ebenso flexibel und übergangslos gelebt werden. Dieses pausenlose Immer-Weitermachen braucht seine Existenz nicht mehr zu rechtfertigen. Es legitimiert sich durch den Sachverhalt, irgendwann einmal in Betrieb gesetzt worden zu sein und seitdem zu funktionieren. Nur hält das niemand langfristig durch.
Dieses Gefühl dürfte vielen bekannt vorkommen. Sie erwähnten mehr Rhythmus als Ausweg. Wieso Rhythmus?
Der Rhythmus sind die Pausen. Die Zeitnatur des Menschen verlangt nach Abschlüssen und Anfängen, nach Übergängen, Innehalten und Abbremsen. Sie haben die Funktion, Handlungsabläufe und Verhaltensprogramme zu entkoppeln, zu unterbrechen, um neue Ideen und zusätzliche Informationen für Anschlusshandlungen bereitzustellen. Die Fähigkeit, Handlungen unterbrechen, steuern und umsteuern zu können, unterscheidet den Menschen vom Tier. Sie befreit ihn vom Naturzwang des Automatismus, macht ihn frei, doch zugleich auch verantwortlich für das, was er mit seinen Antrieben, Bedürfnissen und Interessen tut und anstellt. Diese Lücke zwischen Antrieb, Bedürfnis und Anschlusshandlung nennen wir üblicherweise Besinnung, Bewusstsein oder Reflexion. Die Aussicht auf schnelle Profite hat die Spekulanten dazu verführt, diese Zwischenzeiten zu eliminieren, um auch sie noch für ihre Zwecke zu nutzen.
Könnte man das nicht auch Effektivität nennen?
Nein, es ist das ganze Gegenteil. Wer besinnungslos gegen die Wand fährt, kann nur von Besinnungslosen für effektiv erklärt werden. Mit der Planierung und der Vernichtung zwischenzeitlicher Unebenheiten steht der kulturelle Haushalt der Gesellschaft zur Disposition. Wir sind derzeit Fliege und Spinne zugleich im Netz des Realexperimentes zu einer ihrer Übergänge beraubten Nonstop-Gesellschaft, ohne auch nur abschätzen zu können, wie Individuen reagieren, wenn man sie zu einem Leben ohne Passagen, Übergänge und Zwischenzeiten zwingt. Was geschieht dann mit den sozialen Systemen, mit den Familien, Vereinen und deren gesellschaftlichem und politischem Engagement? Ist eine übergangslose Gesellschaft zur Selbststabilisierung fähig?
Wir dürfen annehmen, Sie haben da Ihre Zweifel.
Natürlich, schauen Sie nur auf den massiven Anstieg an Depressionen. Für mich ist dies die Reaktion auf immer mehr Kurzfristigkeit und Chancen - die Unfähigkeit, ein Genug zu definieren.
Und dann verschreibt man Medikamente.
Genau, und zwar solche Medikamente, die den Rhythmus von Passivität und Aktivität manipulieren, nämlich in erster Linie Auf-putsch-, Schlaf- und Beruhigungsmittel. Das ist nichts anderes als der pharmazeutische Versuch, das Genug hinauszuzögern oder auf Bestellung eintreten zu lassen.
Wie gelänge die Abkehr vom kurzfristigen Takt hin zum langfristigen Rhythmus?
Traditionelle Gesellschaften haben Zwischenräume und Zwischenzeiten geachtet. Sie haben sie der Natur abgeschaut, sie sozial arrangiert und institutionalisiert. Die Zeiten des Dazwischen waren ihnen wichtig, weil sie für gesellschaftliche, soziale und individuelle Integration und Stabilität sorgten und diese absicherten. Das Wochenende, die Feiertage, die Pause, der Feierabend, fixe Zeiten für Mahlzeiten - alles das hatte die Funktion von Abstandhaltern. Diese Zwischenräume und Zwischenzeiten sorgen nicht nur für Abstände, sie schaffen auch Anschlüsse an das, was sie auf Abstand bringen. Sie machen Anfänge und Abschlüsse kenntlich, so wie das der biblische Gott dadurch tat, dass er am siebten Tage ruhte, dem Ende eines großen Anfangs.
Wurde die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik gegründet, diese Abstandhalter zu verteidigen?
Dort treffen sich Interessierte, die nicht nur über Zeit forschen, schreiben und reden, sondern auch Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben wollen. Wir arbeiten mit den Gewerkschaften bei der Entwicklung neuer Arbeitszeitmodelle zusammen, mit der Evangelischen Kirche bei der Diskussion um Ladenschlusszeiten. Als VW neue Schichtzeiten einführte, berieten wir die Stadt Wolfsburg bei der Anpassung der Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen. Auch die Einführung des Elterngeldes wurde von uns begleitet. Familienpolitik, so hatte es die damalige Ministerin von der Leyen explizit geäußert, ist auch Zeitpolitik. -
Karlheinz Geißler
geb. 1944 in Deuerling / Oberpfalz, Studium der Philosophie, Ökonomie und Pädagogik in München. Seit 1975 Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München, Gastprofessor an Universitäten im In- und Ausland. Emeritierung 2006, Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik
Neuere Publikationen von Karlheinz Geißler:
Alles Espresso - Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung. Hirzel, 2006; 167 Seiten Lob der Pause - Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind. Oekom Verlag, 2010; 108 Seiten
Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik
Vor etwa 20 Jahren wurde der Begriff Zeitpolitik erstmals verwendet. Erste vereinzelte Zeitpolitik-Projekte entstanden, die verschiedenen Strömungen wurden im Oktober 2002 in der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e.V. (DGfZP) zusammengeführt. Aus den ersten vier großen Entwicklungslinien - Ökologie der Zeit, Zeiten der Stadt, Zeitwohlstandsforschung, feministische Zeitforschung wuchsen interdisziplinäre Projekte. Die DGfZP will "zu lebensfreundlichem Ausgleich zwischen Be- und Entschleunigung und zur Nachhaltigkeit von Alltagszeitstrukturen beitragen". Dafür sollen Erkenntnisse verschiedenster Fachrichtungen für die alltägliche Zeitgestaltung, für öffentliche Auseinandersetzungen und politische Entscheidungsprozesse nutzbar gemacht werden.
www.zeitpolitik.de
